Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 13 › Seite 99
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-02-16, Seite 99
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengehen 6 · Zonntag · Sonntag 1
daß man den Tag heiligen ſoll, mehr, denn am
Feiren. Denn GOtt ſpricht nicht: Du ſollt den
heiligen Tag feiern, oder Sabbath machen; das
findet ſich wol ſelber: ſon dern, du ſollt den Feier⸗
tag oder Sabbath heiligen, daß ihm gar viel mehr
am Heiligen, denn am Feiren liegt. Und wo eines
ſollte oder könnte nachbleiben, ſo wäre beſſer das
Feiren, denn das Heiligen nach bliebe; weil das
Gebot allermeiſt aufs Heiligen dringet, und den
Sabbath nicht gebeut um ſein ſelber willen, ſon⸗
dern um des Heiligen willen. Die Jüden aber
achten das Feiren höher, welches GOtt und Mo⸗
ſes nicht thun, aus ihrem eigenen Zuſatz, denn
das Heiligen.
„Daß nun Moſes den „„ſiebenten““ Tag nen⸗
net und wie GOtt die Welt in ſechs Tagen ge⸗
ſchaffen hat, darum ſie nichts arbeiten ſollen, das iſt
der zeitliche Schmuck, damit Moſes dies Gebot ſei⸗
nem Volk inſonderheit zu der Zeit anzeucht. Denn
vorhin findet man ſolches nicht geſchrieben, weder
von Abraham, noch der alten Väter Zeiten, ſon⸗
dern iſt ein zeitlicher Zuſatz und Schmuck, allein
auf dies Volk, ſo aus Egypten geführt iſt, geſtel⸗
let, der auch nicht ewig bleiben ſollte, ſo wenig als
das ganze Geſetz Moſis. Aber das Heiligen,
das iſt, Gottes Wort lehren und predigen, wel⸗
ches iſt die rechte, lautere und bloße Meinung
dieſes Gebots, iſt von Anfang an geweſ't, und
bleibet für und für bei aller Welt. Darum uns
Heiden der ſiebente Tag nichts angehet, auch die
Jüden ſelbſt nicht länger angehet, denn bis auf
Meſſiam; wiewohl die Natur und Noth zwinget,
daß, welches Tages oder Stunde GOites Wort
geprediget wird, daß man daſelbſt, wie geſagt,
ſtille ſein muß, feiren oder Sabbath halten. Denn
Gottes Wort kann nicht gehöret noch gelehret
werden, wo man dieweil auf etwas anderes ge⸗
denket oder nicht ſtille iſt.
„Darum ſpricht auch Jeſaias Cap. 66, 23., daß
ſolcher ſiebenter Tag oder Schmuck Moſis, wie
ichs nenne, ſolle aufhören zu Meſſias Zeiten,
wenn das rechte Heiligen und GOttes Wort
reichlich kommen wird: „„Es wird ſein““, ſpricht
er, „„ein Sabbath am andern, ein neuer Mond
am andern““, das iſt, es wird eitel Sabbath und
fein ſonderlicher ſiebenter Tag, oder ſechs Tage
darzwiſchen ſein: denn das Heiligen, oder GOttes
Wort, wird täglich und reichlich gehen, und alle
Tage zu Sabbathen werden.“
3. In Luthers Auslegung der zehen Gebote
vom Jahre 1538 heißt es § 1—3 alſo:
„„Dies iſt mein Gebot““, ſpricht Chriſtus
Joh. am 15, 12., „„daß ihr euch untereinander
liebet““; und wie Paulus Röm. 13, 10. ſagt:
„„Die Liebe iſt die Erfüllung des Geſetzes.““
So man die Liebe hat, iſt kein Geſetz nöthig; hat
man ſie nicht, ſo iſt kein Geſetz genug. Darum
wird in dieſem dritten Gebot das Werk geboten,
ja, vielmehr die Ruhe, daß man GOtt mit Wer⸗
kten nicht erzürne. Denn eigentlich wird am
Feiertage kein Werk geboten. Und alſo bereiten
die drei erſten Gebote den Menſchen zu GOtt,
als eine lautere Materie, daß er im Herzen,
Mund und Werken Ruhe habe, das iſt, daß er
eine lautere Ruhe im innerlichen, äußerlichen und
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mittleren Menſchen habe, welche da ſind, der ſinn⸗
liche, vernünftige und geiſtliche Menſch.
„Hie ſollt du zwei Dinge merken. Das erſte:
Der Sabbath war geboten den Jüden zu feiren
im Fürbilde, wie das St. Paulus deutlich anzei⸗
get Coloſſ. 2, 17., da er ſpricht: „„Die da ſind
ein Schatten des Zukünftigen, aber der Leib iſt
in Chriſto.““ Darum alle Dienſtarbeit und
Handthierung, wiewohl ſie an ſich ſelbſt gut ſind,
bedeuten die unziemlichen ſündlichen Werke des
alten Menſchen. Denn gleichwie etliche Thiere
der Bedeutung halben unrein waren, ob ſie wohl
an ſich ſelbſt gut, rein und geſund waren, als von
GOtt erſchaffen, und doch unrein und böſe Ding
bedeuteten; alſo iſt es mit den leiblichen Werken,
die am Feiertage verboten ſind (wiewohl ſie an
ihnen ſelbſt gut ſind); denn ſie bedeuten zukünf⸗
tige Offenbarung des Uebels. Alſo, der Jüden
Sabbath bedeutet die geiſtliche Zeit, die Chriſtus,
die Sonne der Gerechtigkeit, erleuchtet hat, welche
Zeit keine Nacht hat. Eſa. 66, 23.: „„Es wird
ein Monat am andern, und ein Sabbath am
andern ſein.“ Und St. Paulus ſtrafet die
Galater, Gal. 4, 10., daß ſie nach äußerlichem
jüdiſchen Schein Tage, Monden und Jahrzeit
hielten. ö
„Darum hat dies Gebot eigentlich, ja, alle
Gebote, aufgehöret bei den vollkommenen Chriſten.
„„Denn dem Gerechten iſt kein Geſetz gegeben““,
1 Timoth. 1, 9. Doch hat die Kirche etliche Feſte
behalten, der Unvollkommenen halben, denen das
Wort GOttes noth iſt. Aber ein wahrer gerech⸗
ter Menſch iſt alſo gottförmig, daß ihm alle Tage
gleich heilig ſind; gleichwie bei GOtt kein Unter⸗
ſcheid der Tage, Stätte oder Perſon iſt. Nichts
deſtoweniger iſt denen Schwachen, bei denen der
alte Menſch noch nicht erſtorben iſt, noth, daß ſie
ſich üben im gewiſſen Gottesdienſt, Tagen, Sitten,
Wochen, Faſten, Arbeit, Gebet, Zucht und der⸗
gleichen, damit ſie gelangen zum Wachsthum des
inwendigen Menſchen. Und ſo nun der Leib ka⸗
ſteiet und in Dienſt gezwungen, und die unor⸗
dentlichen Begierden ertödtet, ſo müſſen dieſelben
mählich aufhören, und ſo viel gemindert werden,
ſo viel der innerliche Menſch zunimmt. Und ſo
es dazu käme, daß der Menſch vollkommen würde,
ſo würden ſolche Uebungen gar aufhören, wie
St. Paulus ſpricht Gal. 3, 24.: „„Das Geſetz
iſt unſer Zuchtmeiſter geweſen in Chriſto.““
Denn das Geſetz hat nichts zur Vollkommenheit
gebracht. Aber St. Johannes, der Täufer, iſt
„„vorhergegangen dem HErrn, zu bereiten ein
vollkommen Volk““, Luc. 1, 17.“
(Eingeſandt von Paſtor Röbbelen.)
Der amerikaniſche Botſchafter
iſt nach ſeinem eigenen Bekenntniß „ein Blatt,
das, aller kirchlichen und gelehrten Streitfragen
ſich enthaltend, nur die unter allen evangeliſchen
Kirchenabtheilungen gleich unbedingt anerkannten
Grundwahrheiten des Chriſtenthums verkündigt,
und dadurch Seelen für den HErrn und Sein
Reich zu gewinnen ſucht, ohne nach ihrer Confeſ⸗
ſion zu fragen“.
Wir fragen: Gibt es ſolche „unter allen
evangeliſchen Kirchenabtheilungen gleich unbe⸗
dingt anerkannte Grundwahrheiten des Chri⸗
ſtenthums“?
Faſſen wir, um dieſe Frage zu beantworten,
die beſonderen Lehren der einzelnen Kirchenabthei⸗
lungen, die ſich evangeliſch nennen, ins Auge, ſo
ergibt ſich, um der übrigen zu geſchweigen, eine
Abweichung in folgenden beiden Lehren, von de⸗
nen Jeder ſelbſt urtheilen möge, ob ſie Haupt⸗
und Grundwahrheiten oder unweſentliche Theile
der heiligen Offenbarung ſind: in der Lehre von
der Rechtfertigung eines armen Sünders vor
Gott und von der Art und Weiſe, wie ihm die
Gnade von Gott dargereicht wird, oder den Gna⸗
denmitteln. Von der erſteren lehren die Luthera⸗
ner, daß ſie allein durch den Glauben geſchehe,
den Gott vermittelſt ſeiner Gnadenmittel wirke,
Col. 2, 12. Die Calviniſten leiten ſie aus un⸗
bedingter Wahl Gottes her; die Zwinglianer aus
einem Glauben, der in ſich ſelbſt ruht und der
Zeugniſſe der Gnade Gottes in den Sacramen⸗
ten nicht bedarf; die Methodiſten zum Theil aus
dem Glauben, zum Theil aus eigener Heiligkeit;
die Baptiſten ebenfalls, nur mit noch entſchiede⸗
nerem Ausſchluß des fremden Verdienſtes, das da
gerecht macht in Chriſto. Von dem Letzteren, den
Gnadenmitteln, wird allein bei den Lutheranern
die Lehre geführt, daß Wort und Sacrament
die kräftigen Werkzeuge ſind, durch welche Gott'
ſeine Gnade mittheilt und ſeine Kinder zubereitet.
Bei allen anderen „evangeliſchen Kirchenabthei⸗
lungen“ wird dem Glauben das von Gott in ſei⸗
nem Worte verordnete ſichtbare Gefäß ſeiner
Gnade entzogen und eine unmittelbare Gnaden⸗
wirkung des Heiligen Geiſtes mit mehr oder weni⸗
ger Ausſchluß auch des Wortes ſelbſt gelehrt.
Denn obgleich wohl keine unterläßt, das Wort zu
treiben, ſo zeigt doch das Verfahren der ungläu⸗
bigen Vernunftlehrer, wie wenig dies eine Ge⸗
währ dafür bietet, daß das Wort als Gnaden⸗
mittel geehrt und gebraucht werde. Von denſel⸗
ben verwerfen nemlich gar Viele die Bibel nicht,
wie ſehr ſie auch die Ausſprüche nach ihrem Sinn
deuten, weil ſie wohl wiſſen, daß man gar wohl
die Schrift leſen und treiben kann, ohne ſich ihr
zu unterwerfen und auf dieſelbe als auf das un⸗
trügliche Pfand des Gnadenwillens Gottes ſein
Vertrauen zu gründen. Iſt aber wohl irgend
eine Kirchenabtheilung in der Welt, außer der
„lutheriſchen“, welche die Schrift in dieſer ihrer
vollen, von Gott gewollten Gnadenkraft annimmt
und z. B. eine angefochtene Seele zu nichts An⸗
derem anhält, als ſich anzuklammern an das „Es
ſtehet geſchrieben!“ und in dem geſchriebenen
Wort Gottes ſelbſt, ohne Rückſicht auf den eige⸗
nen Zuſtand, die nemliche Gewißheit der Begna⸗
digung zu finden, die ein Schuldner an der ihm
zugeſandten zerriſſenen Handſchrift ſeines Gläu⸗
bigers über die von einem Andern für ihn bezahlte
Schuld hat? Wird nicht in allen das unmittel⸗
telbare Handeln mit Gott durchs Gebet, das im
Herzen erfahrene Walten der Gnade, der geringere
oder ſtärkere Grad der Buße und des Glaubens —
kurz: das, was vorbereitend zum Ergreifen der
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