Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 3 › Seite 20
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-29, Seite 20
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Aufſicht untergebenen Paſtoren alljährlich zwei
Special⸗Synoden, zu deren jeder er eine lateini⸗
ſche Abhandlung über einen oder mehrere Artikel
der Augsburgiſchen Confeſſion drucken ließ, über
welche ſodann während der Sitzungen eine ge⸗
meinſame Disputation gehalten wurde. Auch
mußte jedesmal einer der Prediger vor der ganzen
Verſammlung eine Predigt halten, welche eben⸗
falls, wenn ſie gut befunden worden war, in
Druck gegeben wurde. Außerdem wurde die Zeit
der Sitzung zu gegenfeitiger Befragung und Un⸗
terweiſung über wichtige Gegenſtände der Amts⸗
führung, der Kirchenzucht und Kirchenordnung
angewendet. Es iſt ein gedrucktes Zeugniß in
unſeren Händen, welches ſämmtliche Prediger der
Ephorie ihrem lieben Ephorus Günther aus⸗
geſtellt haben; darin können ſie denſelben nicht
genug rühmen, nicht nur als einen mit den aus⸗
gezeichnetſten Gaben ausgerüſteten und grund⸗
gelehrten Mann, ſondern auch als einen wahren
Vater in Chriſto, als ein ausgezeichnetes Vorbild
in einem gottſeligen Leben, als einen unermüd⸗
lichen Streiter für das Kleinod der reinen Lehre
und als einen ſcharfſichtigen Wächter über die
Amtsführung ſeiner Brüder im Amte, die bei
ihm jeden Augenblick den bewährteſten Rath und
den reichſten Troſt in allen ihren Anliegen hätten
finden können.
Der liebe Leſer kann ſich wohl denken, daß Sa⸗
tan mit ſcheelen Augen auf das herriiche Werk
werde geſehen haben, welches durch ein ſolches
theures Rüſtzeug Gottes in jener Gegend getrie⸗
ben und gefördert wurde. Dies wurde denn auch
gar bald offenbar. Zwar blieb Friedland in den
erſten Jahren des Krieges noch verſchont. Wäh⸗
rend in Prag nach dem erſten entſcheidenden Sieg
der Kaiſerlichen über die proteſtantiſchen Truppen
in der Schlacht am weißen Berge (bei Prag den
8. November 1620) ſchon im Jahre 1621 die
Papiſtiſche Reformation angefangen, alle luthe⸗
riſchen Prediger und Lehrer aus der Stadt ver⸗
trieben und alle Kirchen und Schulen ſammt der
Univerſität den Jeſuiten ausſchließlich eingeräumt
wurden, ſo blieb es in Friedland damals noch
ſtill und ruhig, und man meinte, da hier ſeit 90
Jahren der evangeliſche Gottesdienſt allein be⸗
ſtanden habe, Friedland auch eine Grenzſtadt ſei,
ſo habe man wohl hier nichts zu befahren. Aber
dem war nicht ſo. Gott hatte vor, ſeine Tenne
zu fegen, und da immer das Gericht zuerſt am
Hauſe Gottes beginnt (1 Petri 4, 17.), ſo waren
gerade dem ſchönen Friedland, dieſem Garten
Gottes, der mit Gnaden ſo lange und überreich
heimgeſucht worden war, beſonders ſchwere Prü⸗
fungen aufgehoben. Die Zeit kam, wo der HErr
einmal Frucht ſuchte in ſeinem ſo treulich gepfleg⸗
ten Weinberge.
Es geſchah nemlich, daß der Kaiſer im Jahre
1622 den berüchtigten Grafen Albrecht von Wal⸗
lenſtein (damals Generalmajor in Kaiſerlichen
Dienſten) mit der Herrſchaft Friedland belehnte.
Dieſer Wallenſtein war der Sohn lutheriſcher El—
tern geweſen, aber ſpäter zur römiſch-katholiſchen
Kirche übergetreten. Wie nun immer ſolche Ab⸗
gefallene, ſo zeigte auch Wallenſtein einen beſon⸗
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ders glühenden Haß gegen die Bekenner des von
ihm feierlich abgeſchwornen Glaubens. Hierzu
kam, daß Wallenſtein beim Ausbruch der Un⸗
ruhen von den proteſtantiſchen Böhmen aus Oll⸗
mütz vertrieben und dadurch ſein Haß gegen die⸗
ſelben nur um ſo mehr geſteigert worden war. Als
daher das lutheriſche Friedland in ſeine Gewalt
kam, ſo mußte dies auch bald ſeinen Rachedurſt
bitter empfinden. Schon am 12. Auguſt des fol⸗
genden Jahres (1623) erſcheint Herr Kottwa
von Freifeld, Domherr zu Prag, als Commiſſarius
Wallenſteins, um die Pfarren der Friedländer
Ephorie zu beſichtigen und nach der Lage, dem
Einkonnmnen ꝛc. derſelben ſich zu erkundigen. Bald
darauf wurden die Früchte der Pfarrfelder und
die fälligen Zehenten mit Beſchlag belegt und den
Bauern verboten, irgend ein bewegliches Eigen⸗
thum der lutheriſchen Pfarrer wegzuführen. Bei
dieſem allem, da kein Proteſt angenommen wird,
ermahnt unſer Günther noch zu geduldigem Lei⸗
den. Als aber endlich im October d. J. der
Befehl kommt, daß eine gewiſſe Anzahl Knaben
der Ephorie, welche zum Studiren tüchtig, und
deren Eltern vermögend ſeien, ausgehoben und
in die neu errichtete Jeſuitenſchule in dem nahe
gelegenen Gitſchin“) gethan werden ſolle, da er⸗
hebt Günther mit allen Predigern ſeiner Ephorie
ernſtlich dagegen ſeine Stimme, und da gerade
allein in der Stadt Friedland, durch Günthers
dringende Vorſtellungen bewogen, alle Bürger es
einmüthig verweigern, eins ihrer Kinder den Je⸗
ſuiten in die Hände zu liefern, ſo richtet ſich nun
inſonderheit gegen den Superintendenten Gün⸗
ther, als den hartnäckigſten Lutheraner, der Haß
der Jeſuiten. Die Folge hiervon iſt, daß der
Hauptmann zu Friedland, Hans von Gersdorf,
ein Lutheraner, am 4. Mai 1624 von dem ge⸗
nannten Commiſſarins Kottwa ein Schreiben er⸗
hält, folgenden Inhalts: „Hiermit werde anbe—
fohlen, alle an jedem Orte dieſer Herrſchaft ſich
aufhaltenden ausländiſchen Pfarrer auszuweiſen,
worauf ein jeder bis zum 6. Mai weggezogen ſein
müſſe, alſo daß, bei Verhütung höchſter Gefahr,
keiner derſelben von den neu einzuführenden katho⸗
liſchen Prieſtern betroffen werden dürfe; denn
ſchon ſei er, Kottwa, mit ordentlichen katholiſchen
Prieſtein auf dem Wege, um dieſelben demnächſt
in den Pfarren der Friedländiſchen Herrſchaft ein⸗
zuführen. Damit geſchehe Seiner Fürſtlichen
Gnaden“) ernſtlicher unveränderlicher Wille und
Befehl.“ So wird denn am genannten Tage die
ſämmtliche Geiſtlichkeit der Ephorie auf das
Schloß vor das Amt gefordert und ihr durch den
Hauptmann der erhaltene Befehl eröffnet. Die
Prediger bitten um die Erlaubniß, abtreten und
ſich gemeinſchaftlich berathen zu können; und
nachdem das Letztere geſchehen iſt, ertheilt Gün⸗
ther im Namen des ganzen lutheriſchen Miniſte⸗
riums folgende Antwort: „Erſtlich, küme es ihnen
höchſt ſchmerzlich vor, daß ſie von ihren lieben
Pfarrkindern geriſſen und dieſelben in Gefahr
*) Wallenſtein wurde bekanutlich in einer Carthauſe zu
Gitſchin begraben.
**) Im Jahre 1623 hatte nemlich der Kaiſer den Gra⸗
fen Wallenſtein zum Fürſten von Friedland erhoben.
ihrer Seelen geſetzt werden ſollten; ſie getröſteten3
ſich aber ihres guten Gewiſſens und ihrer guten
Sache, weil ihnen keine andere Urſache ihrer Ent⸗
laſſung angegeben werde, als daß ſie nicht, wit A.
man meine, würdige und ordentliche „katholiſche“
Prieſter ſeien; derohalben, wie ſie Chriſtum ge—
prediget hätten, alſo erkennten ſie ſich ſchuldig,
mit Ihm zu leiden, und hoffeten, Gott werde
bald den Satan unter ihre Füße treten. Zum
Andern, legten ſie dem Herrn Hauptmann die
Frage vor, ob er wirklich den erhaltenen Befehl
vollſtrecken wolle? Und endlich Drittens, wollten
ſie ihn wenigſtens hiermit gebeten haben, ſich für
ſie zu verwenden oder doch das Land dahin zu
vermögen, daß dasſelbe gemeinſchafilich gegen den
Befehl bittend einkomme; und ſo der Herr Haupt⸗
mann ſie nicht anſehen wolle, ſoll er doch an ſo
vieler tauſend Menſchen Heil und Seligkeit
denken.“ Hierauf gibt der Herr Hauptmann zu
verſtehen, „daß ihm die Zeit ſeines Lebens nichts
Schwereres vorgekommen ſei, als daß er ihnen
von Amtswegen den gegenwärtigen Befehl habe
eröffnen müſſen; wenn er ſich aber gleich für ſit
verwenden oder das Land dazu anhalten wolle, ſo
ſei er doch Seiner Fürſil. Gnaden Beamter und
müſſe daher thun, was ihm befohlen ſei, wie un⸗
gern er es auch thue; eine Verwendung für ſie
dürfte ihm leicht für Rebellion gedeutet werden;
wolle das Land es thun, ſei er es für ſeine Per⸗
ſon ganz zufrieden“. Auf dieſe traurige Pilatus⸗
rede des von Menſchenfurcht bereits überwunde⸗
nen Hauptmanns giebt Günther die Gegenant⸗
wort: „Da der Herr Hauptmann alle Hülfe in
der Sache verſage, ſo müſſe er wenigſtens für ſich
erklären, weil er in ſeiner Vocation an ſeine Zu⸗
hörer und dieſe an ihn gewieſen ſeien, ſo könne er
ſein Amt auf ein ſolches Unterſagen, bis er nicht
gewaltſam vertrieben werde, nicht verlaſſen; er
wolle denmach zuvor ſeiner anvertrauten Pfarr⸗
kinder Meinung vernehmen; denn er erkenne ſich
ſchuldig, in ſolcher Verfolgung, die nicht allein
gegen ihn, ſondern auch zugleich gegen ſeine an⸗
vertrauten Schäflein gerichtet ſei, als ein treuer
Hirte bei ſeinen lieben Zuhörern ſein Leben zuzu⸗
ſetzen, wenn dieſelben erlaubte Mittel ohne Auf⸗
ruhr, dazu er keinesweges rathen wolle, gebrauchen
würden.“ Gleicherweiſe erklärten ſich einſtimmig
alle Prediger; worauf ſie der Hauptmann, ohne
eine Einwendung zu machen, entläßt.
Sogleich läßt nun Günther ſämmtliche Ge⸗
meindeälteſte zu ſich kommen und meldet ihnen,
was geſchehen ſei; daß er Befehl habe, noch die⸗
ſes Tages die Stadt zu verlaſſen, daß er ſich aber
auf ſeine lieben Pfarrkinder berufen habe; zugleich
bittet er die Aelteſten, ſolches dem Stadtrath und
der ganzen Kirchfahrt kund zu thun. Am folgen⸗
den Tage, den 7. Mai, verſammelt ſich denn der
Rath und die ganze Gemeinde und läßt ſodann
ihrem Seelſorger ſagen, man danke ihm für ſein
Erbieten und erſuche ihn, ſie nicht zu verlaſſen,
man wolle ſogleich eine Supplication (Bittſchrift)
an Seine Fürſtl. Gnaden aufſetzen und den Bo⸗
ten noch heute abfertigen.
Nachdem ſich ſo unſer Güͤnther des Willens
ſeiner Gemeinde verſichert zu haben glaubte, ſo
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