Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 2 › Seite 10
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-18, Seite 10
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirche 24 · rutheriſche ainche 2
bekennt und durch Einen heiligen Ruf zu Einem
himmliſchen Erbe berufen wird.“ (S. Loci th.
De eccles. § 34.) Wenn wir jedoch ſagen, daß
die wahre Kirche nur Eine ſei, ſo iſt, wie aus Nr. 1.
erhellt, unſere Meinung nicht dieſe, als müſſe es
irgend eine ſichtbare Gemeinſchaft irgendwo in der
Welt geben, welche dieſe Eine wahre Kirche aus⸗
mache. Nein, wir halten feſt, daß die wahre
Kirche, wie ſie durch keine Zeit eingeſchloſſen iſt,
ſo auch, inſonderheit jetzt in der Zeit des Neuen
Teſtamentes, durch keinen Raum, durch kein Land,
keine Nation, keinen Namen u. ſ. w. eingeſchloſſen
ſei. Unter anderen ſchreibt Luther in ſeiner Aus⸗
legung des 6. — 8. Cap. des Ev. Johannis:
„Dieſelbige (Kirche) läſſet ſich nicht auf einen
Haufen zuſammenbringen, ſondern ſie iſt zerſtreuet
durch die ganze Welt; ſie gläubet, wie ich gläube,
und ich gläube, wie ſie gläubet.“ (Ueber Joh. 7,
40.) Keine der einzelnen ſichtbaren chriſtlichen
Gemeinſchaften innerhalb der getauften Chriſten⸗
heit, in welchen die Lehre der wahren Kirche in
Predigt und Praxis im Schwange geht, halten
wir daher für die Eine heilige allgemeine chriſt⸗
liche Kirche, ſondern für bloße Particularkirchen,
d. h. für Theile oder Zweige der Kirche. So gern
wir es aber zugeſtehen, daß die Kirche aus vielen
verſchiedenen Theilen beſteht, ſo können wir doch
nimmer glauben, daß es mehrere Kirchen gebe von
verſchiedenem Glauben. Was daher ſolche ein⸗
zelne ſichtbare chriſtliche Gemeinſchaften betrifft,
in welchen man zwar das Wort Gottes und die
heiligen Sacramente weſentlich behält, welche ſich
aber deswegen abgeſondert und abgeſchloſſen haben,
weil ſie eine oder mehrere Lehren der wahren all⸗
gemeinen chriſtlichen Kirche nicht annehmen wol⸗
len und hingegen gewiſſe dem allgemeinen chriſt⸗
lichen Glauben widerſtreitende Irrthümer ange⸗
nommen haben und hartnäckig und halsſtarrig
trotz aller Vermahnung feſthalten, von ſolchen
glauben wir zwar, daß auch ſie mitten in der
wahren Kirche ſich befinden, auch daß einige, ja
vielleicht viele darin befindliche Seelen Glieder am
Leibe IEſu Chriſti ſind, alſo zur wahren Kirche
gehören, aber die Gemeinſchaften ſelbſt können
wir als ſolche nicht für Particularkirchen, nicht
für Theile oder Zweige der wahren Kirche erken⸗
nen, ſondern wir müſſen ſie nach Gottes Wort für
irrgläubige Gemeinſchaften oder Seeten in der
Kirche anſehen. Denn alſo ſchreibt St. Paulus:
„Ich ermahne aber euch, lieben Brüder, daß ihr
aufſehet auf die, die da Zertrennung und
Aergerniß anrichten neben der Lehre, die ihr
gelernet habt, und weichet von denſelbigen.“ Röm.
16, 17. Ferner ſchreibt Petrus: „Wie auch
unter euch ſein werden falſche Lehrer, die
neben einführen werden verderbliche Seeten und
verleugnen den HErrn, der ſie erkauft hat.“
2 Petr. 2, 1. Daher ſchreibt Luther: „Wohlan,
der Pabſt ſpricht, er ſei die chriſtliche Kirche; da
ſagen wir Nein zu, ob ihr wohl etliche ſind
unter dem Pabſtthum, die in die chriſt⸗
liche Kirche gehören, gleichwie auch unter
den Türken, in Frankreich und Engelland viel
ſind, die zu der chriſtlichen Kirche gehören: ſie ſind
getauft, halten das Evangelium, gebrauchen der
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Sacramente recht, und ſind rechte Chriſten. Daß
ſie aber uns jetzt verdammen, und ſagen, unſere
Lehre ſei nicht recht, und ſich dagegen weiß bren⸗
nen, und mit ihren Geſetzen, Gedichten, Brüder⸗
ſchaften und guten Werken ſich rechtfertigen und
ſagen, wer dieſelbigen halte, der ſei ein rechter
Chriſt und ſei die rechte chriſtliche Kirche: da ſpre⸗
chen wir Nein zu. Das laſſen wir wohl und laſ⸗
ſens geſchehen, daß ſie ſind in der chriſtlichen
Kirche, aber ſie ſind nicht die rechten Glieder der
Kirche; ſie haben wohl den Predigtſtuhl, die Taufe,
das Pfarramt, Sacrament, und ſie ſind drinnen
in der Kirche, aber nicht rechtſchaffen. So
mußt du nun unterſcheiden die rechte chriſtliche
Kirche, die in der Wahrheit die Kirche iſt, von der
Kirche, die da will die Kirche ſein, und iſts doch
nicht. Die falſche Kirche hat alleine den
Schein, hat aber gleichwohl die chriſtlichen Aem⸗
ter.“ (Ibidem.) Freilich iſt es nun nicht zu leug⸗
nen, daß es auch keine Particularkirche gibt, die
nicht Glieder hätte, welche von Irrthümern und
zwar zuweilen von vielen und ſchweren Irrthü⸗
mern gefangen ſind, wie wir dies an den Gemein⸗
den zu Corinth und Galatien im apoſtoliſchen
Zeitalter erſehen. Der Apoſtel, der an ſie ſchreibt,
beſtraft an denſelben nicht geringe Irrthümer und
dennoch nennt er beide „Gemeinden“ (Kirchen),
und die zu Corinth ausdrücklich eine „Gemeinde
Gottes“. (1 Cor. 1, 2.) Man darf aber daraus
nicht den Schluß machen, als ſei ſo nach zwiſchen
einer Particularkirche und einer angeblichen Secte
kein Unterſchied. Das ſei ferne! Zwiſchen beiden
findet derſelbe Unterſchied ſtatt, wie zwiſchen einem
aus Schwachheit Irrenden und einem Ketzer.
Auch ein Nathanael ohne Falſch (Joh. 1, 47.)
kann ſchwer irren, er iſt aber darum kein Hyme⸗
näus und Philetus, von denen es heißt: „Ihr
Wort frißt um ſich wie der Krebs, welche der
Wahrheit gefehlt haben und haben auch etlicher
Glauben verkehret.“ (2 Tim. 2, 17.) Jeder Chriſt
hat noch ſein Theil Irrthum, aber er iſt bereit,
denſelben fahren zu laſſen, und darum iſt er eben
bei ſeinem Irrthum kein Ketzer, denn von den
Ketzern heißt es: „Einen ketzeriſchen Menſchen
meide, wenn er einmal und abermal ermahnet iſt,
und wiſſe, daß ein ſolcher verkehrt iſt und ſündiget,
als der ſich ſelbſt verurtheilt hat.“ Tit. 3, 10. 11.
Daher ſchreibt Luther: „Wie St. Auguſtinus
von ſich ſpricht: Errare potero, haereticus non
ero: ich mag irren, aber ein Ketzer will ich nicht
werden. Urſach, Ketzer irren nicht allein, ſondern
wollen ſich nicht weiſen laſſen, vertheidigen ihren
Irrthum für recht und ſtreiten wider die erkannte
Wahrheit und wider ihr eigen Gewiſſen. Aber
St. Auguſtinus will ſeinen Irrthum gern beken⸗
nen und ihm ſagen laſſen. Darum kann er kein
Ketzer ſein, wenn er gleich irrte. Alſo thun alle
andere Heilige auch, und geben ihr Heu, Stroh
und Holz (1 Cor. 3, 12.) gern von ſich ins Feuer,
damit ſie auf dem Grunde der Seligkeit bleiben.
Wie wir (Luther) auch gethan haben und noch
thun.“ (Luthers Schrift von Conciliis und Kir⸗
chen. Werke. Hall. A. XVI, 2664.) Dieſelbe
Bewandniß nun, welche es mit dem irrenden Chri⸗
ſten und dem Ketzer hat, hat es, wie geſagt, auch
—
mit der (rechtgläubigen) Particularkirche und der!
Secte. Die erſtere irrt wohl auch, wie die Corin⸗
ther und Galater, aber läßt ſich weiſen; die Setn
hingegen irrt hartnäckig und halsſtarrig, läßt ſich
nicht weiſen, gerade ihre Irrthümer haben ihr
ihr beſonderes von der rechigläubigen Kirche ab⸗ 1
geſchloſſenes Beſtehen gegeben, ſie hat ſich in ihrem
Irrthum verhärtet und verſtockt, ſie kämpft darum
als um ihr Leben und um ihr Kleinod. Wir
können nicht umhin, auch hierüber unſeren Luther
reden zu laſſen; derſelbe ſchreibt nemlich: „Wobei
ſollte man ſonſt Unterſchied nehmen, welches die 1
rechte Kirche Chriſti und welche des Teufels Kirche
ſei, ohne bei dem Gehorſam und Ungehorſam ge⸗
gen Chriſtum; ſonderlich ſo der Ungehorſam öf⸗
fentlich erkannt und verſtanden, ſich frevelich und
frechlich entſchuldigt und recht haben will? Denn
die heilige Kirche ſündiget und ſtrauchelt oder iret A
auch wohl, wie das Vater unſer lehrt; aber ſie
vertheidiget, noch entſchuldiget ſich nicht, ſondem
bittet demüthiglich um Vergebung, und beſſert ſich,
wie ſie immer kann: ſo iſt's ihr vergeben; daß
alsdann ihre Sünde nicht mehr Sünde gerechnet
wird. Wenn ich nun bei dem Gehorſam und
verſtockten Ungehorſam nicht ſoll erkennen, noch
unterſcheiden die rechte Kirche von der falſchen,ſo
weiß ich von keiner Kirche mehr zu ſagen. So mag
man darnach alle Ketzer, alle Rotten und Secten,
ſo Chriſto frevelich ungehorſam ſind, mit allen
Ehren auch die heilige Kirche heißen; denn ſie
nichts ärger ſind, weder des Pabſtes Kirche iſt, ſo
anders freveler Ungehorſam wider Gott nichts
ſchadet. Wiederum iſt die päbſtliche Kirche nichts
beſſer, weil ſie ebenſowohl Gott halsſtarriglich un⸗
gehorſam iſt und ſeine Worte freventlich
verkehret und dazu noch recht haben will, als
ſonſt keine anderen Notten und Ketzer. Und will
zuletzt das die Summa werden, daß auf Erden
weder Kirche noch Ketzer mehr ſein mögen. 1
Denn womit wollen wir beweiſen, daß dieſe oder
jene Rotte Ketzer ſind? Sagen wir: damit, daß
ſie Gott frevelich ungehorſam ſind und ſeine Worte
dürſtiglich verkehren; ſo können ſie ſagen: thuts !
doch die päbſtliche Kirche auch und wohl mehr,
denn wir, und will dennoch recht haben und die
heilige Kirche ſein; iſt's ihr recht, ſo iſt's uns auch
recht.“
der Winkelmeſſe vom Jahr 1534. Werke XIX,
1579.) Anderwärts ſchreibt Luther: „Sie unter⸗
ſcheiden nicht, irren und im Irrthum bleiben.!
Irren ſchadet der Kirche nichts; aber im Irrthum
bleiben, das iſt unmöglich; wie Chriſtus ſpricht
(Matth. 24, 23.), daß auch die Auserwählten in
Irrthum geführet würden, wo es möglich
wäre.“ (Schrift von der Winkelmeſſe und Pfaf⸗
fenweihe vom Jahr 1533. Ib. 1515. ö
3. Nachdem wir nun unſer Glaubensbekennt⸗
niß gethan haben, was wir unter der Kirche, fer⸗
ner unter einer Particularkirche und unter einer
Secte verſtehen, und inwiefern wir annehmen,
daß die Kirche nur Eine ſei, ſo erklären wir
nun weiter, daß wir Lutheraner uns zu keiner an⸗
deren, als eben zu der beſchriebenen alten Einen
heiligen chriſtlichen und allgemeinen Kirche beken⸗
nen. Es iſt Luthern nicht eingefallen, eine neue
(Luthers Brief wegen ſeines Buchs von
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