# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 02 16_S99 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) daß man den Tag heiligen ſoll, mehr, denn am Feiren. Denn GOtt ſpricht nicht: Du ſollt den heiligen Tag feiern, oder Sabbath machen; das findet ſich wol ſelber: ſon dern, du ſollt den Feier⸗ tag oder Sabbath heiligen, daß ihm gar viel mehr am Heiligen, denn am Feiren liegt. Und wo eines ſollte oder könnte nachbleiben, ſo wäre beſſer das Feiren, denn das Heiligen nach bliebe; weil das Gebot allermeiſt aufs Heiligen dringet, und den Sabbath nicht gebeut um ſein ſelber willen, ſon⸗ dern um des Heiligen willen. Die Jüden aber achten das Feiren höher, welches GOtt und Mo⸗ ſes nicht thun, aus ihrem eigenen Zuſatz, denn das Heiligen. „Daß nun Moſes den „„ſiebenten““ Tag nen⸗ net und wie GOtt die Welt in ſechs Tagen ge⸗ ſchaffen hat, darum ſie nichts arbeiten ſollen, das iſt der zeitliche Schmuck, damit Moſes dies Gebot ſei⸗ nem Volk inſonderheit zu der Zeit anzeucht. Denn vorhin findet man ſolches nicht geſchrieben, weder von Abraham, noch der alten Väter Zeiten, ſon⸗ dern iſt ein zeitlicher Zuſatz und Schmuck, allein auf dies Volk, ſo aus Egypten geführt iſt, geſtel⸗ let, der auch nicht ewig bleiben ſollte, ſo wenig als das ganze Geſetz Moſis. Aber das Heiligen, das iſt, Gottes Wort lehren und predigen, wel⸗ ches iſt die rechte, lautere und bloße Meinung dieſes Gebots, iſt von Anfang an geweſ't, und bleibet für und für bei aller Welt. Darum uns Heiden der ſiebente Tag nichts angehet, auch die Jüden ſelbſt nicht länger angehet, denn bis auf Meſſiam; wiewohl die Natur und Noth zwinget, daß, welches Tages oder Stunde GOites Wort geprediget wird, daß man daſelbſt, wie geſagt, ſtille ſein muß, feiren oder Sabbath halten. Denn Gottes Wort kann nicht gehöret noch gelehret werden, wo man dieweil auf etwas anderes ge⸗ denket oder nicht ſtille iſt. „Darum ſpricht auch Jeſaias Cap. 66, 23., daß ſolcher ſiebenter Tag oder Schmuck Moſis, wie ichs nenne, ſolle aufhören zu Meſſias Zeiten, wenn das rechte Heiligen und GOttes Wort reichlich kommen wird: „„Es wird ſein““, ſpricht er, „„ein Sabbath am andern, ein neuer Mond am andern““, das iſt, es wird eitel Sabbath und fein ſonderlicher ſiebenter Tag, oder ſechs Tage darzwiſchen ſein: denn das Heiligen, oder GOttes Wort, wird täglich und reichlich gehen, und alle Tage zu Sabbathen werden.“ 3. In Luthers Auslegung der zehen Gebote vom Jahre 1538 heißt es § 1—3 alſo: „„Dies iſt mein Gebot““, ſpricht Chriſtus Joh. am 15, 12., „„daß ihr euch untereinander liebet““; und wie Paulus Röm. 13, 10. ſagt: „„Die Liebe iſt die Erfüllung des Geſetzes.““ So man die Liebe hat, iſt kein Geſetz nöthig; hat man ſie nicht, ſo iſt kein Geſetz genug. Darum wird in dieſem dritten Gebot das Werk geboten, ja, vielmehr die Ruhe, daß man GOtt mit Wer⸗ kten nicht erzürne. Denn eigentlich wird am Feiertage kein Werk geboten. Und alſo bereiten die drei erſten Gebote den Menſchen zu GOtt, als eine lautere Materie, daß er im Herzen, Mund und Werken Ruhe habe, das iſt, daß er eine lautere Ruhe im innerlichen, äußerlichen und 99 mittleren Menſchen habe, welche da ſind, der ſinn⸗ liche, vernünftige und geiſtliche Menſch. „Hie ſollt du zwei Dinge merken. Das erſte: Der Sabbath war geboten den Jüden zu feiren im Fürbilde, wie das St. Paulus deutlich anzei⸗ get Coloſſ. 2, 17., da er ſpricht: „„Die da ſind ein Schatten des Zukünftigen, aber der Leib iſt in Chriſto.““ Darum alle Dienſtarbeit und Handthierung, wiewohl ſie an ſich ſelbſt gut ſind, bedeuten die unziemlichen ſündlichen Werke des alten Menſchen. Denn gleichwie etliche Thiere der Bedeutung halben unrein waren, ob ſie wohl an ſich ſelbſt gut, rein und geſund waren, als von GOtt erſchaffen, und doch unrein und böſe Ding bedeuteten; alſo iſt es mit den leiblichen Werken, die am Feiertage verboten ſind (wiewohl ſie an ihnen ſelbſt gut ſind); denn ſie bedeuten zukünf⸗ tige Offenbarung des Uebels. Alſo, der Jüden Sabbath bedeutet die geiſtliche Zeit, die Chriſtus, die Sonne der Gerechtigkeit, erleuchtet hat, welche Zeit keine Nacht hat. Eſa. 66, 23.: „„Es wird ein Monat am andern, und ein Sabbath am andern ſein.“ Und St. Paulus ſtrafet die Galater, Gal. 4, 10., daß ſie nach äußerlichem jüdiſchen Schein Tage, Monden und Jahrzeit hielten. ö „Darum hat dies Gebot eigentlich, ja, alle Gebote, aufgehöret bei den vollkommenen Chriſten. „„Denn dem Gerechten iſt kein Geſetz gegeben““, 1 Timoth. 1, 9. Doch hat die Kirche etliche Feſte behalten, der Unvollkommenen halben, denen das Wort GOttes noth iſt. Aber ein wahrer gerech⸗ ter Menſch iſt alſo gottförmig, daß ihm alle Tage gleich heilig ſind; gleichwie bei GOtt kein Unter⸗ ſcheid der Tage, Stätte oder Perſon iſt. Nichts deſtoweniger iſt denen Schwachen, bei denen der alte Menſch noch nicht erſtorben iſt, noth, daß ſie ſich üben im gewiſſen Gottesdienſt, Tagen, Sitten, Wochen, Faſten, Arbeit, Gebet, Zucht und der⸗ gleichen, damit ſie gelangen zum Wachsthum des inwendigen Menſchen. Und ſo nun der Leib ka⸗ ſteiet und in Dienſt gezwungen, und die unor⸗ dentlichen Begierden ertödtet, ſo müſſen dieſelben mählich aufhören, und ſo viel gemindert werden, ſo viel der innerliche Menſch zunimmt. Und ſo es dazu käme, daß der Menſch vollkommen würde, ſo würden ſolche Uebungen gar aufhören, wie St. Paulus ſpricht Gal. 3, 24.: „„Das Geſetz iſt unſer Zuchtmeiſter geweſen in Chriſto.““ Denn das Geſetz hat nichts zur Vollkommenheit gebracht. Aber St. Johannes, der Täufer, iſt „„vorhergegangen dem HErrn, zu bereiten ein vollkommen Volk““, Luc. 1, 17.“ (Eingeſandt von Paſtor Röbbelen.) Der amerikaniſche Botſchafter iſt nach ſeinem eigenen Bekenntniß „ein Blatt, das, aller kirchlichen und gelehrten Streitfragen ſich enthaltend, nur die unter allen evangeliſchen Kirchenabtheilungen gleich unbedingt anerkannten Grundwahrheiten des Chriſtenthums verkündigt, und dadurch Seelen für den HErrn und Sein Reich zu gewinnen ſucht, ohne nach ihrer Confeſ⸗ ſion zu fragen“. Wir fragen: Gibt es ſolche „unter allen evangeliſchen Kirchenabtheilungen gleich unbe⸗ dingt anerkannte Grundwahrheiten des Chri⸗ ſtenthums“? Faſſen wir, um dieſe Frage zu beantworten, die beſonderen Lehren der einzelnen Kirchenabthei⸗ lungen, die ſich evangeliſch nennen, ins Auge, ſo ergibt ſich, um der übrigen zu geſchweigen, eine Abweichung in folgenden beiden Lehren, von de⸗ nen Jeder ſelbſt urtheilen möge, ob ſie Haupt⸗ und Grundwahrheiten oder unweſentliche Theile der heiligen Offenbarung ſind: in der Lehre von der Rechtfertigung eines armen Sünders vor Gott und von der Art und Weiſe, wie ihm die Gnade von Gott dargereicht wird, oder den Gna⸗ denmitteln. Von der erſteren lehren die Luthera⸗ ner, daß ſie allein durch den Glauben geſchehe, den Gott vermittelſt ſeiner Gnadenmittel wirke, Col. 2, 12. Die Calviniſten leiten ſie aus un⸗ bedingter Wahl Gottes her; die Zwinglianer aus einem Glauben, der in ſich ſelbſt ruht und der Zeugniſſe der Gnade Gottes in den Sacramen⸗ ten nicht bedarf; die Methodiſten zum Theil aus dem Glauben, zum Theil aus eigener Heiligkeit; die Baptiſten ebenfalls, nur mit noch entſchiede⸗ nerem Ausſchluß des fremden Verdienſtes, das da gerecht macht in Chriſto. Von dem Letzteren, den Gnadenmitteln, wird allein bei den Lutheranern die Lehre geführt, daß Wort und Sacrament die kräftigen Werkzeuge ſind, durch welche Gott' ſeine Gnade mittheilt und ſeine Kinder zubereitet. Bei allen anderen „evangeliſchen Kirchenabthei⸗ lungen“ wird dem Glauben das von Gott in ſei⸗ nem Worte verordnete ſichtbare Gefäß ſeiner Gnade entzogen und eine unmittelbare Gnaden⸗ wirkung des Heiligen Geiſtes mit mehr oder weni⸗ ger Ausſchluß auch des Wortes ſelbſt gelehrt. Denn obgleich wohl keine unterläßt, das Wort zu treiben, ſo zeigt doch das Verfahren der ungläu⸗ bigen Vernunftlehrer, wie wenig dies eine Ge⸗ währ dafür bietet, daß das Wort als Gnaden⸗ mittel geehrt und gebraucht werde. Von denſel⸗ ben verwerfen nemlich gar Viele die Bibel nicht, wie ſehr ſie auch die Ausſprüche nach ihrem Sinn deuten, weil ſie wohl wiſſen, daß man gar wohl die Schrift leſen und treiben kann, ohne ſich ihr zu unterwerfen und auf dieſelbe als auf das un⸗ trügliche Pfand des Gnadenwillens Gottes ſein Vertrauen zu gründen. Iſt aber wohl irgend eine Kirchenabtheilung in der Welt, außer der „lutheriſchen“, welche die Schrift in dieſer ihrer vollen, von Gott gewollten Gnadenkraft annimmt und z. B. eine angefochtene Seele zu nichts An⸗ derem anhält, als ſich anzuklammern an das „Es ſtehet geſchrieben!“ und in dem geſchriebenen Wort Gottes ſelbſt, ohne Rückſicht auf den eige⸗ nen Zuſtand, die nemliche Gewißheit der Begna⸗ digung zu finden, die ein Schuldner an der ihm zugeſandten zerriſſenen Handſchrift ſeines Gläu⸗ bigers über die von einem Andern für ihn bezahlte Schuld hat? Wird nicht in allen das unmittel⸗ telbare Handeln mit Gott durchs Gebet, das im Herzen erfahrene Walten der Gnade, der geringere oder ſtärkere Grad der Buße und des Glaubens — kurz: das, was vorbereitend zum Ergreifen der