Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 12 › Seite 68
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-02-09, Seite 68
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Uuion · Union 10 · Luther 1 · Anhang 8
Falſch und Gott mißfällig iſt daher die
Union, welche die Namen⸗Lutheraner und Re⸗
formirten in unſern Tagen gemacht haben und
die ſie die „evangeliſche“ oder auch „vereinigte
Kirche“ nennen. Da ſind zwei Glauben in
einer Kirche, oder vielmehr es ſind zwei Reli⸗
gionen zu einer dritten vermengt und vereinigt.
Und zwar geſtehen die „Vereinigten“ ſelbſt, ſie
hätten dieſes „um der brüderlichen Liebe wil⸗
len“ gethan. Alſo nicht aus Liebe zu Gott
und ſeinem heiligen Worte. Denn die Wahr⸗
heit iſt ihnen gleichgültig, weil ſie neben der
Wahrheit auch den Irrthum als gültig aner—
kennen. Woraus alſo klar hervorgeht, daß
Gleichgültigkeit der eigentliche Grund der
Union iſt.
Von jeher proteſtirt die lutheriſche Kirche
gegen alle Gleichgültigkeit, Halbheit und Unbe—
ſtimmtheit in Glaubensſachen, wodurch man
der Wahrheit um eines falſchen Friedens wil⸗
len ihre ſalzende und ſchneidende Schärfe zu
nehmen ſuchte. Denn die Wahrheit heilt nur
dann, reicht nur dann Blätter zur Geſundheit
dar, nachdem ſie zuvor verwundet und Seele
und Geiſt, auch Mark und Bein geſchieden hat.
Darum hat ſie im Kampfe den Gegnern die
Wahrheit ſtets in ihrer ganzen göttlichen Größe,
Fülle und Beſtimmtheit vorgehalten, weil ſie
nur dann auf Frieden mit ihnen hofft, wenn
dieſelben von der Liebe zur Wahrheit beſiegt
ſind.
Man hat häufig den heiligen Ernſt verkannt,
mit welchem die Lutheraner ihren Glauben ver—
theidigt haben; man hat ihre Standhaftigkeit
Eigenſinn genannt, ihre Glaubensfreudigkeit
Trotz geſcholten und ihre Treue, womit ſie das
Gebot des HErrn: „Halte, was du haſt, auf
daß Niemand deine Krone nehme!“ erfüllten,
für Rechthaberti gehalten. Man hat aber da—
bei nicht bedacht, daß ſie nicht um irdiſche,
ſondern um himmliſche Güter, nicht um ihre
eigene, ſondern um Gottes Ehre kämpften, alſo
um menſchlicher Rückſichten willen nicht nach⸗
geben durften. Und eben ſo entſchieden, als
ſie jeden Scheinfrieden verwarfen, haben ſie
eine wahre Vereinigung mit ihren Gegnern
auf Grund einſtimmiger Lehre geſucht. Denn
wie kann die Menge der Gläubigen ein Herz
und eine Seele ſein, wenn ſie in der Lehre und
im Glauben zwieſpaltig iſt? Aus dem Glauben
geht nothwendig die Liebe hervor; daher müſ—
ſen wir nach der Einheit des Glaubens ſtreben,
dann wird das Band der Liebe uns von ſelbſt
vereinigen.
Wir nehmen aus der Geſchichte ein Beiſpiel,
worin für uns zugleich Lehre und Vorbild liegt,
wie auch wir den heiligen Kampf um den vol⸗
len, unverkümmerten und ungeſchmälerten Be—
ſitz der evangeliſchen Wahrheit und um den
wahren Frieden zu führen haben: Die Ge⸗
ſchichte des Marburger Religions⸗
geſpräches. Und zwar ſtehe hier als Ein—
gang das Wort Luthers: Frieden wollen
wir gern annehmen, wenn wir nur
den Frieden gegen Gott, den uns
Chriſtus erworben hat, dabeinicht
verlieren.
Bekannt iſt es, daß nicht die Lutheraner,
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ſondern die Reformirten den Streit über die
Lehre vom heil. Abendmahl angefangen haben.
Denn Zwingli und ſeine Genoſſen verbrei⸗
teten darüber verderbliche Irrthümer, welche
natürlich Luther widerlegen und dagegen
die reine Lehre behaupten mußte. Leider nah—
men die Reformirten dieſelbe nicht an, ſondern
verwarfen ſie immer entſchiedener, bis ſie end—
lich von der lutheriſchen Kirche abfielen und
eine eigne Secte ſtifteten.
Schuld, daß eine ſo beklagenswerthe Spaltung
in der Kirche entſtand; denn obwohl ihnen Lu—
ther aus Gottes Wort bewies, daß ihre Lehre
vom Abendmahl falſch ſei, ſo gaben ſie dieſelbe
dennoch nicht auf. Es iſt aber ein entſetzliches
Verbrechen, die Wahrheit zu verleugnen und
Secten zu ſtiften, in welchen das Heil ſo vieler
unſterblicher Seelen durch verderbliche Irr—
thümer in die äußerſte Gefahr kommt. Darum
wurden die Reformirten von ihrem böſen Ge—
wiſſen fortwährend angetrieben, ihre Schuld
wieder gut zu machen und den von ihnen ge—
ſtörten Frieden wieder herzuſtellen. Wären
ſie dabei nur immer aufrichtig und redlich zu
Werke gegangen!
Den erſten Verſuch machte Bucer und
Capito, die Prediger der Kirchen zu Straß—
burg im Jahre 1525. Sie ſchickten Chaſel an
Luther mit der Bitte, ſich mit ihnen in der
Lehre vom Abendmahl zu vereinigen. Darauf
antwortete Luther: „Wir wünſchen nichts mehr,
als Frieden, welchen wir bisher ſowohl geleh—
ret, als, ſoviel an uns geweſen, gehalten und
mit aller Sorge darob getragen haben, wie
denn ihr (der Reformirten) Gewiſſen Zeuge
iſt, daß wir dieſes Spiel nicht zuerſt angefangen, ſondern gezwungen geantwortet haben.“
Die Straßburger ſchlugen nun als Mittel der
Vereinigung vor: „Man ſolle die Gläubigen
ganz von allen Fragen über die Gegenwart
des Leibes und Blutes im heil. Abendmahl ab—
ziehen und nur im Wort und Glauben üben.“
Sie beabſichtigten alſo nur eine äußerliche
Vereinigung mit den Lutheranern, in welcher
ſie nicht genöthigt wären, ihre Irrthümer ein⸗
zugeſtehen und aufzugeben. „Allein,“ entgeg—
nete ihnen Luther, „der Rath taugt nichts. Bei
uns ſind Wort und Glaube nicht ohne die Sa⸗
che, darauf ſie trauen, da die Worte ſelbſt die⸗
ſen Verſtand in ſich faſſen, ob der Leib und das
Blut da zugegen ſei? Und man kann das Volk
nicht mehr davon abziehen, nachdem ſie (die
Reformirten) ſo viel Schriften ausgehen laſſen
und gemein gemacht. Sie hätten erſt ſchweigen
ſollen. Nun verlangen ſie das Stillſchweigen
zu ſpät.“ Er widerlegt nun in der dem Chaſel
mitgegebenen Antwort die reformirte Irrlehre
vom heil. Abendmahl und bittet die Straßbur—
ger um Chriſti willen, ſie möchten den heil.
Geiſt nicht betrüben, ſondern ſich vor dem
Irrthum hüten und aufhören, die Seelen zu
verführen; „denn,“ fügt er hinzu, „es iſt hier
die äußerſte Seelengefahr.“
Indeſſen hatte Luthers ernſt und treu ge⸗
meinte Warnung bei den Reformirten nicht
den gewünſchten Erfolg, denn ſit beharrten bei
ihrem Irrthume, ja! ſie verdammten förmlich
Luthers Lehre vom heil. Abendmahl in einer
Verſammlung zu Bern, im Jahre 1528. So
wurde die Spaltung, welche ſie in der Kirche
angerichtet hatten, immer größer und unheil⸗
barer, weshalb natürlich ihr Gewiſſen ſie äng⸗
ſtigte und ſtrafte. Sie ſuchten daher von Neuem
eine Vereinigung mit den Lutheranern. Bucer
mit ſeinen Straßburgern drang im Jahre 1529
in den Landgrafen Philipp von
Heſſen, daß er ſein Anſehen dahin verwen⸗
So ſind offenbar die Reformirten daran den möchte, ein Religionsgeſpräch zwiſchen
beiden Theilen zu Stande zu bringen.
Der
Landgraf willigte darin ein, weil er hoffte, daß
die Lutheraner und Reformirten ein gemein⸗
ſames Bündniß gegen den Kaiſer ſchließ en
würden, wenn ſie ſich zuvor in der Lehre mit
einander vereinigt haben würden.
Schon dieſe Art, in welcher die Reformirten
mit den Lutheranern Frieden ſuchten, flößt kein
Vertrauen zu ihrer Aufrichtigkeit ein. Warum
riefen ſie einen Fürſten an, ſich in ihre Sache
zu miſchen, und wandten ſich nicht lieber unmit⸗
telbar an die Theologen? Luther durchſchautt
ſie, wie ſein Brief an den Landpfleger bezeugt:
„Mich ſieht die Sache an, als ſuchten ſie (die
Reformirten) durch Ew. Fürſtlichen Gnaden
Fleiſch ein Stücklein, daraus nichts Gutes
folgen will. . . Ich kenne den Teufel wohl,
was er ſucht. Gott gebe aber, daß ich hie nicht
ein Prophet ſei. Denn wo es nicht ein falſcher
Tück, ſondern rechter Ernſt wäre bei ihnen,
Frieden zu ſuchen, dürften ſie ſolche prächtige
Weiſe durch groß', mächtige Fürſten nicht vor⸗
nehmen; denn wir von Gottes Gnaden ſo
wüſte und wilde nicht ſind. Sie hätten uns
mit Schriften ihren demüthigen Fleiß zum
Frieden, wie ſie rühmen, wohl längſt und noch
können anbieten.“
Darum hoffte er wenig von einem Religions—
geſpräche. „Da bitte ich für,“ ſchreibt er an
den Landgrafen, „daß E. F. G. wollen gnä⸗
diglich bedenken oder auch erforſchen, ob jenes
Theil auch geneigt wäre, etwas zu weichen von
ihrer Meinung, damit endlich nicht Uebel ärger
werde, und eben das Widerſpiel deß gerathe,
das jetzt E. F. G. ſo herzlich und ernſtlich ſucht.
Denn was hülfe es, zuſammenkommen und
unterreden, ſo beider Theil mit Vorſatz kommt,
nichts überall zu weichen? ... Denn ich weiß
wohl, daß ich ihnen ſchlecht nicht weichen werde,
kann auch nicht, weil ich ganz für mich gewiß
bin, daß ſie irren, dazu ſelbſt auch ungewiß ſind
ihrer Meinung. Denn ich allen ihren Grund
in dieſer Sache gnugſam erfahren habe, ſo
haben ſie meinen Grund auch wohl geſehen. ..
„Ich kenne Etliche,“ ſagt Luther in ſeinem
Bedenken dieſes Religionsgeſpräches halber,
„dit, ich hoffe, zu bewegen wären, daß ſie
von ihrem Irrthum abſtünden, als nämlich,
Hedio und Ambroſius Blaarer,
aber mit den Andern würde es ärger und möchte
darnach mehr Unruhe daraus kommen. Mit
Zwingli zu handeln, iſt ganz unfruchtbar.“
Der Erfolg beweist leider nur zu deutlich, wie
genau Luther ſeine Gegner kannte.
Dennoch erklärte Luther ſich bereit, mit den
Reformirten ſich in ein Religionsgeſpräch ein⸗
zulaſſen. „Denn ich den Ruhm mit Wahrheit
English translation AI translation
False and displeasing to God, therefore, is the union which the nominal Lutherans and the Reformed have made in our days, and which they call the "evangelical" or also the "united church." There are two faiths in one church, or rather two religions mixed and united into a third. And indeed the "United" themselves confess that they did this "for the sake of brotherly love." Thus not out of love for God and his holy Word. For truth is a matter of indifference to them, because alongside truth they also acknowledge error as valid. From which it follows clearly that indifference is the true ground of the union.
The Lutheran Church has from the beginning protested against all indifference, half-measures, and vagueness in matters of faith, by which one sought to take from the truth, for the sake of a false peace, its salting and cutting sharpness. For truth heals only then, offers leaves for health only then, after it has first wounded and divided soul and spirit, even marrow and bone. Therefore, in the struggle, it has always held up the truth before its opponents in its full divine greatness, fullness, and definiteness, because it hopes for peace with them only when they are conquered by love for the truth.
People have often misjudged the holy earnestness with which the Lutherans defended their faith; their steadfastness has been called obstinacy, their joyful confession of faith scolded as defiance, and their faithfulness, by which they fulfilled the Lord's command, "Hold fast what you have, that no one take your crown!", has been taken for self-righteous stubbornness. But in doing so it was not considered that they were fighting not for earthly but for heavenly goods, not for their own honor but for God's honor, and therefore could not yield for the sake of human considerations. And just as decisively as they rejected every sham peace, they sought a true union with their opponents on the basis of unanimous doctrine. For how can the multitude of believers be of one heart and one soul, if they are divided in doctrine and in faith? From faith, love necessarily proceeds; therefore we must strive after unity of faith, and then the bond of love will unite us of itself.
We take an example from history, in which lies for us at once both instruction and model of how we too must wage the holy struggle for the full, undiminished, and unimpaired possession of evangelical truth and for true peace: the history of the Marburg Colloquy. And let Luther's word stand here as an introduction: We gladly want to accept peace, if only we do not thereby lose the peace with God which Christ has won for us.
It is well known that it was not the Lutherans but the Reformed who began the dispute over the doctrine of the holy Lord's Supper. For Zwingli and his associates spread ruinous errors about it, which Luther of course had to refute, upholding the pure doctrine against them. Unfortunately the Reformed did not accept it, but rejected it ever more resolutely, until at last they fell away from the Lutheran Church and founded a sect of their own.
So it is plain that the Reformed are to blame that so lamentable a division arose in the church; for although Luther proved to them from God's Word that their doctrine of the Lord's Supper was false, they nevertheless did not give it up. But it is a dreadful crime to deny the truth and to found sects in which the salvation of so many immortal souls is brought into extreme danger through ruinous errors. Therefore the Reformed were continually driven by their evil conscience to make good their guilt and to restore the peace they had disturbed. Would that they had always gone about it sincerely and honestly!
The first attempt was made by Bucer and Capito, the preachers of the churches at Strasbourg, in the year 1525. They sent Chasel to Luther with the request to unite with them in the doctrine of the Lord's Supper. Luther answered: "We wish for nothing more than peace, which we have hitherto both taught and, so far as it depended on us, kept and carried with all care, as your (the Reformed's) own conscience bears witness, that we did not first begin this dispute, but answered only under compulsion." The Strasbourgers then proposed as a means of union: "That the believers be drawn entirely away from all questions about the presence of the body and blood in the holy Lord's Supper, and be exercised only in Word and faith." They thus intended only an outward union with the Lutherans, in which they would not be compelled to admit and give up their errors. "But," Luther replied to them, "that counsel is worth nothing. With us, Word and faith are not without the thing on which they rely, since the words themselves contain this very sense — whether the body and the blood are present there. And one can no longer draw the people away from it, after they (the Reformed) have let out and made common so many writings. They ought first to have kept silent. Now they demand silence too late." In the reply given to Chasel to carry back, he then refutes the Reformed false doctrine of the holy Lord's Supper, and asks the Strasbourgers, for Christ's sake, not to grieve the Holy Spirit, but to guard against error and cease leading souls astray; "for," he adds, "here is the utmost danger to souls."
Meanwhile Luther's earnest and sincerely meant warning did not have the desired effect among the Reformed, for they persisted in their error — indeed, they formally condemned Luther's doctrine of the holy Lord's Supper in an assembly at Bern, in the year 1528. Thus the division which they had brought about in the church grew ever greater and more incurable, on account of which, naturally, their conscience troubled and accused them. They therefore sought anew a union with the Lutherans. Bucer, with his Strasbourgers, in the year 1529 pressed the Landgrave Philip of Hesse to use his influence to bring about a religious colloquy between both parties. The Landgrave consented, because he hoped that the Lutherans and the Reformed would form a common alliance against the Emperor, once they had first united with one another in doctrine.
Already this manner in which the Reformed sought peace with the Lutherans inspires no confidence in their sincerity. Why did they call upon a prince to involve himself in their affair, and did not turn directly to the theologians instead? Luther saw through them, as his letter to the governor testifies: "It appears to me that they (the Reformed) are seeking, through Your Princely Grace's flesh, some little advantage from which nothing good can come.... I know well what the devil is after. But God grant that I am not a prophet in this. For if it were not a false trick but true earnestness on their part to seek peace, they would not need to undertake such a grand approach through great, powerful princes; for we, by God's grace, are not so uncouth and wild. They could long ago, and still now, have offered us in writing their humble effort toward peace, as they claim."
Therefore he hoped little from a religious colloquy. "I ask this," he writes to the Landgrave, "that Your Princely Grace would graciously consider, or also find out, whether the other side would also be inclined to yield somewhat from their opinion, so that in the end the evil may not grow worse, and the very opposite come about of what Your Princely Grace now so earnestly and heartily seeks. For what would it help to come together and confer, if both sides come with the intention of yielding nothing at all?... For I know well that I will not yield to them in the least, nor can I, because I am fully certain for myself that they are in error, while they themselves are even uncertain of their own opinion. For as I have sufficiently learned all their grounds in this matter, so they too have well seen my grounds..." "I know a few," Luther says in his opinion concerning this religious colloquy, "who, I hope, might be moved to abandon their error, namely, Hedio and Ambrosius Blaarer, but with the others it would grow worse, and afterward more unrest might well come of it. To deal with Zwingli is entirely fruitless." The outcome, unfortunately, shows all too plainly how well Luther knew his opponents.
Nevertheless Luther declared himself willing to enter into a religious colloquy with the Reformed. "For I [wish to keep] the honor, with truth...