# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 03 19_S115 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) liche und außerhalb der Kirche nicht zu findende Gewalt ſei.“) Damit aber die lieben Jünger nicht denken möchten, als hätten ſie durch die Untreue, die ſie bei Chriſti letztem Leiden bewie⸗ ſen hatten, die ihnen anvertraut geweſene Gewalt verloren, ſo wiederholte Chriſtus jenen Auftrag nach ſeiner Auferſtehung gegen ſie noch einmal und ſprach zu ihnen: „Welchen ihr die Sünden erlaſſet, denen ſind ſie erlaſſen; und welchen ihr ſie behaltet, denen ſind ſie behalten.“ (Joh. 20, 23. Hiermit wird denn der Kirche und ihren Die⸗ nern die Macht, auf Erden Sünden zu vergeben und zu behalten, ſo klar und deutlich zugeſprochen, daß es keines weiteren Beweiſes bedarf. Die⸗ jenigen, welche der Kirche dennoch dieſe Macht abſprechen, begehen daher einen großen Frevel. Sie widerſprechen dem Sohne Gottes ins Ange⸗ ſicht und erklären ſein Wort für Lüge. Sie be⸗ gehen noch einmal die Sünde, zu welcher einſt Satan die erſten Menſchen zu verführen trachtete, als er denſelben zurief: „Ja, ſollte Gott geſagt haben: Ihr ſollt nicht eſſen von allerlei Bäumen im Garten?“ (1 Moſ. 3, 1.) ö Die Worte des Sohnes ſind ſo hell und ge⸗ waltig, daß ſich daher oft auch die Schwärmer das Anſehen zu geben ſuchen, als glaubten auch ſie, daß das Amt der Schlüſſel nicht ausgeſtorben ſei.“ *) Aber laß dich, lieber Leſer, durch ſolche trügliche Zugeſtändniſſe nicht täuſchen. Man ſpricht nemlich, hiermit habe Chriſtus den Apoſteln nur die Gewalt gegeben, die Bedingungen zu offenbaren, unter welchen ein Menſch Vergebung der Sünden erlangen oder davon ausgeſchloſſen ſein ſolle. Aber wer hat je gehört, daß derjenige einem Menſchen die Sünden vergebe, welcher dem⸗ ſelben die Bedingungen darlegt, unter welchen er Vergebung erlangen könne? Das iſt eine Schrift⸗ auslegung, wie ſie nur bei den gemeinſten, geiſt⸗ loſeſten Rationaliſten gäng und gebe iſt, die da *) Es iſt alſo eine Gottes Wort durchaus widerſtreitende Lehre, nach welcher das Amt der Schlüſſel, das freilich nach göttlicher Ordnung öffentlich von den Predigern verwaltet wird, als eine nicht in der Kirche, ſondern in dem Predigt⸗ amte, als in einem beſonderen Stande, liegende Gewalt dargeſtellt wird. Nach Gottes Wort hat vielmehr die Kirche allts: „Es iſt alles euer“, ruft Paulus den Corinthern zu. (I. 3, 21.) Alle Gewalt, welche der Prediger hat, iſt daher aus dem Geſammiſchatze der Kirche genommen und ihm erſt von Gott durch die Kirche übertragen worden. Dit papi⸗ ſtiſche Lehre, daß das Amt der Schlüſſel eine eigenthüm⸗ liche Prediger⸗ oder Prieſtergewalt ſei, hat unſere Kirche daher immer entſchieden verworfen. Damit zerfällt denn auch der Einwurf in Nichts, daß die Lehre von der Abſolu⸗ tion von den lutheriſchen Predigern zu Vermehrung ihres Anſehens erſonnen ſei und ſo feſt gehalten werde. **) Unter anderen nehmen die hicſigen deutſchen Metho- diſten dieſen Schafspelz um, um damit die Lutherauer zu täuſchen und zu ſich zu locken. Sie haben einen Tractat herausgegeben über die Frage: „Iſt das Schlüſſelamt aus- geſtorben oder nicht?“ In dieſem elenden Wiſch geht der Schreiber in der lügenhaften Eniſtellung der lutheriſchen Lehre von der Abſolution ſo weit, daß er behaupiet, wir Lutheraner lehrten, daß zu einem heilſamen Empfange der Abſolution nicht der Glaube, ſondern nur das Bekenniniß: „Meine Sünden ſind mir leid und ich will mich beſſern“, nöthig ſei. Wir Lutheraner können uns nur freuen, wenn wir ſehen, wie die Schwärmer mit Lügen umgehen müſſen, wenn ſie nur mit einigem Scheine unſere Lehre angreifen wollen. 1¹⁴ auch ſagen, Chriſtus habe uns in ſo fern erlöſ', als er uns die Bedingungen gelehrt habe, unter welchen wir aus unſeren Sünden erlöſ't werden könnten; durch ſein Blut habe er uns z. B. in dieſem Sinne erlöſ't, als er durch ſein geduldiges Bluten, Leiden und Sterben uns gezeigt hahe, wie man die Tugend der Liebe und Geduld üben und dadurch ſich ſelbſt erlöſen müſſe. Das heißt aber das Wort Gottes nicht aus legen, ſondern in dasſelbe hinein- und es widerlegen, nicht erklären, ſondern verkehren, nicht ſeinen ſüßen Troſtkern aufſchließen, ſondern herausnehmen und verſchließen, mit einem Worte, es für Spott und Scherz halten und mit Füßen treten. Aber, ſpricht man, wo haben die Apoſtel abſol⸗ virt, wie die Prediger der lutheriſchen Kirche? — Wir antworten: Wohl iſt es wahr, daß man zur Zeit der Apoſtel keine Kanzeln hatte, von denen herab am Schluſſe der Predigt die Abſolutionsfor⸗ mel verleſen worden wäre, wie jetzt in den luthe⸗ riſchen Kirchen; wohl iſt es wahr, daß man da⸗ mals keine mit Gittern verſehene Beichtſtühle hatte, von welchen aus demjenigen, welcher com⸗ municiren wollte, die Hand auf das Haupt gelegt und auf die von ihm abgelegte Privatbeichte die Vergebung ſeiner Sünden geſprochen worden wäre: aber obgleich wir in der apoſtoliſchen Kirche dieſe Form, dieſe Art und Weiſe, dieſe Ce⸗ remonien der Schlüſſelverwaltung nicht finden, ſo finden wir doch dieſelbe Sache. Bedenke erſt⸗ lich, lieber Leſer, wenn der heilige Apoſtel Paulus an die Corinther ſchreibt: „Laßt euch nicht ver⸗ führen: weder die Hurer, noch die Abgöttiſchen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenſchänder, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die Trunkenbolde, noch die Läſterer, noch die Räuber, werden das Reich Gottes ererben. Und ſolche ſind euer etliche geweſen: aber ihr ſeid abgewaſchen, ihr ſeid geheiliget, ihr ſeid gerecht geworden durch den Namen des SErrn JeEſu, und durch den Geiſt unſers Gottes“ —: was iſt das anderes, als eine offenbare Abſolution, die Paulus hier den gefallenen, aber bußfertigen Co⸗ rinthern ſpricht? (1 Cor. 6, 9 —11.) Ja, ſo oft die heiligen Apoſtel die Chriſten verſichern: „Ihr ſeid alle Gottes Kinder, durch den Glauben an Chriſto IEſu — Aus Gnaden ſeid ihr ſelig ge⸗ worden — Ihr waret weiland nicht in Gnaden, nun aber ſeid ihr in Gnaden“ — (Gal. 3, 26.; Epheſ. 2, 8.; 1 Pet. 2, 10.): was iſt das anderes, als wenn der HErr zu dem Gichtbrüchigen ſprach: „Sei getroſt, mein Sohn, deine Sünden ſind dir vergeben“? (Matth. 9, 2.) Bedenke ferner, wenn Ananias zu Saulo ſprach: „Laß dich taufen und abwaſchen deine Sünden“ (Ap. Geſch. 22, 16.), was iſt das anderes, als wenn Ananias geſagt hätte: Laß dich von mir abſolviren? War's nicht ein Glück, daß es damals noch keine Methodiſten gegeben hat? Würden dieſe nicht zu Ananias geſagt haben: Ei, du fleiſchlicher, blinder und unbekehrter Menſch, wie kannſt du ſagen, daß durch die Waſſertaufe ein Menſch abſolvirt und ihm die Sünden abgewaſchen werden! Der Geiſt, der Geiſt muß das thun! — Doch die lieben Apoſtel ſchreiben ſich die Macht, Sünden zu ver⸗ geben und zu behalten, auch ausdrücklich zu und ſie haben dieſelbe auch oft mit ausdrücklichen Worten und in der eigentlichſten Form geübt. Im 2. Briefe an die Corinther, im 2. Capitel, lieſt man, daß einſt ein Blutſchänder auf die Er⸗ mahnung des Apoſtels Paulus in ſeinem erſten Briefe (Cap. 5, 1—5.) von der ganzen Gemeinde in den Bann gethan und ſo hart „von vielen“ in der Verſammlung derſelben geſtraft worden war, daß dieſer Sünder nun nicht nur in ſich ging, ſondern auch am Rande der Verzweiflung ſtand. Was thut nun der heilige Apoſtel? Er ſchreibt u. a. fol gende Worte: „Es iſt genug, daß der⸗ ſelbe von vielen alſo geſtraft iſt; daß ihr nun hinfort ihm deſto mehr vergebet und tröſtet, auf daß er nicht in allzu großer Traurigkeit verſinke. Darum ermahne ich euch, daß ihr die Liebe an ihm beweiſet. Welchem aber ihr etwas vergebet, dem vergebe Ich auch. Denn auch Ich, ſo ich etwas vergebe jemanden, das vergebe ich um euretwillen, an Chriſti Statt.“ 2 Cor. 2, 6—10. Kann es deutlicher ausgeſprochen werden, daß der heilige Apoſtel wirklich an Chriſti Statt und im Namen der Gemeinde Sünden vergeben habe? — Dieſes Zeugniß iſt ſo klar, daß daher ſelbſt viele Feinde der Abſolution es nicht zu leugnen wagen, daß die heiligen Apoſtel wirklich die Macht, Sünden zu vergeben und zu behalten, gehabt und geübt haben. Aber, ſpricht man, wie will man beweiſen, daß auch die jetzigen Prediger des Evangeliums dieſe Macht beſitzen? Ruft nicht St. Paulus ſelbſt an einer andern Stelle aus: Sind ſie alle Apoſtel?“ (1 Cor. 12, 29.) Hierauf diene zur Antwort: Es iſt wahr, es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen einem Apoſtel und einem jetzigen Diener der Kirche: die Apoſtel wa⸗ ren unfehlbar in der Lehre, die jetzigen Kirchen⸗ diener nicht; die Apoſtel hatten die Macht, Wun⸗ der zu thun und zu weiſſagen, die jetzigen Kir⸗ chendiener nicht; die Apoſtel waren unmittelbar von Chriſto, dem Sohne Gottes, berufen, die jetzigen Kirchendiener mittelbar durch Menſchen; die Apoſtel hatten den Beruf, in alle Welt zu gehen, die jetzigen Kirchendiener ſind beſchränkt auf das Feld der „Heerde Chriſti, ſo ihnen befoh⸗ len iſt“. Allein was das Amt, das Evangelium zu predigen, und was damit zuſammenhängt, be⸗ trifft, da findet kein Unterſchied ſtatt. Oder gilt das Wort des HErrn: „Prediget das Evange⸗ lium“, nur den Apoſteln? Gilt ſein Befehl: „Taufet im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geiſtes“, nur den Zwölfen? Gilt ſeine Ordnung: „Solches thut zu meinem Ge⸗ dächtniß“, nur den auserwählten Jüngern? — Nein, Chriſtus ſpricht ausdrücklich zu denſelben von denen, welchen ſie predigen würden: „Und lehret ſie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und ſiehe! Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Matth. 28, 20. So gewiß daher jene Gebote, zu lehren, zu taufen und das heilige Abendmahl zu halten, die Chri⸗ ſten oder die Kirche aller Zeiten angehen und ſo gewiß dieſelbe alles halten ſoll, was den Jün⸗ gern befohlen war, ſo gewiß gilt auch der Kircht aller Zeiten bis an der Welt Ende der Befehl