Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 23 › Seite 183

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-08-03, Seite 183

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geben 7 · Kirchengehen 6 · Predigt 14

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ihr Brüder, ſaget mir, was euch mehr zu ſein
ſcheint, das Wort Gottes, oder der Leib Chriſti?
Wenn ihr wahrhaftig antworten wollt, ſo müßt
ihr doch ſagen, daß das Wort Gottes nicht weni⸗
ger ſei, als der Leib Chriſti, und wie großer
Sorgfalt wir uns befleißigen, wenn uns der
Leib ausgetheilt wird, daß nichts davon auf die
Erde falle; eben ſo ſorgfältig müſſen wir auf das
Wort Gottes, das uns angeboten wird, Acht ha⸗
ben, daß es nicht, während wir entweder etwas
denken, oder reden, aus unſerem Herzen ſich wie⸗
der verliere, weil der keine geringere Schuld haben
wird, wer Gottes Wort nachläſſig hört, als der,
welcher den Leib Chriſti aus Nachläſſigkeit auf die
Erde fallen läßt.“

Oſiander ſchreibt in ſeiner Erklärung zum
20. Capitel der Apoſtelgeſchichte: „Gott der
HErr will mit dem Erempel des Jünglings,
der unter der Predigt Pauli geſchlafen und aus
dem Fenſter herunter ſich zu Tode gefallen, an⸗
zeigen, daß man unter der Predigt nicht ſchla⸗
fen ſolle. Denn man ſoll Gott dem HErrn flei⸗
ßig zuhören, wenn er durch ſeine Diener mit uns
redet.“
Doctor Arnold Mengering ſchreibt: „O,
wie viel ſind ſolcher Schlafheimen unter Manns⸗
und Weibsperſonen, welcher Leute Vorbild Euty⸗
chus war (Apoſtelg. 20, 9.), der es aber gleich—
wohl, wie es faſt die Umſtände geben, nicht aus
Vorſatz gethan, ſondern ſich eben an ſolchen ge⸗
fährlichen Ort hat ſetzen wollen, damit er aus
Furcht der Gefahr deſto mehr des Schlafs ſich
enthalten möchte.“

Daher ſchließt Walther in ſeinen Homilien
über Apg. 20.: „Wenn dieſes einem Eutychus
widerfuhr, deſſen Schläfrigkeit mancherlei Ent⸗
ſchuldigungen zuläßt, was wird wohl denen wider⸗
fahren, welche das Wort mit Verachtung hören
und, indem ſie es zu hören ſcheinen, entweder mit
Vorſatz ſich dem Schlaf übergeben, oder, von
einem Rauſch übermannt, ſchlafen müſſen? Denn
wie ſolche ihr Seelenheil vernachläſſigen, ſo ach⸗
ten ſie auch Gottes Majeſtät nicht hoch. Daher
kann es auch nicht anders geſchehen, als daß
ihnen die Predigt des Evangeliums zum Tode ge⸗
reiche, welche Andächtigen und Gläubigen zur
Seligkeit dient.“

Doctor Martin Geier ſchreibt in ſeiner
Auslegung des Evangeliums am 10. Sonntag
nach Trinitatis: „Wie ſo gar geneigt ſind wir
doch zum Schlaf, wenn wir göttliche Dinge be⸗
trachten ſollen! Der gute Hausvater ſchläft —
und findet Unkraut. Eutychus ſchläft — und
fällt. Weil uns der Satan einſchläfert (wie er
allezeit die Wiege rüttelt, wenn wir in unſerer
Andacht ſchlafen), ſo nimmt er allezeit etwas
Gutes von uns, oder bringt etwas Böſes in
uns, oder bringt uns in Gerahr eines tödtli—
chen Falles. Hinweg mit dieſer geiſtlichen
Schlafſucht.“

Bernhardus war gewohnt zu ſagen, daß
diejenigen, die da ſchliefen, todt wären vor den
Menſchen, und daß die, die da todt wären, ſchlie⸗
fen vor Gott: ich aber ſage, daß die, welche da
ſchlafen in der Kirche, vor Gott todt ſind; ſo

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predigen wir ihnen mehr ihre Leichenpredigten,
als Vermahnungen. Und wie er zu ſagen pflegte,
daß er keine Zeit mehr verliere, als die, darin er
ſchliefe: ſo mag ich wohl dazu ſetzen, daß kein
Verluſt der Zeit ſo verzweifelt ſei, als der heili⸗
gen Zeit. Denke, daß dir Chriſtus in einer jeden
Predigt ſagt, wie er zu Petro ſagt: „Schläfeſt
du, Petre? kannſt du nicht eine Stunde mit mir
wachen?“

Ein anderer Theolog im Tractat „von dem
zerfallenen Chriſtenthum“ ſchreibt alſo: „Wir
ſchnauben und ſagen, wie die bei dem Propheten
Malachias Cap. 1, 13.: „„Es iſt nur Mühe.““
Dem Buchſtaben nach ſcheint das Wort des HErrn
bei manchen in Wahrheit Mühe, welche dabei
ſchlafen wie ermüdete Perſonen, ja, beſſer als
daheim, weil ihnen der Pfarrherr gleichſam dazu
ſingen muß. In Wahrheit, dies alles ſcheinet
ſo ſeltſam, daß, wenn ein ungläubiger Heide
oder ein anderer in unſere Kirche käme und ſähe,
daß der eine ſchläft, der andere plaudert, der
dritte lacht, der vierte hin und her gafft, die
wenigſten aber beten, ſagen würde, wir ſeien
unſinnig. Ach, wenn will die Kirche denn ihren
alten Namen wieder bekommen, daß man ſie ein
Bethaus nenne! Man könnte ihr wohl andere
Namen geben nach gegenwärtigen geſtalten Sa⸗
chen, da doch der wenigſte Theil der Gottes⸗
dienſt iſt.“

Das vierte Capitel.

Von etlichen Entſchuldigungen, die
die Kirchenſchläfer einzuwenden
pflegen.

Es iſt nichts ſo böſe und ſündlich, das der
von Natur in Grund verderbte Menſch nicht etli⸗
cher Maßen zu beſchönigen und zu entſchuldigen
wiſſe. Der Kirchenſchlaf, ob er gleich, wie er⸗
weislich dargethan, an ſich ſelbſt böſe, ſündlich,
ſchädlich und ärgerlich iſt, will dennoch von den
Kirchenſchläfern entſchuldigt werden. Erſtlich
wird vorgegeben, der Schlaf ſei natürlich und
alſo mit Nichten für ſündlich zu achten. Hier⸗
auf die Antwort: obgleich der Schlaf natürlich,
ſo folgt doch nicht, daß er auch in der Kirchen⸗
verſammlung zuläſſig ſei, da man auf Gottes
Befehl, von ſeinem Diener, dem Prediger, das
Wort zu hören und ſich daraus in der Gottſelig⸗
keit zu erbauen, zuſammen kommt. Eſſen und
Trinken iſt ja auch natürlich, aber nicht in der
Kirche, unter der Predigt des göttlichen Wortes;
und ſo iſt es auch mit dem Schlaf bewandt. Es
hat alles ſeine Zeit, Wachen und Schlafen.
Hiernächſt iſt zu wiſſen, daß nicht aller Schlaf
in der Kirche für natürlich zu halten ſei. Der
ſelige Arnd ſchreibt in Erklärung des Evange⸗
liums am Sonntage Sexageſimä: „Der Teufel
kann auch einen Schlaf machen mit ſeinem hölli⸗
ſchen Opium und Schlafdünſten; denn gewißlich
nicht aller Schlaf in der Kirche natürlich iſt, ſon⸗
dern ein ſolcher Schlaf, welchen die geiſtliche Nacht
und hölliſche Finſterniß wirkt.“

Die andere Entſchuldigung iſt: man könne
ſich des Schlafs nicht erwehren; man werde von

dem Schlaf mitten in der Andacht unverſehens

überfallen; es geſchehe wider Willen ꝛc. Daß
aber auch dieſe Entſchuldigung ungültig iſt, ſoll
im folgenden Capitel erwieſen werden.

Die dritte Entſchuldigung, ſo faſt ſehr ge⸗
mein iſt, gehet dahin, der Prediger mache es gar
zu lang auf der Kanzel, oder er predige gar zu
ſchläfrig, leiſe und unvernehmlich; man habe kei⸗
nen bequemen Ort in der Kirche, müßte im
Winkel ſitzen, da man weder Kanzel noch Altar
ſehen könne; die Nachmittagspredigten gingen
ſtracks nach gehaltener Mahlzeit an; wenn man
ſich nun ſobald niederſetze, und in der Stille der
Predigt zuhöre, ſo finde ſich der Schlaf natürlich
ein ꝛc. Nun ſcheinen zwar dieſe Entſchuldigun⸗
gen ſo beſchaffen zu ſein, daß ſie bei manchem
ſonſt frommen und fleißigen Zuhörer je zuweilen
wohl ſo weit ſtattfinden könnten, ſo daß man der
angebornen ſündlichen Schwachheit des Fleiſches
etwas nachgeben müßte: es iſt und bleibt aber
dennoch an ſich ſelbſt der Kirchenſchlaf ſündlich
und unzuläſſig. Daß 1. mancher Prediger über
eine Stunde im Predigen ſich aufhält, ſolches
wird zwar von unterſchiedenen Theologen nicht
allerdings gebilligt. Doctor Oſi ander ſchreibt
über das 20. Capitel der Apoſtelgeſchichte: „Wie⸗
wohl die Zuhörer der langen Predigten nicht ſol⸗
len überdrüſſig werden, ſo ſollen jedoch auch die
Prediger an den Orten, wo oft Predigten gehal⸗
ten werden, einer zierlichen Kürze ſich befleißigen.
Denn wenn der Zuhörer müde wird: ſo merkt er
nicht mehr fleißig auf, und hört den mehreren
Theil mit Verdruß und ohne Nutzen.“ Es ge⸗
ſchieht aber dennoch ſelten, daß eine Predigt über
eine Stunde währet; da ſollte nun der ſchläfrige
Zuhörer an die oben angeführten Worte des Hei⸗
landes denken: „Petre, vermöchteſt du nicht eine
Stunde mit mir zu wachen?“ Es ſchläft mancher
ſieben, acht, neun und mehr Stunden des Nachts,
warum ſollte er nicht ein einziges Stündlein zur
Ehre Gottes und ſeiner Seele eigenen Erbauung
anwenden?

Daß 2. die Predigt des Wortes Gontes

manchmal der ſchwachen Rede des Predigers we⸗
gen, zumal in großen und weiten Kirchen, von
allen Zuhörern nicht vernommen werden könne,
iſt nicht zu leugnen, und es wäre zu wünſchen,
daß allezeit ſolche Prediger aufträten, die in der
verſammelten Gemeinde Gottes gehört und ver⸗
ſtanden werden können.

Es will aber doch daher nicht folgen, daß die
Zuhörer die Predigt mit Schlafen hinbringen
ſollen. Nein, keinesweges! Du wirſt ja nicht
geſtehen, daß du Schlafens wegen in die Kirche
gekommen biſt! Kannſt du nun den Prediger
gar nicht verſtehen, ſo bete, lobe und preiſe in
deinem Herzen die Wohlthaten deines lieben
Gottes; habe feine chriſtliche Gedanken von ſeiner
Allmacht, Weisheit, Wahrheit, Gerechtigkeit,
Güte und Barmherzigkeit; gedenke an deinen
allerliebſten Heiland und Erlöſer, IEſum Chri—
ſtum, und betrachte inniglich ſein Leiden, Sterben,
Auferſtehung und heiliges Verdienſt. Jenes
arme Weib, welches hohen Alters wegen ein
ſchweres Gehör hatte, und weder Gebet, noch Pre⸗
digt, noch Singen vernehmen konnte, ſagte: „Ich

—. —ß — — —

English translation

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