# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 02 16_S101 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Die Pfarrer ſind ſelbſt nicht einig. (Fortſetzung und Schluß.) Odu armer Menſch! Freuſt dich, nichts Ge⸗ wiſſes über die Ewigkeit zu wiſſen, wie die Thiere, damit du nur recht, wie die Thiere, dein zeitliches Leben nach deinem Inſtinct und deinen Trieben ſo nach und nach abwickeln kannſt, ohne von einem Gedanken an die Ewigkeit geſtört zu werden! Bis in den Mittelpunkt der Erde ſollteſt du graben, um etwas Gewiſſes über die Ewigkeit zu erfahren, — du ſollteſt deinen Kopf nicht ruhig ſchlafen legen können, bis du wüßteſt, ob du ein ewiges Leben zu erwarten haſt, oder ob du unter die Thiere zu rechnen biſt, mit denen es aus iſt, wenn ſie ſterben! Du biſt recht zu bedauern, daß du ſo gern im Finſtern ſitzeſt und die Unwiſſen⸗ heit über das Ewige und über den Weg zur Selig⸗ keit ſo lieb haſt — Nun aber, wenn du denn das für deine größte Weisheit auf Erden hältſt, in der Ungewißheit des Jenſeits zu bleiben; ſo ſei dir von mir deine Weisheit mit Jammer gelaſſen, — ich mag ſie nicht! Gib du nur Acht, wie weit du damit kommſt! ü 3. Du antworteſt: „Nun, iſt's denn nicht wahr? Widerſprechen ſich denn die Pfarrer nicht immer einander? Was kann ich dafür, wenn ich nichts weiß? Das haben die Pfarrer auszumachen, was wahr iſt: ich habe keine Zeit dazu, meine Bauerei macht mir ſo viel Arbeit und Sorgen, daß ich keine Zeit, keine Luſt, keinen Witz für den Pfar⸗ rersſtreit übrig habe! Wenn ſie einmal alle einig ſind, dann will ich ihnen glauben; ſo lange ſie ſtreiten, glaub ich gar nichts! — Weißt du, was ich dir darauf ſage? Ich ſage, wenn du geſchwie⸗ gen hätteſt, wäreſt du geſcheuter geweſen, als nun, nachdem du geredet haſt. Du biſt ja kein Haar breit weiter, wie Pilatus! Der ſah auch, daß in der Welt verſchiedene Predigten über die Wahr⸗ heit waren, mochte ſich, gerade wie du, keine Mühe nehmen, die Wahrheit zu erforſchen, und fertigte den großen König der Wahrheit mit der leichtfertigen Rede ab: „Was iſt Wahrheit?“ Es iſt wahr: du weißt allerdings nicht, was Wahr⸗ heit iſt, aber du magſt dir auch keine Mühe geben, die Wahrheit kennen zu lernen, — und drum iſt deine Unwiſſenheit eine verſchuldete und ſtrafbare, für welche du dich gewiß nicht wirſt verantworten können, wenn dir's einmal in die Hände geht, daß es eine Wahrheit und eine Ewigkeit gibt! — Wenn die Pfarrer ſtritten und alleine Ver⸗ ſtand hätten, Gottes Wort zu leſen, dann wäreſt du unſchuldig! Aber du haſt auch deine Augen im Kopf und hinter ihnen deinen Verſtand, und wenn dein Herz Luſt hat, kannſt du ſtündlich deine Bibel aufſchlagen und leſen und nachdenken, und ſeufzen zu Gott, bis du weißt, wer Recht hat von den zwei Parteien unter den Pfarrern, oder ob etwa gar keine Recht hat. — Du antworteſt hier⸗ auf etwa: „Was? wenn die Pfarrer aus der Bibel nicht klug werden, ſoll ich klug werden? Ich kann doch nicht hebräiſch und griechiſch, daß ich die Bibel leſen kann!“ Aber ſieh, das heißt nichts geredet. Du weißt, daß Dr. Martin 10¹ Luther die Bibel in's Deutſche überſetzt hat und alle Pfarrer, die einen wie die andern, ſagen, daß der Luther ſeine Arbeit ganz vortrefflich gemacht hat, ſo daß nun Jeder die Bibel leſen kann, auch ohne Hebräiſch und Griechiſch. Und dann muß ich dir. nur ſagen, was an dem Streit der Pfarrer Schuld ſei! Meinſt du etwa, die Bibel ſei nicht deutlich genug, drum ſtreiten die Pfarrer? Da irrſt du groß! Ich ſage dir, die Bibel iſt in allen den Stücken, welche die Ewigkeit, die Se⸗ ligkeit und den Weg zur Seligkeit anlangen, ſo deutlich und klar, daß jeder es verſtehen kann, wenn er nur will. Aber wie du ſie nicht verſtehen willſt, ſo wollen die Pfarrer manchmal auch nicht, — und wenn ſie dann nicht verſtehen wollen, was geſchrieben ſteht, ſo deuteln und dre⸗ hen ſie ſo lang an dem klaren Gotteswort, bis es verdeutelt und verdreht iſt, bis es zu ihren Lüſten und zu ihrem weltlichen Wandel ſtimmt. Summa, wenn ſich einer eben nicht bekehren will, ſei's Pfarrer oder Bauer, wenn er den Heilsweg, den Weg zur Seligkeit nicht betreten will, der in der Bibel ſteht, denn verdreht er die Bibel und wider⸗ ſpricht den Leuten und Pfarrern, welche ſie recht verſtehen, — dieſe halten dann bei der Wahrheit aus und widerſprechen auch wieder, und ſo kommt's dann, daß zwei ſtreitende Parteien unter den Pfarrern ſind! — — Da haſt du die ganze Wahrheit! Sag, willſt du dich bekehren? Wenn du das willſt, ſo ſetz dich mit Seufzen zu Gott an dein neues Teſtament und darnach an's alte, und lies treulich und täglich und vergleich, was der Pfarrer ſagt und der andere: was gilt's, du wirſt bald heraus haben, wo die Wahrheit iſt — und daß ſie nirgends anders iſt, als bei den Pfarrern, die nach dem Catechismus Lutheri und nach der Augsburgiſchen Confeſſion und nach den alten Liedern lehren, die nun hie und da wieder aufkommen und gedruckt werden! — — Es iſt drum gewiß und wahr, was der HErr IEſus Chriſtus zu den Juden ſagt: „Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darinnen, und ſie iſt es, die von mir zeuget. Und ihr wollet nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet“ (drum leſet ihr nicht und ſuchet nicht, meint der HErr), Joh. 5, 39.40. 4. Darauf ſagſt du: „s' iſt wahr, ich muß in der Zukunft mehr in der Bibel leſen, und ich will auch einmal ſehen, ob ich es dahin bringe; allein bis jetzt habe ich eben immer gedacht, die alten Pfarrer, welche es mit den Sünden und mit dem Blute Chriſti nicht ſo gar genau genommen haben, ſind doch auch Leute geweſen, und zwar alte Leute, aber die andern, die da in einem fort von der Buße und vom Glauben reden, ſind doch meiſtens junge Leute, und da bringen ſie eben eine junge neue Lehre. Von den Neuerungen bin ich aber gar kein Freund.“ Wohl geſprochen, Freund! Mit den Neuerun⸗ gen muß man etwas langſam ſein, denn ſie ſind nicht allemal Verbeſſerungen, — und eben ſo muß man auch die jungen Pfarrer ſcharf in's Auge faſſen, denn es könnte ſich ihr Fleiſch und Blut freilich hie und da einmiſchen. Doch gib auch wohl Acht, daß du einen Unterſchied machſt und nicht das Kind mit dem Bade ausſchütteſt. Es iſt möglich, daß ein Junger eine alte Lehre auf⸗ bringt und ein Alter eine neue: wer ſteht dir gut dafür, daß die Jungen, die du meinſt, nicht die alte, und die Alten nicht die neue haben. Ein Menſch iſt alt, wenn er 60, 70, 80 Jahre gelebt hat; aber was iſt das für ein Alter für eine Lehre, für eine Religion? Kann ſein, die Lehre, welche die Jungen jetzt gerne predigen, iſt ſchon vor denen da geweſen, die ſie für neu ausſchreien, ja etwa gar vor unſern Urgroßvätern und noch viel hundert Jahre weiter hinauf. Und kann auch ſein, die Lehre, welche die Pfarrer predigen, die nun grauköpfig ſind, iſt nicht älter und grauer, als ſie ſelber, und das wäre dann doch etwas viel jung für eine Lehre, auf welche man leben und ſterben ſoll. Es wohnt ja manchmal ein alter Mann auch in einem neuen Haus, das er oder ſein Vater erſt gebaut haben, — während mancher junge Mann in einem Hauſe wohnt, wo Dr. Luther oder einer von ſeinen Freunden ſchon ein⸗ gekehrt ſind. Nun ſieh, ſo kann's mit der Lehre auch ſein, und ich könnte wetten, daß du's ſelber ſo finden wirſt, wenn du die Bibel mit den alten und mit den jungen Pfarrern vergleichſt. Ver⸗ gleich nur die Bibel, — und red' mir nichts mehr, ehe du das gethan haſt. Denn die Bibel iſt kurzum das älteſte Buch in der Welt und iſt ſchon über 1700 Jahre ganz fertig, nachdem die heiligen Propheten ſchon über anderthalbtauſend Jahre daran gearbeitet hatten. Ihre Lehre iſt alſo ſchon ſeit etwa viertehalbtauſend Jahren zu ſchreiben angefangen worden, — ja, ſie iſt älter, als ſie bekannt iſt, denn ſie iſt Gottes Wort, und Gott iſt ewig. Wenn drum ein Pfarrer mit der Bibel übereinſtimmt; ſo hat er nicht bloß die beſte, ſondern, wenn dir daran etwas beſonderes liegt, auch die älteſte Lehre. Ein ſolcher Pfarrer iſt dann, wenn er gleich jung iſt, dennoch älter, als alle ſeine Lehrer, die ihr Menſchenfündlein gelehrt haben, und, wenn ſein Kopf noch ſchwarz und braun iſt, ſchon erfahrener als alle alten Pfarrer, die eine junge Lehre predigen. Gottes Wort erfahren iſt die beſte Erfahrung — und weil das heut zu Tag mehr Junge als Alte erfahren haben, ſo iſt jetzt eine wunderliche Zeit, wo das Wort: „Bei den Alten iſt Weisheit“ nicht allgemein gilt, ſo wahr es von frommen Greiſen geſagt werden kann. 5. Alſo iſt die Lehre ſo manches Alten (denn es gibt ſchon hie und da noch einen Greis, den Gott mit Seinem Evangelium geſalbet hat) jung und du kannſt, lieber Leſer, fragen, wo denn die junge Lehre herkam? Darauf antworte ich dir: Das hat der Feind gethan! Da die Leute ſchliefen, ſäete er Unkraut. Im vorigen Jahrhundert, in der zweiten Hälfte, beſonders gegen das Ende hin, da ergaben ſich die Diener des Worts mehr und mehr in einen tiefen Schlummer, in welchen ſie der Hurengeſang einer falſchberühmten Weis⸗ heit vollends einſang und dann in demſelben er⸗