Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 23 › Seite 182
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-08-31, Seite 182
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchenzucht 9
ſich ſtets widerſpenſtig erzeige und nur da,
wo ſie ihren Vortheil ſehe, den in Gottes
Wort gegründeten Forderungen des Paſtors
nachgebe, ihre, ſogar ſchriftlich gegebenen
Verſprechen aber immer wieder breche, ſo⸗
bald ſie des Paſtors nicht mehr zu bedürfen
meine, auch ihm dann ſelbſt den Dienſt auf⸗
kündige?
Antwort: Ja! eine ſolche Gemeinde mache
ſich ſelbſt unwerth, Gottes Wort zu hören.
Ite Frage:
Wie ſoll ein Prediger verfahren, wenn
ein Glied ſeiner Gemeinde ein anderes be⸗
ſchuldigt, daß es ein Verbrechen begangen,
und namentlich, wenn der Angeſchuldigte
die That leugnet, ſich auf Zeugen beruft?
Antwort: Es iſt jedenfalls die Wahrheit zu
ermitteln, nimmer aber auf eine bloße Vermu⸗
thung hin ein Urtheil zu fällen, da dies ganz
gegen Sacharja 8, 7. ſein würde. Sind darum
Zeugen angegeben, ſo ſollen dieſe vernommen
werden und nach ihrer Ausſage iſt zu entſcheiden.
Der danach Schuldige kommt in Kirchenzucht. —
Erweiſ't es ſich aber, daß die Zeugen Urſache der
Anklage ſind, wiewohl ſie nichts Gewiſſes aus⸗
ſagen können, ſo müſſen dieſe, als Verleumder,
in Kirchenzucht genommen werden, falls ſie nem⸗
lich zur Gemeinde gehören.
Ludwig W. Habel,
als Secretär.
(Eingeſandt.) *
Ob die Union, wie man ſie ſo häufig vertheidi⸗
gen hört, recht ſei oder nicht? Und ob die
Union überhaupt recht ſei?
Es iſt mir begegnet, daß ich mit ſolchen, die
für die Union ſich erklärten, zuſammen war, und
das Geſpräch ſich auf dieſen Gegenſtand richtete.
Ich hatte mich damals ſelbſt noch nicht öffentlich
gegen die Union erklärt, weil ich, in Deutſch⸗
land in der unirten Kirche Preußens aufgewach⸗
ſen, noch in dem Widerſpruch mit mir ſelbſt lebte
und nicht recht wußte, was ich thun ſollte. Und
ich wäre auch wohl in der Union geblieben,
wenn ich dieſelbe nicht erkannt hätte als einen
Schleier oder Mantel, der über das Gewiſſen ge⸗
breitet iſt. Gewiſſensfrage, iſt meine Meinung,
muß es werden, wenn man Gewißheit über dieſe
Frage erlangen will. Nach meinem Gewiſſen
aber habe ich es nie geleugnet, daß die lutheriſche
Lehre die rechte, in Gottes Wort begründete ſei.
Erhoben ſich nun Stimmen dagegen, ſo bekannte
ich die erkannte Wahrheit. Kam's auf die Union,
ſo konnte ich dieſelbe nur als recht zugeben in der
Wahrheit; doch gab es auch eine Zeit, wo ich
) Dieſe Einſendung kam uns erſt zwei Tage nach dem
Eingehen des Schreibens zu, in welchem uns von des lie⸗
ben Einſenders, des Paſtors Buttermann, ſeligem Tode
Nachricht gegeben worden war. Aus dem die Einſendung
begleitenden Privatbriefe erſehen wir, daß der theuere
Mann Obiges noch zwei Tage vor ſeinem Tode niederzu⸗
ſchreiben ſich gedrungen fühlte. Es freut uns, dasſelbe, als
ein Bekenntniß ſeines eigenen Mundes gegen die ſogenannte
Union und für die lutheriſche Kirche, unſern Leſern vorlegen
zu können. D. Reb.
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mein Gewiſſen durch Autorität Anderer habe be⸗
reden laſſen, es ſeien die Differenzpunkte zwiſchen
der reformirten und lutheriſchen Lehre nicht fun—
damental und könne deßhalb doch eine Union
ſtattfinden. Als ich hieran bei ſorgfältiger Prü⸗
fung vor meinem HErrn und Gott grade wieder
zweifelhaft wurde, ereignete ſich das oben er⸗
wähnte Geſpräch. Die, mit denen ich ſprach,
mochten in meinen Aeußerungen alsbald einen
„excluſiven“ Lutheraner merken, und merkte ich
ihnen ein ſonderbares Weſen an, das ich aus
eigner Erfahrung wohl kannte, als ich nemlich
auf ihre Frage, ob ich denn meine, daß die Union
nicht von Gott gewollt ſei, antwortete: ja gewiß
wolle Gott die Union, aber nur in der Wahrheit.
Darauf wurde denn erwidert: ja, ſo ſei es, im
Worte Gottes müſſe die Union geſchehen und
ſein. Ich erwiderte: man dürfe dann nur nicht
außer Acht laſſen, daß bei den verſchiedenen Leh⸗
ren allezeit die Frage ſich zur Entſcheidung auf—
drängte: welche iſt recht und welche falſch?
Darauf wurde das Geſpräch abgebrochen. Und
hier iſt gerade der Punkt, den das Fleiſch
fliehet. Im Worte Gottes, in der Wahrheit ſoll
unirt werden; 's wird aber nichts daraus, weil
man keinen Ernſt macht mit der Sache, ſich lieber
auf Autoritäten ſtützt und damit vorgibt ſich be⸗
ruhigen zu können, und iſt doch keine Ruhe und
kein Friede.
Ich ſagte oben: Ich halte dafür, es müſſe Ge⸗
wiſſensſache werden mit dieſer Frage. Damit
meine ich einmal: das Gewiſſen muß frei wer⸗
den von den Banden der verbreiteten Meinung
für die Union; denn dieſe Meinung, die da ſagt:
„Union iſt recht, iſt etwas Schönes, wie ſollte
Gott das nicht wollen!“ dieſe Meinung iſt eben
eine Meinung; alle Meinungen aber ſoll man
nicht anerkennen als bindend für das Gewiſſen;
denn die Sünde hat ja bekanntermaßen nicht
allein den Willen verderbet, ſondern auch Denk⸗
kraft und Urtheil. Daß aber jene Meinung häu⸗
ſig ein Gewiſſensband wird, daran wird Niemand
zweifeln können. Die rechten Gewiſſensbande
legt uns nun aber allezeit Gott ſelbſt auf in ſei⸗
nem Worte. Dieſe Bande ſollen wir lieben und
werth halten, und werden wir in denſelben recht
frei. So z. B. ſoll mein Gewiſſen ſich von dem
Gebote: „Du ſollſt nicht ſtehlen“, feſt binden
laſſen. So iſt's auch mit dem ganzen Worte
Gottes, daß es unſre Gewiſſen bindet und da⸗
durch recht, köſtlich und himmliſch frei macht.
Hiermit ſtimmt aber durchaus nicht überein,
wenn es in einer unirten Kirchen-oder Gemeinde⸗
ordnung in St. Louis heißt: Wir bekennen uns
zu den reformirten und lutheriſchen ſymboliſchen
Schriften, ſo weit dieſelben übereinſtimmen. In
den Punkten aber, wo ſie nicht übereinſtimmen,
bedienen wir uns der geprieſenen, theuer errunge⸗
nen Gewiſſensfreiheit, daß nemlich ein
Jeder nach ſeinem Gewiſſen dabei verfahre. —
Das iſt nun recht ſchön, daß Jeder nach ſeinem
Gewiſſen verfahren ſoll. Wenn's aber nun ge⸗
ſchieht, daß der Eine die lutheriſche Lehre hat und
nach ſeinem Gewiſſen hält, und der Andere die
reformirte, und Beide ſich widerſprechen, was ſie
ja doch wirklich thun: liebe Brüder! iſt's da nicht
ſo, daß des Einen Gewiſſen ſich irren muß? Nun
wollet ihr doch aber nicht ſagen, daß ein irrendes
Gewiſſen etwas Gutes und Schönes iſt, auch
nicht, daß es im Irrthum bleiben müſſe und ſolle:
ſehet, ſo dürfet ihr nicht ſagen, es ſei Gewiſſens⸗
freiheit, und ihr bedienet euch der Gewiſſens⸗
freiheit. Das Einzige, was ihr mit Recht
ſagen könntet, wäre das, daß ihr bekennetet: wir
haben in dieſem Punkte keine Gewißheit; dann
aber würde das Gewiſſen euch drängen, dieſelbe
zu ſuchen, und der HErr HErr würde ſie euch ge⸗
ben. Denn das werdet ihr ja nimmermehr ſa⸗
gen, daß es Gewiſſensfreiheit wäre, in einem
Punkte der chriſtlichen Heilslehre ungewiß zu ſein
und zu bleiben. Es iſt freilich nichts Angeneh⸗
mes, wozu wir uns öffentlich bekannt haben, als
etwas Unrechtes einzuſehen und umzuändern;
doch aber will's ſcheinen, als ſei es bei euch in
dieſem Stücke unbedingt nothwendig. Wenigſtens
weiß ich nicht, wie ihr ſonſt wollt ein gutes und
freies Gewiſſen haben.
Ob ſolche Union nun, wo man's ſo macht, recht
ſei oder nicht, braucht nicht mehr geſagt zu wer⸗
den. Wir könnten aber noch zu bedenken anfüh⸗
ren, daß ſolche Union eine Gemeinſchaft ſtiftet,
in der nicht einmal das Allerwichtigſte, die Heils⸗
lehre, allen gemein iſt, in welcher Gegenſätze ge⸗
duldet werden.
Ob die Union überhaupt recht ſei? — Jeder
unterrichtete Chriſt weiß, daß die chriſtliche Kirche
eine Union, eine Gemeinſchaft, iſt, und daß es
Gottes Wohlgefallen iſt, das dieſe Kirche gemacht
hat und noch allezeit erhält, und ihre Glieder
ſammlet, erleuchtet, heiliget und bei JEſu Chriſto
erhält. Wenn aber von „Union“ geſprochen
wird im gemeinen Leben, da verſteht jedermann
die obige Union darunter, da der Unterſchied der
Lehre nichts ausmachen ſoll. Die iſt aber zu ver⸗
werfen und, wie ſich jeder überzeugen mag, Gott
nicht wohlgefällig, ſondern mißfällig und ein
Greuel. — Sagt aber trotz dieſem Allen jemand:
Sehet da, ſie ſchreien wieder: „wir ſind die rechie
Kirche“, dem diene die Verweiſung auf unſre
Lehre von der Kirche; und mag er dieſelbe wider⸗
legen oder beſſer geben.
S. Buttermann,
ev.⸗Iuth. Paſtor.
Als ich dieß eber niedergeſchrieben hatte, kam
mir das unirte Blatt: „Amerikaniſcher Botſchaf⸗
ter“, No. 7 vom Juli in die Hände. Es iſt ſon⸗
derlich, wie dieſe Leute ſich über die Geſchichte
und über die Bekenntniſſe, die doch geſchichtliche
Thatſachen von einem Einfluß auf die ganze Zeit
ſind, hinwegſetzen können. In jenem Blatte
ſteht ein Gedicht, überſchrieben „die allein ſelig
machende Kirche“. In der Anmerkung zu die⸗
ſer Ueberſchrift heißt es unter Anderm, es „be⸗
kämpfe dieß Gedicht nur den noch immerfort,
ſelbſt unter Proteſtanten, ſo weit verbreiteten In⸗
thum, daß Einer meint, weil er ein Glied iſt
einer Kirchengemeinſchaft, ſo ſei er auch ein
Glied der wahren Kirche; und daß eine ein⸗
zelne Gemeinde oder ein äußerer Verband
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