# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 02 09_S68 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Falſch und Gott mißfällig iſt daher die Union, welche die Namen⸗Lutheraner und Re⸗ formirten in unſern Tagen gemacht haben und die ſie die „evangeliſche“ oder auch „vereinigte Kirche“ nennen. Da ſind zwei Glauben in einer Kirche, oder vielmehr es ſind zwei Reli⸗ gionen zu einer dritten vermengt und vereinigt. Und zwar geſtehen die „Vereinigten“ ſelbſt, ſie hätten dieſes „um der brüderlichen Liebe wil⸗ len“ gethan. Alſo nicht aus Liebe zu Gott und ſeinem heiligen Worte. Denn die Wahr⸗ heit iſt ihnen gleichgültig, weil ſie neben der Wahrheit auch den Irrthum als gültig aner— kennen. Woraus alſo klar hervorgeht, daß Gleichgültigkeit der eigentliche Grund der Union iſt. Von jeher proteſtirt die lutheriſche Kirche gegen alle Gleichgültigkeit, Halbheit und Unbe— ſtimmtheit in Glaubensſachen, wodurch man der Wahrheit um eines falſchen Friedens wil⸗ len ihre ſalzende und ſchneidende Schärfe zu nehmen ſuchte. Denn die Wahrheit heilt nur dann, reicht nur dann Blätter zur Geſundheit dar, nachdem ſie zuvor verwundet und Seele und Geiſt, auch Mark und Bein geſchieden hat. Darum hat ſie im Kampfe den Gegnern die Wahrheit ſtets in ihrer ganzen göttlichen Größe, Fülle und Beſtimmtheit vorgehalten, weil ſie nur dann auf Frieden mit ihnen hofft, wenn dieſelben von der Liebe zur Wahrheit beſiegt ſind. Man hat häufig den heiligen Ernſt verkannt, mit welchem die Lutheraner ihren Glauben ver— theidigt haben; man hat ihre Standhaftigkeit Eigenſinn genannt, ihre Glaubensfreudigkeit Trotz geſcholten und ihre Treue, womit ſie das Gebot des HErrn: „Halte, was du haſt, auf daß Niemand deine Krone nehme!“ erfüllten, für Rechthaberti gehalten. Man hat aber da— bei nicht bedacht, daß ſie nicht um irdiſche, ſondern um himmliſche Güter, nicht um ihre eigene, ſondern um Gottes Ehre kämpften, alſo um menſchlicher Rückſichten willen nicht nach⸗ geben durften. Und eben ſo entſchieden, als ſie jeden Scheinfrieden verwarfen, haben ſie eine wahre Vereinigung mit ihren Gegnern auf Grund einſtimmiger Lehre geſucht. Denn wie kann die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele ſein, wenn ſie in der Lehre und im Glauben zwieſpaltig iſt? Aus dem Glauben geht nothwendig die Liebe hervor; daher müſ— ſen wir nach der Einheit des Glaubens ſtreben, dann wird das Band der Liebe uns von ſelbſt vereinigen. Wir nehmen aus der Geſchichte ein Beiſpiel, worin für uns zugleich Lehre und Vorbild liegt, wie auch wir den heiligen Kampf um den vol⸗ len, unverkümmerten und ungeſchmälerten Be— ſitz der evangeliſchen Wahrheit und um den wahren Frieden zu führen haben: Die Ge⸗ ſchichte des Marburger Religions⸗ geſpräches. Und zwar ſtehe hier als Ein— gang das Wort Luthers: Frieden wollen wir gern annehmen, wenn wir nur den Frieden gegen Gott, den uns Chriſtus erworben hat, dabeinicht verlieren. Bekannt iſt es, daß nicht die Lutheraner, 68 ſondern die Reformirten den Streit über die Lehre vom heil. Abendmahl angefangen haben. Denn Zwingli und ſeine Genoſſen verbrei⸗ teten darüber verderbliche Irrthümer, welche natürlich Luther widerlegen und dagegen die reine Lehre behaupten mußte. Leider nah— men die Reformirten dieſelbe nicht an, ſondern verwarfen ſie immer entſchiedener, bis ſie end— lich von der lutheriſchen Kirche abfielen und eine eigne Secte ſtifteten. Schuld, daß eine ſo beklagenswerthe Spaltung in der Kirche entſtand; denn obwohl ihnen Lu— ther aus Gottes Wort bewies, daß ihre Lehre vom Abendmahl falſch ſei, ſo gaben ſie dieſelbe dennoch nicht auf. Es iſt aber ein entſetzliches Verbrechen, die Wahrheit zu verleugnen und Secten zu ſtiften, in welchen das Heil ſo vieler unſterblicher Seelen durch verderbliche Irr— thümer in die äußerſte Gefahr kommt. Darum wurden die Reformirten von ihrem böſen Ge— wiſſen fortwährend angetrieben, ihre Schuld wieder gut zu machen und den von ihnen ge— ſtörten Frieden wieder herzuſtellen. Wären ſie dabei nur immer aufrichtig und redlich zu Werke gegangen! Den erſten Verſuch machte Bucer und Capito, die Prediger der Kirchen zu Straß— burg im Jahre 1525. Sie ſchickten Chaſel an Luther mit der Bitte, ſich mit ihnen in der Lehre vom Abendmahl zu vereinigen. Darauf antwortete Luther: „Wir wünſchen nichts mehr, als Frieden, welchen wir bisher ſowohl geleh— ret, als, ſoviel an uns geweſen, gehalten und mit aller Sorge darob getragen haben, wie denn ihr (der Reformirten) Gewiſſen Zeuge iſt, daß wir dieſes Spiel nicht zuerſt angefangen, ſondern gezwungen geantwortet haben.“ Die Straßburger ſchlugen nun als Mittel der Vereinigung vor: „Man ſolle die Gläubigen ganz von allen Fragen über die Gegenwart des Leibes und Blutes im heil. Abendmahl ab— ziehen und nur im Wort und Glauben üben.“ Sie beabſichtigten alſo nur eine äußerliche Vereinigung mit den Lutheranern, in welcher ſie nicht genöthigt wären, ihre Irrthümer ein⸗ zugeſtehen und aufzugeben. „Allein,“ entgeg— nete ihnen Luther, „der Rath taugt nichts. Bei uns ſind Wort und Glaube nicht ohne die Sa⸗ che, darauf ſie trauen, da die Worte ſelbſt die⸗ ſen Verſtand in ſich faſſen, ob der Leib und das Blut da zugegen ſei? Und man kann das Volk nicht mehr davon abziehen, nachdem ſie (die Reformirten) ſo viel Schriften ausgehen laſſen und gemein gemacht. Sie hätten erſt ſchweigen ſollen. Nun verlangen ſie das Stillſchweigen zu ſpät.“ Er widerlegt nun in der dem Chaſel mitgegebenen Antwort die reformirte Irrlehre vom heil. Abendmahl und bittet die Straßbur— ger um Chriſti willen, ſie möchten den heil. Geiſt nicht betrüben, ſondern ſich vor dem Irrthum hüten und aufhören, die Seelen zu verführen; „denn,“ fügt er hinzu, „es iſt hier die äußerſte Seelengefahr.“ Indeſſen hatte Luthers ernſt und treu ge⸗ meinte Warnung bei den Reformirten nicht den gewünſchten Erfolg, denn ſit beharrten bei ihrem Irrthume, ja! ſie verdammten förmlich Luthers Lehre vom heil. Abendmahl in einer Verſammlung zu Bern, im Jahre 1528. So wurde die Spaltung, welche ſie in der Kirche angerichtet hatten, immer größer und unheil⸗ barer, weshalb natürlich ihr Gewiſſen ſie äng⸗ ſtigte und ſtrafte. Sie ſuchten daher von Neuem eine Vereinigung mit den Lutheranern. Bucer mit ſeinen Straßburgern drang im Jahre 1529 in den Landgrafen Philipp von Heſſen, daß er ſein Anſehen dahin verwen⸗ So ſind offenbar die Reformirten daran den möchte, ein Religionsgeſpräch zwiſchen beiden Theilen zu Stande zu bringen. Der Landgraf willigte darin ein, weil er hoffte, daß die Lutheraner und Reformirten ein gemein⸗ ſames Bündniß gegen den Kaiſer ſchließ en würden, wenn ſie ſich zuvor in der Lehre mit einander vereinigt haben würden. Schon dieſe Art, in welcher die Reformirten mit den Lutheranern Frieden ſuchten, flößt kein Vertrauen zu ihrer Aufrichtigkeit ein. Warum riefen ſie einen Fürſten an, ſich in ihre Sache zu miſchen, und wandten ſich nicht lieber unmit⸗ telbar an die Theologen? Luther durchſchautt ſie, wie ſein Brief an den Landpfleger bezeugt: „Mich ſieht die Sache an, als ſuchten ſie (die Reformirten) durch Ew. Fürſtlichen Gnaden Fleiſch ein Stücklein, daraus nichts Gutes folgen will. . . Ich kenne den Teufel wohl, was er ſucht. Gott gebe aber, daß ich hie nicht ein Prophet ſei. Denn wo es nicht ein falſcher Tück, ſondern rechter Ernſt wäre bei ihnen, Frieden zu ſuchen, dürften ſie ſolche prächtige Weiſe durch groß', mächtige Fürſten nicht vor⸗ nehmen; denn wir von Gottes Gnaden ſo wüſte und wilde nicht ſind. Sie hätten uns mit Schriften ihren demüthigen Fleiß zum Frieden, wie ſie rühmen, wohl längſt und noch können anbieten.“ Darum hoffte er wenig von einem Religions— geſpräche. „Da bitte ich für,“ ſchreibt er an den Landgrafen, „daß E. F. G. wollen gnä⸗ diglich bedenken oder auch erforſchen, ob jenes Theil auch geneigt wäre, etwas zu weichen von ihrer Meinung, damit endlich nicht Uebel ärger werde, und eben das Widerſpiel deß gerathe, das jetzt E. F. G. ſo herzlich und ernſtlich ſucht. Denn was hülfe es, zuſammenkommen und unterreden, ſo beider Theil mit Vorſatz kommt, nichts überall zu weichen? ... Denn ich weiß wohl, daß ich ihnen ſchlecht nicht weichen werde, kann auch nicht, weil ich ganz für mich gewiß bin, daß ſie irren, dazu ſelbſt auch ungewiß ſind ihrer Meinung. Denn ich allen ihren Grund in dieſer Sache gnugſam erfahren habe, ſo haben ſie meinen Grund auch wohl geſehen. .. „Ich kenne Etliche,“ ſagt Luther in ſeinem Bedenken dieſes Religionsgeſpräches halber, „dit, ich hoffe, zu bewegen wären, daß ſie von ihrem Irrthum abſtünden, als nämlich, Hedio und Ambroſius Blaarer, aber mit den Andern würde es ärger und möchte darnach mehr Unruhe daraus kommen. Mit Zwingli zu handeln, iſt ganz unfruchtbar.“ Der Erfolg beweist leider nur zu deutlich, wie genau Luther ſeine Gegner kannte. Dennoch erklärte Luther ſich bereit, mit den Reformirten ſich in ein Religionsgeſpräch ein⸗ zulaſſen. „Denn ich den Ruhm mit Wahrheit