Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 15 › Seite 116

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-03-19, Seite 116

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Abſolution 6

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ö

ſammt der Verheißung: „Welchen ihr die Sün⸗
den erlaſſet, denen ſind ſie erlaſſen, und welchen
ihr ſie behaltet, denen ſind ſie behalten.“ Die
außerordentlichen Gaben und Veranſtaltungen,
welche zur Gründung und erſten ſchnellen Aus⸗
breitung der Kirche nöthig und derſelben daher in
der Zeit der Apoſtel verliehen waren, ſind aller⸗
dings großentheils erloſchen; was aber die Mittel
betrifft, Gnade, Vergebung der Sünden
und die Seligkeit zu erlangen, dieſe ſind der
Kirche verblieben; wer daher behauptet, daß die
Kirche keine Macht mehr habe, im Namen ihres
HErrn und an ſeiner Statt durch ihre Diener
Sünden zu vergeben, der leugnet damit, daß es
noch eine Kirche in der Welt gibt. Es iſt und
bleibt dies alſo ein großer greulicher Irrthum.
Mag man ſich wenden und winden, wie man
will: man begeht damit die erſchreckliche Sünde,
Chriſto, dem Sohne Gottes, in's Angeſicht zu
widerſprechen und ſein Wort Lügen zu ſtrafen. —

Doch dieſer Irrthum iſt auch darum ſo groß
und verderblich, weil man dadurch zwei⸗
tens die Vollkommenheit der Erlöſung
Chriſti leugnet.

Zwar wird auch von den ſchwärmeriſchen
Sectenpredigern nicht ſelten die Wahrheit aus⸗
geſprochen, daß Chriſtus alle Menſchen vollkom⸗
men erlöſ't habe; aber dadurch darf man nicht ſich
blenden und überreden laſſen, als ob dieſelben

dieſe Wahrheit wirklich glaubten und verkündig⸗

ten. Es iſt nur zu offenbar, daß ſie dieſer Wahr⸗
heit, wenn ſie dieſelbe Einmal aus ſprechen, da⸗
gegen tauſendmal durch ihre ganze Lehrweiſe von
dem Weg zur Seligkeit derſelben widerſprechen
und ſie thatſächlich verleugnen. Denn was heißt
das: Chriſtus hat uns vollkommen erlöſ't? —
Das heißt: Chriſtus hat für uns alles ſchon ge⸗
than und gelitten, was wir hätten thun und lei⸗
den ſollen, um uns die Seligkeit zu erwerben;
denn, ſpricht die Schrift, „Gott hat den, der von
keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht,
auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die
vor Gott gilt. So einer für alle geſtorben iſt, ſo
ſind ſie alle geſtorben. Wie durch Eines Sünde
die Verdammniß über alle Menſchen gekommen
iſt, alſo iſt auch durch Eines Gerechtigkeit die
Rechtfertigung des Lebens über alle Menſchen
gekommen.“ (2 Cor. 5, 21. 14.; Röm. 5, 18.)
Als Chriſtus, am Kreuze verſcheidend, die Sün⸗
denſtrafen aller Menſchen abgetragen hatte, da
hatten eigentlich ſchon wir Menſchen alle die
ſelben abgetragen; und als Chriſtus von ſeinem
Vater als ein vormaliger Schuldner durch die
Auferweckung von den Todten von aller Schuld
öffentlich und feierlich losgeſprochen, abſolvirt und
gerechtfertigt wurde, da wurden eigentlich ſchon
wir Menſchen alle von Gott losgeſprochen,
abſolvirt und gerechtfertigt; daher St. Paulus
ſchreibt: Chriſtus „iſt um unſerer Sünde willen
dahin gegeben und um unſerer Gerechtigkeit wil⸗
len auferweckt.“ Röm. 4, 25.

Der Schatz der Gnade, der Vergebung der
Sünden und der Seligkeit iſt alſo bereits für alle
erworben und der Kirche mit dem Wort und den
heiligen Sacramenten zur Austheilung bereits

1¹⁵

übergeben. Wir Menſchen ſollen daher unſere
Sünden nicht erſt tilgen, Chriſtus hat ſie ſchon
getilgt; wir ſollen uns die Vergebung derſelben
nicht erſt erkämpfen, Chriſtus hat ſie uns ſchon
erkämpft; wir ſollen Gott nicht erſt verſöhnen,
Chriſtus hat Gott ſchon mit uns verſöhnt; wir
ſollen uns Gottes Gnade nicht erſt erringen,
Chriſtus hat ſie uns ſchon errungen; wir ſollen
uns eine vor Gott gültige Gerechtigkeit nicht erſt
verdienen, Chriſtus hat ſie uns ſchon verdient;
wir ſollen Tod und Hölle nicht erſt überwinden,
Chriſtus hat ſchon beide für uns überwunden;
wir ſollen nicht erſt durch die Erfüllung des Ge⸗
ſetzes uns die Seligkeit erwerben, Chriſtus hat
uns dieſelbe ſchon dadurch erworben; wir ſollen
uns durch unſere Würdigkeit nicht erſt den Ein⸗
gang in den Himmel verſchaffen, Chriſtus hat uns
denſelben ſchon durch ſeine Würdigkeit verſchafft;
kurz, wir ſollen das Werk unſerer Erlöſung nicht
erſt vollbringen, denn Chriſtus hat ſchon alles
vollbracht, hat den bitteren Kelch unſerer verdien⸗
ten Leiden bis auf den letzten Tropfen geleert, die
Summe unſerer Schuld vor Gott bis auf den
letzten Heller bezahlt, den Willen Gottes bis auf
den letzten Buchſtaben erfüllt. — Was folgt nun
aber hieraus? — Hieraus folgt, daß dies auch
allen Menſchen geprediget werden kann,
ja, geprediget werden ſoll und muß, und daß das
Evangelium eben darin beſteht, daß man allen
verkündigt: Seid fröhlich, ihr Sünder, Chriſtus
hat ſchon eure Sünden getilgt, Chriſtus hat euch
ſchon Vergebung eurer Sünden erkämpft, Chri⸗
ſtus hat euch ſchon mit Gott verſöhnt, Chriſtus
hat euch ſchon Gottes Gnade errungen, Chriſtus
hat euch ſchon eine vor Gott gültige Gerechtig⸗
keit verdient, Chriſtus hat ſchon für euch Tod
und Hölle überwunden, Chriſtus hat euch ſchon
durch ſeine Erfüllung des Geſetzes die Selig⸗
keit erworben, Chriſtus hat euch ſchon durch ſeine
Würdigkeit den Eingang in den Himmel ver⸗
ſchafft; kurz, Chriſtus hat das Werk eurer Er⸗
löſung ſchon vollkommen vollbracht! Meinet
darum nicht, daß ihr durch irgend ein Leiden,
durch eure Reue, durch eure Buße, durch eure
Thränen, durch euer Ringen und Kämpfen Gott
erſt verſöhnen, erſt zur Gnade bewegen oder für
eure Sünden erſt büßen müßtet; meinet nicht, daß
ihr durch irgend ein gutes Werk, durch eure Beſ⸗
ſerung, Heiligung und eigene Gerechtigkeit bei
Gott etwas verdienen und euch alſo ſelbſt ſelig
machen müßtet — nein! — es iſt alles ſchon ge⸗
ſchehen! — ihr ſollt nichts thun, als daß ihr das,
was Chriſtus für euch gelitten und gethan und
euch bereits geſchenkt hat, annehmet, daß ihr das
euch aneignet, daß ihr euch deſſen tröſtet, darauf
bauet und trauet, kurz, daran von Herzen glaubet,
in dieſem Glauben wandelt und bleibet, auf dieſen
Glauben ſterbet und ſo endlich aus dieſem Glau⸗
ben in das Schauen übergehet und ſelig werdet.
Es iſt ſonach klar, weil Chriſtus alle Menſchen
ſchon vollkommen erlöſ't hat, ſo iſt das Evange⸗
lium nichts anderes, als eine Predigt von der
Vergebung der Sünden an alle Menſchen auf
Erden, wozu Gott ſelbſt im Himmel ſein Ja und
Amen ſpricht; es iſt mit einem Worte eine der

—

ganzen Welt durch Menſchen vom Himmel ge⸗
brachte, mit Chriſti Blut und Tod beſiegelte und
durch Chriſti Auferweckung von Gott ſelbſt auf
das herrlichſte und feierlichſte nicht nur beſtätigte,
ſondern ſchon einmal wirklich vollzogene allge⸗
meine Abſolution. Da aber das Evange⸗
lium kraft der geſchehenen vollkommenen Erlö⸗
ſung Chriſti die Abſolution aller Menſchen iſt,
ſo kann auch natürlich gar nicht mehr die Frage
ſein, ob auch der oder jener von einem Pre⸗
diger des Evangeliums eine gültige Abſolution
empfangen könne; denn was ich der ganzen Welt
ankündigen ſoll, das kann ich natürlich auch
jedem Einzelnen, der zur Welt gehört, ankündi⸗
gen. Hierbei wird nun freilich mancher Leſer
denken: Wie? ſollen denn auch die Unbußferti⸗
gen abſolvirt werden und ſollte alſo auch eine
einem Unbußfertigen geſprochene Abſolution gül⸗
tig ſein? Hierauf antworten wir: Gültig und
kräftig bleibt die Abſolution, und wenn ſie einem
Judas geſprochen wird, denn auch der Judas iſt
bereits vurch Chriſtum vollkommen erlöſ't und in
Chriſto bereits von Gott ſelbſt gerechtfertigt und
abſolvirt: wäre es daher möglich (es iſt aber un⸗
möglich), daß ein Unbußfertiger, als ſolcher, die
ihm geſprochene Abſolution von Herzen glaubte,
ſo würde er auch darin als ſolcher die göttliche
Vergebung ergreifen; und ſchlägt ein Unbußfer⸗
tiger in dem Augenblicke in ſich und kommt er in
dem Augenblicke zu einem Fünklein des Glau⸗
bens, da ihm die Abſolution geſprochen wird, ſo
hat er auch darin ſo gewißlich die göttliche Ver⸗
gebung, ſo gewiß Chriſtus für ihn geſtorben und
vom Vater an ſeiner Stait auferweckt worden iſt.
Eine andere Frage iſt freilich, ob ein Prediger
des Evangeliums einem offenbar Unbußferti⸗
gen die Abſolution ertheilen ſolle. Auf dieſe
Frage ſagen wir nein; nicht darum, weil die
einem Unbußfertigen geſprochene Abſolution un⸗
gültig wäre, ſondern weil ſie derſelbe doch verach⸗
ten und von ſich ſtoßen und damit alſo ſich nur
mehr verſündigen und eine größere Verdammniß
auf ſich laden würde. Daher Chriſtus ſeinen
Dienern und den Haushaltern über ſeine Ge⸗
heimniſſe den Befehl gegeben hat: „Ihr ſollt das
Heiligthum nicht den Hunden geben und eure
Perlen ſollt ihr nicht vor die Säue werfen, auf
daß ſie dieſelbigen nicht zertreten mit ihren
Füßen, und ſich wenden und euch zerreißen.“
Matth. 7, 6. Da iſt alſo ſtets das Heiligthum
und die Perle der Vergebung, ſo oft ein Menſch
abſolvirt wird; ſie iſt da kraft der vollkommenen
Erlöſung Chriſti; nie, nie kann daher ein
Menſch, wenn er abſolvirt wird, in Zweifel ſein,
ob er wirklich abſolvirt ſei, in welchem Zuſtande
er ſich auch befinden möge; die Abſolution thut
alle Mal den Himmel auf, öffnet alle Mal das
göttliche Vaterherz, breitet alle Mal die Arme der
göttlichen Erbarmung vor dem Sünder aus: es
kann ſich dann allein darum handeln, ob der Ab⸗
ſolvirte auch die erhaltene göttliche Vergebung an⸗
genommen habe oder nicht; und dieſes richtet ſich
wiederum darnach, ob er daran geglaubt habe
oder nicht. Daher ſchreibt denn Luther, wie wir
anderwärts bereits erwähnt haben: „Darum

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