Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 11 › Seite 59
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-01-26, Seite 59
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„Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“
Herausgegeben von C. F. W. Walther.
St. Louis, Mo., den 26. Januar 1847. No. 11.
Jahrgang 3.
Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche davon die Hälfte=
vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft.
Merkwürdiger Brief
einer adeligen Dame, der Frau von Reibnitz
aus Schleſien, welche im Jahre 1703 der evan⸗
geliſch⸗-lutheriſchen Religion halber mit ſechs
meiſt unerzogenen Kindern ihr Vaterland und
all' ihr Hab und Gut verlaſſen hat.
Mit einem kurzen geſchichtlichen Vorbericht und einigen An⸗
merkungen herausgegeben von C. H. von Bogatzky.
(Schluß.)
Des Sinnes waren die andern Kinder alle.
Allein ich war ſo ſehr ſchwach, und die Kinder
alle, groß und klein, getroſt, daß mich alſo mein
ewig treuer Gott recht durch meine Kinder
forttreiben mußte; ſo unbändig war mein alter
Adamsſinn. Ich mußte aber den beſondern
Trieb des heil. Geiſtes ſpüren, denn er han—
delte recht eigentlich und deutlich mit uns. Ich
ſchrie herzlich zu Gott, er wolle mich ſtärken,
und erleichtern, was ſo ſchwer wäre. Auch
dies erhörte mein Heiland und gab mir die
Gnade, daß ich mich am 22. Mai, ohne daß
meine Leute wußten, was es zu bedeuten habe,
im Namen JEſu mit meinen armen 6 Kindern
aufmachte; aber wie ſchwer, kann niemand
glauben.“) Mein Sohn ermunterte mich hier—
bei alſo: „Liebe Frau Mutter, unſer IEſus
war viel kleiner, da er um unſertwillen in's
Elend ging, und Sie, als eine rechte Chriſtin,
die Gottes Willen und Befehl weiß, thun ſo!
Was ſoll ich thun, da ich erſt recht lernen ſoll,
was ein Chriſt iſt? — Gott ſtärke Sie.“ Das
beruhigte mich ſehr, und ſo reiſte ich denn im
Namen JeEſu den erſten Tag bis nach Seifers⸗
dorf, und den 23. deſſelben Monats nach
Wieſa bei Greifenberg, wo der liebe Herr
Schwedler der erſte war, der mich in mei⸗
nem Exil aufnahm, dem es Gott in Zeit und
Ewigkeit bezahle. Ich darf hierbei nicht ver—
geſſen, daß, wie ich aus meinem Hauſe gehe,
mir Gott durch zwei fromme Herzen, welche
meine Flucht gemerkt hatten, 5 Rthlr. beſcherte;
das ermunterte mich ſehr. So gängelte mein
Gott mich Schwachen.
Auch iſt Folgendes eine rechte Wundergüte
meines ewig⸗-treuen Gottes. Als vor etlichen
Wochen mein Vorhaben von einer vornehmen
und wahren Chriſtin aus Schleſien, der ich
*) Es mag Einer noch ſo ſchwach ſein und noch ſo ſehr den
unbändigen Adamsſinn fühlen, will er doch nur gerne den
Willen des HErrn thun und bittet und flehet um Stärkung, ſo
wird ihn der HErr gewiß ſtärken und durch alle Hinderniſſe
hindurch helfen, es koſte auch, was es wolle.
meine Herzensangſt vertraut hatte, zu Sorau
an des ſeligen Herrn Grafen Beiſetzung erzählt
worden war, ſo hatte dies der Herr Graf von
Reuß XXIV. erſt ohne Bewegung mit ange⸗
hört, nachgehends aber war derſelbe dadurch in
ſeinem Gemüthe beunruhigt worden und der
große Gott hatte ſein Herz dergeſtalt gelenkt,
daß er aus Sorau an dieſe vornehme Frau
geſchrieben hatte, wie er befände, Gott wolle
haben, daß er ſich dieſes jungen Reibnitz an⸗
nehmen ſolle, er bäte ſie daher, mich zu ermun—
tern und mir zu ſagen: „Wenn das Kind um
Chriſti willen ſeinen leiblichen Vater verlaſſen
wollte, ſo ſollte ich ihm denſelben ſchicken, er
wolle ſein Vater ſein.“ Dieſen Brief trauten
ſie mir aber nicht zu ſchicken, ſondern ſchickten
ſolchen den Herrn M. Schwedler. Als ich
nun ſehr niedergeſchlagen dahin kam, brachte
mir ihn der liebe Herr Magiſter zu meinem
großen Troſte, verſicherte mich dabei ſehr aus
Gottes Wort der wunderbaren Vorſorge mei—
nes Gottes und ermahnte mich, nach Frieders—
dorf (zu dem Herrn von Schweinitz) zu fahren,
da würde man mir rathen, wo ich die Kinder
in Sicherheit bringen könnte; denn er könne
mir nicht rathen, die Kinder da zu laſſen und
wieder nach Schleſien zu gehen. Weil ich nun
daſelbſt völlig fremd war, ſo war ich ſehr in
Furcht, dem lieben Friedersdorfiſchen Hauſe
beſchwerlich zu ſein. Allein, die Noth jagte
mich dahin. Auch verſicherte mich der liebe
Herr Paſtor Schwedler, daß es rechte wahre
Chriſten ſeien.
Als ich dahin komme, und um Rath bitte,
finde ich allda ſolche thätige Chriſtenherzen, die
mir ihre Chriſtenliebe in der That erweiſen,
denen es der große Gott in Zeit und Ewigkeit
bezahlen wolle. Der liebe Herr von Frieders—
dorf, der auch große Gaben des Verſtandes
von Gott empfangen hat, widerrieth mir auch,
nach Schleſien zu gehen, denn man würde mich
nicht, wie ich mir einbildete, als eine Dame
behandeln, ſondern vielmehr ein Exempel an
mir ſtatuiren wollen; er rieth mir, nach Lau⸗
ban zu gehen, und da Briefe von meinem l.
Manne zu erwarten. Nun ging mein Leid an;
ich wußte vor Herzeleid mich nicht zu faſſen.
Die große Liebe zu meinem lieben Manne
kränkte mich, Satan feierte auch nicht. Denn
die Anfechtung, ich hätte den ehelichen
Eid der Treue gebrochen, wollte
mich überwältigen; alle Tröſtungen fühlte ich
nicht; in Lauban kannte ich niemanden; wenig
Geld zu zehren hatte ich. Meine Leute mußte
ich nun von hier zurück ſchicken und eine fremde
Fuhre dingen, damit man nicht ſo bald wiſſen
möchte, wo ich wäre, bis ich ſähe, wie ſich mein
lieber Mann bezeigen würde; da war Noth,
da war Herzeleid, es iſt unausſprechlich. Aber
Gott iſt getreu, welcher ſein Werk beſſer in den
Kindern, als in meinem verdorbenen Adams⸗
ſinn wirken konnte; die waren getroſt und voller
Freuden, daß ſie nur aus der Gefahr waren.
Ja wie wir über die Schleſiſche Grenze fuhren
und ich ſehr betrübt war, brach bei mei-⸗
nen Kindern ein lautes Jubelge⸗
ſchrei und Lob Gottes aus. Ja in
Beiſein des Herrn und der Fran von Frieders⸗
dorf redete mein Kind von 3 Jahren mich alſo
an: „Mütterlein, weinet nicht,
Gottlebet noch!“ Was auch dieſe Chri⸗
ſtenherzen ſo bewegte, daß ſie dieſe Barmher—
zigkeit thaten und dies Kind zu ſich nahmen;
wofür Gott gelobt ſei in Ewigkeit.
Als ich nach Lauban komme, war ich
ſchon an den Herrn Rector M. Hoffmann und
Herrn M. Edelmann, Diaconus, recommendirt;
die mich auch willig aufnahmen, denen es der
große Gott bezahle in Zeit und Ewigkeit! Für
ein Logis hatte der Herr Rector ſchon geſorgt,
verſicherte mich auch der treuen Vorſorge mei⸗
nes Gottes; ſie bewieſen mir auch beide, wie
ich die Ehe nicht gebrochen hätte, weil ich mei—
nen lieben Mann ja beſtändig liebte, und nur
um der Kinder Seeelenheil willen, als eine
treue Mutter, und zwar nur auf eine Zeitlang
mich von ihm entfernt hätte. Aber mein Herz
wollte ſich faſt nicht tröſten. —
Mein lieber Mann, welchem ich durch einen
Brief meine Flucht berichtet hatte, ſchickte gleich
drei Boten aus, mich zu ſuchen; auch war ſeine
Betrübniß übergroß. Am heil. Pfingſttage,
oder am 27. Mai früh, da ich in die Kirche
gehen will, kommt ein Bote und bringt mir
einen Brief von meinem lieben Mann, worin
er ſehr beweglich klagte, jedoch ganz gütig und
liebreich; er führte mir ſchmerzlich zu Gemüthe,
wie ich den ehelichen Eid der Treue an ihm ge—
brochen hätte; es wäre ihm ſo ſchmerzlich, daß
ſeine Treue von ihm gewichen ſei, daß er vor
Herzeleid zu Bette liegen müßte. Da wurden
meine Wunden recht neu; da war Angſt; kein
Troſt wollte haften; da war Zagen, daß mich
däuchte, nun wäre es unmöglich, zu überwin—
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English translation AI translation
"God's Word and Luther's teaching shall now and nevermore pass away."
Published by C. F. W. Walther.
St. Louis, Mo., January 26, 1847. No. 11.
Volume 3.
Terms: Der Lutheraner appears once every two weeks, at a subscription price of one dollar for out-of-town subscribers, who must pay half of this in advance and bear the postage. — In St. Louis, each single issue is sold for 5 cents.
Remarkable Letter
of a Noble Lady, Frau von Reibnitz
of Silesia, who in the year 1703, for the sake of the Evangelical-Lutheran religion, left her fatherland and all her goods and possessions with six mostly young children.
Published with a brief historical preface and some notes by C. H. von Bogatzky.
(Conclusion.)
All the other children were of this same mind. Only I was so very weak, while the children, great and small, were all of good courage, so that my ever-faithful God truly had to drive me forward by means of my own children; so unruly was my old Adam's nature. Yet I had to feel the special urging of the Holy Spirit, for He dealt with us quite plainly and clearly. I cried earnestly to God that He would strengthen me, and lighten what was so heavy. This too my Savior heard, and gave me the grace that on the 22nd of May, without my people knowing what it meant, I set out in the name of Jesus with my poor six children; but how hard that was, no one can believe.*)
My son encouraged me in this, saying: "Dear Mother, our Jesus was far smaller than we, when for our sake He went into misery, and you, as a true Christian who knows God's will and command, are doing likewise! What am I to do, since I have yet to truly learn what a Christian is? — God strengthen you." This calmed me greatly, and so I traveled, in the name of Jesus, the first day as far as Seifersdorf, and on the 23rd of the same month to Wiesa near Greifenberg, where the dear Mr. Schwedler was the first to receive me in my exile — may God repay him for it in time and eternity. I must not forget here that, as I left my house, God, through two pious hearts who had noticed my flight, granted me 5 Reichsthaler; this encouraged me greatly. Thus did my God lead me, weak as I was, by the hand.
The following, too, is a true, wondrous kindness of my ever-faithful God. When, some weeks earlier, my intention had been told, at Sorau, at the burial of the late Count, to a noble and true Christian woman of Silesia to whom I had confided my heart's distress, the Count von Reuss XXIV had at first listened without being moved; but afterward he was troubled in his mind by it, and the great God had so guided his heart that he wrote from Sorau to this noble lady that, as he found, God wished him to take up the cause of this young Reibnitz family, and asked her therefore to encourage me and to tell me: "If the child, for Christ's sake, would leave its natural father, then I should send him to him; he would be its father." This letter, however, they did not trust themselves to send to me directly, but sent it instead to Mr. M. Schwedler. When I came to him very downcast, the dear Magister brought it to me to my great comfort, assured me strongly, from God's Word, of my God's wonderful providence, and urged me to travel to Friedersdorf (to Mr. von Schweinitz), where I would be advised where I might bring the children to safety; for he could not advise me to leave the children there and go back to Silesia. Since I was there entirely a stranger, I was greatly afraid of being a burden to the dear Friedersdorf household. But necessity drove me there. The dear Pastor Schwedler also assured me that they were truly genuine Christians.
When I arrived there and asked for advice, I found there such active Christian hearts, who showed me their Christian love in deed — may the great God repay them for it in time and eternity. The dear Mr. von Friedersdorf, who has likewise received great gifts of understanding from God, also advised me against going to Silesia, for they would not treat me, as I had imagined, as a lady, but would rather want to make an example of me; he advised me to go to Lauban, and to expect letters there from my dear husband. Now my sorrow began; I could not compose myself for heartache. My great love for my dear husband distressed me, and Satan too did not rest. For the temptation — that I had broken my marriage vow of fidelity — sought to overwhelm me; I felt none of the usual comfort; in Lauban I knew no one; I had little money to live on. I now had to send my people back from there and hire an unfamiliar conveyance, so that it would not soon be known where I was, until I should see how my dear husband would conduct himself; there was distress, there was heartache — it is inexpressible. But God is faithful, who could work His work better in the children than in my corrupted Adam's nature; they were of good courage and full of joy, simply glad to be out of danger. Indeed, as we drove across the Silesian border, and I was very sorrowful, a loud shout of jubilation and praise of God broke out among my children. And in the presence of Mr. and Mrs. von Friedersdorf, my three-year-old child addressed me thus: "Little mother, do not weep, God still lives!" This so moved these Christian hearts that they showed this mercy and took this child in with them; for which may God be praised forever.
When I arrived in Lauban, I had already been recommended to the Rector, Mr. M. Hoffmann, and to Mr. M. Edelmann, the deacon; they too received me willingly — may the great God repay them for it in time and eternity! The Rector had already arranged for lodging, and also assured me of my God's faithful providence; both of them also showed me how I had not broken the marriage, since I had, after all, continued to love my dear husband constantly, and had only, for the sake of the children's salvation, as a faithful mother, and only for a time, removed myself from him. But my heart would scarcely be comforted.
My dear husband, to whom I had reported my flight by letter, immediately sent out three messengers to seek me; his grief, too, was overwhelming. On the holy day of Pentecost, that is, early on the 27th of May, as I was about to go to church, a messenger came and brought me a letter from my dear husband, in which he complained very movingly, yet altogether kindly and lovingly; he brought painfully to my mind how I had broken my marriage vow of fidelity toward him; it was so painful to him that his wife's faithfulness had departed from him, that he had to lie in bed from heartache. Then my wounds were made quite fresh again; there was fear; no comfort would hold; there was such trembling that it seemed to me it would now be impossible to overcome it—
*) However weak a person may be, and however strongly he may feel the unruly nature of Adam, if he only truly wishes to do the will of the Lord, and asks and pleads for strength, the Lord will surely strengthen him and help him through every obstacle, whatever it may cost.