Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 22 › Seite 149
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-05-15, Seite 149
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang 2 · Gottesdienſt 3 · Geſang · Gemeindegeſang 2
Von einem Kanzelliede kommt in den älteren
Kirchenorrnungen ſelten eine Spur vor, nur einige
ſchreiben namentlich für die Feſttage an dieſer
Stelle Lieder vor, wie: „Nun bitten wir den Hei⸗
ligen Geiſt“, „Es woll' uns Gott genädig ſein.“
Das Lied nach der Predigt findet ſich
in den meiſten Kirchenordnungen und zwar, wenn
Communion gehalten wurde, nur als Schluß der
Handlung des Worts, daher die durchgängige
Beſtimmung, daß dieſes Lied „ſich auf die Predigt
ſchicke“, folglich ſollte es nicht ſchon eine Vorbe⸗
reitung zur Communion bilden, für welche ein be⸗
ſonderer Anfang vorgeſchrieben war.
Zum Schluß des ganzen Gottesd ienſies, und
namentlich nach gehaltener Communion, läßt nur
die eine Hälfte der Kirchenordnungen das Lied
ſingen „Verleih uns Friede gnädiglich“ (das ver⸗
deutſchte Da pacem) oder „Erhalt' uns, HErr,
bei deinem Wort“; die andere Hälfte der Kirchen⸗
ordnungen läßt nur mit dem Segen ſchließen.
Unter die andern, öfter gebrauchten Geſangſtücke
mit Ausſchluß derer, welche bei der Communion
vorkommen, gehört die Litanei, welches Wort
ſeiner Abſtammung nach ein demüthiges und fle⸗
hendes Bitten bedeutet; ſie enthält einzelne in
kurze Sätze gefaßte Bitten, die der Kirchendiener
vortrug und welche die Gemeinde mit dem Kyrie
eleiſon beantlbortete. Sie hat ihren Grund in
1 Tim. 2, 1. ff.: „So ermahne ich nun,
daß man vor allen Dingen zuerſt thue Bitte, Ge⸗
bet, Fürbitte“ u. ſ. w. Schon im zweiten Jahr⸗
hundert hatte in der griechiſchen und römiſchen
Kirche die Litanei, als das allgemeine Kirchenge—
bet, ihre Stelle zwiſchen der Predigt und der Abend⸗
mahlsfeier. Dem Inhalte, nicht aber den Worten
nach, ſtimmt die griechiſche Litanei mit der römi⸗
ſchen und lutheriſchen überein, und die Geſtalt,
welche ſie noch hat, ſtammt aus dem ſechsten oder
ſiebenten Jahrhundert; ſier fängt nemlich mit dem
Kyrie eleiſon an und ſchließt damit; ſie nimmt
auch am Schluſſe das „Agnus Dei“ oder das
„Chriſte, du Lamm Gottes“ auf, reihet eine ge⸗
wiſſe Anzahl verwandter Bitten an einander und
fügt einen angemeſſenen Gebetsruf hinzu, als:
„HErr, erbarme dich“, oder: „Behüte uns“ u. ſ. w.
In dieſer Geſtalt überſetzte Dr. Luther die Litanei
aus der lateiniſchen in die deutſche Sprache, na⸗
türlich mit Auslaſſung alles deſſen, was ſich auf
den Heiligendienſt und dergleichen bezog; ſo er⸗
ſchien ſie zuerſt im Jahre 1529 und wurde von
da an in allen lutheriſchen Kirchen gebraucht und
zwar nach dem Vorbild der alten Kirche als das
der Gemeinde zukommende Kirchengebet
für die ganze Chriſtenheit. Daher wurde
die Litanei nach Dr. Luthers Angabe (X, 1758.
von zwei Chören geſungen, oder 1—2 Chorkna⸗
ben intonirten die Bitten und die Gemeinde
antwortete und auf dieſe letztere Weiſe wurde ſie
urſprünglich an den meiſten Orten geſungen, wozu
der Gebrauch, daß der Prediger intonirte und der
Chor antwortete, nur einen Uebergang bildete und
nie bleibend wurde; nirgend aber kommt es in der
lutheriſchen Kirche vor, daß der Prediger die Litanei
abgeleſen hätte. Hinſichtlich des kirchlichen
Gebrauchs derſelben, beſtimmen die Kirchenord⸗
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nungen im allgemeinen folgendes: Sie ſollen als
das allgemeine Kirchengebet an allen den Sonn⸗
und Feſttagen im Hauptgottesdienſte, wenn nem⸗
lich keine Communicanten vorhanden ſind, nach
der Predigt von der Gemeinde geſungen werden,
außerdem wenigſtens einmal in jeder
Woche, entweder in der Sonn abends⸗ oder
Sonntagsvesper, oder nach einer Wochenpredigt,
ſo wie an den beſtimmten Bettagen; jedesmal
folgte darauf eine Intonation mit vorgeſchriebener
Bittcollecte und dem Amen; übrigens geſtatten
mehrere Kirchenordnungen, z. B. die pommerſche,
daß die Prediger „nach Gelegenheit der Zeit und
Noth etliche Verſe in der Litanei kürzen oder auch
zuſetzen und ändern“; hieraus ſind die mancherlei
Abweichungen in der Form der Litanei zu er⸗
klären.
(Fortſetzung folgt.)
*
Beſchreibung einer Peſt.
Friedrich Schatz, ehemaliger Diaconus zu
Schweidnitz, hat in ſeinem „Noth und Trau⸗
erſtand der Stadt Schweidnitz“ eine an⸗
ſchauliche Beſchreibung der fürchterlichen Peſt,
welche im Jahre 1633 daſelbſt graſſirte, geliefert.
— Es lag nemlich damals die vereinigte ſchwe⸗
diſch-ſächſiſch-brandenburgiſche und die kaiſerliche
Armee unter Wallenſtein um die Stadt Schweid⸗
nitz, die ſich dadurch im Mittelpunkt beider feind⸗
lichen Heere befand, und in den Händen der
Schweden war. Eine gewaltige Menge von
Landbewohnern hatte ſich in die Stadt geflüchtet,
wodurch das Elend nur deſto größer wurde. Da⸗
von erzählt nun Schatz alſo:
„Auf dem Ringe und allen Gaſſen der Stadt
waren bei Tag und Nacht ein erbärmliches Heu⸗
len und Winſeln gehört. Eins ſchrie nach Brod,
das andere nach einem Trunk Bier oder Waſſer
und was dergleichen Jammergeſchrei mehr gewe⸗
ſen. Ihrer viele, denen die Hitze den Kopf einge⸗
nommen, liefen in bloßen Hemden in der Stadt
umher mit ſolchem ungeberdigem Geheule, daß es
einen Stein in der Erde erbarmen mögen. Da
lagen theils Todte, theils mit dem Tode ringende
Leute untereinander haufenweiſe auf den Gaſſen.
Sonderlich um das Striegauer Thor vorm Schloſſe
war ein ſolcher Wuſt und Menge der todten Kör⸗
per zu ſehen, als ob vor etlichen Tagen ein großes
Scharmützel daſelbſt wäre vorgegangen. Und zu
geſchweigen der andern engen Gaſſen, ſo haben
auf dem Ringe, auch vornehmſten Gaſſen der
Stadt, die Leichen zu 3, 4, 6, 8, auch wohl 14
Tagen, wegen Mangel der Todtengräber, unbe⸗
graben liegen müſſen. Auf dem Ringe bei der
Wachtſtuben ſtand ein Sarg mit einer Leiche gan⸗
zer vierzehn Tage lang, bis endlich der Gift der
aufgeſchwollenen Leiche den Sarg aufgeſprengt,
nicht ohne ſonderes Grauen und Abſcheulichkeit.
Sonſten lagen überall viel todte Körper, daß man
auf die Letzt faſt nicht mehr Raum gehabt, neben
denſelben hinzugehen, ſondern wohl gar darüber
ſchreiten müſſen. Wie einem da zu Muthe ſein
kann, wird jeder Vernünftige leicht erachten. Der
Kreuzgang lag voller Kranken, Todten und mit
dem Tode Ringenden, untereinander, erſchrecklich
anzuſehen; maßen denn etliche 100 Perſonen
darinn geſtorben. Weil die Hering- und Platz⸗
bäckerbuden ums Rathhaus voller Todten ge⸗
legen, ſind ſie gar abgeräumt worden, daß nicht
mehr Kranke ſich hinein legen können. Weil auch
die Peſt und Sterbensnoth endlich ſogar überhand
genommen, daß manchen Tag an 150 bis 200
und ſonderlich den 25ſten Auguſt über 200 Per⸗
ſonen in der Stadt geſtorben, ſo iſt durch den
Trommelſchlag ausgerufen worden, daß alle Sol⸗
daten ſich hinaus ins Lager begeben, und die Stadt
wegen des großen Sterbens und Geſtanks meiden
ſollten. ö
In der Apotheke war faſt nichts zu bekommen,
und was etwa noch vorhanden war, konnte doch
nicht zubereitet werden, ſintemal die grimmige Peſt
auch diejenigen nicht verſchont, die täglich mit
denen, wider die Gift ſonſt dienenden Arzneien
umgegangen. Ohne Zweifel wären, menſchlicher
Weiſe zu reden, viele hundert Menſchen beim Le⸗
ben erhalten worden, wenn ſie nothwendige und
bequeme Arzneimittel bei der Hand gehabt hätten.
Aber da mangelte es an Medicis, an Arzneien,
an Laboranten in der Apotheke, ja faſt an allem,
was man bedurfte und haben ſollte. Vom Mor⸗
gen bis auf den Abend war ein ſolch Gedrängniß
um die Officin, daß manches wohl einen halben
Tag und länger warten und doch ohne Arznei oft
mußte zurückgehen. Bisweilen haben ſich inner⸗
halb zwei Tagen an 3, auch wohl 400 Receptzet⸗
tel zuſammengehäuft; da doch wohl kaum eine
Perſon ſich in der Apotheke befunden, welcher alles
zuzurichten unmöglich geweſen. Alſo geſchah es,
daß ihrer Vielen die geſchwinde Gift das Herz
eingenommen, auch wohl gar abgeſtoßen, ehe nur
die Receptzettel in die Officin übergeben, will ge⸗
ſchweigen zubereitet werden können. Das war
ein Jammer, der ſich nicht vergeſſen läßt. —
Aus dem Rath und Schöppenſtuhl ſind an neun
Perſonen durch die Peſt weggerafft worden. Die
Orgel in der Pfarrkirche konnte etliche Wochen
nach einander wegen tödtlichen Hintritts, Abgangs
und Mangel dieſer Kunſterfahrnen Perſonen beim
Gottesdienſte nicht geſchlagen werden. Bei der
Schule ſind alle Collegen mit Tode abgegangen,
alſo daß auf die Letzt faſt niemand die Seinigen
mit gewöhnlichen Leichenceremonien zur Erde
konnte beſtatten laſſen: Sumnia, es hatte das An⸗
ſehn, als ob es um die ganze Stadt Schweidnitz
geſchehen wäre, und der unbarmherzige Menſchen⸗
würger keines Menſchen verſchonen ſollte. Wie
denn auch Jeder ſeines Lebens ſich verziehe, und
alle Stunden und Augenblicke ſich des Todes ver⸗
ſah, daher alles ganz einſam, traurig und betrübt
ausgeſehen. —
Man hat keine gewiſſe Anzahl derer durch Hun⸗
ger und Peſt hingerafften Perſonen haben können.
Zwar 14,000 hat man befunden, derer ſo von
den Todtengräbern gemerkt und angegeben wor⸗
den, aber zum wenigſten noch ſo viel Leichen ſind
heimlich von den Ihrigen in die Gärten vor und
in der Stadt, wie auch in die Schanzen begraben
worden. Denn da man in der Stadt nicht genug
Todiengräber haben konnte, hat ein Jedes die
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