# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 09 29_S22 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſachen an? Wenn Auguſtinus und andere alte Lehrer ſagen, daß Gott die Menſchen nicht ohne oder gegen ihren Willen bekehre und aus Scla⸗ ven der Sünde zu freien Kindern Gottes mache, ſo folgert er daraus, der Menſch habe es in ſeiner Macht und natürlichen Kraft, ſich zu bekehren und ein Kind Gottes zu werden. Dieſer Schluß iſt aber eben ſo unklug, als wenn ich von einem Menſchen, der in Ketten geſchlagen iſt, ſagen wollte, er hätte die Kraft und das Vermögen, ſich frei zu machen, weil der Schließer zu ihm tritt und ihm anbietet, er wolle ihn frei machen, ſo⸗ bald der Gefangene darein willige. Kann denn der Gefangene ſich auch frei machen, wenn der Schließer ihm nicht die Freiheit anbietet und ſchenkt? Mit nichten. Alſo hat er es nicht in ſeiner Macht, ſich frei zu machen. So iſt es auch mit dem Menſchen. Wenn Chriſtus, der unſre Banden zerriſſen hat, nicht zu uns käme und uns die Sündenfeſſeln abnähme, ſo ſollten wir es wohl bleiben laſſen, ſie abzuwerfen. Aber Chriſtus zwingt uns nicht, daß wir uns müſſen von Ihm frei machen laſſen, Er zwingt uns nicht, an Ihn zu glauben, ſondern Er bietet Sich uns als Be⸗ freier an, und wenn wir Ihn nicht zum Befreier haben wollen, ſo bleiben wir ewig Gefangene. Eben das iſt es, was Auguſtinus und andere Kirchenlehrer meinen, wenn ſie ſagen, Gott bekehre den Menſchen nicht wider ſeinen Willen d. i. Gott läßt dem Menſchen nicht ſeinen von Natur böſen Willen und macht ihn in und mit dieſem böſen Willen zu einem Chriſten und freien Kinde Got⸗ tes, ſo daß der böſe widerſtrebende Wille nach wie vor derſelbe bliebe; ſondern Gott macht aus dem böſen Willen des Menſchen durch die Predigt des Evangeliums einen guten Willen, was der Menſch ſelber in keiner Weiſe kann, und macht ihn ſo zu einem ganz andern Menſchen, als er zu⸗ vor war, zu einem neuen Menſchen mit erneuer⸗ tem Herzen, Sinn und Gemüthe. Zum Belege, daß dies und nichts Anderes die Meinung des Auguſtinus ſei, ſtehe hier von unzählig vielen Stellen nur die eine aus ſeinem Buche: „Natur und Gnade“: Wenn das Vermögen der Natur durch den freien Willen genug iſt ſowohl zu er— kennen, wie mam leben ſoll, als auch recht zu leben, ſo iſt Chriſtus umſonſt geſtorben. Warum ſoll ich hier auch nicht rufen und ſchreien mit Paulus? Ich mag billig ſchreien: Ihr habt“ Chriſtus verloren, die ihr durch des Geſetzes Werk gerecht werden wollt, und ſeid von der Gnade ge⸗ fallen. Denn ihr erkennet die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachtet eure eigne Gerech⸗ tigkeit aufzurichten, und ſeid der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht unterthan. Denn wie das Ende des Geſetzes Chriſtus iſt, alſo iſt auch der Heiland der verderbten Natur Chriſtus. 5. Daß die lutheriſche Kirche mit Auguſtinus und mit allen rechtgläubigen Chriſten aller Zeiten die Lehre feſthält und bekennet, daß der Menſch in ſeinem natürlichen Zuſtande nicht ſittlich frei ſei, ſondern unfrei, ein Knecht der Sünde, des Todes und des Teufels, darin hat Herr Oertel recht, denn alſo lehret Gottes Wort, 1. Moſ. 8, 21.: Das Dichten und Trachten des menſchlichen Her⸗ 22 zens iſt böſe von Jugend auf; Joh. 3, 6.: Was vom Fleiſch geboren iſt, das iſt Fleiſch; vergleiche Nöm. 8, 7.: Fleiſchlich geſinnt ſein iſt eine Feind⸗ ſchaft wider Gott, ſintemal es dem Geſetze Got— tes nicht unterthan iſt, denn es vermag es auch nicht; Joh. 8, 36.: So euch der Sohn frei macht, ſo ſeid ihr recht frei; Röm. 6, 17.: Goit ſei gedankt, daß ihr Knechte der Sünde geweſen ſeid, aber nun gehorſam geworden von Herzen u. ſ. w.; vergleiche noch V. 20., Joh. 15, 5. und unzählige andere Stellen. Wenn nun Herr Dr. V. aus der Behauptung dieſer Lehre Seitens der lutheriſchen Kirche folgert: der Proteſtant iſt in ſchnurſtrackem Widerſpruch gegen die ſittliche Frei⸗ heit des Menſchen und ein Feind derſelben, ſo beſchuldigt er damit nicht nur Gott ſelbſt der Feindſchaft gegen die ſittliche Freiheit der Men⸗ ſchen, weil Gott dieſe Lehre aufgebracht hat; ſon⸗ dern er macht auch eine Folgerung, die zu dumm iſt, als daß man ſie der Unwiſſenheit des Herrn Doctor V. zumeſſen dürfte, und doch auch zu boshaft, als daß man ſie einem Menſchen zu⸗ ſchreiben könnte, der noch nicht offenbarlich und offenkundig aller Scham den Kopf abgebiſſen hat, und ſo iſt man denn allerdings in Verlegenheit, wem man jene Folgerung auf Rechnung bringen ſoll. Denn wenn ein lutheriſcher Chriſt glaubt und bekennt, daß er, wie alle Menſchen, von Na⸗ tur ein Knecht der Sünde, alſo ſittlich unfrei ſei, aber durch Chriſtum von der Knechtſchaft befreit ſei, und daß er eben deshalb an Chriſtum glaube, weil er im Glauben an Chriſtum die rechte Frei⸗ heit und Kindſchaft Gottes gefunden habe, die er zuvor nicht hatte und auch nirgends ſonſtwo er⸗ langen könne, ſo iſt es offenbarer Unſinn zu ſagen: ein ſymboliſcher Proteſtant iſt in ſchnurſtrackem Widerſpruche gegen die ſittliche Freiheit. 6. Wenn endlich Herr Dr. V. ſagt, er wolle für jetzt unerörtert laſſen, ob die Reformatoren bloß in der Abſicht Feinde der ſittlichen Freiheit geweſen ſeien, um der römiſchen Kirche zu wider⸗ ſprechen, oder um ein Ruhekiſſen im Sünden⸗ leben zu haben, ſo iſt das abermals ein Unſinn; denn nur dann wäre die Lehre von der natür⸗ lichen Sündenknechtſchaft des Menſchen allenfalls ein Ruhekiſſen im Sündenleben, wenn dazu ge⸗ lehret würde, daß dieſe Sündenknechtſchaft nicht zugerechnet werden könne und nicht ſtrafbar wäre. Nun aber lehrt Luther, und mit ihm die lutheriſche Kirche auf Grund und nach dem Zeug⸗ niß der heiligen Schrift, daß dieſe Sündenknecht⸗ ſchaft des Menſchen eigne Sünde und ſtrafbar ſei, und zeigt dadurch ebenſoſehr einerſeits die un⸗ geheure, bodenloſe Tiefe des menſchlichen Ver⸗ derbens, als andrerſeits die unermeßliche, unbe⸗ greifliche Größe der göttlichen Liebesthat, durch welche er uns in Chriſto erlöſet und zu freien Kindern Gottes gemacht hat. Man vergleiche auch hier wieder anſtatt vieler Stellen nur die eine: Augsb. Conf., Art. 2: Weiter wird bei uns gelehret, daß nach Adams Fall alle Men⸗ ſchen, ſo natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, das iſt, daß ſie alle vom Mutterleibe an voll böſer Luſt und Nei⸗ gung ſind, und keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben kön⸗ nen; daß auch dieſelbige angeborne Seuche und Erbſünde wahrhaftiglich Sünde ſei und verdamme alle die unter ewigen Got⸗ tes Zorn, ſo nicht durch die Taufe und den Heiligen Geiſt wiederum neu geboren werden. Das ſei genug geſagt, um für unſere Ueber⸗ ſchrift: „Unſinn über Unſinn“ gerechtfertigt zu ſein. Wer Luſt hat, noch mehr zu genießen, der leſe No. 14 der Katholiſchen Kirchenzeitung von . Baltimore. A. Wolter. 2 * Die Indianapalis⸗Synode. Vor einiger Zeit wurden wir von dem Schrei⸗ ber der Dearborn⸗Conferenz der Indianapolis⸗ Synode erſucht, eine von ſelbigem unterzeichnete, alſo officielle Einladung dieſer Conferenz zu einem ſogenannten Miſſionsfeſt durch den „Lutheraner“ zu publiciren. Wir mußten dies Geſuch abſchla⸗ gen, weil der „Lutheraner“ Organ der lutheriſchen Synode von Miſſouri ꝛc. iſt, welche Gewiſſens⸗ halber mit der Indianapolis-Synode, als ſolcher, ſo lange nicht gemeinſam wirken kann, als dieſe Synode ihren Predigern zugeſteht, gemiſchte, d. i. unirte Gemeinden, als ſolche, zu bedienen. Denn da hiernach die Prediger dieſer Synode Refor⸗ mirte ſowohl als Lutheraner zum heiligen Abend⸗ mahl laſſen dürfen, ſo ſind natürlich diejenigen Prediger derſelben, welche dies thun, nicht luthe⸗ riſche, ſondern unirte Prediger, und die aus ſol⸗ chen Predigern beſtehende Synode nicht eine luthe⸗ riſche, ſondern unirte Synode. Da wir jedoch immer der guten Zuverſicht ge— weſen ſind, die Indianapolis⸗Synode, welche ſich bei ihrem Zuſammentritt ſo entſchieden von der Generalſynode wegen deren Abfalls von der lutheriſchen Kirche in Lehre und Praxis losgeſagt hat,) werde, auf dem betretenen Wege fortſchrei⸗ tend, ſich endlich ganz reformiren und doch noch ein Salz und Licht der amerikaniſchen Kirche werden, ſo haben wir es gefliſſentlich vermieden, gegen dieſe Synode uns öffentlich zu erklären, und daher auch die Zurückweiſung der oben erwähn⸗ ten officiellen Einladung ohne Namen im Brief⸗ kaſten des „Lutheraner“ (Jahrg. 5, S. 184) an⸗ gezeigt. Wie hat nun die Dearborn-Conferenz der In⸗ dianapolis⸗Synode uns unſere Verweigerung ver⸗ golten? Man höre. In letzter Nummer des Weyl'ſchen „Kirchenboten“ erſtattet ein Glied jener Conferenz, F. W. (Wichmann 2) in Cin⸗ cinnati, einen Bericht von dem gehaltenen „Miſ⸗ ſionsfeſte“, worin er unter Anderem ſchreibt: „Du, lieber Bote, warſt ſo gut, es (das Feſt) vorher bekannt zu machen.“) Der „Lutheraner in St. Louis war ſo böſe und that es nicht; er mag nichts mit einem nicht rechtgläubigen Körper, wie er die Indianapolis-Synode zu nennen be⸗ * Siehe: „Lutheraner“, Jahrg. 3, S. 7. **) Dieſe ſo große Güte trauen wir dem „lieben Boten“ von Herzen gern zu, ja wir zweifeln nicht, daß derſelbe ſo gut ſein würde, ſelbſt alle officielle Bekanntmachungen dts Großmufti aufzunehmen, wenn ihm dies nur neue Unter⸗ ſchreiber brächte. Geht der treue Allerweltsbote doch bereils ſo weit, daß er auf ſeinem geduldigen Rücken Quackſalber⸗ mittelchen gegen gewiſſe Krankheiten verhauſirt.