Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 3 › Seite 20
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-29, Seite 20
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Loge · Loge 4 · Loge 6
dem Haufen der Gläubigen breit macht, iſt die
Kirche und ihr Treiben ſchier den Leuten aus dem
Geſichte entſchwunden, namentlich ſolchen Chriſten,
die mit der Welt liebäugeln, und in ihrem Glanz
ſich lieber weiden mögen, als in dem Glanz Chriſti⸗
der, dem Auge der Welt verborgen, auf der Kirche
und ihrer Armuth ruht. Die Kirche iſt nicht träge,
wenn die Welt ihre Thätigkeit auch nicht ſieht,
weil ſie ihre Liebeswerke nicht vor Augen thut,
noch viel weniger auspoſaunen läßt. Von Ein⸗
zelnen und im Verborgenen geſchieht noch viel.
So iſt ſicherlich noch Niemand in unſerer Gemeinde
in Armuth und Dürftigkeit geweſen, wo nicht aus
der Gemeinde geholfen iſt, ja ihre Liebeswerke er⸗
ſtrecken ſich über die Gemeinde hinaus, und ſo
geht's in jeder wahren chriſtlichen Gemeinde, ſie
mag noch ſo klein und arm ſein. Daß freilich die
Kirche nicht mehr ſo auftritt, wie früher, als eine
Königin, ſondern wie das arme Weib im Evan⸗
gelio, die mit ihrem Schärflein alle ihre Habe in
den Gotteskaſten warf, das iſt wahr, aber denke
an den alten H..., durch treuloſe Diener und
betrügeriſche Schuldner, d. h. ihre eignen Kinder,
die ihre Güter verachteten und die Gnade Chriſti
auf Muthwillen zogen, iſt die Kirche, oder viel⸗
mehr der Haufe derjenigen, die ſich Chriſten nen⸗
nen, in Unglauben verſunken und ſo in Verfall
gekommen; und da die Ungläubigen den großen
Haufen ausmachten, ſo konnte natürlich von der
Kirche, d. h. den wenigen Gläubigen, nichts Gro⸗
ßes, in die Augen Fallendes geſchehen.
Aber Gott ſei Dank, daß ſeit Jahren der HErr
angefangen, mit Gnaden darein zu ſchauen, und
ſeinen Geiſt in ſeinem Wort und Saerament wie⸗
der über den armen Haufen ausgegoſſen hat, wo⸗
durch Tauſende und Hunderttauſende zum neuen
Leben erwacht ſind. Aber was thun nun die
Kinder? ſie handeln gerade ſo gottlos, wie der
junge H.... Nachdem ſie durch die Kirche reich
geworden ſind an geiſtigem Leben, und friſch und
fröhlich nun Hand ans Werk legen ſollten, um
mit ihren neugeſchenlten Kräften dem Hauſe zu
ſeinem alten Ruhm und Glanz zu verhelfen, ver⸗
laſſen ſie es ſchändlich, und verbünden ſich mit den
geheimen Geſellſchaften, die unterdeſſen aufge⸗
ſprungen ſind und, wie ſie ſagen, das eigent⸗
liche Geſchäft der verfallenen Kirche betreiben,
nemlich die Liebe und Wohlthätigkeit üben, wozu
die Kirche nicht mehr im Stande iſt. Das iſt ja
ein ſchändlich Ding, daß ihr der Kirche und ihrem
HErrm die Kräfte entzieht, die ihr ihr verdankt
und ſchuldig ſeid, und macht euch dann breit,
und ſchwatzt von dem Verfall und der Untüchtig⸗
keit der Kirche, und rühmt eure Geſellſchaften, die
doch eben durch eure Treuloſigkeit groß geworden.
Die Kirche iſt euch auch nichts mehr, die Geſell⸗
ſchaften Alles, ſie kommen zuerſt, dann die Kirche,
wenn ihr allenfalls noch einen verſchimmelten
Brocken übrig habt, um ihn ihr hochmüthig zuzu⸗
werfen!
C. Das mag von Einigen wahr ſein, aber nicht
von mir und Andern, die der Kirche treu ſind.
P. Eine vortreffliche Treue das, und des Rüh⸗
mens werth! Vergleiche doch die Summen, die
ihr an die Geſellſchaften wendet, mit dem, was ihr
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zum Unterhalt und Weiterbau der Kirche thut!
Sie können durch eure Beiträge allenthalben die
koſtbarſten Häuſer aufrichten, allenthalben ihre
Verbindungen und ihren Einfluß und ihre Macht
ausbreiten, während Tauſende unſerer Glieder
in ihrem geiſtlichen Hunger verſchmachten, und
jammern um Kirchen und Prediger. Für den
Nothſchrei der Kirche habt ihr kein Ohr, und meint
noch Wunder, wie viel ihr thut, wenn ihr einen
lumpigen Beitrag zur Erhaltung eurer eignen
Gemeinde hingebt! Ja, Alles muß zurückſtehen!
Eure Verſammlungen müßt ihr beſuchen, zum
Beſuch der Gemeindeverſammlungen habt ihr keine
Zeit; der Beſuch des Gotteshauſes, Taufe und
Abendmahl werden aufgeſchoben, weil ihr hinter
der großen Trommel einherziehen müßt, um dem
Begräbniß eines „Bruders“ beizuwohnen, der
vielleicht im Haß gegen euren HErrn und König
geſtorben iſt, und während ihr mit eurem Thun
und Treiben die Thränen der Betrübniß über den
Jammer der Kirche euren Brüdern auspreßt,
rühmt ihr euch groß, daß ihr die Thränen irdiſcher
Noth trocknet. Die Kirche klagt über ihre abtrün⸗
nigen Kinder wie eine verlaſſene Wittwe, während
ihr in Glanz und Ehre ſchwebt als die rechten
Tröſter der Wittwen und Waiſen, und Nothhelfer
der Armuth! Wehe euch unſeligen Kindern, die ihr
erſt eure Mutter durch euren Ungehorſam und
wildes Leben in Armuth und Mißeredit gebracht,
und dann, nachdem ſie euch in ihrer Armuth ge⸗
ſucht und gefunden, von Neuem aufgen ommen,
und geſpeiſet und gekleidet hat, von Neuem ſie
verlaſſet, ihr Hab und Gut in fremde Häuſer tra⸗
get, und dann mit Verachtung andere Leute auf
ihre Armuth hinweiſet, die ihr ſelbſt verſchuldet.
So müßt ihr die Welt und ihren Fürſten ſtärken
in ihrem ſcheinbaren Triumph über die Kirche
und ihren König! Euch trifft's, was der HErr
ſaget beim Propheten Jeſaias Cap. 1.: Höret ihr
Himmel, und Erde nimm zu Ohren; denn der
HErr redet: Ich habe Kinder aufgezogen
und erhöhet, und ſie ſind von mir ab⸗
gefallen! Und durch eure Schuld allein breitet
ſich der Abfall immer mehr aus! Es iſt ja ſchau⸗
erlich, wenn man in den großen Städten nameni⸗
lich Deutſche trifft, die Jahre lang im Lande ſind
und haben ſich noch keiner Gemeinde angeſchloſſen,
und wenn man ſie fragt, warum nicht, ſo haben
ſie, wie ſie ſagen, kein Geld, um den Beitrag zu
bezahlen, der doch gewöhnlich ſo niedrig iſt, daß
ihn ein Bettler aufbringen kann, und allezeit
denen erlaſſen wird, die zu arm ſind, ihn aufzu⸗
bringen. Und wenn man weiter in ſie dringt, ſo
kommts heraus, daß ſie ihr Geld, das ſie verdie⸗
nen, und zu ihrer Nothdurft nicht gebrauchen, in
die geheimen Geſellſchaften ſtecken müſſen, und
meinen, es köͤnne gar nicht anders ſein, man müſſe
ja eher für etwa vorkommende Krankheitsfälle
ſorgen, als für die zum Tod kranke Seele: Das
ſind die Früchte eurer „Liebe und Wohlthätig⸗
keit“! Seid ſicher, daß Gott euch den Lohn für
ſolchen Greuel auf euren Kopf bringen wird!
*
*
(Eingeſandt.)
Unſinn über Unſinn.
In No. 14 der katholiſchen Kirchenzeitung von
Baltimore findet ſich unter der Ueberſchrift: „Die
Kirche iſt eine Pflegerin wahrer Freiheit“ ein Auf
ſatz, der ſo durch und durch voll Unſinn ſteckt, daß
dem Leſer die traurige Vermuthung nahe gelegt
wird, der Verfaſſer habe ſeinen Verſtand verloren,
oder ihn noch niemals gehabt. Wir würden uns
daher in keiner Weiſe. beikommen laſſen, dieſen
Unſinn über Unſinn auch nur der geringſten Be⸗
rückſichtigung zu würdigen und den Leſer mit Auf⸗
deckung desſelben zu langweilen, wenn darin nicht
auch die Lehre der Kirche angegriffen, entſtellt und
verläſtert würde. Da nun aber dies der Fall iſ,
ſo müſſen wir den Leſer um Nachſicht und um die
Erlaubniß bitten, wenigſtens einen Theil jenes
Unſinns vor ihm darzulegen.
Der ganze obenerwähnte Aufſatz beſteht aus
einer Einleitung und drei Haupttheilen. In der
Einleitung preiſ't der Verfaſſer die Freiheit und
verſichert, er ſelber ſei bereit, „für ſie zu kämpfen,
wenn dieſelbe gänzlich unterdrückt werden ſolle“.
Von welcher Freiheit das geredet iſt, iſt leicht zu
erkennen; es kann nur von bürgerlicher Freiheit
geredet ſein, denn für die chriſtliche Freiheit, für
die Freiheit von der Knechtſchaft der Sünde, des
Todes und des Teufels, wird doch der Verfaſſer,
als ein Chriſt, nicht erſt dann kämpfen wollen,
wenn dieſelbe gänzlich unterdrückt werden ſollte.
Dieſe Freiheit kann ja gar nicht gänzlich unter⸗
drückt werden, weil Chriſtus ſie ein für allemal
durch ſein Erlöſungswerk erworben hat, und dieſes
Werk kann, Gott Lob, nie ungeſchehen gemacht
werden. Sollte daher der Verfaſſer von dieſer
Freiheit reden, ſo hätte er ſich dadurch nicht uuu
aufs Erbärmlichſte lächerlich gemacht, ſondern ſch.—
auch für einen Unchriſten erklärt, weil ja jeder
Chriſt wiſſen und bekennen ſoll, daß die chriſtliche
Freiheit niemals gänzlich untergehen kann, daß
aber gleichwohl jeder wahre Chriſt unabläſſig für
ſie ſtreitet. Der Verfaſſer muß alſo mit jenen
Worten ſagen wollen, er ſei bereit, im Nothfall für
die politiſche oder bürgerliche Freiheit zu kämpfen.
Und warum iſt er dazu wohl bereit? Man höre:
„Es hieße auf das Theuerſte Verzicht leiſten, ſich
um ſeine Menſchenwürde bringen; die um ſo
hohen Preis, das koſtbare Blut des Sohnes Got⸗
tes, bewerkſtelligte Erlöſung ableugnen; wollte
man abſichtlich die Freiheit an ſich oder Anderen
ableugnen.“ Das ſind die Worte des Verfaſſers.
Er will alſo im Nothfall für die bürgerliche Frri⸗
heit kämpfen (denn von der redet er bewieſener⸗
maßen), weil dieſelbe abzuleugnen eine Ableun- 3
nung der Erlöſung, durch Chriſtum geſchehen, und
ein Aufgeben der Kindſchaft Gottes wäre. So
ſehen wir denn wohl, der Verfaſſer hält die Erlö⸗
ſung, welche durch IEſum Chriſtum geſchehen iſt,
für eine Erlöſung von bürgerlicher Unfreiheit, und
die Kindſchaft Gottes für ebenſoviel, als die M⸗
gliedſchaft an einem bürgerlich freien Staate.
Darin ſtimmt er denn freilich ganz mit den Juden
zur Zeit Chriſti überein, denn die hofften auch, der
Meſſias werde ſie vom Joche der Römer befreien
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