Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 15 › Seite 115

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-03-19, Seite 115

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Abſolution 5 · Abſolution 12 · Erlöſung 3 · Erlöſung 8

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liche und außerhalb der Kirche nicht zu findende
Gewalt ſei.“) Damit aber die lieben Jünger
nicht denken möchten, als hätten ſie durch die
Untreue, die ſie bei Chriſti letztem Leiden bewie⸗
ſen hatten, die ihnen anvertraut geweſene Gewalt
verloren, ſo wiederholte Chriſtus jenen Auftrag
nach ſeiner Auferſtehung gegen ſie noch einmal
und ſprach zu ihnen: „Welchen ihr die Sünden
erlaſſet, denen ſind ſie erlaſſen; und welchen ihr
ſie behaltet, denen ſind ſie behalten.“ (Joh.
20, 23.

Hiermit wird denn der Kirche und ihren Die⸗
nern die Macht, auf Erden Sünden zu vergeben
und zu behalten, ſo klar und deutlich zugeſprochen,
daß es keines weiteren Beweiſes bedarf. Die⸗
jenigen, welche der Kirche dennoch dieſe Macht
abſprechen, begehen daher einen großen Frevel.
Sie widerſprechen dem Sohne Gottes ins Ange⸗
ſicht und erklären ſein Wort für Lüge. Sie be⸗
gehen noch einmal die Sünde, zu welcher einſt
Satan die erſten Menſchen zu verführen trachtete,
als er denſelben zurief: „Ja, ſollte Gott geſagt
haben: Ihr ſollt nicht eſſen von allerlei Bäumen
im Garten?“ (1 Moſ. 3, 1.) ö

Die Worte des Sohnes ſind ſo hell und ge⸗
waltig, daß ſich daher oft auch die Schwärmer
das Anſehen zu geben ſuchen, als glaubten auch
ſie, daß das Amt der Schlüſſel nicht ausgeſtorben
ſei.“ *) Aber laß dich, lieber Leſer, durch ſolche
trügliche Zugeſtändniſſe nicht täuſchen. Man
ſpricht nemlich, hiermit habe Chriſtus den Apoſteln
nur die Gewalt gegeben, die Bedingungen zu
offenbaren, unter welchen ein Menſch Vergebung
der Sünden erlangen oder davon ausgeſchloſſen
ſein ſolle. Aber wer hat je gehört, daß derjenige
einem Menſchen die Sünden vergebe, welcher dem⸗
ſelben die Bedingungen darlegt, unter welchen er
Vergebung erlangen könne? Das iſt eine Schrift⸗
auslegung, wie ſie nur bei den gemeinſten, geiſt⸗
loſeſten Rationaliſten gäng und gebe iſt, die da

*) Es iſt alſo eine Gottes Wort durchaus widerſtreitende
Lehre, nach welcher das Amt der Schlüſſel, das freilich nach
göttlicher Ordnung öffentlich von den Predigern verwaltet
wird, als eine nicht in der Kirche, ſondern in dem Predigt⸗
amte, als in einem beſonderen Stande, liegende Gewalt
dargeſtellt wird. Nach Gottes Wort hat vielmehr die Kirche
allts: „Es iſt alles euer“, ruft Paulus den Corinthern zu.
(I. 3, 21.) Alle Gewalt, welche der Prediger hat, iſt daher
aus dem Geſammiſchatze der Kirche genommen und ihm erſt
von Gott durch die Kirche übertragen worden. Dit papi⸗
ſtiſche Lehre, daß das Amt der Schlüſſel eine eigenthüm⸗
liche Prediger⸗ oder Prieſtergewalt ſei, hat unſere Kirche
daher immer entſchieden verworfen. Damit zerfällt denn
auch der Einwurf in Nichts, daß die Lehre von der Abſolu⸗
tion von den lutheriſchen Predigern zu Vermehrung ihres
Anſehens erſonnen ſei und ſo feſt gehalten werde.

**) Unter anderen nehmen die hicſigen deutſchen Metho-
diſten dieſen Schafspelz um, um damit die Lutherauer zu
täuſchen und zu ſich zu locken. Sie haben einen Tractat
herausgegeben über die Frage: „Iſt das Schlüſſelamt aus-
geſtorben oder nicht?“ In dieſem elenden Wiſch geht der
Schreiber in der lügenhaften Eniſtellung der lutheriſchen
Lehre von der Abſolution ſo weit, daß er behaupiet, wir
Lutheraner lehrten, daß zu einem heilſamen Empfange der
Abſolution nicht der Glaube, ſondern nur das Bekenniniß:
„Meine Sünden ſind mir leid und ich will mich beſſern“,
nöthig ſei. Wir Lutheraner können uns nur freuen, wenn
wir ſehen, wie die Schwärmer mit Lügen umgehen müſſen,
wenn ſie nur mit einigem Scheine unſere Lehre angreifen
wollen.

1¹⁴

auch ſagen, Chriſtus habe uns in ſo fern erlöſ',
als er uns die Bedingungen gelehrt habe, unter
welchen wir aus unſeren Sünden erlöſ't werden
könnten; durch ſein Blut habe er uns z. B. in
dieſem Sinne erlöſ't, als er durch ſein geduldiges
Bluten, Leiden und Sterben uns gezeigt hahe,
wie man die Tugend der Liebe und Geduld üben
und dadurch ſich ſelbſt erlöſen müſſe. Das heißt
aber das Wort Gottes nicht aus legen, ſondern
in dasſelbe hinein- und es widerlegen, nicht
erklären, ſondern verkehren, nicht ſeinen ſüßen
Troſtkern aufſchließen, ſondern herausnehmen
und verſchließen, mit einem Worte, es für Spott
und Scherz halten und mit Füßen treten.

Aber, ſpricht man, wo haben die Apoſtel abſol⸗
virt, wie die Prediger der lutheriſchen Kirche? —
Wir antworten: Wohl iſt es wahr, daß man zur
Zeit der Apoſtel keine Kanzeln hatte, von denen
herab am Schluſſe der Predigt die Abſolutionsfor⸗
mel verleſen worden wäre, wie jetzt in den luthe⸗
riſchen Kirchen; wohl iſt es wahr, daß man da⸗
mals keine mit Gittern verſehene Beichtſtühle
hatte, von welchen aus demjenigen, welcher com⸗
municiren wollte, die Hand auf das Haupt gelegt
und auf die von ihm abgelegte Privatbeichte die
Vergebung ſeiner Sünden geſprochen worden
wäre: aber obgleich wir in der apoſtoliſchen Kirche
dieſe Form, dieſe Art und Weiſe, dieſe Ce⸗
remonien der Schlüſſelverwaltung nicht finden,
ſo finden wir doch dieſelbe Sache. Bedenke erſt⸗
lich, lieber Leſer, wenn der heilige Apoſtel Paulus
an die Corinther ſchreibt: „Laßt euch nicht ver⸗
führen: weder die Hurer, noch die Abgöttiſchen,
noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die
Knabenſchänder, noch die Diebe, noch die Geizigen,
noch die Trunkenbolde, noch die Läſterer, noch die
Räuber, werden das Reich Gottes ererben. Und
ſolche ſind euer etliche geweſen: aber ihr ſeid
abgewaſchen, ihr ſeid geheiliget, ihr ſeid gerecht
geworden durch den Namen des SErrn JeEſu,
und durch den Geiſt unſers Gottes“ —: was iſt
das anderes, als eine offenbare Abſolution, die
Paulus hier den gefallenen, aber bußfertigen Co⸗
rinthern ſpricht? (1 Cor. 6, 9 —11.) Ja, ſo oft
die heiligen Apoſtel die Chriſten verſichern: „Ihr
ſeid alle Gottes Kinder, durch den Glauben an
Chriſto IEſu — Aus Gnaden ſeid ihr ſelig ge⸗
worden — Ihr waret weiland nicht in Gnaden,
nun aber ſeid ihr in Gnaden“ — (Gal. 3, 26.;
Epheſ. 2, 8.; 1 Pet. 2, 10.): was iſt das anderes,
als wenn der HErr zu dem Gichtbrüchigen ſprach:
„Sei getroſt, mein Sohn, deine Sünden ſind dir
vergeben“? (Matth. 9, 2.) Bedenke ferner, wenn
Ananias zu Saulo ſprach: „Laß dich taufen und
abwaſchen deine Sünden“ (Ap. Geſch. 22, 16.),
was iſt das anderes, als wenn Ananias geſagt
hätte: Laß dich von mir abſolviren? War's nicht
ein Glück, daß es damals noch keine Methodiſten
gegeben hat? Würden dieſe nicht zu Ananias
geſagt haben: Ei, du fleiſchlicher, blinder und
unbekehrter Menſch, wie kannſt du ſagen, daß
durch die Waſſertaufe ein Menſch abſolvirt und
ihm die Sünden abgewaſchen werden! Der Geiſt,
der Geiſt muß das thun! — Doch die lieben
Apoſtel ſchreiben ſich die Macht, Sünden zu ver⸗

geben und zu behalten, auch ausdrücklich zu
und ſie haben dieſelbe auch oft mit ausdrücklichen
Worten und in der eigentlichſten Form geübt.
Im 2. Briefe an die Corinther, im 2. Capitel,
lieſt man, daß einſt ein Blutſchänder auf die Er⸗
mahnung des Apoſtels Paulus in ſeinem erſten
Briefe (Cap. 5, 1—5.) von der ganzen Gemeinde
in den Bann gethan und ſo hart „von vielen“ in
der Verſammlung derſelben geſtraft worden war,
daß dieſer Sünder nun nicht nur in ſich ging,
ſondern auch am Rande der Verzweiflung ſtand.
Was thut nun der heilige Apoſtel? Er ſchreibt
u. a. fol gende Worte: „Es iſt genug, daß der⸗
ſelbe von vielen alſo geſtraft iſt; daß ihr nun
hinfort ihm deſto mehr vergebet und tröſtet, auf
daß er nicht in allzu großer Traurigkeit verſinke.
Darum ermahne ich euch, daß ihr die Liebe an
ihm beweiſet. Welchem aber ihr etwas vergebet,
dem vergebe Ich auch. Denn auch Ich, ſo ich
etwas vergebe jemanden, das vergebe ich um
euretwillen, an Chriſti Statt.“ 2 Cor. 2, 6—10.
Kann es deutlicher ausgeſprochen werden, daß der
heilige Apoſtel wirklich an Chriſti Statt und im
Namen der Gemeinde Sünden vergeben habe? —

Dieſes Zeugniß iſt ſo klar, daß daher ſelbſt
viele Feinde der Abſolution es nicht zu leugnen
wagen, daß die heiligen Apoſtel wirklich die
Macht, Sünden zu vergeben und zu behalten,
gehabt und geübt haben. Aber, ſpricht man, wie
will man beweiſen, daß auch die jetzigen Prediger
des Evangeliums dieſe Macht beſitzen? Ruft
nicht St. Paulus ſelbſt an einer andern Stelle
aus: Sind ſie alle Apoſtel?“ (1 Cor. 12, 29.)
Hierauf diene zur Antwort: Es iſt wahr, es iſt
ein großer Unterſchied zwiſchen einem Apoſtel und
einem jetzigen Diener der Kirche: die Apoſtel wa⸗
ren unfehlbar in der Lehre, die jetzigen Kirchen⸗
diener nicht; die Apoſtel hatten die Macht, Wun⸗
der zu thun und zu weiſſagen, die jetzigen Kir⸗
chendiener nicht; die Apoſtel waren unmittelbar
von Chriſto, dem Sohne Gottes, berufen, die
jetzigen Kirchendiener mittelbar durch Menſchen;
die Apoſtel hatten den Beruf, in alle Welt zu
gehen, die jetzigen Kirchendiener ſind beſchränkt
auf das Feld der „Heerde Chriſti, ſo ihnen befoh⸗
len iſt“. Allein was das Amt, das Evangelium
zu predigen, und was damit zuſammenhängt, be⸗
trifft, da findet kein Unterſchied ſtatt. Oder gilt
das Wort des HErrn: „Prediget das Evange⸗
lium“, nur den Apoſteln? Gilt ſein Befehl:
„Taufet im Namen des Vaters, des Sohnes und
des Heiligen Geiſtes“, nur den Zwölfen? Gilt
ſeine Ordnung: „Solches thut zu meinem Ge⸗
dächtniß“, nur den auserwählten Jüngern? —
Nein, Chriſtus ſpricht ausdrücklich zu denſelben
von denen, welchen ſie predigen würden: „Und
lehret ſie halten alles, was ich euch befohlen
habe. Und ſiehe! Ich bin bei euch alle Tage,
bis an der Welt Ende.“ Matth. 28, 20. So
gewiß daher jene Gebote, zu lehren, zu taufen
und das heilige Abendmahl zu halten, die Chri⸗
ſten oder die Kirche aller Zeiten angehen und ſo
gewiß dieſelbe alles halten ſoll, was den Jün⸗
gern befohlen war, ſo gewiß gilt auch der Kircht
aller Zeiten bis an der Welt Ende der Befehl

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