Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 2 › Seite 14

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-18, Seite 14

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nilitäriſche Union mit Baden ein. Deun in
Baden, wo der Großherzog ſammt ſeinem Mini⸗
terium als einer der erſten nicht nur die Reichs⸗
Hderfaſſung anerkannt und für die Wahl des Kö⸗
rigs von Preußen ſich ausgeſprochen, ſondern
üuch dem Verlangen, auch das Militär auf die
Verfaſſung zu vereidigen, nachgegeben hatte, war
in Militär- und Volksaufſtand ausgebrochen
für — Einführung der Reichsverfaſſung! —
Ich habe mich nicht verſchrieben, der Unſinn iſt
Thatſache. Und zwar ſo wüthend brach die Re⸗
polte und ſo plötzlich aus, daß der Großherzog,
der ſich von allen verlaſſen ſah, in der Nacht mit
einem Miniſterium die Flucht ergriff und ſich
iach Germersheim, dann nach Frankfurt, endlich
nach Mainz wandte. Treugebliebene Dragoner
und Artilleriſten wurden mit dem Markgrafen von
Baden durchs Land gehetzt, und als die Zer⸗
ſprengten und Todmüden endlich Rottweil in
Würtemberg erreichten, von dem edlen „Volke“
dort aufs ungaſtlichſte empfangen und nur durch
die Bemühungen beſſerer Bürger geborgen, wäh⸗
rend ihre mitgebrachten Kanonen den nachgeeilten
Freiſchärlern ausgehändigt wurden. Es bildete
ſich in Baden eine proviſoriſche Regierung (Bren⸗
tano, Fickler, Blind u. a.), Struve wurde in
Raſtatt ſeiner Haft entnommen, die ganze Be⸗
ſatzung von Raſtatt ging „zum Volk“ über, die
Miniſter wurden von der proviſoriſchen Regie⸗
rung abgeſetzt, weil ſie — vor dem Aufſtand ge⸗
flohen und, ſo viel an ihnen war, das Land der
Anarchie preisgegeben hätten. Die ſchändliche
Treuloſigkeit des badiſchen Militärs ſchreibt man
den vielen Conceſſionen zu, die man demſelben
gemacht und wodurch man alle Disciplin unter⸗
graben hatte, dann aber hauptſächlich, daß man
ſich ſo ſehr beeilt hatte, das Einſteherweſen auf⸗
zuheben, wodurch man gedienten Unteroffizieren
die Ausſicht künftiger Exiſtenz verſchloß, ihre Her⸗
zen der Negierung entfremdete und in ihnen den
Grundpfeiler militäriſchen Geiſtes im Heere weg⸗
räumte. In Baden blühte nun eine „gemüth⸗
liche Anarchie“ auf. Das Land war tiefflich
verſorgt. Ein ehemaliger Lieutenant ward Kriegs⸗
miniſter, ein durchs Examen gefallener Candidat
erhielt ein anderes Miniſterium ꝛc.; die Offiziere
wurden von ihren Soldaten verjagt, die ſich aus
ihren Korporälen ihre neuen Anführer wählten,
nach deren Befehlen ſie nicht mehr fragten, als
ihnen gerade beliebte; nach Paris wurde eine
Deputation abgeſchickt, um franzöſiſche Hilfe zur
Durchführung der deutſchen Verfaſſung zu erbit⸗
ten, an das deutſche Volk ein Aufruf zur Ver⸗
breitung der Revolution erlaſſen, mit dem Namen
Raveaux, des Kölner. Cigarrenhändlers und
Reichstagsdeputirten an der Spitze, Hecker ward
aus Amerika zurückberufen, ſonſt aber that jeder,
was ihm gut deuchte, und niemand wußte recht,
wer Koch oder Kellner ſei. Von Dresden her
aber waren nach Baden und der Pfalz die dort
verjagten Freiſchärler, die Polaken, Franzoſen,
von Italien die in Sicilien (das ſich wieder an
den König von Neapel ergeben hatte) und in
Piemont überflüſſig gewordenen Schweizer Aben⸗
teurer und italieniſchen Lanzknechte, zuſammen⸗

geſtrömt, um die beiden Ländlein beglücken und
ſegnen zu helfen. Wo dieſe Aasgeier hinkamen,
fraßen ſie alles auf und aus, die Familienväter
mußten hungernd zuſehen, die Armen ihre letzten
Kartoffeln aus der bergenden Grube hervorſtöbern,
und ſich vom darbenden Munde unbarmherzig
wegſchnappen laſſen; die Reichen wurden mit
Zwangsanlehen behelligt, die oft die Hälfte ihres
Vermögens in Anſpruch nahmen, und Bürger
und Landmann ſehnten ſich nach Erlöſung von
dieſer republikaniſchen Seligkeit. Sie mußten
ziemlich lange warten; wer noch nicht nüchtern
war, konnte es unterdeſſen werden. Unterdeſſen
wurde Landau von den Freiſchaaren bedrängt.
Gegen die vermochte es ſich zu halten, gegen einen
äußern Feind hätte es in Kurzem fallen müſſen.
Allein die edle Geſandtſchaft, die in Paris Hülfe
ſuchte, fand kein Gehör, wie denn auch die fran⸗
zöſiſchen Soldaten, die an der Grenze mit der eid⸗
brüchigen Soldateska aus Baden zuſammen⸗
kamen, dieſer ihre Nlederträchtigkeit ſo offen und
nachdrücklich vorhielt, daß dieſe wie vernichtet
daſtand. Als aber die Einſchreitung der Reichs⸗
truppen immer auf ſich warten ließ, ſammelte ſich
das Willich'ſche Corps vor Landau, und ſtemmte
das Flüßchen, das die Stadt durchzieht, ſo daß
dieſe faſt ganz unter Waſſer geſetzt wurde. End⸗
lich kamen die Preußen, theils von Worms, theils
von der Saar her, wurden vom Landvolk, das
bereits an mehreren Orten die Freiſchaaren mit
Senſen vertrieben hatte, mit lautem Jubel em⸗
pfangen, zerſprengten das Willich'ſche Corps vor
Landau mit leichter Mühe, denn ihre Zündnadel⸗
gewehre, aus denen die Spitzkugeln auf 1000
Schritte herſauſ'ten, ehe man noch die im Walde
heranziehende Mannſchaft ſah, flößten den Helden
ſolchen Reſpect ein, daß ſie davon liefen und ihre
erſte Ladung noch unverſehrt in ihren Gewehren
bis Heidelberg in Baden trugen. Darauf zogen
die Preußen in Speyer ein, wo die Bürgerwehr
das Gewehr vor ihnen präſentirte, und nun iſt
die ganze Pſalz faſt ohne Kampf in ihren Hän⸗
den, bis auf das Hardtgebirge, in deſſen Schluch⸗
ten ſich der polniſche General Schneider mit ſei⸗
nen Haufen geworfen hat. Es geht die Sage,
er ſei dort ermordet worden. Ein Theil der
Preußen nahm dann Ludwigshafen am Rhein
(ſonſt die Rheinſchanze genannt), Mannheim
gegenüber, ein. Dort lag aber der polniſche Ge⸗
neral Mieroslawsky, der Oberbefehlshaber der
ganzen badiſchen Kriegsmacht; der ließ die Brücke
mit Baumwollballen verbarrikadiren und Lud⸗
wigshafen in Brand ſchießen. Die Preußen
hatten noch keine Kanonen dort.
aber ließ trotz alles Anhaltens der Mannheimer
Bürger die ſchöne Kettenbrücke und die Neckar⸗
brücke unterminiren, und verſicherte, er verlaſſe
Mannheim nur als einen Schutthaufen. Wenn
die beiden Minen ſpringen, ſpringen drei Millio⸗
nen Gulden in die Luft. Die Preußen aber,
ſcheint es, wollen die Stadt ſchonen. Eine an⸗
dere ihrer Abtheilungen hat Germersheim und
den dortigen Brückenkopf beſetzt, den die Badener
bisher vergeblich zu nehmen ſuchten. Während
dies geſchah, machten die Heſſen und Mecklen⸗

Mieroslawsky

burger von Norden her einen Einfall bei Wein⸗
heim, wagten ſich aber etwas zu weit vor und
erhielten bei Großſachſen eine ziemliche Schlappe.
Die Bayern werden von Weſten her erwartet und
bei ihrem Eintreffen wird man wahrſcheinlich die
Operationen mit vereinter Kraft und Energie be⸗
ginnen, um die Sache mit Einem Schlage kurz
abzumachen. Von Süden her ſind die Oeſter⸗
reicher im Anmarſch.

Während dieſer Vorgänge war das Rumpf⸗
parlament, da die Centralgewalt alle ſeine Be⸗
ſchlüſſe unbeachtet ließ, nach Stuttgart übergeſie⸗
delt, ohne dort nur anzufragen. Hier ſetzte es
den Reichsverweſer ab, ſetzte eine Reichsregent⸗
ſchaft aus fünf ihrer Mitglieder (Raveaur, Vogt,
Schüler aus Zweibrücken, Heinrich Simon und
Becher, Mitglied der würtembergiſchen Stände⸗
kammer) ein, dieſe ſchickt dem General Peucker
in Frankfurt Befehl zu, ſeine Operationen gegen
Baden und die Pfalz einzuſtellen, ſetzt den wür⸗
tembergiſchen General Miller, der ihre Befehle
nicht anerkannt, ab, befiehlt dem preußiſchen Ge⸗
neral Prittwitz in Holſtein den Krieg energiſcher
zu führen, erläßt einen Aufruf an das deutſche
Volk zum Aufruhr, verlangt von der würtem⸗
bergiſchen Regierung Geld und Leute zur Ver⸗
theidigung Badens und der Pfalz, eröffnet einen
Credit von drei Millionen, der durch auszuſchrei⸗
bende Matricularbeiträge der deutſchen Regierun⸗
gen — von deren keiner dies Rumpfparlament
mit ſeiner Regentſchaft anerkannt wird — gedeckt
werden ſoll; wird ſo nicht müde, ſich lächerlich zu
machen, ſich wie wahnſinnig zu geberden und das
würtembergiſche Volk aufzuwühlen, bis das wür⸗
tembergiſche Miniſterium unter Zuſtimmung der
Kammern die ganze Sippſchaft aus Stuttgart ver⸗
weiſ't, und da ſie dennoch desſelben Nachmittags
ihre Sitzung halten will, ſie durch Reiterſchwenkun⸗
gen auseinander treibt, ihre Proteſtationen und
Anreden an das Volk durch Trommelwübel über⸗
täuben läßt und ſie zu dem Entſchluß bringt —
nach Karlsruhe überzuſiedeln.

Woran halten wir aber nun? Einen neuen

Punkt zur Vereinigung und Vereinbarung hat
Preußen geboten durch eine in Gemeinſchaft mit
Hannover und Sachſen entworfene Verfaſſung,
bei der die Frankfurter zu Grunde gelegt iſt, und
zwar ſo, daß es eigentlich dieſelbe iſt, nur in den
Punkten der Oberhauptsfrage, des Veto und der
Wahlordnung, nebſt mehrern andern unweſent⸗
lichen abgeändert. Schon früher hatte Preußen
zur gemeinſamen Berathung dieſer Verfaſſung
eingeladen. Die 29 Regierungen, die bereits die
Frankfurter Verfaſſung anerkannt hatten, bethei⸗
ligten ſich bei der Berathung nicht, wohl aber
Bayern und Oeſterreich. Letzteres zog ſich in⸗
deſſen bald unzufrieden wieder zurück, erſteres
konnte ſich deswegen noch nicht zuſtimmend er⸗
klären, weil auch durch dieſe Verfaſſung Oeſter⸗
reich ausgeſchloſſen oder ihm der Beitritt unmög⸗
lich gemacht und namentlich auch das induſtrielle
Intereſſe Bayerns nicht genugſam gewahrt, ja
eigentlich im höchſten Grade gefährdet wäre. So
traten denn die genannten drei Königreiche allein
mit der neuen Verfaſſung hervor, weil die Zeit

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