Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 26 › Seite 205
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-14, Seite 205
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Miſſion · Miiſſion
war, ſo wie in ganz Weſtphalen. In der Vor⸗
rede des genannten Buches gibt der Verfaſſer
ſelbſt Auskunft über die Zeit und Umſtände,
unter welchen es von ihm geſchrieben wurde.
„In ſolchem Jammer und Elend“, ſagt er, „als
es hier zu Unna in allen Gaſſen rumorte, und
oftmals etliche Tage an einander über die zwan⸗
zig, nun vier, ſieben, acht oder neunundzwanzig,
und bis in die dreißig Todte nicht weit von mei⸗
ner Wohnung auf dem Kirchhofe unter die Erden
verſcharrt worden, hab ich mit Todesgedanken
mich immier ſchlagen müſſen, und war mir nicht
einmal zu Muthe, wie dem König Hiskia, da
er ſprach: Nun muß ich nicht mehr ſehen den
HErrn, ja den HErrn im Lande der Lebendigen,
meine Zeit iſt dahin, und von mir aufgeräumt,
wie eines Hirten Hütte, und reiße mein Leben
ab, wie ein Weber, Jeſ. 38. — Es überfiel die
Peſt mit ihrem Sturme und Wüthen die Stadt
wie ein unverſehnlicher Platzregen und Unge⸗
witter, ließ bald kein Haus unbeſchädigt, brach
endlich auch zu meiner Wohnung hinein, und
gingen die Leute meiſtentheils mit verzagtem Ge⸗
müthe und erſchrockenem Herzen als erſtarrt und
halb todt einher, daß einer hätte mögen hieher
ziehen, was Moſes ſchreibt (5 Moſ. 28.) mit
nachfolgenden Worten: Der HErr wird dir ein
bebend Herz geben, und verſchmachtete Augen und
verdorrete Seele, daß dein Leben wird für dir
ſchweben. Nacht und Tage wirſt du dich fürch⸗
ten und deines Lebens nicht ſicher ſein; des
Morgens wirſt du ſagen: Ach, daß ich den
Abend erleben möchte, für Furcht deines Herzens,
die dich ſchrecken wird, und für dem, das du mit
deinen Augen ſehen wirſt. — Zu Lübeck, Ham⸗
burg, Lüneburg, Hildesheim, Göttingen, desglei⸗
chen in Niederheſſen und in der Grafſchaft Wal⸗
deck, meinem lieben Vaterlande, zu Corbach, Wil⸗
dungen und Mengeringhauſen fehlte es auch
nicht. Und was einer an ſolchen Orten hin und
wieder von bekannten Freunden hatte, davon
hörte er ſaſt nichts, denn von ihren Krankheiten
und tödtlichem Abſchied von dieſem Leben. In⸗
maßen denn auch mir viel traurige Zeitungen
und traurige Botſchaft zu q Ohren kamen von
etlichen meinen Schweſtern, Blutsfreunden und
Schwägern, durch die Peſt erwürget und hinge⸗
riſſen, welches nur meine Betrübniß vermehrte,
und ſo viel weitläuftiger Anlaß gab, all mein
Datum, Herz und Gedanken von der Welt abzu—
wenden. Da war wir nichts ſüßeres, nichts lie⸗
beres und angenehmeres, als die Betrachtung
des edeln, hohen Artikels vom ewigen Leben,
durch Chriſtus Blut erworben. Ließ denſelben
Tags und Nachts in meinem Herzen wallen und
durchforſchte die Schrift, was ſie hiervon zeugete,
las auch des alten Lehrers St. Auguſtini lieb⸗
liche Tractätlein, darin er dies hohe Geheimniß
als ein Nüßlein aufbeißet, und den wunderſüßen
Kern herauslangt. Brachte darnach meine Me—
ditationen von Tage zu Tage in die Feder, be⸗
fand mich, Gott Lob, dabei ſehr wohl, von Her⸗
zen getroſt, fröhlich im Geiſt und wohl zufrieden,
gab meinem seripto den Namen und Titel eines
Freudenſpiegels, und nahm für, denſelben ver⸗
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faßten Freudenſpiegel (da mich Gott von dieſer
Welt abfordern würde) als ein Zeugniß meines
friedlichen, fröhlichen und chriſtſeligen Abſchieds
zu hinterlaſſen, oder aber, da er mich geſund ſpa⸗
rete, anderen nothleidenden Chriſten (welchen er
die Peſt auch zu Haus ſenden würde) aus chriſt⸗
licher, ſchuldiger Liebe damit zu dienen, und gleich
als mit gegenwärtigem Troſt beizuwohnen. —
Nun hat mich der gnädige, fromme Gott mitten
unter den Sterbenden für der grauſamen Peſt
allergnädigſt bewahrt und mein Leben über alle
meine Gedanken und Hoffnung wunderbarlich
gefriſtet, daß ich mit dem Propheten David zu
ihm ſagen kann: Wie groß iſt deine Güte, die du
verborgen haſt denen, die dich fürchten! HErr,
du haſt meine Seele aus der Höllen geführt, du
haſt mich lebendig behalten, da die in die Hölle
fuhren. Ihr Heiligen, lobſinget dem HErrn,
danket und preiſet ſeine Herrlichkeit. Denn ſein
Zorn währet einen Augenblick, und er hat Luſt
zum Leben. Den Abend lang währet das Wei⸗
nen, aber des Morgens die Freude; du haſt mir
meine Klage verwandelt in einen Reigen, du haſt
meinen Sack ausgezogen und mich mit Freuden
gegürtet.“ An dieſer Vorrede hat man einen
Vorſchmack, was der geiſt⸗ und glaubensreiche
Verfaſſer in dieſem Buch geliefert hat, und ob⸗
wohl zu bedauern iſt, daß dasſelbe ſo ſelten ge⸗
worden, ſo ſind doch die beiden daran befindlichen
Lieder ein Eigenthum der ganzen Kirche gewor—
den, die ſie mit Recht zu ihren Kleinodien zählen
kann. Albert Knapp, ein bekannter geiſtlicher
Dichter unſers Jahrhunderts, nennt das Lied:
Wachet auf, ruft ꝛc. ſehr treffend „das Ebenbild
des Straßburger Münſters“; denn wie dieſer in
ſeinem himmelanſtrebenden gewaltigen Bau ein
unerreichbares Denkmal der für das Göttliche be⸗
geiſterten Vorzeit bleibt; ſo iſt dieſes Lied nicht
allein in ſeiner erhabenen Poeſie und ſeinen feier⸗
lichen Klängen ein unnachahmliches Kunſtwerk
der Vorzeit, ſondern es ſpricht ſich auch darin eine
ſolche Glaubensſehnſucht, eine ſolche Freudigkeit
des ewigen Lebens und ein ſo überſchwänglicher
Troſt aus Betrachtung der zukünftigen Herrlich—
keit aus, daß man ſich mit dem Verfaſſer weit
über alles Irdiſche emporgehoben und gleichſam
in den Himmel verſetzt fühlt.
Die Grundgedanken, die das Lied ausſpricht,
ſind aus jener Gleichnißrede von den fünf klugen
Jungfrauen genommen, daher es auch der Ver—
faſſer überſchrieben hat: Von der Stimme zu
Mitternacht und von den klugen Jungfrauen,
die ihrem himmliſchen Bräutigam begegnen.
Der erſte Vers enthält den Zuruf der Wächter
Zions, die der Kirche des HErrn die Verheißung
ſeiner herrlichen Zukunft vorhalten und dieſelbe
erinnern, ſich bereit zu halten, allen Schlaf der
Sicherheit von ſich zu thun, und ihm in Gebet,
Buße, Glauben und lebendiger Hoffnung ent⸗
gegenzugehn. Ihr Zuruf wird dadurch deſto
dringender, daß ſie den HErrn alv einen ſchon
kommenden vorſtellen: Wohl auf! der Bräut'⸗
gam kömmt, ſteht auf, die Lampen nehmt, Halle⸗
luja! Macht euch bereit zu der Hochzeit, ihr müſ⸗
ſet ihm entgegen gehn. Im zweiten Vers wird
nun beſchrieben, wie das gläubige Zion, die
Braut Chriſti, durch den ermunternden Zuruf
der Wächter im Glauben geſtärkt, ſich rüſtet mit
freudiger Sehnſucht, ihrem Freund, der mächtig
und herrlich vom Himmel wiederkommt, entgegen⸗
zugehn. Sie fürchtet nicht, daß der Anblick ſeiner
Herrlichkeit ihr Verderben und Pein bringen
werde; denn ſie kennet ihn als den, der von
Gnaden ſtark, von Wahrheit mächtig iſt, deſſen
Gnadenfülle alle ihre Sünde bedeckt nnd ver⸗
nichtet, und der ſeine Zuſage treulich und mächtig
erfüllt allen, die ihm glauben. Chriſtus, ihr Licht
und ihr Stern, wird von ihr immer heller und
deutlicher erkannt, ſie freut ſich unausſprechlich,
den Gottes⸗ und Menſchenſohn in ſeiner Herr⸗
lichkeit zu ſehen und mit ewiger Klarheit von
ihm angethan zu werden. Sie bricht darum aus
in das freudige Willkommen: Nun komm', du
werthe Kron', HErr IEſu, Gottes Sohn! Ho⸗
ſianna! Wir folgen all' zum Freudenſaal, und
halten mit das Abendmahl. (Offenbar. Joh.
19, 7. 9.) Der dritte Vers eröffnet den Blick
in die unnennbare Freude des ewigen Lebens,
und aus dem mächtigen Eindruck, den dieſe
Schilderung auf das Herz macht, läßt ſich ſchlie—
ßen, welch' einen kräftigen Vorſchmack des zu⸗
künftigen Lebens der theure Verfaſſer unter Aus⸗
arbeitung dieſes Liedes empfunden haben mag.
Die Bilder, unter welchen dieſe Freude dargeſtellt
wird, ſind alle aus der Schrift genommen: das
Gloria, oder Ehre ſei Gott in der Höhe, darin
ſich die Engel mit den ſelig Vollendeten vereinen,
die Harfen und Cymbeln, das himmliſche Jeru⸗
ſalem, deſſen zwölf Thore zwölf Perlen ſind, ein
jegliches Thor von einer Perle. (Offenb. Joh.
21, 21.) Allein wie prächtig und lieblich dieſe
Bilder ſind, ſo können ſie doch nicht erreichen,
was für alle menſchliche Sprache und Vorſtellung
unerreichbar iſt; denn das kein Auge geſehen,
und kein Ohr gehört hat und in keines Menſchen
Herz gekommen iſt, das hat Gott bereitet denen,
die ihn lieben, 1 Cor. 2, 9. Das alte Wort
Jo! io! — welches mit zwei Silben geſprochen
und geſungen werden muß, und welches das
Wort war, das den triumphirenden römiſchen
Kaiſern zugerufen wurde — und das altkirchliche
in dulci jubilo, d. i. in ſüßer Wonne, welches
in den Feſthymnen der uralten Kirche häufig vor⸗
kommt, macht einen freudigen Schluß und iſt
gleichſam der Wiederhall von dem triumphiren⸗
den Jubelton, den der entzückte Geiſt im Himmel
erklingen hört.
Was nun die Melodie dieſes Liedes betrifft,
ſo rührt ſie wahrſcheinlich vom Verfaſſer ſelbſt
her, da ſie zugleich mit dem Original des Liedes
im „Freudenſpiegel“ erſchien, und ſowohl der
Umſtand, daß Nicolai ein guter Tonkundiger
war, als auch die innige Uebereinſtimmung des
Textes und der Melodie, in welcher ſich die
Erhabenheit und heilige Begeiſterung des Liedes
ſo unübertrefflich wiederſpiegelt, zu der Annahme
berechtigt, daß beides, nemlich Text und Melodie,
aus einer Seele gefloſſen ſein müſſen.
Deſto mehr aber iſt zu bedauern, daß dieſe
herrliche Melodie in ihrem rhythmiſchen Bau im
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