Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 5 › Seite 36

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-10-27, Seite 36

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Abendmahl—Gegenwart 17 · Tanz 9

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viel ſchwatzt und ſchreibt vom lebendigen Glauben,
vom rechten Erfahrungs-Chriſtenthume? Denn
bei ſolchem Widerſpruche kann er ſchwerlich auch
nur das A B C dieſes Chriſtenthums, und des
durch den Glauben gereinigten Gewiſſens, ja nicht
einmal die gemeine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit
entdecken, die man ſogar bei Juden, Türken und
Heiden hin und her findet. Der Leſer muß billig
den Schluß machen: Entweder der Herr Dr.
B. Kurtz iſt bei allem „geſunden Menſchenver⸗
ſtande“, den er als freidenkender praktiſcher
Bürger der Vereinigten Staaten beſitzt, doch et⸗
was übergeſchnappt, mindeſtens gedächtniß⸗
ſchwach, daß er an andern Orte nicht ver⸗
ſteht oder vergißt, was er an einem Orte geſagt
oder geſetzt hat, oder er iſt in ſeiner Geſinnung
unlauter, hat keinen gewiſſen Grund der Lehre,
ſchillert wie ein Chamäleon bald in dieſen bald in
jenen Farben und bequemt ſich auch in ſeinem
Bekenniniß auf menſchelnde liebedieneriſche Weiſe
den Verhältniſſen an, je nachdem er grade mit
Kirchlichen oder Schwärmeriſchen zu thun hat,
hält ſich aber klüglich den Rückzug in die amerika⸗
niſchen Volksmaſſen offen, damit er fein populär
bleibe und ſein Blatt nicht in Abnahme gerathe.
Denn woher anders die ganz unwürdige und
elende Schmeichelei, daß die lutheriſche Abend⸗
mahlslehre unter den „freidenkenden, praktiſchen
und mit geſundem Menſchenverſtande begabten
Volke der Vereinigten Staaten“ keine Gunſt und
Eingang finden werde? Hätte ein hieſiger ratio⸗
naliſtiſcher demagogiſcher deutſcher Zeitungsſchrei⸗
ber ſolche Worte geſchrieben, ſo würde es Nie⸗
mand Wunder nehmen. Aber daß ſie aus der
Feder eines Doctors der Theologie gefloſſen ſind,
der allezeit den größten Reſpect vor der Bibel und
dem lebendigen Glauben an den HErrn Chriſtum
vorgibt, der für allerlei Erweckung und Bekehrung
für innere und äußere Miſſion ſo mächtig eifert —
das iſt greulich und ſchändlich zu leſen.

Denn was wird eigentlich in jenen Worten zum
Richter in Glaubensſachen gemacht? Wer fällt
das Urtheil über die lutheriſche Abendmahlslehre?
Etwa die heilige Schrift, der es doch allein zuſteht?
Nicht alſo, ſondern „der geſunde Menſchenverſtand
des freidenkenden, praktiſchen Volks der vereinig⸗
ten Staaten“. Möͤge alſo dieſe Lehre dem Worte
Gottes gemäß ſein, wie es lautet, ſie hat doch
keinen Werth, findet auch keine Gunſt und Gnade
bei den Amerikanern, weil der geſunde Menſchen⸗
verſtand derſelben dawider iſt.

Was werden nun aber wohl die eingebornen
Amerikaner ſelber zu dieſem Lobſpruch ihres Lands⸗
manns, des Ehrwürdigen Herrn Dr. B. Kurtz,
ſagenꝰ

Die Ungläubigen werden freilich Ja und Amen
dazu ſagen und die Freiſinnigkeit Sr. Ehrwürden
auch ihrerſeits lobend anerkennen. Die gläubigen
Amerikaner aber, die als ſolche auch aufrichtige
und lautere Leute ſind, mögen ſie dieſer oder jener
Glaubensgemeinſchaft angehören — was werden
dieſe zu jener Lobrede auf den amerikaniſchen „ge⸗
ſunden Menſchenverſtand“ ſagen? Sie werden
billig in dieſer Lobhudelei nichts anderes, als eine
Beſchimpfung der heiligen Schrift, alſo Gottes

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ſelber, finden. Denn dieſes Wort Gottes ſaget
klärlich: „der natürliche Menſch vernimmt nichts
vom Geiſte Gottes, es iſt ihm eine Thorheit und
er kann es nicht erkennen; denn es muß geiſtlich
gerichtet ſein“ (1 Cor. 2, 14.), d. i. der „geſunde
Menſchenverſtand“ auch des freidenkenden, prakti⸗
ſchen Volks der Amerikaner kann ohne Erleuchtung
des Heiligen Geiſtes nichts verſtehen von der im
Evangelio geoffenbarten göttlichen Wahrheit; viel⸗
mehr iſt ſie ihm eine Thorheit.

Dieſem „geſunden Menſchenverſtande“ alſo iſt
es nicht minder thöricht, daß mit dem Zimmer⸗
mannsſohn aus Nazareth der eingeborne Sohn
Gottes, durch den Himmel und Erde geſchaffen
ſind, zu perſönlicher Einigkeit verbunden iſt,
als daß mit dem Brot und Wein des heiligen
Abendmahls ſein Leib und Blut weſentlich gegen⸗
wärtig zu ſacramentlicher Einigkeit verbun⸗
den ſind. Dem „geſunden Menſchenverſtande“
jedes natürlichen d. i. unwiedergebornen fleiſchlich
geſinnten Menſchen, er ſei nun ein freier Amerika⸗
ner oder leibeigener Neger, iſt beides eine Thor⸗
heit; der erleuchteten Vernunft aber jedes wieder⸗
gebornen geiſtlich geſinnten Menſchen, er ſei ein
freier Bürger oder Sklave, iſt beides göttliche
Kraft und göttliche Weisheit. — Es ekelt mich,
weiteren Nachweis zu führen; jeder ehrliche und
verſtändige Leſer wird bereits zur Genüge erkannt
haben, daß Herr Dr. Kurtz entweder ein ſchwach⸗
ſinniger oder unlauterer Menſch iſt, dem Gott
Gnade zur Buße ſchenke und der in dieſer fähr⸗
lichen Zeit Matth. 7, 21. 22. wohl beherzige, ehe
es zu ſpät iſt.

Aber leider ſteht dieſer bedauerliche Mann mit
ſeiner kläglichen Geſinnung in der ſogenannten
lutheriſchen Geueralſynode nicht allein. Ein an⸗
derer, der in dieſem kirchlichen Körper vielleicht
noch mehr Anſehen hat, iſt mit gleichem Makel
behaftet. Es iſt dies der Dr. S. Schmucker,
Profeſſor am theologiſchen Seminar zu Gettys⸗
burg. ö

Dieſer Mann nemlich hat bei ſeiner Amtsüber⸗
nahme, gemäß der Conſtitution des Seminars,
vor den Directoren desſelben und als „in der
Gegenwart Gottes“ feierlich erklärt und bekräftiget
(und dieſes Zeugniß alle fünf Jahre wiederholt),
„daß er glaube, daß die Augsburgiſche Confeſſion
und der Katechismus Luthers ſei eine Summa
und richtige Darſtellung der Grundlehren des
Wortes Gottes, und daß er ſich verpflichte, weder
uUnmittelbar, noch durch Anſpielung (by insinua-
tion) etwas zu lehren, das den Lehren, welche ſie
(nemlich die Augsburgiſche Confeſſion und die
Katechismen Luthers) enthalten, widerſpreche oder
nicht damit zuſammenſtimme (be inconsistent
with them). Wer ſollte nun nicht meinen, ein
Mann, der ſolches Zeugniß vor den Directoren
der Anſtalt feierlich abgelegt und eidlich bekräftiget
hat, müſſe ein treuer Lehrer der lutheriſchen Kirche
ſein und die ihm anvertrauten Jünglinge aufer⸗
ziehen in den Worten des Glaubens und der heil⸗
ſamen Lehre und ſie anleiten und gelegentlich
herzlich ermahnen zu bleiben in dem, was ihnen
vertrauet ſei? Oder angenommen, dieſer luthe⸗

riſche Profeſſor käme ſpäter durch Einflüſſe refor⸗

mirter Lehrer oder Lehrbücher und durch den Ve⸗
trug des eigenen vernunftſtolzen Fleiſches z. B. in
dem Artikel von dem heiligen Abendmahl ab von
der einfältigen Schriftlehre ſeiner Kirche und ge—
riethe in calviniſtiſche Irrthümer — müßte er da
nicht, wenn er ſich nicht wieder herausfände, von
Rechtswegen ſeine Stelle an dem lutheriſchen Se⸗
minar niederlegen und keinesfalls jenes feierliche
Verſprechen alle fünf Jahre erneuern? Denn wenn
er gleich, gegenüber der göttlichen Schriftwaͤhr⸗
heit vom heiligen Abendmahle, ein irrendes Ge⸗
wiſſen hat, und das für Wahrheit hält, was In⸗
thum iſt, und umgekehrt; ſo muß er dennoch, bis,
ob Gott will, klare Erkenntniß ſein Gewiſſen von
dem Irrthum befreit, deniſelben folgen und darf
nicht aus irgend einem Grunde dawider handeln.

Das aber hat der würdige Mann nicht gethan,
ſondern obwohl er in der Lehre von den heiligen
Sacramenten überhaupt durchaus reformirt iſt
und alſo ſchnurſtracks wider die Augsburgiſche
Confeſſion und Luthers Katechismus lehrt, ſo
bleibt er doch ruhig auf ſeinem Poſten, wiederholt
alle fünf Jahre jene feierliche Zuſage und iſt alſo
nichts mehr und nichts weniger als ein — gewiſ⸗
ſenloſer und treuloſer Mann. Daß dies aber
keine ungerechte und ungegründete Beſchuldigung
ſei, wollen wir jetzt beweiſen.

In ſeinem ſogenannten portraiture of Lu-
theranism, d. i. Abbildung der lutheriſchen
Kirche, worin er der lutheriſchen Kirche gem
einen neumodiſchen und populären Anſtrich zu
geben ſucht, um den engliſchen Kirchen und ſon⸗
derlich den Presbyterianern zu gefallen — in die⸗
ſem Schriftlein ſagt er Seite 40: „Ein anderer
Grundzug der Verbeſſerung in der lutheriſchen
Kirche beſteht darin, daß ſie nicht länger die Bei⸗
ſtimmung zu der Lehre von der wirklichen Gegen⸗
wart des Heilandes im heiligen Abendmahl ver⸗
langt.“

Desgleichen ſagt er Seite 45:

„Die Meinung, welche gegenwärtig in der lu⸗
theriſchen Kirche, wenn wir nicht irren, am allge⸗
meinſten angenommen wird, iſt dieſe: daß in dem
Abendmahl die verklärte menſchliche Natur
des Heilandes weder weſentlich, noch der Wirk⸗
ſamkeit nach gegenwärtig, noch daß irgend etwas
Geheimnißvolles oder Uebernatürliches darin ſei;
daß jedoch, während das Brot und der Wein
lediglich ſinnbildliche Darſtellungen von des Hei⸗
lands abweſendem Leibe ſeien, durch welche wir
ſeiner Leiden erinnert werden, gleichwohl auch ein
beſonderer geiſtlicher Segen durch den gött⸗
lichen Heiland allen würdigen Communicanten
verliehen werde, durch welchen ihr Glaube und
die chriſtlichen Gnadengaben (christian graces)
geſtärkt werden.“

Darauf iſt nun zu erwidern:

Zum Erſten iſt es nicht wahr, daß dieſe grob
Zwingliſche Gegenlehre wider die lutheriſche und
altkirchliche Abendmahlslehre dermalen in der
lutheriſchen Kirche „allgemein angenommen“ ſei.
Denn wenn auch z. B. hie und da einzelne luthe⸗
riſche Theologen in Deutſchland in ihren Schrif⸗
ten dergleichen Lehrmeinungen ausgeſprochen ha⸗
ben, ſo hat doch die lutheriſche Kirche, weder in

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