# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 09 14_S205 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) war, ſo wie in ganz Weſtphalen. In der Vor⸗ rede des genannten Buches gibt der Verfaſſer ſelbſt Auskunft über die Zeit und Umſtände, unter welchen es von ihm geſchrieben wurde. „In ſolchem Jammer und Elend“, ſagt er, „als es hier zu Unna in allen Gaſſen rumorte, und oftmals etliche Tage an einander über die zwan⸗ zig, nun vier, ſieben, acht oder neunundzwanzig, und bis in die dreißig Todte nicht weit von mei⸗ ner Wohnung auf dem Kirchhofe unter die Erden verſcharrt worden, hab ich mit Todesgedanken mich immier ſchlagen müſſen, und war mir nicht einmal zu Muthe, wie dem König Hiskia, da er ſprach: Nun muß ich nicht mehr ſehen den HErrn, ja den HErrn im Lande der Lebendigen, meine Zeit iſt dahin, und von mir aufgeräumt, wie eines Hirten Hütte, und reiße mein Leben ab, wie ein Weber, Jeſ. 38. — Es überfiel die Peſt mit ihrem Sturme und Wüthen die Stadt wie ein unverſehnlicher Platzregen und Unge⸗ witter, ließ bald kein Haus unbeſchädigt, brach endlich auch zu meiner Wohnung hinein, und gingen die Leute meiſtentheils mit verzagtem Ge⸗ müthe und erſchrockenem Herzen als erſtarrt und halb todt einher, daß einer hätte mögen hieher ziehen, was Moſes ſchreibt (5 Moſ. 28.) mit nachfolgenden Worten: Der HErr wird dir ein bebend Herz geben, und verſchmachtete Augen und verdorrete Seele, daß dein Leben wird für dir ſchweben. Nacht und Tage wirſt du dich fürch⸗ ten und deines Lebens nicht ſicher ſein; des Morgens wirſt du ſagen: Ach, daß ich den Abend erleben möchte, für Furcht deines Herzens, die dich ſchrecken wird, und für dem, das du mit deinen Augen ſehen wirſt. — Zu Lübeck, Ham⸗ burg, Lüneburg, Hildesheim, Göttingen, desglei⸗ chen in Niederheſſen und in der Grafſchaft Wal⸗ deck, meinem lieben Vaterlande, zu Corbach, Wil⸗ dungen und Mengeringhauſen fehlte es auch nicht. Und was einer an ſolchen Orten hin und wieder von bekannten Freunden hatte, davon hörte er ſaſt nichts, denn von ihren Krankheiten und tödtlichem Abſchied von dieſem Leben. In⸗ maßen denn auch mir viel traurige Zeitungen und traurige Botſchaft zu q Ohren kamen von etlichen meinen Schweſtern, Blutsfreunden und Schwägern, durch die Peſt erwürget und hinge⸗ riſſen, welches nur meine Betrübniß vermehrte, und ſo viel weitläuftiger Anlaß gab, all mein Datum, Herz und Gedanken von der Welt abzu— wenden. Da war wir nichts ſüßeres, nichts lie⸗ beres und angenehmeres, als die Betrachtung des edeln, hohen Artikels vom ewigen Leben, durch Chriſtus Blut erworben. Ließ denſelben Tags und Nachts in meinem Herzen wallen und durchforſchte die Schrift, was ſie hiervon zeugete, las auch des alten Lehrers St. Auguſtini lieb⸗ liche Tractätlein, darin er dies hohe Geheimniß als ein Nüßlein aufbeißet, und den wunderſüßen Kern herauslangt. Brachte darnach meine Me— ditationen von Tage zu Tage in die Feder, be⸗ fand mich, Gott Lob, dabei ſehr wohl, von Her⸗ zen getroſt, fröhlich im Geiſt und wohl zufrieden, gab meinem seripto den Namen und Titel eines Freudenſpiegels, und nahm für, denſelben ver⸗ 20⁴ faßten Freudenſpiegel (da mich Gott von dieſer Welt abfordern würde) als ein Zeugniß meines friedlichen, fröhlichen und chriſtſeligen Abſchieds zu hinterlaſſen, oder aber, da er mich geſund ſpa⸗ rete, anderen nothleidenden Chriſten (welchen er die Peſt auch zu Haus ſenden würde) aus chriſt⸗ licher, ſchuldiger Liebe damit zu dienen, und gleich als mit gegenwärtigem Troſt beizuwohnen. — Nun hat mich der gnädige, fromme Gott mitten unter den Sterbenden für der grauſamen Peſt allergnädigſt bewahrt und mein Leben über alle meine Gedanken und Hoffnung wunderbarlich gefriſtet, daß ich mit dem Propheten David zu ihm ſagen kann: Wie groß iſt deine Güte, die du verborgen haſt denen, die dich fürchten! HErr, du haſt meine Seele aus der Höllen geführt, du haſt mich lebendig behalten, da die in die Hölle fuhren. Ihr Heiligen, lobſinget dem HErrn, danket und preiſet ſeine Herrlichkeit. Denn ſein Zorn währet einen Augenblick, und er hat Luſt zum Leben. Den Abend lang währet das Wei⸗ nen, aber des Morgens die Freude; du haſt mir meine Klage verwandelt in einen Reigen, du haſt meinen Sack ausgezogen und mich mit Freuden gegürtet.“ An dieſer Vorrede hat man einen Vorſchmack, was der geiſt⸗ und glaubensreiche Verfaſſer in dieſem Buch geliefert hat, und ob⸗ wohl zu bedauern iſt, daß dasſelbe ſo ſelten ge⸗ worden, ſo ſind doch die beiden daran befindlichen Lieder ein Eigenthum der ganzen Kirche gewor— den, die ſie mit Recht zu ihren Kleinodien zählen kann. Albert Knapp, ein bekannter geiſtlicher Dichter unſers Jahrhunderts, nennt das Lied: Wachet auf, ruft ꝛc. ſehr treffend „das Ebenbild des Straßburger Münſters“; denn wie dieſer in ſeinem himmelanſtrebenden gewaltigen Bau ein unerreichbares Denkmal der für das Göttliche be⸗ geiſterten Vorzeit bleibt; ſo iſt dieſes Lied nicht allein in ſeiner erhabenen Poeſie und ſeinen feier⸗ lichen Klängen ein unnachahmliches Kunſtwerk der Vorzeit, ſondern es ſpricht ſich auch darin eine ſolche Glaubensſehnſucht, eine ſolche Freudigkeit des ewigen Lebens und ein ſo überſchwänglicher Troſt aus Betrachtung der zukünftigen Herrlich— keit aus, daß man ſich mit dem Verfaſſer weit über alles Irdiſche emporgehoben und gleichſam in den Himmel verſetzt fühlt. Die Grundgedanken, die das Lied ausſpricht, ſind aus jener Gleichnißrede von den fünf klugen Jungfrauen genommen, daher es auch der Ver— faſſer überſchrieben hat: Von der Stimme zu Mitternacht und von den klugen Jungfrauen, die ihrem himmliſchen Bräutigam begegnen. Der erſte Vers enthält den Zuruf der Wächter Zions, die der Kirche des HErrn die Verheißung ſeiner herrlichen Zukunft vorhalten und dieſelbe erinnern, ſich bereit zu halten, allen Schlaf der Sicherheit von ſich zu thun, und ihm in Gebet, Buße, Glauben und lebendiger Hoffnung ent⸗ gegenzugehn. Ihr Zuruf wird dadurch deſto dringender, daß ſie den HErrn alv einen ſchon kommenden vorſtellen: Wohl auf! der Bräut'⸗ gam kömmt, ſteht auf, die Lampen nehmt, Halle⸗ luja! Macht euch bereit zu der Hochzeit, ihr müſ⸗ ſet ihm entgegen gehn. Im zweiten Vers wird nun beſchrieben, wie das gläubige Zion, die Braut Chriſti, durch den ermunternden Zuruf der Wächter im Glauben geſtärkt, ſich rüſtet mit freudiger Sehnſucht, ihrem Freund, der mächtig und herrlich vom Himmel wiederkommt, entgegen⸗ zugehn. Sie fürchtet nicht, daß der Anblick ſeiner Herrlichkeit ihr Verderben und Pein bringen werde; denn ſie kennet ihn als den, der von Gnaden ſtark, von Wahrheit mächtig iſt, deſſen Gnadenfülle alle ihre Sünde bedeckt nnd ver⸗ nichtet, und der ſeine Zuſage treulich und mächtig erfüllt allen, die ihm glauben. Chriſtus, ihr Licht und ihr Stern, wird von ihr immer heller und deutlicher erkannt, ſie freut ſich unausſprechlich, den Gottes⸗ und Menſchenſohn in ſeiner Herr⸗ lichkeit zu ſehen und mit ewiger Klarheit von ihm angethan zu werden. Sie bricht darum aus in das freudige Willkommen: Nun komm', du werthe Kron', HErr IEſu, Gottes Sohn! Ho⸗ ſianna! Wir folgen all' zum Freudenſaal, und halten mit das Abendmahl. (Offenbar. Joh. 19, 7. 9.) Der dritte Vers eröffnet den Blick in die unnennbare Freude des ewigen Lebens, und aus dem mächtigen Eindruck, den dieſe Schilderung auf das Herz macht, läßt ſich ſchlie— ßen, welch' einen kräftigen Vorſchmack des zu⸗ künftigen Lebens der theure Verfaſſer unter Aus⸗ arbeitung dieſes Liedes empfunden haben mag. Die Bilder, unter welchen dieſe Freude dargeſtellt wird, ſind alle aus der Schrift genommen: das Gloria, oder Ehre ſei Gott in der Höhe, darin ſich die Engel mit den ſelig Vollendeten vereinen, die Harfen und Cymbeln, das himmliſche Jeru⸗ ſalem, deſſen zwölf Thore zwölf Perlen ſind, ein jegliches Thor von einer Perle. (Offenb. Joh. 21, 21.) Allein wie prächtig und lieblich dieſe Bilder ſind, ſo können ſie doch nicht erreichen, was für alle menſchliche Sprache und Vorſtellung unerreichbar iſt; denn das kein Auge geſehen, und kein Ohr gehört hat und in keines Menſchen Herz gekommen iſt, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben, 1 Cor. 2, 9. Das alte Wort Jo! io! — welches mit zwei Silben geſprochen und geſungen werden muß, und welches das Wort war, das den triumphirenden römiſchen Kaiſern zugerufen wurde — und das altkirchliche in dulci jubilo, d. i. in ſüßer Wonne, welches in den Feſthymnen der uralten Kirche häufig vor⸗ kommt, macht einen freudigen Schluß und iſt gleichſam der Wiederhall von dem triumphiren⸗ den Jubelton, den der entzückte Geiſt im Himmel erklingen hört. Was nun die Melodie dieſes Liedes betrifft, ſo rührt ſie wahrſcheinlich vom Verfaſſer ſelbſt her, da ſie zugleich mit dem Original des Liedes im „Freudenſpiegel“ erſchien, und ſowohl der Umſtand, daß Nicolai ein guter Tonkundiger war, als auch die innige Uebereinſtimmung des Textes und der Melodie, in welcher ſich die Erhabenheit und heilige Begeiſterung des Liedes ſo unübertrefflich wiederſpiegelt, zu der Annahme berechtigt, daß beides, nemlich Text und Melodie, aus einer Seele gefloſſen ſein müſſen. Deſto mehr aber iſt zu bedauern, daß dieſe herrliche Melodie in ihrem rhythmiſchen Bau im