# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 09 29_S20 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) dem Haufen der Gläubigen breit macht, iſt die Kirche und ihr Treiben ſchier den Leuten aus dem Geſichte entſchwunden, namentlich ſolchen Chriſten, die mit der Welt liebäugeln, und in ihrem Glanz ſich lieber weiden mögen, als in dem Glanz Chriſti⸗ der, dem Auge der Welt verborgen, auf der Kirche und ihrer Armuth ruht. Die Kirche iſt nicht träge, wenn die Welt ihre Thätigkeit auch nicht ſieht, weil ſie ihre Liebeswerke nicht vor Augen thut, noch viel weniger auspoſaunen läßt. Von Ein⸗ zelnen und im Verborgenen geſchieht noch viel. So iſt ſicherlich noch Niemand in unſerer Gemeinde in Armuth und Dürftigkeit geweſen, wo nicht aus der Gemeinde geholfen iſt, ja ihre Liebeswerke er⸗ ſtrecken ſich über die Gemeinde hinaus, und ſo geht's in jeder wahren chriſtlichen Gemeinde, ſie mag noch ſo klein und arm ſein. Daß freilich die Kirche nicht mehr ſo auftritt, wie früher, als eine Königin, ſondern wie das arme Weib im Evan⸗ gelio, die mit ihrem Schärflein alle ihre Habe in den Gotteskaſten warf, das iſt wahr, aber denke an den alten H..., durch treuloſe Diener und betrügeriſche Schuldner, d. h. ihre eignen Kinder, die ihre Güter verachteten und die Gnade Chriſti auf Muthwillen zogen, iſt die Kirche, oder viel⸗ mehr der Haufe derjenigen, die ſich Chriſten nen⸗ nen, in Unglauben verſunken und ſo in Verfall gekommen; und da die Ungläubigen den großen Haufen ausmachten, ſo konnte natürlich von der Kirche, d. h. den wenigen Gläubigen, nichts Gro⸗ ßes, in die Augen Fallendes geſchehen. Aber Gott ſei Dank, daß ſeit Jahren der HErr angefangen, mit Gnaden darein zu ſchauen, und ſeinen Geiſt in ſeinem Wort und Saerament wie⸗ der über den armen Haufen ausgegoſſen hat, wo⸗ durch Tauſende und Hunderttauſende zum neuen Leben erwacht ſind. Aber was thun nun die Kinder? ſie handeln gerade ſo gottlos, wie der junge H.... Nachdem ſie durch die Kirche reich geworden ſind an geiſtigem Leben, und friſch und fröhlich nun Hand ans Werk legen ſollten, um mit ihren neugeſchenlten Kräften dem Hauſe zu ſeinem alten Ruhm und Glanz zu verhelfen, ver⸗ laſſen ſie es ſchändlich, und verbünden ſich mit den geheimen Geſellſchaften, die unterdeſſen aufge⸗ ſprungen ſind und, wie ſie ſagen, das eigent⸗ liche Geſchäft der verfallenen Kirche betreiben, nemlich die Liebe und Wohlthätigkeit üben, wozu die Kirche nicht mehr im Stande iſt. Das iſt ja ein ſchändlich Ding, daß ihr der Kirche und ihrem HErrm die Kräfte entzieht, die ihr ihr verdankt und ſchuldig ſeid, und macht euch dann breit, und ſchwatzt von dem Verfall und der Untüchtig⸗ keit der Kirche, und rühmt eure Geſellſchaften, die doch eben durch eure Treuloſigkeit groß geworden. Die Kirche iſt euch auch nichts mehr, die Geſell⸗ ſchaften Alles, ſie kommen zuerſt, dann die Kirche, wenn ihr allenfalls noch einen verſchimmelten Brocken übrig habt, um ihn ihr hochmüthig zuzu⸗ werfen! C. Das mag von Einigen wahr ſein, aber nicht von mir und Andern, die der Kirche treu ſind. P. Eine vortreffliche Treue das, und des Rüh⸗ mens werth! Vergleiche doch die Summen, die ihr an die Geſellſchaften wendet, mit dem, was ihr 20 zum Unterhalt und Weiterbau der Kirche thut! Sie können durch eure Beiträge allenthalben die koſtbarſten Häuſer aufrichten, allenthalben ihre Verbindungen und ihren Einfluß und ihre Macht ausbreiten, während Tauſende unſerer Glieder in ihrem geiſtlichen Hunger verſchmachten, und jammern um Kirchen und Prediger. Für den Nothſchrei der Kirche habt ihr kein Ohr, und meint noch Wunder, wie viel ihr thut, wenn ihr einen lumpigen Beitrag zur Erhaltung eurer eignen Gemeinde hingebt! Ja, Alles muß zurückſtehen! Eure Verſammlungen müßt ihr beſuchen, zum Beſuch der Gemeindeverſammlungen habt ihr keine Zeit; der Beſuch des Gotteshauſes, Taufe und Abendmahl werden aufgeſchoben, weil ihr hinter der großen Trommel einherziehen müßt, um dem Begräbniß eines „Bruders“ beizuwohnen, der vielleicht im Haß gegen euren HErrn und König geſtorben iſt, und während ihr mit eurem Thun und Treiben die Thränen der Betrübniß über den Jammer der Kirche euren Brüdern auspreßt, rühmt ihr euch groß, daß ihr die Thränen irdiſcher Noth trocknet. Die Kirche klagt über ihre abtrün⸗ nigen Kinder wie eine verlaſſene Wittwe, während ihr in Glanz und Ehre ſchwebt als die rechten Tröſter der Wittwen und Waiſen, und Nothhelfer der Armuth! Wehe euch unſeligen Kindern, die ihr erſt eure Mutter durch euren Ungehorſam und wildes Leben in Armuth und Mißeredit gebracht, und dann, nachdem ſie euch in ihrer Armuth ge⸗ ſucht und gefunden, von Neuem aufgen ommen, und geſpeiſet und gekleidet hat, von Neuem ſie verlaſſet, ihr Hab und Gut in fremde Häuſer tra⸗ get, und dann mit Verachtung andere Leute auf ihre Armuth hinweiſet, die ihr ſelbſt verſchuldet. So müßt ihr die Welt und ihren Fürſten ſtärken in ihrem ſcheinbaren Triumph über die Kirche und ihren König! Euch trifft's, was der HErr ſaget beim Propheten Jeſaias Cap. 1.: Höret ihr Himmel, und Erde nimm zu Ohren; denn der HErr redet: Ich habe Kinder aufgezogen und erhöhet, und ſie ſind von mir ab⸗ gefallen! Und durch eure Schuld allein breitet ſich der Abfall immer mehr aus! Es iſt ja ſchau⸗ erlich, wenn man in den großen Städten nameni⸗ lich Deutſche trifft, die Jahre lang im Lande ſind und haben ſich noch keiner Gemeinde angeſchloſſen, und wenn man ſie fragt, warum nicht, ſo haben ſie, wie ſie ſagen, kein Geld, um den Beitrag zu bezahlen, der doch gewöhnlich ſo niedrig iſt, daß ihn ein Bettler aufbringen kann, und allezeit denen erlaſſen wird, die zu arm ſind, ihn aufzu⸗ bringen. Und wenn man weiter in ſie dringt, ſo kommts heraus, daß ſie ihr Geld, das ſie verdie⸗ nen, und zu ihrer Nothdurft nicht gebrauchen, in die geheimen Geſellſchaften ſtecken müſſen, und meinen, es köͤnne gar nicht anders ſein, man müſſe ja eher für etwa vorkommende Krankheitsfälle ſorgen, als für die zum Tod kranke Seele: Das ſind die Früchte eurer „Liebe und Wohlthätig⸗ keit“! Seid ſicher, daß Gott euch den Lohn für ſolchen Greuel auf euren Kopf bringen wird! * * (Eingeſandt.) Unſinn über Unſinn. In No. 14 der katholiſchen Kirchenzeitung von Baltimore findet ſich unter der Ueberſchrift: „Die Kirche iſt eine Pflegerin wahrer Freiheit“ ein Auf ſatz, der ſo durch und durch voll Unſinn ſteckt, daß dem Leſer die traurige Vermuthung nahe gelegt wird, der Verfaſſer habe ſeinen Verſtand verloren, oder ihn noch niemals gehabt. Wir würden uns daher in keiner Weiſe. beikommen laſſen, dieſen Unſinn über Unſinn auch nur der geringſten Be⸗ rückſichtigung zu würdigen und den Leſer mit Auf⸗ deckung desſelben zu langweilen, wenn darin nicht auch die Lehre der Kirche angegriffen, entſtellt und verläſtert würde. Da nun aber dies der Fall iſ, ſo müſſen wir den Leſer um Nachſicht und um die Erlaubniß bitten, wenigſtens einen Theil jenes Unſinns vor ihm darzulegen. Der ganze obenerwähnte Aufſatz beſteht aus einer Einleitung und drei Haupttheilen. In der Einleitung preiſ't der Verfaſſer die Freiheit und verſichert, er ſelber ſei bereit, „für ſie zu kämpfen, wenn dieſelbe gänzlich unterdrückt werden ſolle“. Von welcher Freiheit das geredet iſt, iſt leicht zu erkennen; es kann nur von bürgerlicher Freiheit geredet ſein, denn für die chriſtliche Freiheit, für die Freiheit von der Knechtſchaft der Sünde, des Todes und des Teufels, wird doch der Verfaſſer, als ein Chriſt, nicht erſt dann kämpfen wollen, wenn dieſelbe gänzlich unterdrückt werden ſollte. Dieſe Freiheit kann ja gar nicht gänzlich unter⸗ drückt werden, weil Chriſtus ſie ein für allemal durch ſein Erlöſungswerk erworben hat, und dieſes Werk kann, Gott Lob, nie ungeſchehen gemacht werden. Sollte daher der Verfaſſer von dieſer Freiheit reden, ſo hätte er ſich dadurch nicht uuu aufs Erbärmlichſte lächerlich gemacht, ſondern ſch.— auch für einen Unchriſten erklärt, weil ja jeder Chriſt wiſſen und bekennen ſoll, daß die chriſtliche Freiheit niemals gänzlich untergehen kann, daß aber gleichwohl jeder wahre Chriſt unabläſſig für ſie ſtreitet. Der Verfaſſer muß alſo mit jenen Worten ſagen wollen, er ſei bereit, im Nothfall für die politiſche oder bürgerliche Freiheit zu kämpfen. Und warum iſt er dazu wohl bereit? Man höre: „Es hieße auf das Theuerſte Verzicht leiſten, ſich um ſeine Menſchenwürde bringen; die um ſo hohen Preis, das koſtbare Blut des Sohnes Got⸗ tes, bewerkſtelligte Erlöſung ableugnen; wollte man abſichtlich die Freiheit an ſich oder Anderen ableugnen.“ Das ſind die Worte des Verfaſſers. Er will alſo im Nothfall für die bürgerliche Frri⸗ heit kämpfen (denn von der redet er bewieſener⸗ maßen), weil dieſelbe abzuleugnen eine Ableun- 3 nung der Erlöſung, durch Chriſtum geſchehen, und ein Aufgeben der Kindſchaft Gottes wäre. So ſehen wir denn wohl, der Verfaſſer hält die Erlö⸗ ſung, welche durch IEſum Chriſtum geſchehen iſt, für eine Erlöſung von bürgerlicher Unfreiheit, und die Kindſchaft Gottes für ebenſoviel, als die M⸗ gliedſchaft an einem bürgerlich freien Staate. Darin ſtimmt er denn freilich ganz mit den Juden zur Zeit Chriſti überein, denn die hofften auch, der Meſſias werde ſie vom Joche der Römer befreien