Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 3 › Seite 22
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-29, Seite 22
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wie durch tiefe Waſſer gegangen (Ezech. 21, 7.). oder Vater, oder Mutter, oder Weib, oder Kinder,
O wie eine ſchmerzliche Verſammlung iſt dieſe,
dergleichen Friedland, ſo lange es geſtanden, nicht
gehabt! Es iſt uns wahr geworden, was im Pro⸗
pheten Jeremias geleſen wird Cap. 30, B. 7.:
„„Dies iſt ein großer Tag und ſeines gleichen iſt
nicht geweſen, und iſt eine Zeit der Angſt in
Jakob.““ Wie ſehe ich aller Angeſicht unter
euch ſo voll Betrübniß! Wie ſehe ich aller Augen
mit Waſſer fließen! Was für ein Händeaufheben,
was für ein Händeringen ſehe ich! Was für ein
Winſeln, was für eine Jammerklage habe ich im
Herausgehen gehört! — Der HErr hat uns alſo
voll Jammers gemacht um unſerer Sünden wil⸗
len (Klagl. 1, 5.), denn eure Augen haben ſehen
müſſen, daß mit gewehrter Hand, mit Hochmuth
und Trotz ein katholiſcher Meßpfaffe über mich
eingeführet, daß ihm Kirche und Pfarrhaus ein⸗
geräumet und daß, ach leider! euer Heiligthum
nun verunreinigt worden iſt! (Klagl. 1, 10.)
Es müſſen eure Augen ſehen mich euren Lehrer,
den Tröſter, der eure Seele erquicken ſollte, von
euch ziehen! (Klagl. 1, 16.) Darum rinnen auch
meine Augen mit Thränen über den Jammer der
Tochter meines Volkes. (Klagl. 3, 48.) Denn da
ich ſonſt die über uns ergangene Verfolgung mit
großer Freudigkeit habe erdulden und den Raub
meiner Güter, die ich habe hinter mir laſſen und
an denen ich eben jetzt zum Theil habe vorüber⸗
gehen müſſen, ohne Bewegung verſchmerzen kön⸗
nen: ſo habt doch ihr mir mit euerem Weinen
und Klagen mein Herz gebrochen, doch auch zu—
gleich getröstet, daß ich habe empfinden können,
wie ihr in meinem Herzen und ich in euerem
Herzen ſei, mit zu ſterben und mit zu leben.
(2 Cor. 7, 3.) Wer wollte es denn mir ver⸗
argen, daß ich meinen Mund zu euch aufthue,
mein Herz ferner gegen euch ausſchütte und mich
mit euch geletze? Ihr gehet mir aber mit eurer
Liebe und Theilnahme, mit eueren Seufzern und
Thränen an die Hand, daß ich meine Gedanken
wende auf das Valet, welches der heilige Apoſtel
Paulus von ſeinen Zuhörern genommen.“ Nach⸗
dem unſer Günther in dem zweiten Theile ſeiner
Predigt Alle, Mann und Weib, Klein und Groß,
um Gottes Barmherzigkeit und der Wunden
Chriſti willen angefleht und vermahnt hat, daß ſie
weder den eingeführten päbſtiſchen Prieſter, noch
andere dergleichen Lehrer zum Abfall, es möchte
ihnen derſelbe durch ſüße Worte oder harte Dro⸗
hungen angemuthet werden, ſich bewegen laſſen,
ſondern in geduldiger Ertragung ihres Kreuzes,
in Beſtändigkeit ihres Glaubens und in emſigem
Gebete zu Gott aushalten ſollten, fährt er hier⸗
auf alſo fort: „Höret doch, was Chriſtus euer
Heiland ſagt: Wer beharret bis ans Ende, der
wird ſelig werden. Er vermahnet treulich:
Seid getreu bis in den Tod. Siehe, ich komme
bald. Halte, was du haſt, daß niemand deine Krone
nehme. Er vertröſtet reichlich: Fürchte dich
für der keinem, das du leiden wirſt. Ich will
dir die Krone des Lebens geben. Wer überwin⸗
det, der wird alles ererben, und ich werde ſein
Gott ſein und er wird mein Sohn ſein. Wer
verläſſet Häuſer, oder Brüder, oder Schweſtern,
oder Aecker um meines Namens willen, der wird
es hundertfältig nehmen, und das ewige Leben
ererben. Wer ſein Leben verlieret um meinet⸗
willen, der wird es finden. Er dräuet aber
auch ſchrecklich: Wer mich verleugnet vor den
Menſchen, den will ich auch verleugnen vor mei⸗
nem himmliſchen Vater. Und: Wer ſein Leben
erhalten will, der wirds verlieren; und wer ſich
mein und meiner Worte ſchämet, des wird ſich
des Menſchen Sohn auch ſchämen, wenn er kom⸗
men wird in ſeiner Herrlichkeit und ſeines Vaters
und der heiligen Engel. Ja, bei Moſe dräut der
eifrige Gott: Er wolle den Namen deſſen, der
von ihm und ſeinen Geboten weiche, unter dem
Himmel austilgen und abſondern zum Unglück
und Fluch. 5 Moſ. 29, 20. 21.“ Zuletzt bricht
der Valet⸗-Redner in die Worte aus: „Das iſt
meine väterliche und herzliche Vermahnung, die
ich euch zum Valet hinter mir laſſe. Seid wacker
und gedenket daran, daß ich ench mit Thränen
hierzu ermahnet habe. Sonderlich haltet ob dem
Wort des Lebens, Gott zu Ehren, euch zur Selig⸗
keit und mir zu einem Ruhme an dem Tage
IEſu Chriſti, als der ich nicht vergeblich ge—
laufen, noch vergeblich gearbeitet habe (Phil. 2,
16.). Erkennet, wie ich an euch die neun Jahre
über und auch jetzo dieſe Stunde gearbeitet habe
(1 Theſſal. 5, 12.). Wir ſtehen jetzo verſammelt
unter dem freien Himmel vor dem HErrn unſerem
Gott; ſo zeuge ich nun, daß ich rein bin von aller
Blut; denn euere Ohren haben aus meinem
Munde gehöret, wie treulich ich euch vermahnet
und vor Abfall gewarnet habe. Ich habe euch
vorgelegt den Segen und den Fluch, das Leben
und den Tod (5 Moſ. 11, 25. 30, 15. Gott
im Himmel und ſeine heiligen Engel, welche uns
zugegen ſind, dieſer ſichtbare Himmel, die hell—
leuchtende Sonne, die wir über uns ſehen, und
dieſes Feld und Erdreich, darauf unſere Füße
ſtehen (5 Moſ. 31, 28. und 1 Tim. 5, 21.), die
vielen Thränen, ſo allerſeits vergoſſen worden,
ſind des Zeugen. Würde nun Jemand unter
euch vom Glauben abfallen, dei ſei ſein Blut
über ſein Haupt. (Ap. Geſch. 18, 6.) Er ge⸗
denke doch, wie er mich dort an jenem Tage an⸗
ſehen werde, wenn ich wider ihn vor Chriſto
werde zeugen müſſen. Er gedenke, wie der Him⸗
mel, die Sonne und die Erde, die ich zu Zeugen
aufgerufen habe, dann wider ihn ſtehen und ihn
anklagen werden. Ja, er gedenke, wie er vor
Chriſto, dem Richter alles Fleiſches, beſtehen wolle.
Wie will er der Strafe entfliehen, weil er hier
ſolche große Seligkeit nicht geachtet hat, um Got—
tes willen nichts hat verlaſſen, nichts leiden wol⸗
len? Was würde es ſeiner armen und ver⸗
dammten Seele helfen, ob er gleich in dieſem
Leben die ganze Welt gewonnen hätte? Da wird
ein ſolcher mit ewigem Ach und Weh, in unauf—
hörlicher Pein und unauslöſchlichem Feuer erfah⸗
ren müſſen, was ſolchen Mameluken Offenb. Joh.
14, 9—11. gedräuet wird: „„So Jemand das
Thier anbetet und ſein Bild, und nimmt das
Maalzeichen an ſeine Stirn und an ſeine Hand
(d. i. wer zu des Antichriſts Lehre treten und die⸗
ſelbe annehmen wird): der wird von dem Weine
des Zornes Gottes trinken, der eingeſchenkt und
lauter iſt in ſeines Zornes Kelch; und wird ge⸗
quälet werden mit Feuer und Schwefel vor den
heiligen Engeln, und vor dem Lammi; und der
Rauch ihrer Qual wird aufſteigen von Ewigkeit
zu Ewigkeit; und ſie haben keine Ruhe Tag und
Nacht.““ Ich bezeuge daher nochmals vor Gott
und euch, an dieſem heutigen Tage und zu dieſer
Stunde, daß ich rein bin von eines ſolchen Men⸗
ſchen Blut. Das Wort, das ich geredet und er
jetzt mit ſeinen Ohren gehöret, das wird mich
entſchuldigen und ihn richten am jüngſten Tage.
Ich aber bitte mit Thränen zu meinem Gott, er
wolle ſolches verhüten und mich meines Wunſchts
gewähren: Utinam nemo auditorum meorum
pereat! Ach, daß Niemand unter meinen gevt⸗
ſenen Zuhörern abfallen und ewig verloren wer⸗
den möge!“ Endlich ſchließt er alſo: „Ob wir
zwar nunmehro dem Leibe nach geſchieden ſein
müſſen, ſo wollen wir doch mit dem Gemüthe und
Herzen, wie auch mit dem lieben Gebete, allezeit
beiſammen und in dem HErrn Chriſto eins ſein
und bleiben, bis uns der barmherzige Gott der⸗
maleins wiederum nach ſeinem gnädigen Willen
erfteue, wo nicht in dieſem, doch in jenem Leben,
da ihr denn meine Freude, Ruhm und Krone ſein
werdet, vor unſerem HErrn JEſu Chriſto. Und
nun befehle ich euch, o erwünſchte Brüder und
Schweſtern! Gott und dem Worte ſeiner Gnade,
ver da mächtig iſt, euch zu erbauen und zu geben
das Erbe unter Allen, die geheiliget werden. Er
wolle euch auch feſt behalten bis ans Ende, daß,
wie er in euch angefangen hat das gute Werk
und euch das Wollen gegeben, ers auch vollführe
und das Vollbringen in euch wirke nach ſeinem
Wohlgefallen, euch durch und durch heilige und
unſträflich behalte bis auf die Zukunft unſerrs
HErrn IEſu Chriſti. Getreu iſt er, der euch be⸗
rufen hat, welcher wird's auch thun; ihm ſei Ehn
von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der HErr ſegne euch
und behüte euch. Der HErr erleuchte ſein An⸗
geſicht über euch und ſei euch gnädig. Der HEn
erhebe ſein Angeſicht auf euch und gebe euch ſei⸗
nen Frieden, vornehmlich den geiſilichen und See⸗
lenfrieden. Der HErr ſegne euch je mehr und
mehr, euch und euere Kinder. (Pſ. 115, 14.
Amen.“
Nach beendigter Predigt ermahnte er die Ver⸗
ſammelten, mit ihm auf die Kniee niederzufallen,
worauf er alſo betete: „Gerechter und barmherzi⸗
ger Gott und Vater, wir liegen vor dir auf unſe⸗
rem Angeſicht in höchſter Betrübniß und Schmer⸗
zen und beweinen bitterlich vor dir das große
Uebel, das uns und unſere Kinder betroffen hat.
Denn wir ſind nun wie die Waiſen, die keinen
Vater haben; den Tröſter, der unſere Seelen er⸗
quicken ſollte, ſollen wir nicht mehr haben. Unſer
Herz iſt betrübt und unſere Augen ſind trübe
geworden, ja das ganze Land iſt finſter vor Angſt.!
Du HErr biſt gerecht — denn wir ſind deinem
Munde ungehorſam, wir ſind dir für dein heiliges
Wort undankbar geweſen. Aber, o barmherziger
Vater! um aller deiner Güte willen ſiehe an, wie
deine und unſere Widerſacher ſo hart toben, wie
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