Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 13 › Seite 101
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-02-16, Seite 101
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lehre. — Reine Lehre 5
Die Pfarrer ſind ſelbſt nicht einig.
(Fortſetzung und Schluß.)
Odu armer Menſch! Freuſt dich, nichts Ge⸗
wiſſes über die Ewigkeit zu wiſſen, wie die
Thiere, damit du nur recht, wie die Thiere, dein
zeitliches Leben nach deinem Inſtinct und deinen
Trieben ſo nach und nach abwickeln kannſt, ohne
von einem Gedanken an die Ewigkeit geſtört zu
werden! Bis in den Mittelpunkt der Erde ſollteſt
du graben, um etwas Gewiſſes über die Ewigkeit
zu erfahren, — du ſollteſt deinen Kopf nicht ruhig
ſchlafen legen können, bis du wüßteſt, ob du ein
ewiges Leben zu erwarten haſt, oder ob du unter
die Thiere zu rechnen biſt, mit denen es aus iſt,
wenn ſie ſterben! Du biſt recht zu bedauern, daß
du ſo gern im Finſtern ſitzeſt und die Unwiſſen⸗
heit über das Ewige und über den Weg zur Selig⸗
keit ſo lieb haſt — Nun aber, wenn du denn das
für deine größte Weisheit auf Erden hältſt, in der
Ungewißheit des Jenſeits zu bleiben; ſo ſei dir
von mir deine Weisheit mit Jammer gelaſſen, —
ich mag ſie nicht! Gib du nur Acht, wie weit du
damit kommſt! ü
3.
Du antworteſt: „Nun, iſt's denn nicht wahr?
Widerſprechen ſich denn die Pfarrer nicht immer
einander? Was kann ich dafür, wenn ich nichts
weiß? Das haben die Pfarrer auszumachen, was
wahr iſt: ich habe keine Zeit dazu, meine Bauerei
macht mir ſo viel Arbeit und Sorgen, daß ich
keine Zeit, keine Luſt, keinen Witz für den Pfar⸗
rersſtreit übrig habe! Wenn ſie einmal alle einig
ſind, dann will ich ihnen glauben; ſo lange ſie
ſtreiten, glaub ich gar nichts! — Weißt du, was
ich dir darauf ſage? Ich ſage, wenn du geſchwie⸗
gen hätteſt, wäreſt du geſcheuter geweſen, als nun,
nachdem du geredet haſt. Du biſt ja kein Haar
breit weiter, wie Pilatus! Der ſah auch, daß in
der Welt verſchiedene Predigten über die Wahr⸗
heit waren, mochte ſich, gerade wie du, keine
Mühe nehmen, die Wahrheit zu erforſchen, und
fertigte den großen König der Wahrheit mit der
leichtfertigen Rede ab: „Was iſt Wahrheit?“
Es iſt wahr: du weißt allerdings nicht, was Wahr⸗
heit iſt, aber du magſt dir auch keine Mühe geben,
die Wahrheit kennen zu lernen, — und drum iſt
deine Unwiſſenheit eine verſchuldete und ſtrafbare,
für welche du dich gewiß nicht wirſt verantworten
können, wenn dir's einmal in die Hände geht,
daß es eine Wahrheit und eine Ewigkeit gibt!
— Wenn die Pfarrer ſtritten und alleine Ver⸗
ſtand hätten, Gottes Wort zu leſen, dann wäreſt
du unſchuldig! Aber du haſt auch deine Augen
im Kopf und hinter ihnen deinen Verſtand, und
wenn dein Herz Luſt hat, kannſt du ſtündlich deine
Bibel aufſchlagen und leſen und nachdenken, und
ſeufzen zu Gott, bis du weißt, wer Recht hat von
den zwei Parteien unter den Pfarrern, oder ob
etwa gar keine Recht hat. — Du antworteſt hier⸗
auf etwa: „Was? wenn die Pfarrer aus der
Bibel nicht klug werden, ſoll ich klug werden?
Ich kann doch nicht hebräiſch und griechiſch, daß
ich die Bibel leſen kann!“ Aber ſieh, das heißt
nichts geredet. Du weißt, daß Dr. Martin
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Luther die Bibel in's Deutſche überſetzt hat und
alle Pfarrer, die einen wie die andern, ſagen, daß
der Luther ſeine Arbeit ganz vortrefflich gemacht
hat, ſo daß nun Jeder die Bibel leſen kann, auch
ohne Hebräiſch und Griechiſch. Und dann muß
ich dir. nur ſagen, was an dem Streit der Pfarrer
Schuld ſei! Meinſt du etwa, die Bibel ſei nicht
deutlich genug, drum ſtreiten die Pfarrer? Da
irrſt du groß! Ich ſage dir, die Bibel iſt in
allen den Stücken, welche die Ewigkeit, die Se⸗
ligkeit und den Weg zur Seligkeit anlangen, ſo
deutlich und klar, daß jeder es verſtehen kann,
wenn er nur will. Aber wie du ſie nicht
verſtehen willſt, ſo wollen die Pfarrer manchmal
auch nicht, — und wenn ſie dann nicht verſtehen
wollen, was geſchrieben ſteht, ſo deuteln und dre⸗
hen ſie ſo lang an dem klaren Gotteswort, bis es
verdeutelt und verdreht iſt, bis es zu ihren Lüſten
und zu ihrem weltlichen Wandel ſtimmt. Summa,
wenn ſich einer eben nicht bekehren will, ſei's
Pfarrer oder Bauer, wenn er den Heilsweg, den
Weg zur Seligkeit nicht betreten will, der in der
Bibel ſteht, denn verdreht er die Bibel und wider⸗
ſpricht den Leuten und Pfarrern, welche ſie recht
verſtehen, — dieſe halten dann bei der Wahrheit
aus und widerſprechen auch wieder, und ſo
kommt's dann, daß zwei ſtreitende Parteien unter
den Pfarrern ſind! — — Da haſt du die ganze
Wahrheit! Sag, willſt du dich bekehren? Wenn
du das willſt, ſo ſetz dich mit Seufzen zu Gott
an dein neues Teſtament und darnach an's alte,
und lies treulich und täglich und vergleich, was
der Pfarrer ſagt und der andere: was gilt's, du
wirſt bald heraus haben, wo die Wahrheit iſt —
und daß ſie nirgends anders iſt, als bei den
Pfarrern, die nach dem Catechismus Lutheri und
nach der Augsburgiſchen Confeſſion und nach den
alten Liedern lehren, die nun hie und da wieder
aufkommen und gedruckt werden! — — Es iſt
drum gewiß und wahr, was der HErr IEſus
Chriſtus zu den Juden ſagt: „Suchet in der
Schrift, denn ihr meinet, ihr habet das ewige
Leben darinnen, und ſie iſt es, die von mir zeuget.
Und ihr wollet nicht zu mir kommen, daß ihr
das Leben haben möchtet“ (drum leſet ihr nicht
und ſuchet nicht, meint der HErr), Joh. 5, 39.40.
4.
Darauf ſagſt du: „s' iſt wahr, ich muß in der
Zukunft mehr in der Bibel leſen, und ich will
auch einmal ſehen, ob ich es dahin bringe; allein
bis jetzt habe ich eben immer gedacht, die alten
Pfarrer, welche es mit den Sünden und mit dem
Blute Chriſti nicht ſo gar genau genommen
haben, ſind doch auch Leute geweſen, und zwar
alte Leute, aber die andern, die da in einem fort
von der Buße und vom Glauben reden, ſind doch
meiſtens junge Leute, und da bringen ſie eben
eine junge neue Lehre. Von den Neuerungen bin
ich aber gar kein Freund.“
Wohl geſprochen, Freund! Mit den Neuerun⸗
gen muß man etwas langſam ſein, denn ſie ſind
nicht allemal Verbeſſerungen, — und eben ſo muß
man auch die jungen Pfarrer ſcharf in's Auge
faſſen, denn es könnte ſich ihr Fleiſch und Blut
freilich hie und da einmiſchen. Doch gib auch
wohl Acht, daß du einen Unterſchied machſt und
nicht das Kind mit dem Bade ausſchütteſt. Es
iſt möglich, daß ein Junger eine alte Lehre auf⸗
bringt und ein Alter eine neue: wer ſteht dir gut
dafür, daß die Jungen, die du meinſt, nicht die
alte, und die Alten nicht die neue haben. Ein
Menſch iſt alt, wenn er 60, 70, 80 Jahre gelebt
hat; aber was iſt das für ein Alter für eine
Lehre, für eine Religion? Kann ſein, die Lehre,
welche die Jungen jetzt gerne predigen, iſt ſchon
vor denen da geweſen, die ſie für neu ausſchreien,
ja etwa gar vor unſern Urgroßvätern und noch
viel hundert Jahre weiter hinauf. Und kann
auch ſein, die Lehre, welche die Pfarrer predigen,
die nun grauköpfig ſind, iſt nicht älter und grauer,
als ſie ſelber, und das wäre dann doch etwas viel
jung für eine Lehre, auf welche man leben und
ſterben ſoll. Es wohnt ja manchmal ein alter
Mann auch in einem neuen Haus, das er oder
ſein Vater erſt gebaut haben, — während mancher
junge Mann in einem Hauſe wohnt, wo Dr.
Luther oder einer von ſeinen Freunden ſchon ein⸗
gekehrt ſind. Nun ſieh, ſo kann's mit der Lehre
auch ſein, und ich könnte wetten, daß du's ſelber
ſo finden wirſt, wenn du die Bibel mit den alten
und mit den jungen Pfarrern vergleichſt. Ver⸗
gleich nur die Bibel, — und red' mir nichts
mehr, ehe du das gethan haſt. Denn die Bibel
iſt kurzum das älteſte Buch in der Welt und iſt
ſchon über 1700 Jahre ganz fertig, nachdem die
heiligen Propheten ſchon über anderthalbtauſend
Jahre daran gearbeitet hatten. Ihre Lehre iſt
alſo ſchon ſeit etwa viertehalbtauſend Jahren zu
ſchreiben angefangen worden, — ja, ſie iſt älter,
als ſie bekannt iſt, denn ſie iſt Gottes Wort, und
Gott iſt ewig. Wenn drum ein Pfarrer mit der
Bibel übereinſtimmt; ſo hat er nicht bloß die
beſte, ſondern, wenn dir daran etwas beſonderes
liegt, auch die älteſte Lehre. Ein ſolcher Pfarrer
iſt dann, wenn er gleich jung iſt, dennoch älter,
als alle ſeine Lehrer, die ihr Menſchenfündlein
gelehrt haben, und, wenn ſein Kopf noch ſchwarz
und braun iſt, ſchon erfahrener als alle alten
Pfarrer, die eine junge Lehre predigen. Gottes
Wort erfahren iſt die beſte Erfahrung — und
weil das heut zu Tag mehr Junge als Alte
erfahren haben, ſo iſt jetzt eine wunderliche Zeit,
wo das Wort: „Bei den Alten iſt Weisheit“
nicht allgemein gilt, ſo wahr es von frommen
Greiſen geſagt werden kann.
5.
Alſo iſt die Lehre ſo manches Alten (denn es
gibt ſchon hie und da noch einen Greis, den Gott
mit Seinem Evangelium geſalbet hat) jung und
du kannſt, lieber Leſer, fragen, wo denn die
junge Lehre herkam?
Darauf antworte ich dir: Das hat der
Feind gethan! Da die Leute ſchliefen,
ſäete er Unkraut. Im vorigen Jahrhundert,
in der zweiten Hälfte, beſonders gegen das Ende
hin, da ergaben ſich die Diener des Worts mehr
und mehr in einen tiefen Schlummer, in welchen
ſie der Hurengeſang einer falſchberühmten Weis⸗
heit vollends einſang und dann in demſelben er⸗
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