Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 4 › Seite 28

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-10-13, Seite 28

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beſten Falle verdächtigt er aus bedauerlicher
Unwiſſenheit in dieſem Stück lutheriſche Gemein⸗
den, die etwa jene und ähnliche Ceremonien an-
nehmen, als ſeien ſie doch mit Papismus behaftet
und auf dem Wege nach Rom. —

Die Angabe des Berichterſtatters in
dem Lutheran Observer (und desgleichen im
Kirchenboten), daß in Ann Arbor auch altkirch⸗
liche lutheriſche Ceremonien ſeien, iſt übrigens
durchaus falſch, da dort im Gegentheil, trotz des
lutheriſchen Namens, eigenthümliche reformirte
gottesdienſtliche Bräuche zu finden ſind, wie z. B.
beim Austheilen des heiligen Abendmahls.

Die Gräuel und Trübſale des dreißigjährigen
Krieges.

Nachdem wir in der dritten Nummer ein Bei⸗
ſpiel von den Gewiſſensnöthen und Religions⸗
bedrückungen gegeben haben, welche der dreißig⸗
jährige Krieg in ſeinem Gefolge gehabt hat, ſo
laſſen wir nun noch eine Beſchreibung der leib⸗
lichen Noth folgen, von welcher dieſer furchtbare
Krieg begleitet war. Die Beſchreibung iſt einem
neuern Geſchichtswerke entnommen. Darin heißt
es wie folgt:

Deutſchland war bei dem Beginn des Krieges
noch ſehr reich, und es konnten die Erpreſſungen
anfangs durch gewöhnliche Gewaltthätigkeiten
vollführt werden; indeſſen Wallenſtein hatte ſo
ungeheure Summen erhoben, daß Norddeutſch⸗
land ſchon im erſten Drittheil des Krieges eine
große Erſchöpfung fühlte. Als Guſtav Adolph
erſchien, ſtieg noch die Noth, weil er ſein Heer auch
nur auf Koſten Deutſchlands erhalten konnte, und
eine faſt unerſchwingliche Laſt traf jetzt auch Süd⸗
deutſchland. Der Kaiſer und die Fürſten der
Liga*) mußten ihren Ländern ebenfalls die
ſchmerzlichſten Opfer auflegen, um die Mittel für
die ſtets wachſenden Kriegskoſten aufzubringen.
Die meiſten Landſchaften wurden bald von den
Feinden, bald von den Freunden ausgebeutet,
und es verging nie ein Jahr, wo außer den
ordentlichen Abgaben nicht noch bedeutende Sum⸗
men als Kriegsſteuern beigetrieben worden wären.
Als ſich in Folge dieſes unbeſchreiblichen Druckes
allmählich eine gänzliche Erſchöpfung Deutſch—
lands fühlbar machte, waren die Erpreſſungen
auf dem Wege gewöhnlicher Gewaltthätigkeiten
nicht mehr durchzuſetzen. Die Heere ſteigerten
daher nun die Gewaltthaten zur Grauſamkeit,
um das Volk von Neuem ausbeuten zu können.
Ein beſonderer Umſtand erhöhte noch die Greuel.

Als ſich die namenloſe Bedrückung immer mehr
der gänzlichen Auflöſung der Geſellſchaft näherte,
als einzelne Heerführer ihren Lohnknechten vol⸗
lends die Plünderung eingenommener Städte er⸗
laubten, ſuchten nämlich die Bürger und Bauern
die Ueberbleibſel ihrer Habe an Geld, Schmuck
oder andern werthvollen Sachen dadurch zu ret⸗
ten, daß ſie dieſelben an heimlichen Orten vergru—
ben. Dieß war ſo häufig der Fall, daß ſich ſpäter
durch zufällige Entdeckung ſolcher Gegenſtände,

*) Die Liga hieß die Geſammtheit der römiſch⸗ ruhur⸗
ſchen Verbündeten zur Zeit jenes Krieges.

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deren Eigenthümer das Geheimniß mit in das
Grab genommen hatten, das betrügeriſche Gewerbe
der Schatzgräber ausbildete. Den räuberiſchen
Soldaten blieb jene Vorſichtsmaßregel nicht ganz
verborgen, und ſie ſuchten nun das Volk durch
Terrorismus (durch Schreckungen) zur Offenba⸗
rung verborgener Schätze zu zwingen. Da aber
die Bedrängten ihren Nothpfennig, wo ſie einen
ſolchen wirklich verborgen hatten, ſo leicht nicht
preisgaben, alſo auch bei Gewaltthaten ſich als
zäh erwieſen, da die Räuber ferner vielfach auch
Schätze vermutheten, wo keine waren, ſohin kein
Geſtändniß erpreſſen konnten, ſo ſannen ſie all⸗
mählich auf beſondere Qualen, um den Bauern
und Bürgern ein ſolches zu entreißen.

Man ſollte faſt Anſtand nehmen, die Grau⸗
ſamkeiten zu erzählen, welche nun allgemein in
Schwang kamen, denn es ergibt ſich dadurch ein
neuer Beleg, daß die Menſchengeſchichte viel gräß⸗
licher iſt, als die Geſchichte der Tiger und Hyä⸗
nen. Um indeſſen das Verſtändniß der Zeit zu
vermitteln, und vornehmlich die ſpätern Ereigniſſe
in das rechte Licht ſtellen zu können, müſſen wir
uns Gewalt anthun, die Greuel ſohin näher zu
berühren. Jedes menſchlichen Gefühles baar,
aller Zügel der Mannszucht entlediget, raſ'ten die
Waffenknechte, wie die wilden Thiere, und wett⸗
eiferten in den Erfindungen von Martern, den
Bürgern und Bauern das Geſtändniß verborgener
Schätze abzuzwingen; zu dem Ende wurden von
den Kannibalen die Gliedmaßen ihrer Schlacht⸗
opfer verſtümmelt, insbeſondere Ohren, Naſen
und ſogar die Brüſte ſäugender Mütter abgeſchnit⸗
ten, Augen ausgeſtochen, Arme und Beine zer⸗
ſchmettert oder abgehauen. Aus der Rückenhaut
ſchnitt man Riemen, wie aus dem Leder, und in
ſolche Wunden ſo wie auch in die aufgeſpaltenen
Fußſohlen ſtreute man Salz, um den Schmerz
bis zum Wahnſinn zu ſteigern. Im berechneten
Fortſchritt der Qualen wollte man auch noch den
Ekel zu Hülfe nehmen, und goß alſo den Unglück⸗
lichen Miſtjauche in den Hals. Dieſe Art von
Tortur wurde insbeſondere von den Schweden ſo
häufig angewendet, daß man ſie den Schweden—
Trunk zu nennen pflegte.

Die verruchten Grauſamkeiten waren leider!
allen verſchiedenen Heeren gemeinſam, den Schwe⸗
den, wie den Kaiſerlichen, dieſen, wie den Fran⸗
zoſen. Schon Guſtav Adolph hatte in der letzten
Zeit ſeines Lebens große Mühe gehabt, die Manns⸗
zucht in den Heeren aufrecht zu erhalten. Im
Lager vor Nürnberg war er über die Gewaltthaten
ſeiner Soldaten, und zwar der Vornehmen, wie
der Gemeinen, ſo entrüſtet, daß er die Höhern der
Deutſchen vor ſich beſchied, und dieſelben mit einer
furchtbaren Beredſamkeit niederſchmetterte. Graf
Khevenhiller hat ſeine zürnende Rede aufbewahrt,
und aus ihr erkennt man am beſten, wie ſehr
dort ſchon die Verwilderung des Heeres zu be—
ſorgen war:

„Ihr Fürſten, Ihr Grafen, Ihr Freiherrn, Ihr
Edelleute!“ ſprach Guſtav Adolph mit funkelnden
Blicken, „Ihr ſeids, welche die größte Untreue
am eignen Vaterlande beweiſen; Ihr zerſtöret,
verderbet, verheeret dasſelbe. Ihr Oberſten, Ihr

Offiziere vom höchſten bis zum niedrigſten, keinen
ausgenommen, Ihr ſeid diejenigen, welche ſtehen
und rauben, ja Ihr beſtehlet eure eignen Gla⸗

bensgenoſſen, Ihr gebt mir Urſache, daß ich einen
Ekel an Euch habe. Gott, mein Schöpfer, ſei“

mein Zeuge, daß mir das Herz in meinem Leibt
gällt, wenn ich Eurer einen nur anſchaue. Iht
ſeid Frevler und Verbrecher an den guten Geſetzen
und meinen Geboten. Ihr ſeid Schuld daran,
daß man öffentlich ſagt: „„Der König, unſet

Freund, thut uns mehr Schaden, als unſere Fein⸗

de!““ Mein Herz erbittert ſich, ja meine Einge⸗
weide erzittern, wenn ich die Klage jetzt höre, dah X
ſchwediſche Soldaten für unverſchämter gehalien

werden, als ſelbſt jene des Feindes. Allein es
ſind keine Schweden, es ſind die Deutſchen
ſelbſt, die ſich mit dieſen Ausſchweifungen beflecken.
Hätte ich Euch gekannt, ihr Deutſchen, daß ihr ſo!
wenig Liebe und Treue zu eurem eignen Lande
traget, ich hätte kein Pferd euretwegen geſattel,

geſchweige meine Krone, mein Leben für euch ein⸗

geſetzt. Ich habe eurethalben meine Krone ihrts
Schatzes entblößt und in die vierzig Tonnen Gol⸗
des aufgewendet, dagegen habe ich von euch und
eurem deutſchen Reiche nicht ſo viel empfangen,
daß ich mir nur ein Paar Hoſen davon machen
laſſen könnte; ja ich würde eher ohne Hoſen ge⸗
ritten ſein, als mich mit den eurigen zu bekleiden.
Ich habe euch alles gegeben, was Gott in meine
Hände führte, ich habe nicht einen Sauſtall für
mich behalten, den ich nicht mit euch getheilt hätte.

Keiner unter euch hat mich jemals um etwas an⸗

geſprochen, das ich ihm verſagt hätte; denn das
iſt mein Brauch, keinem eine Bitte abzuſchlagen.
Würdet ihr mein Gebot und Ordnung in Acht
nehmen, ſo wollt ich alle eroberten Länder unter
euch ausgetheilt haben. Ich bin, Gott Lob und
Dank, reich genug, begehre nichts von dem Eurigen,
und wenn ihr gleich Gott alſo vergäßet, eure Ehre
aus den Augen ſetztet, oder von mir abzufallen
und wegzulaufen gedächtet, ſo ſoll doch die ganzze
Chriſtenheit erfahren, daß ich mein Leben für eure
Sache, als ein chriſtlicher König, der den Befehl
Gottes zu verrichten begehrt, auf dem Platze laſſen
will. Solltet ihr euch aber gar gegen mich em⸗
pören, ſo will ich mich zuvor mit meinen Finnen
und Schweden alſo gegen euch herumhauen, daß
die Stücke davon fliegen ſollen. Ich bitte euch
um der Barmherzigkeit Gottes willen, geht in
euch, bedenket, wie ihr haushaltet, und wie ihr
mich betrübet, ſo gar, daß mir die Thränen in den
Augen ſtehen. Ihr verſündigt euch an mir wegen
eurer ſchlechten Mannszucht. Ueber euren Muth
und euer Fechten beklage ich mich nicht, denn in
dieſem Stücke habt ihr immer gehandelt wie re⸗
liche und rechtſchaffene Edelleute. Ich bitte euch
nochmals um der Barmherzigkeit Gottes willen,
geht in euer Herz und Gewiſſen, und bedenket,
wie ihr dermaleinſt eures Thuns halber Rechen⸗
ſchaft geben wollet vor Gottes Throne. Mir iſt
ſo wehe unter euch, daß es mich verdrießt, mit
einer ſo verkehrten Nation umzugehen.“ ö

Solche Reden machten noch Eindruck, weil ſie
von einem Helden geſprochen wurden, der durch
ſeine hohen Geiſtesgaben der Gegenſtand allge⸗

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