# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 03 19_S116 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ö ſammt der Verheißung: „Welchen ihr die Sün⸗ den erlaſſet, denen ſind ſie erlaſſen, und welchen ihr ſie behaltet, denen ſind ſie behalten.“ Die außerordentlichen Gaben und Veranſtaltungen, welche zur Gründung und erſten ſchnellen Aus⸗ breitung der Kirche nöthig und derſelben daher in der Zeit der Apoſtel verliehen waren, ſind aller⸗ dings großentheils erloſchen; was aber die Mittel betrifft, Gnade, Vergebung der Sünden und die Seligkeit zu erlangen, dieſe ſind der Kirche verblieben; wer daher behauptet, daß die Kirche keine Macht mehr habe, im Namen ihres HErrn und an ſeiner Statt durch ihre Diener Sünden zu vergeben, der leugnet damit, daß es noch eine Kirche in der Welt gibt. Es iſt und bleibt dies alſo ein großer greulicher Irrthum. Mag man ſich wenden und winden, wie man will: man begeht damit die erſchreckliche Sünde, Chriſto, dem Sohne Gottes, in's Angeſicht zu widerſprechen und ſein Wort Lügen zu ſtrafen. — Doch dieſer Irrthum iſt auch darum ſo groß und verderblich, weil man dadurch zwei⸗ tens die Vollkommenheit der Erlöſung Chriſti leugnet. Zwar wird auch von den ſchwärmeriſchen Sectenpredigern nicht ſelten die Wahrheit aus⸗ geſprochen, daß Chriſtus alle Menſchen vollkom⸗ men erlöſ't habe; aber dadurch darf man nicht ſich blenden und überreden laſſen, als ob dieſelben dieſe Wahrheit wirklich glaubten und verkündig⸗ ten. Es iſt nur zu offenbar, daß ſie dieſer Wahr⸗ heit, wenn ſie dieſelbe Einmal aus ſprechen, da⸗ gegen tauſendmal durch ihre ganze Lehrweiſe von dem Weg zur Seligkeit derſelben widerſprechen und ſie thatſächlich verleugnen. Denn was heißt das: Chriſtus hat uns vollkommen erlöſ't? — Das heißt: Chriſtus hat für uns alles ſchon ge⸗ than und gelitten, was wir hätten thun und lei⸗ den ſollen, um uns die Seligkeit zu erwerben; denn, ſpricht die Schrift, „Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. So einer für alle geſtorben iſt, ſo ſind ſie alle geſtorben. Wie durch Eines Sünde die Verdammniß über alle Menſchen gekommen iſt, alſo iſt auch durch Eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menſchen gekommen.“ (2 Cor. 5, 21. 14.; Röm. 5, 18.) Als Chriſtus, am Kreuze verſcheidend, die Sün⸗ denſtrafen aller Menſchen abgetragen hatte, da hatten eigentlich ſchon wir Menſchen alle die ſelben abgetragen; und als Chriſtus von ſeinem Vater als ein vormaliger Schuldner durch die Auferweckung von den Todten von aller Schuld öffentlich und feierlich losgeſprochen, abſolvirt und gerechtfertigt wurde, da wurden eigentlich ſchon wir Menſchen alle von Gott losgeſprochen, abſolvirt und gerechtfertigt; daher St. Paulus ſchreibt: Chriſtus „iſt um unſerer Sünde willen dahin gegeben und um unſerer Gerechtigkeit wil⸗ len auferweckt.“ Röm. 4, 25. Der Schatz der Gnade, der Vergebung der Sünden und der Seligkeit iſt alſo bereits für alle erworben und der Kirche mit dem Wort und den heiligen Sacramenten zur Austheilung bereits 1¹⁵ übergeben. Wir Menſchen ſollen daher unſere Sünden nicht erſt tilgen, Chriſtus hat ſie ſchon getilgt; wir ſollen uns die Vergebung derſelben nicht erſt erkämpfen, Chriſtus hat ſie uns ſchon erkämpft; wir ſollen Gott nicht erſt verſöhnen, Chriſtus hat Gott ſchon mit uns verſöhnt; wir ſollen uns Gottes Gnade nicht erſt erringen, Chriſtus hat ſie uns ſchon errungen; wir ſollen uns eine vor Gott gültige Gerechtigkeit nicht erſt verdienen, Chriſtus hat ſie uns ſchon verdient; wir ſollen Tod und Hölle nicht erſt überwinden, Chriſtus hat ſchon beide für uns überwunden; wir ſollen nicht erſt durch die Erfüllung des Ge⸗ ſetzes uns die Seligkeit erwerben, Chriſtus hat uns dieſelbe ſchon dadurch erworben; wir ſollen uns durch unſere Würdigkeit nicht erſt den Ein⸗ gang in den Himmel verſchaffen, Chriſtus hat uns denſelben ſchon durch ſeine Würdigkeit verſchafft; kurz, wir ſollen das Werk unſerer Erlöſung nicht erſt vollbringen, denn Chriſtus hat ſchon alles vollbracht, hat den bitteren Kelch unſerer verdien⸗ ten Leiden bis auf den letzten Tropfen geleert, die Summe unſerer Schuld vor Gott bis auf den letzten Heller bezahlt, den Willen Gottes bis auf den letzten Buchſtaben erfüllt. — Was folgt nun aber hieraus? — Hieraus folgt, daß dies auch allen Menſchen geprediget werden kann, ja, geprediget werden ſoll und muß, und daß das Evangelium eben darin beſteht, daß man allen verkündigt: Seid fröhlich, ihr Sünder, Chriſtus hat ſchon eure Sünden getilgt, Chriſtus hat euch ſchon Vergebung eurer Sünden erkämpft, Chri⸗ ſtus hat euch ſchon mit Gott verſöhnt, Chriſtus hat euch ſchon Gottes Gnade errungen, Chriſtus hat euch ſchon eine vor Gott gültige Gerechtig⸗ keit verdient, Chriſtus hat ſchon für euch Tod und Hölle überwunden, Chriſtus hat euch ſchon durch ſeine Erfüllung des Geſetzes die Selig⸗ keit erworben, Chriſtus hat euch ſchon durch ſeine Würdigkeit den Eingang in den Himmel ver⸗ ſchafft; kurz, Chriſtus hat das Werk eurer Er⸗ löſung ſchon vollkommen vollbracht! Meinet darum nicht, daß ihr durch irgend ein Leiden, durch eure Reue, durch eure Buße, durch eure Thränen, durch euer Ringen und Kämpfen Gott erſt verſöhnen, erſt zur Gnade bewegen oder für eure Sünden erſt büßen müßtet; meinet nicht, daß ihr durch irgend ein gutes Werk, durch eure Beſ⸗ ſerung, Heiligung und eigene Gerechtigkeit bei Gott etwas verdienen und euch alſo ſelbſt ſelig machen müßtet — nein! — es iſt alles ſchon ge⸗ ſchehen! — ihr ſollt nichts thun, als daß ihr das, was Chriſtus für euch gelitten und gethan und euch bereits geſchenkt hat, annehmet, daß ihr das euch aneignet, daß ihr euch deſſen tröſtet, darauf bauet und trauet, kurz, daran von Herzen glaubet, in dieſem Glauben wandelt und bleibet, auf dieſen Glauben ſterbet und ſo endlich aus dieſem Glau⸗ ben in das Schauen übergehet und ſelig werdet. Es iſt ſonach klar, weil Chriſtus alle Menſchen ſchon vollkommen erlöſ't hat, ſo iſt das Evange⸗ lium nichts anderes, als eine Predigt von der Vergebung der Sünden an alle Menſchen auf Erden, wozu Gott ſelbſt im Himmel ſein Ja und Amen ſpricht; es iſt mit einem Worte eine der — ganzen Welt durch Menſchen vom Himmel ge⸗ brachte, mit Chriſti Blut und Tod beſiegelte und durch Chriſti Auferweckung von Gott ſelbſt auf das herrlichſte und feierlichſte nicht nur beſtätigte, ſondern ſchon einmal wirklich vollzogene allge⸗ meine Abſolution. Da aber das Evange⸗ lium kraft der geſchehenen vollkommenen Erlö⸗ ſung Chriſti die Abſolution aller Menſchen iſt, ſo kann auch natürlich gar nicht mehr die Frage ſein, ob auch der oder jener von einem Pre⸗ diger des Evangeliums eine gültige Abſolution empfangen könne; denn was ich der ganzen Welt ankündigen ſoll, das kann ich natürlich auch jedem Einzelnen, der zur Welt gehört, ankündi⸗ gen. Hierbei wird nun freilich mancher Leſer denken: Wie? ſollen denn auch die Unbußferti⸗ gen abſolvirt werden und ſollte alſo auch eine einem Unbußfertigen geſprochene Abſolution gül⸗ tig ſein? Hierauf antworten wir: Gültig und kräftig bleibt die Abſolution, und wenn ſie einem Judas geſprochen wird, denn auch der Judas iſt bereits vurch Chriſtum vollkommen erlöſ't und in Chriſto bereits von Gott ſelbſt gerechtfertigt und abſolvirt: wäre es daher möglich (es iſt aber un⸗ möglich), daß ein Unbußfertiger, als ſolcher, die ihm geſprochene Abſolution von Herzen glaubte, ſo würde er auch darin als ſolcher die göttliche Vergebung ergreifen; und ſchlägt ein Unbußfer⸗ tiger in dem Augenblicke in ſich und kommt er in dem Augenblicke zu einem Fünklein des Glau⸗ bens, da ihm die Abſolution geſprochen wird, ſo hat er auch darin ſo gewißlich die göttliche Ver⸗ gebung, ſo gewiß Chriſtus für ihn geſtorben und vom Vater an ſeiner Stait auferweckt worden iſt. Eine andere Frage iſt freilich, ob ein Prediger des Evangeliums einem offenbar Unbußferti⸗ gen die Abſolution ertheilen ſolle. Auf dieſe Frage ſagen wir nein; nicht darum, weil die einem Unbußfertigen geſprochene Abſolution un⸗ gültig wäre, ſondern weil ſie derſelbe doch verach⸗ ten und von ſich ſtoßen und damit alſo ſich nur mehr verſündigen und eine größere Verdammniß auf ſich laden würde. Daher Chriſtus ſeinen Dienern und den Haushaltern über ſeine Ge⸗ heimniſſe den Befehl gegeben hat: „Ihr ſollt das Heiligthum nicht den Hunden geben und eure Perlen ſollt ihr nicht vor die Säue werfen, auf daß ſie dieſelbigen nicht zertreten mit ihren Füßen, und ſich wenden und euch zerreißen.“ Matth. 7, 6. Da iſt alſo ſtets das Heiligthum und die Perle der Vergebung, ſo oft ein Menſch abſolvirt wird; ſie iſt da kraft der vollkommenen Erlöſung Chriſti; nie, nie kann daher ein Menſch, wenn er abſolvirt wird, in Zweifel ſein, ob er wirklich abſolvirt ſei, in welchem Zuſtande er ſich auch befinden möge; die Abſolution thut alle Mal den Himmel auf, öffnet alle Mal das göttliche Vaterherz, breitet alle Mal die Arme der göttlichen Erbarmung vor dem Sünder aus: es kann ſich dann allein darum handeln, ob der Ab⸗ ſolvirte auch die erhaltene göttliche Vergebung an⸗ genommen habe oder nicht; und dieſes richtet ſich wiederum darnach, ob er daran geglaubt habe oder nicht. Daher ſchreibt denn Luther, wie wir anderwärts bereits erwähnt haben: „Darum