# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 08 03_S183 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ihr Brüder, ſaget mir, was euch mehr zu ſein ſcheint, das Wort Gottes, oder der Leib Chriſti? Wenn ihr wahrhaftig antworten wollt, ſo müßt ihr doch ſagen, daß das Wort Gottes nicht weni⸗ ger ſei, als der Leib Chriſti, und wie großer Sorgfalt wir uns befleißigen, wenn uns der Leib ausgetheilt wird, daß nichts davon auf die Erde falle; eben ſo ſorgfältig müſſen wir auf das Wort Gottes, das uns angeboten wird, Acht ha⸗ ben, daß es nicht, während wir entweder etwas denken, oder reden, aus unſerem Herzen ſich wie⸗ der verliere, weil der keine geringere Schuld haben wird, wer Gottes Wort nachläſſig hört, als der, welcher den Leib Chriſti aus Nachläſſigkeit auf die Erde fallen läßt.“ Oſiander ſchreibt in ſeiner Erklärung zum 20. Capitel der Apoſtelgeſchichte: „Gott der HErr will mit dem Erempel des Jünglings, der unter der Predigt Pauli geſchlafen und aus dem Fenſter herunter ſich zu Tode gefallen, an⸗ zeigen, daß man unter der Predigt nicht ſchla⸗ fen ſolle. Denn man ſoll Gott dem HErrn flei⸗ ßig zuhören, wenn er durch ſeine Diener mit uns redet.“ Doctor Arnold Mengering ſchreibt: „O, wie viel ſind ſolcher Schlafheimen unter Manns⸗ und Weibsperſonen, welcher Leute Vorbild Euty⸗ chus war (Apoſtelg. 20, 9.), der es aber gleich— wohl, wie es faſt die Umſtände geben, nicht aus Vorſatz gethan, ſondern ſich eben an ſolchen ge⸗ fährlichen Ort hat ſetzen wollen, damit er aus Furcht der Gefahr deſto mehr des Schlafs ſich enthalten möchte.“ Daher ſchließt Walther in ſeinen Homilien über Apg. 20.: „Wenn dieſes einem Eutychus widerfuhr, deſſen Schläfrigkeit mancherlei Ent⸗ ſchuldigungen zuläßt, was wird wohl denen wider⸗ fahren, welche das Wort mit Verachtung hören und, indem ſie es zu hören ſcheinen, entweder mit Vorſatz ſich dem Schlaf übergeben, oder, von einem Rauſch übermannt, ſchlafen müſſen? Denn wie ſolche ihr Seelenheil vernachläſſigen, ſo ach⸗ ten ſie auch Gottes Majeſtät nicht hoch. Daher kann es auch nicht anders geſchehen, als daß ihnen die Predigt des Evangeliums zum Tode ge⸗ reiche, welche Andächtigen und Gläubigen zur Seligkeit dient.“ Doctor Martin Geier ſchreibt in ſeiner Auslegung des Evangeliums am 10. Sonntag nach Trinitatis: „Wie ſo gar geneigt ſind wir doch zum Schlaf, wenn wir göttliche Dinge be⸗ trachten ſollen! Der gute Hausvater ſchläft — und findet Unkraut. Eutychus ſchläft — und fällt. Weil uns der Satan einſchläfert (wie er allezeit die Wiege rüttelt, wenn wir in unſerer Andacht ſchlafen), ſo nimmt er allezeit etwas Gutes von uns, oder bringt etwas Böſes in uns, oder bringt uns in Gerahr eines tödtli— chen Falles. Hinweg mit dieſer geiſtlichen Schlafſucht.“ Bernhardus war gewohnt zu ſagen, daß diejenigen, die da ſchliefen, todt wären vor den Menſchen, und daß die, die da todt wären, ſchlie⸗ fen vor Gott: ich aber ſage, daß die, welche da ſchlafen in der Kirche, vor Gott todt ſind; ſo 18² predigen wir ihnen mehr ihre Leichenpredigten, als Vermahnungen. Und wie er zu ſagen pflegte, daß er keine Zeit mehr verliere, als die, darin er ſchliefe: ſo mag ich wohl dazu ſetzen, daß kein Verluſt der Zeit ſo verzweifelt ſei, als der heili⸗ gen Zeit. Denke, daß dir Chriſtus in einer jeden Predigt ſagt, wie er zu Petro ſagt: „Schläfeſt du, Petre? kannſt du nicht eine Stunde mit mir wachen?“ Ein anderer Theolog im Tractat „von dem zerfallenen Chriſtenthum“ ſchreibt alſo: „Wir ſchnauben und ſagen, wie die bei dem Propheten Malachias Cap. 1, 13.: „„Es iſt nur Mühe.““ Dem Buchſtaben nach ſcheint das Wort des HErrn bei manchen in Wahrheit Mühe, welche dabei ſchlafen wie ermüdete Perſonen, ja, beſſer als daheim, weil ihnen der Pfarrherr gleichſam dazu ſingen muß. In Wahrheit, dies alles ſcheinet ſo ſeltſam, daß, wenn ein ungläubiger Heide oder ein anderer in unſere Kirche käme und ſähe, daß der eine ſchläft, der andere plaudert, der dritte lacht, der vierte hin und her gafft, die wenigſten aber beten, ſagen würde, wir ſeien unſinnig. Ach, wenn will die Kirche denn ihren alten Namen wieder bekommen, daß man ſie ein Bethaus nenne! Man könnte ihr wohl andere Namen geben nach gegenwärtigen geſtalten Sa⸗ chen, da doch der wenigſte Theil der Gottes⸗ dienſt iſt.“ Das vierte Capitel. Von etlichen Entſchuldigungen, die die Kirchenſchläfer einzuwenden pflegen. Es iſt nichts ſo böſe und ſündlich, das der von Natur in Grund verderbte Menſch nicht etli⸗ cher Maßen zu beſchönigen und zu entſchuldigen wiſſe. Der Kirchenſchlaf, ob er gleich, wie er⸗ weislich dargethan, an ſich ſelbſt böſe, ſündlich, ſchädlich und ärgerlich iſt, will dennoch von den Kirchenſchläfern entſchuldigt werden. Erſtlich wird vorgegeben, der Schlaf ſei natürlich und alſo mit Nichten für ſündlich zu achten. Hier⸗ auf die Antwort: obgleich der Schlaf natürlich, ſo folgt doch nicht, daß er auch in der Kirchen⸗ verſammlung zuläſſig ſei, da man auf Gottes Befehl, von ſeinem Diener, dem Prediger, das Wort zu hören und ſich daraus in der Gottſelig⸗ keit zu erbauen, zuſammen kommt. Eſſen und Trinken iſt ja auch natürlich, aber nicht in der Kirche, unter der Predigt des göttlichen Wortes; und ſo iſt es auch mit dem Schlaf bewandt. Es hat alles ſeine Zeit, Wachen und Schlafen. Hiernächſt iſt zu wiſſen, daß nicht aller Schlaf in der Kirche für natürlich zu halten ſei. Der ſelige Arnd ſchreibt in Erklärung des Evange⸗ liums am Sonntage Sexageſimä: „Der Teufel kann auch einen Schlaf machen mit ſeinem hölli⸗ ſchen Opium und Schlafdünſten; denn gewißlich nicht aller Schlaf in der Kirche natürlich iſt, ſon⸗ dern ein ſolcher Schlaf, welchen die geiſtliche Nacht und hölliſche Finſterniß wirkt.“ Die andere Entſchuldigung iſt: man könne ſich des Schlafs nicht erwehren; man werde von dem Schlaf mitten in der Andacht unverſehens überfallen; es geſchehe wider Willen ꝛc. Daß aber auch dieſe Entſchuldigung ungültig iſt, ſoll im folgenden Capitel erwieſen werden. Die dritte Entſchuldigung, ſo faſt ſehr ge⸗ mein iſt, gehet dahin, der Prediger mache es gar zu lang auf der Kanzel, oder er predige gar zu ſchläfrig, leiſe und unvernehmlich; man habe kei⸗ nen bequemen Ort in der Kirche, müßte im Winkel ſitzen, da man weder Kanzel noch Altar ſehen könne; die Nachmittagspredigten gingen ſtracks nach gehaltener Mahlzeit an; wenn man ſich nun ſobald niederſetze, und in der Stille der Predigt zuhöre, ſo finde ſich der Schlaf natürlich ein ꝛc. Nun ſcheinen zwar dieſe Entſchuldigun⸗ gen ſo beſchaffen zu ſein, daß ſie bei manchem ſonſt frommen und fleißigen Zuhörer je zuweilen wohl ſo weit ſtattfinden könnten, ſo daß man der angebornen ſündlichen Schwachheit des Fleiſches etwas nachgeben müßte: es iſt und bleibt aber dennoch an ſich ſelbſt der Kirchenſchlaf ſündlich und unzuläſſig. Daß 1. mancher Prediger über eine Stunde im Predigen ſich aufhält, ſolches wird zwar von unterſchiedenen Theologen nicht allerdings gebilligt. Doctor Oſi ander ſchreibt über das 20. Capitel der Apoſtelgeſchichte: „Wie⸗ wohl die Zuhörer der langen Predigten nicht ſol⸗ len überdrüſſig werden, ſo ſollen jedoch auch die Prediger an den Orten, wo oft Predigten gehal⸗ ten werden, einer zierlichen Kürze ſich befleißigen. Denn wenn der Zuhörer müde wird: ſo merkt er nicht mehr fleißig auf, und hört den mehreren Theil mit Verdruß und ohne Nutzen.“ Es ge⸗ ſchieht aber dennoch ſelten, daß eine Predigt über eine Stunde währet; da ſollte nun der ſchläfrige Zuhörer an die oben angeführten Worte des Hei⸗ landes denken: „Petre, vermöchteſt du nicht eine Stunde mit mir zu wachen?“ Es ſchläft mancher ſieben, acht, neun und mehr Stunden des Nachts, warum ſollte er nicht ein einziges Stündlein zur Ehre Gottes und ſeiner Seele eigenen Erbauung anwenden? Daß 2. die Predigt des Wortes Gontes manchmal der ſchwachen Rede des Predigers we⸗ gen, zumal in großen und weiten Kirchen, von allen Zuhörern nicht vernommen werden könne, iſt nicht zu leugnen, und es wäre zu wünſchen, daß allezeit ſolche Prediger aufträten, die in der verſammelten Gemeinde Gottes gehört und ver⸗ ſtanden werden können. Es will aber doch daher nicht folgen, daß die Zuhörer die Predigt mit Schlafen hinbringen ſollen. Nein, keinesweges! Du wirſt ja nicht geſtehen, daß du Schlafens wegen in die Kirche gekommen biſt! Kannſt du nun den Prediger gar nicht verſtehen, ſo bete, lobe und preiſe in deinem Herzen die Wohlthaten deines lieben Gottes; habe feine chriſtliche Gedanken von ſeiner Allmacht, Weisheit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit; gedenke an deinen allerliebſten Heiland und Erlöſer, IEſum Chri— ſtum, und betrachte inniglich ſein Leiden, Sterben, Auferſtehung und heiliges Verdienſt. Jenes arme Weib, welches hohen Alters wegen ein ſchweres Gehör hatte, und weder Gebet, noch Pre⸗ digt, noch Singen vernehmen konnte, ſagte: „Ich —. —ß — — —