Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 3 › Seite 22
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-29, Seite 22
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Union 2 · Verhalten 4 · Synoden
ſachen an? Wenn Auguſtinus und andere alte
Lehrer ſagen, daß Gott die Menſchen nicht ohne
oder gegen ihren Willen bekehre und aus Scla⸗
ven der Sünde zu freien Kindern Gottes mache,
ſo folgert er daraus, der Menſch habe es in ſeiner
Macht und natürlichen Kraft, ſich zu bekehren und
ein Kind Gottes zu werden. Dieſer Schluß iſt
aber eben ſo unklug, als wenn ich von einem
Menſchen, der in Ketten geſchlagen iſt, ſagen
wollte, er hätte die Kraft und das Vermögen, ſich
frei zu machen, weil der Schließer zu ihm tritt
und ihm anbietet, er wolle ihn frei machen, ſo⸗
bald der Gefangene darein willige. Kann denn
der Gefangene ſich auch frei machen, wenn der
Schließer ihm nicht die Freiheit anbietet und
ſchenkt? Mit nichten. Alſo hat er es nicht in
ſeiner Macht, ſich frei zu machen. So iſt es auch
mit dem Menſchen. Wenn Chriſtus, der unſre
Banden zerriſſen hat, nicht zu uns käme und uns
die Sündenfeſſeln abnähme, ſo ſollten wir es wohl
bleiben laſſen, ſie abzuwerfen. Aber Chriſtus
zwingt uns nicht, daß wir uns müſſen von Ihm
frei machen laſſen, Er zwingt uns nicht, an Ihn
zu glauben, ſondern Er bietet Sich uns als Be⸗
freier an, und wenn wir Ihn nicht zum Befreier
haben wollen, ſo bleiben wir ewig Gefangene.
Eben das iſt es, was Auguſtinus und andere
Kirchenlehrer meinen, wenn ſie ſagen, Gott bekehre
den Menſchen nicht wider ſeinen Willen d. i. Gott
läßt dem Menſchen nicht ſeinen von Natur böſen
Willen und macht ihn in und mit dieſem böſen
Willen zu einem Chriſten und freien Kinde Got⸗
tes, ſo daß der böſe widerſtrebende Wille nach
wie vor derſelbe bliebe; ſondern Gott macht aus
dem böſen Willen des Menſchen durch die Predigt
des Evangeliums einen guten Willen, was der
Menſch ſelber in keiner Weiſe kann, und macht
ihn ſo zu einem ganz andern Menſchen, als er zu⸗
vor war, zu einem neuen Menſchen mit erneuer⸗
tem Herzen, Sinn und Gemüthe. Zum Belege,
daß dies und nichts Anderes die Meinung des
Auguſtinus ſei, ſtehe hier von unzählig vielen
Stellen nur die eine aus ſeinem Buche: „Natur
und Gnade“: Wenn das Vermögen der Natur
durch den freien Willen genug iſt ſowohl zu er—
kennen, wie mam leben ſoll, als auch recht zu
leben, ſo iſt Chriſtus umſonſt geſtorben. Warum
ſoll ich hier auch nicht rufen und ſchreien mit
Paulus? Ich mag billig ſchreien: Ihr habt“
Chriſtus verloren, die ihr durch des Geſetzes Werk
gerecht werden wollt, und ſeid von der Gnade ge⸗
fallen. Denn ihr erkennet die Gerechtigkeit nicht,
die vor Gott gilt, und trachtet eure eigne Gerech⸗
tigkeit aufzurichten, und ſeid der Gerechtigkeit, die
vor Gott gilt, nicht unterthan. Denn wie das
Ende des Geſetzes Chriſtus iſt, alſo iſt auch der
Heiland der verderbten Natur Chriſtus.
5. Daß die lutheriſche Kirche mit Auguſtinus
und mit allen rechtgläubigen Chriſten aller Zeiten
die Lehre feſthält und bekennet, daß der Menſch
in ſeinem natürlichen Zuſtande nicht ſittlich frei
ſei, ſondern unfrei, ein Knecht der Sünde, des
Todes und des Teufels, darin hat Herr Oertel
recht, denn alſo lehret Gottes Wort, 1. Moſ. 8, 21.:
Das Dichten und Trachten des menſchlichen Her⸗
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zens iſt böſe von Jugend auf; Joh. 3, 6.: Was
vom Fleiſch geboren iſt, das iſt Fleiſch; vergleiche
Nöm. 8, 7.: Fleiſchlich geſinnt ſein iſt eine Feind⸗
ſchaft wider Gott, ſintemal es dem Geſetze Got—
tes nicht unterthan iſt, denn es vermag es
auch nicht; Joh. 8, 36.: So euch der Sohn frei
macht, ſo ſeid ihr recht frei; Röm. 6, 17.: Goit
ſei gedankt, daß ihr Knechte der Sünde geweſen
ſeid, aber nun gehorſam geworden von Herzen
u. ſ. w.; vergleiche noch V. 20., Joh. 15, 5. und
unzählige andere Stellen. Wenn nun Herr Dr.
V. aus der Behauptung dieſer Lehre Seitens der
lutheriſchen Kirche folgert: der Proteſtant iſt in
ſchnurſtrackem Widerſpruch gegen die ſittliche Frei⸗
heit des Menſchen und ein Feind derſelben, ſo
beſchuldigt er damit nicht nur Gott ſelbſt der
Feindſchaft gegen die ſittliche Freiheit der Men⸗
ſchen, weil Gott dieſe Lehre aufgebracht hat; ſon⸗
dern er macht auch eine Folgerung, die zu dumm
iſt, als daß man ſie der Unwiſſenheit des Herrn
Doctor V. zumeſſen dürfte, und doch auch zu
boshaft, als daß man ſie einem Menſchen zu⸗
ſchreiben könnte, der noch nicht offenbarlich und
offenkundig aller Scham den Kopf abgebiſſen hat,
und ſo iſt man denn allerdings in Verlegenheit,
wem man jene Folgerung auf Rechnung bringen
ſoll. Denn wenn ein lutheriſcher Chriſt glaubt
und bekennt, daß er, wie alle Menſchen, von Na⸗
tur ein Knecht der Sünde, alſo ſittlich unfrei ſei,
aber durch Chriſtum von der Knechtſchaft befreit
ſei, und daß er eben deshalb an Chriſtum glaube,
weil er im Glauben an Chriſtum die rechte Frei⸗
heit und Kindſchaft Gottes gefunden habe, die er
zuvor nicht hatte und auch nirgends ſonſtwo er⸗
langen könne, ſo iſt es offenbarer Unſinn zu ſagen:
ein ſymboliſcher Proteſtant iſt in ſchnurſtrackem
Widerſpruche gegen die ſittliche Freiheit.
6. Wenn endlich Herr Dr. V. ſagt, er wolle
für jetzt unerörtert laſſen, ob die Reformatoren
bloß in der Abſicht Feinde der ſittlichen Freiheit
geweſen ſeien, um der römiſchen Kirche zu wider⸗
ſprechen, oder um ein Ruhekiſſen im Sünden⸗
leben zu haben, ſo iſt das abermals ein Unſinn;
denn nur dann wäre die Lehre von der natür⸗
lichen Sündenknechtſchaft des Menſchen allenfalls
ein Ruhekiſſen im Sündenleben, wenn dazu ge⸗
lehret würde, daß dieſe Sündenknechtſchaft nicht
zugerechnet werden könne und nicht ſtrafbar
wäre. Nun aber lehrt Luther, und mit ihm die
lutheriſche Kirche auf Grund und nach dem Zeug⸗
niß der heiligen Schrift, daß dieſe Sündenknecht⸗
ſchaft des Menſchen eigne Sünde und ſtrafbar
ſei, und zeigt dadurch ebenſoſehr einerſeits die un⸗
geheure, bodenloſe Tiefe des menſchlichen Ver⸗
derbens, als andrerſeits die unermeßliche, unbe⸗
greifliche Größe der göttlichen Liebesthat, durch
welche er uns in Chriſto erlöſet und zu freien
Kindern Gottes gemacht hat. Man vergleiche
auch hier wieder anſtatt vieler Stellen nur die
eine: Augsb. Conf., Art. 2: Weiter wird bei
uns gelehret, daß nach Adams Fall alle Men⸗
ſchen, ſo natürlich geboren werden, in Sünden
empfangen und geboren werden, das iſt, daß ſie
alle vom Mutterleibe an voll böſer Luſt und Nei⸗
gung ſind, und keine wahre Gottesfurcht, keinen
wahren Glauben an Gott von Natur haben kön⸗
nen; daß auch dieſelbige angeborne Seuche und
Erbſünde wahrhaftiglich Sünde ſei und
verdamme alle die unter ewigen Got⸗
tes Zorn, ſo nicht durch die Taufe und den
Heiligen Geiſt wiederum neu geboren werden.
Das ſei genug geſagt, um für unſere Ueber⸗
ſchrift: „Unſinn über Unſinn“ gerechtfertigt zu
ſein. Wer Luſt hat, noch mehr zu genießen, der
leſe No. 14 der Katholiſchen Kirchenzeitung von .
Baltimore. A. Wolter.
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*
Die Indianapalis⸗Synode.
Vor einiger Zeit wurden wir von dem Schrei⸗
ber der Dearborn⸗Conferenz der Indianapolis⸗
Synode erſucht, eine von ſelbigem unterzeichnete,
alſo officielle Einladung dieſer Conferenz zu einem
ſogenannten Miſſionsfeſt durch den „Lutheraner“
zu publiciren. Wir mußten dies Geſuch abſchla⸗
gen, weil der „Lutheraner“ Organ der lutheriſchen
Synode von Miſſouri ꝛc. iſt, welche Gewiſſens⸗
halber mit der Indianapolis-Synode, als ſolcher,
ſo lange nicht gemeinſam wirken kann, als dieſe
Synode ihren Predigern zugeſteht, gemiſchte, d. i.
unirte Gemeinden, als ſolche, zu bedienen. Denn
da hiernach die Prediger dieſer Synode Refor⸗
mirte ſowohl als Lutheraner zum heiligen Abend⸗
mahl laſſen dürfen, ſo ſind natürlich diejenigen
Prediger derſelben, welche dies thun, nicht luthe⸗
riſche, ſondern unirte Prediger, und die aus ſol⸗
chen Predigern beſtehende Synode nicht eine luthe⸗
riſche, ſondern unirte Synode.
Da wir jedoch immer der guten Zuverſicht ge—
weſen ſind, die Indianapolis⸗Synode, welche ſich
bei ihrem Zuſammentritt ſo entſchieden von der
Generalſynode wegen deren Abfalls von der
lutheriſchen Kirche in Lehre und Praxis losgeſagt
hat,) werde, auf dem betretenen Wege fortſchrei⸗
tend, ſich endlich ganz reformiren und doch noch
ein Salz und Licht der amerikaniſchen Kirche
werden, ſo haben wir es gefliſſentlich vermieden,
gegen dieſe Synode uns öffentlich zu erklären, und
daher auch die Zurückweiſung der oben erwähn⸗
ten officiellen Einladung ohne Namen im Brief⸗
kaſten des „Lutheraner“ (Jahrg. 5, S. 184) an⸗
gezeigt.
Wie hat nun die Dearborn-Conferenz der In⸗
dianapolis⸗Synode uns unſere Verweigerung ver⸗
golten? Man höre. In letzter Nummer des
Weyl'ſchen „Kirchenboten“ erſtattet ein Glied
jener Conferenz, F. W. (Wichmann 2) in Cin⸗
cinnati, einen Bericht von dem gehaltenen „Miſ⸗
ſionsfeſte“, worin er unter Anderem ſchreibt:
„Du, lieber Bote, warſt ſo gut, es (das Feſt)
vorher bekannt zu machen.“) Der „Lutheraner
in St. Louis war ſo böſe und that es nicht; er
mag nichts mit einem nicht rechtgläubigen Körper,
wie er die Indianapolis-Synode zu nennen be⸗
* Siehe: „Lutheraner“, Jahrg. 3, S. 7.
**) Dieſe ſo große Güte trauen wir dem „lieben Boten“
von Herzen gern zu, ja wir zweifeln nicht, daß derſelbe ſo
gut ſein würde, ſelbſt alle officielle Bekanntmachungen dts
Großmufti aufzunehmen, wenn ihm dies nur neue Unter⸗
ſchreiber brächte. Geht der treue Allerweltsbote doch bereils
ſo weit, daß er auf ſeinem geduldigen Rücken Quackſalber⸗
mittelchen gegen gewiſſe Krankheiten verhauſirt.
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