Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 11 › Seite 86
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-01-21, Seite 86
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„Der Wahrheitsfreund.“
Si tacuisses, philosophus mansisses.
So reich dieſes in Cineinnati erſcheinende Or⸗
gan der römiſchen Kirche ausgeſtattet iſt, ſo
ſcheint doch gerade über dieſem Blatte unter allen
anderen dieſer Art das ſchwerſte Verhängniß zu
ſchweben. Kaum hat ein neuer Redakteur deſſel⸗
ben ſein Werk begonnen, ſo ſieht ſich die hohe
geiſtliche Behörde genöthigt, ihn wieder von ſei⸗
nem Poſten zu entfernen; und wir müſſen geſte⸗
hen, uns will bedünken, die nächſte Wahl iſt in
der Regel unglücklicher, als die vorhergehende.
Wenigſtens hat man dies an der Reihenfolge der
drei letzten Redakteure deutlich wahrnehmen kön⸗
nen. Der drittletzte, Herr Böckling, war offen⸗
bar ein Mann, der es noch ganz paſſabel ver⸗
ſtand, die Modergrüfte der römiſchen Kirche zu
übertünchen; ſein Nachfolger, Herr Prof. Probſt
verſtand dies jedoch ſchon weniger und brachte
es in kurzem faſt dahin, daß viele gute Katholi⸗
ken ſich anſtatt des fahlen Wahrheitsfreundes
lieber die Oerteliſche-Katholiſche Kirchenzeitung
verſchrieben; denn da fanden ſie doch wenigſtens
immer neben den vielen langweiligen Aufſätzen
eine gute Portion Schnaken und Schnurren zum
Lachen. So iſt denn auch Herr Probſt nach kur⸗
zen Editorfreuden wieder von ſeinem Poſten ent⸗
fernt worden und ein gewiſſer Herr, der ſich be⸗
ſcheidener Weiſe nur „Hw. (Hochwürviger) Peter
Kröger“ nennt, hat ſeinen Platz eingenommen.
Nach der erſten Nummer, die dieſer Hw. Herr als
Proben ſeiner Fähigkeiten hat ausgehen laſſen,
zu urtheilen, ſcheint ſelbiger in der Schule Hrn.
Prof. Oertels gebildet zu ſein und, in deſſen
Fußtapfen tretend, die lieben zerſtreuten weiland
Subſeribenten, durch Vorſtellung luſtiger Poſſen
wieder ſammeln zu wollen. Eine ſeiner erſten
Gaben iſt nehmlich die Erzählung, daß in New
YNork vor kurzem eines Abends mehrere proteſtan⸗
tiſche Prediger Controverspredigten wider Erz⸗
biſchof Hughes gehalten haben, welche (Prediger)
er ſämmtlich als Species aus dem Reiche des
Federviehes auftreten läßt, den einen als Schwal⸗
be, den anderen als Bachſtelze und Zaunkönig,
den dritten als Gluckhahn Isic II, den vierten als
Eule, den fünften als Gänſerich. Hieraus er⸗
ſcheint, daß der hw. Herr vielleicht in Bälde ſein
Ideal, Hrn. Oe., wenn nicht übertroffen, doch
erreicht haben wird. 4) Hat ſich aber der neue
Redakteur hierbei vermittelſt ſeines New Norker
Correspondenten in der That ſelbſt übertroffen,
ſo iſt es um ſo bedauerlicher, daß der unerfah⸗
rene Mann zu gleicher Zeit einen Strauß gewagt
hat, in welchem er wieder um die wohl verdien⸗
ten Lorbeeren kommen dürfte. Wie die Leſer ſich
erinnern werden, hatten wir in No. 6. unſeres
Blattes darauf hingewieſen, wie ſich neuerdings
in dem Pabſtthum wieder das Antichriſtiſche
Verachten der Herrſchaften (2 Pet. 2, 10.) in
+ Eine andere Probe — um nichts zu verſchweigen —,
welche der neue Hr. Redakteur von ſeinem ausgezeichneten
Talent, als römiſch katholiſcher Seribent zu wirken, ſogleich
im erſten Blatte gegeben hat, iſt dieſe, daß er in einer Er⸗
zählung von dem abgeriſſenen Kleide des Pabſtes Pius VII
(bei veſſen Lebzeiten) ſchreibt: „Jeder wollte das heilige
Gewand ſehen, wir dort die Jungfrau mit dem Kindlein.“
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den bekannten Sardiniſchen Angelegenheiten ge⸗
offenbart habe. Hr. Oertel, der, beſſer gewi⸗
tigt, bald merkte, daß hier wenig Ehre einzule⸗
gen ſei, war hierauf mäuschenſtill und that, als
wäre die betreffende Nummer des „Lutheraner“
mit der Poſt verloren gegangen. Hw. Peter
Kröger hingegen, als ein blutjunger Editor,
dachte: Wohlan! Du willſt's verſuchen. Wa⸗
gen gewinnt, Wagen verliert. Und was thut
nun der muthige Ritter? Sein erſter nieder⸗
ſchmetternder Angriff beſteht darin, daß er uns
die Frage vorlegt, ob, was der Wahrheitsfreund
und die Kakh. Kirchenz. über den Turiner Erz⸗
biſchof geſchrieben und was wir copirt hatten,
wahr oder falſch ſei? ſolle es falſch ſein, ſo nich⸗
ten wir es doch beweiſen, müſſe es aber als wahr
anerkannt werden, warum ſuchten wir denn der
wahren Darſtellung falſche Abſichten unterzuſchie⸗
ben? Hiernach ſollte man meinen, der „ehren⸗
werthe“ Herr werde nun die ganze Sache als
ein abſichtsloſes Verſehen zu entſchuldigen und
damit ſchnell aus der ganzen Affaire mit heiler
Haut zu kommen ſuchen. Aber weit gefehlt!
Völlig aus ſeiner Rolle fallend, wird der Herr
hierauf zutraulich und fragt uns auf unſer Ge⸗
wiſſen: Wenn lder Editor des Lutheraner! zwei
Häuſer beſäße, und übergebe das eine ſeinem
Bruder oder Freunde, weil dieſer ihm viele
Dienſte erwieſen, und die Schenkungsurkunde
darüber ausgefertigt und übergeben wäre: Könn⸗
te er dann wohl eigenmächtig dieſes Geſchenk
zurücknehmen? Wäre es nicht gegen das natür⸗
liche und göttliche Recht?“ Und dies — man
traut kaum ſeinen Augen — wendet nun Hw.
auf den vorliegenden Fall an, und macht den
Schluß: Das brechen, was vertragsmäßig ver⸗
ſprochen iſt, iſt unrecht; nun hat aber ſo die
ſouveraine Regierung von Sardinien gegen den
Erzbiſchof von Turin gehandelt; ergo iſt es
recht, daß der Erzbiſchof von Turin ſeiner ſou⸗
verainen Obrigkeit den Gehorſam verweigerte,
die ihm untergebene Geiſtlichkeit zugleich dazu
anreizte, und Sr. Heiligkeit ihn deswegen be⸗
lobte. Abgeſehen erſtlich davon, was das für
ein trefflicher Schluß iſt 41, ſo ſieht jedermän⸗
niglich, daß Hr. Kr. in großem Kampfeseifer
nackter, als wir es je nachweiſen konnten, die
Lehre als die Lehre echter Papiſten hiermit öf—
fentlich zugeſtanden hat, 1. daß, wenn die ſou⸗
veraine Obrigkeit ungerecht gegen ihre Untertha⸗
nen handelt, die letzteren ihr den Gehorſam auf⸗
ſagen können, und 2. daß römiſche Prieſter nicht
ihrer weltlichen Obrigkeit, ſondern allein dem
Pabſt, als dem einigen abſoluten Fürſten, zu
gehorchen haben. Unſer Wunſch iſt, Gott
beſcheere uns lauter ſolche Vertheidiger des
+) Sr. Hw. ſcheinen die Logik bei Michael Menotus ge⸗
höri zu haben, der in ſeinem Predigtbuche (vom Jahr 1525)
fol. 47 folgenden Schluß macht: Der Knechi, welchem Pe⸗
trus das Ohr abhieb, hieß Malchus, das iſt, ein König 3
alſo ſind die Könige dem römiſchen Pabſt unter worfen. Oder
vielleicht bei Petrus Beſſäus, weiland Doktor zu Paris zu
Anfang des 17. Jahrhnnderts, welcher alſo ſchließt: Zu
Cana in Galiläa waren ſechs ſteinerne Waſſerkrüge, deren
Waſſer der HErr in Wein verwandelte 3 ergo gibt es? Sa⸗
cramente. (Concept. theol. in test. sacr. Conc. I, p. m,
231.)
Pabſtthums, und unſere Furcht, dap der theure
Mann vielleicht nur allzufrüh das Schickſal ſei⸗
ner Vorgänger theilen werde!!
— — —
(Eingeſandi).
Von der Nothwendigkeit und Heilſamkeit
der Beichtanmeldung.
Es iſt leider eine eben ſo traurige als bekannte
Thatſache, daß nicht wenige Paſtoren unſerer
Synode keinen geringen Kampf um die Einfüh⸗
rung dieſer ſo hoch wichtigen und fruchtreichen
kirchlichen Ordnung haben; und obwohl ſie die⸗
ſelbe nirgends trüglicher Weiſe als ein gött—
liches Gebot und mit Verſtrickung der Gewiſ⸗
ſen, als müſſe bei Verluſte der Seligkeit ſolchem
Gebote gehorcht werden, einzuführen ſuchen, viel⸗
mehr, obwohl ſie mit aller Geduld und Lehre die
Sache angreifen und auf dem Wege des Unter⸗
richts ihre Kirchkinder von der Zweckmäßigkeit
und Heilſamkeit der Beichtanmeldung innerlich
zu überzeugen ſuchen, ſo erfahren ſie doch großen⸗
theils einen hartnäckigen Widerſtand in den Ge⸗
meinden, dieſe Ordnung unter ihnen aufzu⸗
richten.
Fragen wir nun zunächſt nach den Urſachen
dieſes Widerſtandes, ſo finden wir deren mehrere.
Zum Erſten nämlich iſt es eine klägliche Un⸗
wiſſenheit theils über dieſe Sache ſelber, theils
über die geſunde Geſtalt des kirchlichen Gemein⸗
weſens überhaupt; und dieſe Unkunde iſt die⸗
ſelbe, die Gemeinden mögen aus kürzlich erſt
eingewanderten oder ſchon länger anſäſſigen oder
gar hier gebornen Lutheranern beſtehen; denn,
was die Einwanderer betrifft, ſo iſt es ja leider
in Deutſchland alſo bewandt, daß auch in den
lutheriſchen Ländern in Folge des Rationalis⸗
mus (Vernunftglaubens) nicht nur die gute
kirchliche Zucht und Sitte der früheren Zeit, ſon⸗
dern auch die Erkenntniß davon dahingefallen
iſt; und wie es ſcheint, thun auch die jetzigen
kirchlichen Obern und die lutheriſchen Paſtoren,
ſelbſt wo das lutheriſche Bekenntniß wieder an⸗
fängt, praktiſch ſich geltend zu machen, keinen
ſonderlichen Ernſt und Fleiß, theils die guten
alten Bräuche wieder einzuführen, theils ihre
Kirchkinder über die Zweckmäßigkeit und Heil⸗
ſamkeit derſelben zu unterweiſen, ſo daß dieſe
ſelber Luſt und Liebe dazu bekämen.
Was aber die hier gebornen lutheriſchen ſog.
Deutſch-Amerikaner anbelangt, ſo rührt deren
Unwiſſenheit in dieſer Sache vornämlich theils
von der loſen unkirchlich-demokratiſchen Mißge⸗
ſtalt der hieſigen lutheriſchen Synoden, theils
von der Unkunde der luth. Prediger ſelber, theils
von der großen Gleichgültigkeit der Leute gegen
die Erkenntniß kirchlicher Dinge im Allgemei⸗
nen her.
Ein zweiter Grund jenes Widerſtrebens iſt
der nähere oder fernere Einfluß der Notten⸗ und
Schwarmgeiſter, als da ſind: Methodiſten,
Baptiſten, Albrechtsleute, Unioniſten u. ſ. f.
Dieſe nämlich als geſchworne Feinde der luthe⸗
riſchen Lehre und geſunder kirchl. Bräuche und
Ordnungen (weil jene ihre falſche Lehre offen⸗
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