Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 11 › Seite 85

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-01-21, Seite 85

81 82 83 84 85 86 87 88

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

Rnurch ſich ſelbſt. Soll geholfen werden, ſo be⸗

1 Gepeinigten müſſen vorher auferſtehen aus der

und in ſeinem Namen geſpendet wird, ſo ge⸗
ſhieht es in der Herberge unter furchtbarem
hohne, und wird wiederholt, bis der Brannt⸗
wein aus iſt.
Zwei Richtungen ſind bemerkbar, die dasſelbe
Zicl erſtreben; die eine will geradezu keine Re⸗
ligion, und ſagt das offen heraus; die andere
benutzt die Bibel und das Chriſtenthum, um
dieſe zu zerſtören.
Die erſte Richtung ſagt: Es hat eine Nevo⸗
E. lution begonnen, die allen Religionen ein Ende
nachen muß. Das phyſiſche Elend iſt die Quelle
aller Religion; darum können die Volksfreunde
nichts Beſieres thun, als an der Auflöſung der
alten Welt, die noch auf der Religion mit baſirt
it, zu arbeiten. Im Namen der Religion pre⸗
dizen die Männer des Rückſchritts dem Volke
unterwerfung und knechtiſchen Gehorſam und
ns iſt der Beſtimmung des Menſchen entgegen;
die Religion hemmt den Fortſchritt, der nur
aufeiillegalem Wege erreicht wud. Das
Chriſtenthum, die allgemein gewordene Neli⸗
ö gion, iſt ein irregeleiteter Befriedigungsverſuch
des menſchlichen Glückſeligkeitslebens in einer
Welt, die nur in der Einbildung beruht. Die
neue Philoſophie (Feuerbach, Ruge) hat den al⸗
ten Adam, das Chriſtenthum und den Authori⸗
tätsglauben ganz und gar antiquirt. Wo die⸗
ſe Philoſophie in unſer Fleiſch und Blut über⸗
gezangen iſt, da verſteht man die neue Revolu⸗
biön, welche die neue Richtung unleugbar her—
aufbeſchwören wird. Un ſere Zeit, gereifter
alss: die chriſtliche, bedarf eine andere Leitung

darf es alſo der „vorſichtigen“ Entfernung
es Chriſtenthums aus dem Volksbewußtſein.
Der Menſch allein iſt unſer Gott, unſer Richter,
Erlöſer, außer dem Menſchen kein Heil! Der
Menſch iſt Gott nothwendig, nicht Gott dem
Menſchen. Es bleibt dabei, der Glaube an ei⸗
nen lebendigen, perſönlichen Gott, Gott iſt der
Grundſtein der ganzen wurmſtichigen Geſell⸗
ſchaft, und ſo lange der Menſch nur noch mit
einer Gedankenfaſer am Himmel hängt, giebt
es kein Heil auf Erden. Der Atheismus, die
Gottloſigkeit, und wenn ſie Teufel bildet, macht
die Wahrheit zum Bundesgenoſſen, und läutert
ſeine Jünger durch ſein Feuer.

Dies iſt die erſte Richtung; Die andere iſt em⸗
pörend! Da wird Chriſtus zu einem Apoſtel der
Freiheit und Liebe gemacht, nach welchem ein
weiter Meſſias kommen werde, größer denn der
niſte, es iſt die Rede von einem Reiche Gottes,
iner beſſern hieniedigen Welt. — Chriſtus gilt
nur als der erſte Demokrat Judäa's, der Revo⸗
lution är der ganzen Welt, der durch die Ariſto⸗
kratie an's Kreuz geſchlagen worden iſt. Auf
ſein Sakrament wird auch gehalten aber wie?
Veitling ruft: „Nicht mehr mit gefaltenen
Händen, kopfhängend nnd knicend, wollen wir
das Abendmahl genießen, ſondern an großen
Tafeln ſitzend beim Oſterlamm, bei Wein und
Brod, bei Milch; Kartoffeln, Fleiſch und Fiſch,
wollen wir es fröhlich zuſammen, Einer wie der
Andere, genießen. — Aber die Gekreuzigten und

—85—
Grabesnacht des Betrugs, der Täuſchung, der
Lüge. Halloh! — heraus aus euern finſtern Lö⸗
chern! Auf, auf, ihr Schläfer! Dreimal ſchon
hat der Hahn gekräht, wie oft wollt ihr noch
Euer Heil verleugnen?“— „Was man ſonſt
hieß Chriſten, heißt man jetzt Communiſten.“ —
In der praktiſchen Conſequenz treffen beide
Richtungen zuſammen. Dieſe Freiheitshelden
ſagen, es ſei nicht genug, die vergilbten Blät—
ter des Chriſtenthums und des Glaubens abzu—
ſtreifen, ſondern man müſſe das Alte vernichten,
um der menſchlichen Sittlichkeit, der
Grundlage derZukunft, Platz zu machen. „Weil
das Chriſtenthum noch in unſerer Zeit ſpuckt,
wohnt ihr keine Freiheit bei; das wirkliche
Freiheitbeſtreben beginnt erſt mit dem
Atheismus, der Menſch muß erſt wieder
wild werden, damit er etwas werde. — „Er
ſprenge den Menageriekäfig, in dem man ihn als
ein Wunder der Zahmheit herumführt! — „Wö⸗
gen die Deutſchen bald lernen, ihre Fäuſte zu
brauchen.“ — „Voltäre und Diderot waren nicht
auf unſerer Höhe; wir machen Rieſenſchritte
auf der Bahn des Atheismus und des Umſtur⸗
zes der Moral.“ „Der Tag wird kommen, wo
man große Feuer mit Banknoten, Wechſeln, Te⸗
ſtamenten, Steuerliſten, Mieth-und Pachtkon—
trakten und Schuldverſchreibungen anzünden
wird.“ —„Es muß nicht blos der Glaube der
Väter, auch ihre Sitten müſſen ge⸗
ſtürzt werden.“— Unſere eingefleiſchten Sit⸗
ten ſind die feſteſten Stützen des heutigen Sy⸗
ſtems der Tyrannei. — Um dieſe Sitten zu ver⸗
beſſern, müſſen wir ſie zerſtören..
Darum muß die Thätigkeit der Clubs ſein: die
Demokratie mit allen ihren Conſequenzen, —
nicht bloß Angriff auf die beſtehenden Inſtitute
des Staats und der Kirche, ſondern Vernich—
tung aller herrſchenden Begriffe von Religion,
Staat und Geſellſchaft, — die Erfüllung der Ge⸗
müther mit Haß gegen die beſtehenden Zuſtände,
um ſie für die Revolution empfänglich zu ma—
chen.“ „Wir ſind nicht im Stande, die Welt
mit dem rohen Eiſen in der Fauſt zu erobern,
wir müßen ſie erſt moraliſch todt machen, und
dann zu Grabe tragen.“
ſtokraten, nieder mit den Pietiſten, nieder mit

der Religion, nieder mit denen, welche Dienſt⸗

boten haben.“

So weit der erſte Theil der genannten Corres⸗
pondenz. Ehe wir die Fortſetzung hiervon mit⸗
theilen, ſchalten wir einen Paſſus aus einem
Aufſatz ein, der, unter der Überſchrift „die näch—
ſte Revolution“, in der von Wilhelm Weit—
ling in New Rork redigirten ſozialiſtiſchen Mo—
natsſchrift: „Die Republik der Arbeiter“, ſich
findet. Der Paſſus iſt folgender:

„Erſt nach Beſeitigung aller Ungleichheiten
der geſellſchaftlichen Verhältniſſe, erſt nach Ein—
führung des communiſtiſchen Sozialismus iſt es
möglich, daß ein Volk auf eine ſo leichte Weiſe
ſeine Angelegenheiten verwalte. So lange es
Arme giebt und Reiche, Vornehme und Geringe,
ſo lange iſt es nicht möglich ... Ihr wollt Re⸗
form? Revolution? Anarchie? — Ihr wollt al⸗
les Andere, nur nicht die alten Zuſtände! Seid

„Nieder mit den Ari⸗

unbeſorgt, es wird dies alles kommen, und zwar
eine Revolution, wie die Erde ſie vorhin nicht
geſehen. Sie kann nicht ausbleiben, wenn wir
die Erinnerungen an die ausgeſtandenen Leiden
mit glühendem Zorn in unſer Herz ſchreiben,
wenn wir mit glühendem Zorn die alten Bilder
wahnſinniger Verzweiflung in uns wieder auf⸗
leben laſſen und mit der kochenden Galle aller
empörten gerechten Gefühle an die gedungenen
Verräther, an die Betrüger denken, die uns mit
honigſüßen Worten in der Stunde des Sieges
wieder zur Nachſicht und Ruhe zu beſchwichtigen,
und dann mit beißendem Hohn aufs Neue an die
alten Zuſtände zu feſſeln wußten, denen jede
Falſchheit, jede Heuchelei zum Mittel, das ſic zu
erreichen ſtrebten, willlommen war. Sie wird
furchtbar kommen, furchtbar enden, wenn unſer
Gedächtniß ſich treu bleibt, und allen Furien der
Rache für das tauſendjährige erlittene Unrecht
nur einige Wochen freien Lauf läßt. Dieſe Woche
wird man die Zeit der blutrothen Re⸗
publik nennen. Mit ihr kommt die Diktatur.“)
Erſt dieſe kann das Werk der Revolution vollen⸗
den und die wahre Demokratie begründen. Der
radikale kommuniſtiſche Sozialismus aber wird
die Reiſe um die Erde machen oder in dieſem
Verſuche untergehen. Er kann mit dem Unglei⸗
chen keinen Frieden machen. Er wird in ſeinem
Gefolge einen langen Krieg führen, und ein
furchtbares Blutbad ihn begleiten. Ohne—
dem iſt überhaupt das taback-prieſende, rau⸗
chende, und kauende Menſchengeſchlecht nicht zu
einer ſo gewaltigen Reform zu bringen. Was
thut es, ob ſie uns langſam an ungeſunder Ar⸗
beit, an Kummer, Aerger, Gram und Sorgen,
an Mangel oder in den Gefängniſſen ſterben laſ⸗
ſen, oder fie ſchlagen uns todt. Schlagen wir
ſie nicht todt, ſo müſſen ſie uns todt
ſchlagen und zu Tode hungern, „denn die
Erde ſchwillt über vom wimmelnden zahlloſen
Geſchlecht der Brodloſen. Es werden dabei leider
viele gute und fähige Menſchen umkommen, vielt
Unſchuldige erſchlagen werden. Das ſind die ge⸗
wöhnlichen Mißverſtändniſſe. Aber laßt ſie nur
machen: wir ſind ja unſerer noch genug! Un⸗
ſere Köpfe ſind unzählbar, wie die Sandkörner der
Wüſte!“*) Wir können nicht verlieren. Heiliger
Marat“**) bitte für uns! — — —“

*)Unter Dictatur verſteht man das Amt eines Mannes,
welchem in einer Republik auf eine gewiſſe Zeit völlig un⸗
um ſchränkte Macht nach Willkühr zu ſchal ten und zu walten
gegeben worden iſt, damit in Zeiten großer Gefahr und Ver⸗
wirrung Ein Wille, gegen den Mine Apellation ſtatt hat, vas
durchgeſetzt werde, was, wenn Viele mit ihren verſchiedenen
Anſtchten herrſchen könnten, nicht durchzuführen wäre.

*) In der Julinummervorigen JahresſchreibtHr. Weit⸗
ling: „Wir haben nun, wenn Alles fortan gut geht die
Ausſicht, daß wir bis zum nächſten Herbſt, mit den Ameri⸗
kanern (inſonderheit in Boſton und Philadel phia) verbun ⸗
den, eine compact organifirte einige Parthei von wenigſtene
100,000 Mann bilden. Mit einer ſolchen Parthei aber ſe⸗
tzen wir die nächſte Präſidentenwahl nach unſeren Wünſcher
durch und eine Parthei, welche ſo ſtark wird, ſetzt Alles durch.
was ſie für gut hält.

) Dieſer Marat, den Hr. Weitling hier als den Schutz!
beiligen der Socialiſten anruft, war jenes Scheuſal, jener
Bluthund. der zur Zeit der ſranzöſiſchen Revol ution am En⸗
de des vorigen Jahrhunderts Beraubung und Plünderun
der Beſitzenven öffentlich predigte und unter Anderem der

Antrag ſtellte, daß man zur endlichen radikalen Durchfüh⸗
rung der Revolution 200,000 Röpfe fallen laſſen möge.

English translation

Not yet translated.