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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-01-05, Seite 53

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Der Tutheraner.

„Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“

Herausgegeben von C. F. W. Walther.

Jahrgang 3.

St. Louis, Mo., den 12. Januar 18⁴7.

No. 10.

Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche davon die Hälfte
vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft.

Merkwürdiger Brief

einer adeligen Dame, der Frau von Reibnitz

aus Schleſien, welche im Jahre 1703 der evan⸗

geliſch-lutheriſchen Religion halber mit ſechs

meiſt unerzogenen Kindern ihr Vaterland und
all' ihr Hab und Gut verlaſſen hat.

Mit einem kurzen geſchichtlichen Vorbericht und einigen An⸗
merkungen herausgegeben von C. H. von Bogaßky.

Was die ſelige Frau von Reibnitz, eine ge—
borne von Puſch, in nachgeſetztem Schreiben
von ihrem Exil aus Schleſien berichtet, das
hat mir ſchon vor etlichen dreißig Jahren ihre
leibliche Schweſter, die in Breslau noch lebende
Frau von Langenau, nach dem Hauptinhalt
ſelbſt erzählt. Da nun dieſer Brief mir und
allen, die ihn geleſen, ſehr beweglich geweſen
iſt, ſo daß ihn mancher ſchon mit vielen Thränen
geleſen hat, ſo habe ich ihn wieder aufs neue
abdrucken laſſen und zu deſſen Erläuterung und
Beſtätigung einige Anmerkungen hinzugethan.
Dabei habe ich wie allen evangeliſchen Chriſten,
doch ſonderlich der lieben Jugend hier und an
andern Orten etwas zur Erweckung vorlegen
wollen. Denn da, wie der Leſer finden wird,
die Kinder der Frau von Reibnitz ſo große
Sorge für die Errettung ihrer Seele gehabt,
daher auch mit Freuden alles verlaſſen, und
ſonderlich der älteſte Sohn ſo herrlich geredet
hat, ſo kann das ja wohl allen jungen Leuten
zur Prüfung, Beſchämung, Erweckung oder
Stärkung dienen, damit ſie doch auch bei Zei—
ten dem HErrn ihr Herz ergeben und für ihrt
Seele ſorgen, und wenn es geſchehen, darinnen
immer ernſtlicher werden, daß ſie auch einmal
Chriſto im Leiden nachfolgen können, da ja alle,
die gottſelig leben wollen in Chriſto IEſu,
müſſen Verfolgung leiden, ob ſie gleich eben
nicht, wie die Frau v. R. mit ihren Kindern,
von Papiſten verfolgt werden. Doch wiſſen
wir nicht, was auch noch in folgenden Zeiten
das Pabſtthum für Verfolgung erregen wird,
beſonders wenn in den Reichen der Welt ſo
manche Veränderungen ſollten vorgehen, denn
blutdürſtig iſt das Pabſtthum immer geweſen.
Es möge denn auch dieſer Brief dazu dienen,
daß man die Religionsfreiheit als eine große
Wohlthat erkenne und dem HErrn herzlich
dankbar ſei. Und wer das zu Frankfurt her—
ausgekommene Büchlein: „Religionsprobe und
Nachricht von den Elberfeldſchen Bewegungen,“
mit Bedacht lieſt, der wird auch wohl Urſache

finden, Gott herzlich dankbar zu ſein, daß er
ihn in der evangeliſchen“), nicht aber in der
papiſtiſchen Kirche hat laſſen geboren und erzo—
gen werden. Denn wenn die Papiſten auch
keine andere falſche Lehre, als die irrige und
entſetzliche Lehre vom Fegfeuer hätten, ſo hät—
ten wir ſchon die ſelige Reformation Lutheri
ſehr hochzuſchätzen und könnten uns dem HErrn
nicht dankbar genug dafür bezeugen; weil man
ja nicht begreifen kann, wie es möglich iſt, daß
ein Papiſt, der dieſe gräßliche Lehre glaubt,
auch nur eine einzige vergnügte Stunde in
ſeinem Leben haben kann, und es ſollte und
könnte wohl dieſe einzige Lehre alle Proteſtan—
ten abſchrecken, zum Pabſtthum überzugehen.
Der HErr erhalte und befeſtige uns in der
Wahrheit des Evangelii und laſſe uns auch
alle dem Evangelio würdiglich wandeln. Halle,
im Jahre 1755. C. H. v. B.
Der Brief lautetalſo:

Im Jahre 1702 ging die Verfolgung wegen
meiner Kinder ſehr hart an, indem der biſchöf—
liche Commiſſar dem Erzprieſter zu Landshut
befohlen hatte, daß dieſer wegen meiner jüng⸗
ſten Tochter vorſichtig ſein ſollte, damit ich ſolche
nicht, wie die älteſte, verführen möchte. Hier—
auf kommt dieſer im März zu uns nach Schrei—
bendorf e) und verlangt von meinem lieben
Eheherrn, er ſolle als Vater die Kinder auf
ſeine Religion ziehen, es ſei kaiſerlicher Befehl
da. Dagegen ſetzte ich mich durch die Gnade
meines Gottes ernſtlich, indem ich einwendete,
mein lieber Mann habe mir ſolches eidlich
verſprochen, die Mädchen auf meine Re—
ligion zu ziehen, was auch mein lieber Mann
zugeſtand, und nicht brechen zu wollen vor dem
Pfaffen erklärte; worauf der letztere antwortete:
Er dürfe mirs nicht halten, er wolle ihn bald
von dem gegebenen eidlichen Verſprechen abſol—
viren.

Als nun die Noth ſo groß geworden war,
ſtärkte mich mein Gott, daß ich mit den Kin-—
deru herzlich und inbrünſtig zu ihm um Ret⸗
tung ſchrie, in herzlichem Vertrauen, weil wir
keine Menſchenhülfe wußten, ſo müßte er uns
helfen; er könnte uns nicht hülflos laſſen, er

*) In dieſer Zeit, in welcher Bogatzky ſchrieb, hat man
unter „evangeliſch“ noch nicht, wie jetzt, die unirte,
aus mehreren Religionen zuſammengemengte, ſondern die
evangeliſch-lutheriſche Kirche verſtanden. D. H.

) Im Jaueriſchen Fürſtenthum etliche Meilen von der
ſächfiſchen Grenze zwiſchen Landeshut und Hirſchberg.

müßte uns ſtärken, ſonſt wären wir verloren.
Auch mußte ich vernehmen, wie dieſer Pfaffe
das königliche Amt der Fürſtenthümer Schweid—
nitz und Jauer wider mich um Hilfe angerufen,
dieſes auch meinen lieben Mann gleich citirte,
der aber, ſein Verſprechen mir zu halten, ſich
gleich beim Amte erklärte und deßwegen von
den Pfaffen ſehr angefeindet wurde. Das
fönigliche Amt ſtand meinen Verſolgern treulich
bei, ja forderte meinen Mann viermal nach
einander vor; das letzte Mal wurde er nicht
weggelaſſen, bis er verſprach, darauf bedacht
zu ſein, daß alle Töchter, die größte ausge—
nommen, welche ſchon zu ſehr verhärtet ſei,
auf ſeine Religion gebracht würden. Um mich
aber nicht zu kränken, ſagte er mir nichts davon.

Den 20. März 1703 kam ich zu dem Amts⸗
ſecretair, Herrn von Creuzſtein, der ſich mei⸗—
nen guten Freund nannte. Dieſer zeigte mir
im Amtsprotokoll, was mein Mann habe ver—
ſprechen müſſen, auch daß nunmehr das Amt
nichts anders thun könne, wenn ich mich ferner
widerſetzen würde, als die Töchter ins Eſſuli⸗
nerkloſter nach Liegnitz zu geben, bis ſie katho⸗
liſch wären; um dies abzuwenden, ſollte ich
mich nur darein finden und die Kinder willig
zu der päbſtlichen Neligion ziehen laſſen. Als
ich ihm hierauf durch die Kraft meines Gottes
ſagte: „Mein Vertrauen wäre zu Gott, dem
leicht wäre alle Anſchläge zu zernichten und die
Seinen zu retten, wenn die Gefahr noch ſo
groß ſchiene,“ da verſetzte er mir im Eifer:
„Gott würde an mir kein Mirakel (Wunder)
thun; es müßte und könnte nicht anders ſein.“
Ich aber hielt dies bald für eine göttliche War—
nung und ſagte: „Gott wird und kann mich
nicht laſſen. Sein Wort iſt wahr! Der im
Himmel wohnet, lachet ihrer, und der HErr
ſpottet ihrer. Gott wird ſchon Mittel wiſſen,

wie er mir helfen kann; ich bin ſein, er mache

mit mir, was er will.“ *) Er verlachte mich
und ſagte: „Ich würde die Vermeſſenheit be—
klagen, die Halsſtarrigkeit würde mich reuen.“
Von meinen Verwandten und Religionsgenoſ⸗
ſen ward ich ſchlecht getröſtet; denn ſie ſagten:
Kein Menſch könnte mir helfen; ich müßte die

*) Das iſt die rechte Art des Glaubens, wenn man nichts
vor Augen ſieht und kein Mittel weiß, wie uns könne gehol⸗
fen werden, und ſich doch auds Wort hält, und dies
allein aller Noth und allen Feinden entgegenſetzt und Gott
ſelbſt vorhält. Einen ſolchen Glauben kann Gott nicht laſſen,
ſondern er muß helfen und ſollte eher Himmel und Erde ein⸗
fallen. 3

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Der Lutheraner.

"God's Word and Luther's teaching shall now and nevermore pass away."

Edited by C. F. W. Walther.

Volume 3.

St. Louis, Mo., January 12, 1847.

No. 10.

Terms: Der Lutheraner appears once every two weeks, at a subscription price of one dollar for subscribers living elsewhere, who must pay half of this in advance and bear the cost of postage. — In St. Louis, each single issue is sold for 5 cents.

Remarkable Letter

of a Noble Lady, Frau von Reibnitz, of Silesia, who in the year 1703, for the sake of the Evangelical-Lutheran religion, left her homeland and all her possessions together with six children, most of them still unraised.

Published, with a brief historical preface and a few notes, by C. H. von Bogatzky.

What the late Frau von Reibnitz, born von Pusch, reports in the letter set down below concerning her exile from Silesia was already told to me, in its main substance, some thirty years ago by her own sister, Frau von Langenau, who still lives in Breslau. Since this letter has been very moving both to me and to all who have read it, so that many have already read it with many tears, I have had it printed anew, and have added a few notes for its explanation and confirmation. In doing so I have wished to set something before all evangelical Christians, but especially before the dear young people here and in other places, for their awakening. For, as the reader will find, the children of Frau von Reibnitz had such great concern for the salvation of their souls, and therefore gladly gave up everything, and especially the eldest son spoke so splendidly, that this may well serve all young people for testing, for shaming, for awakening, or for strengthening, so that they too may give their hearts to the Lord in good time and care for their souls, and, once this has happened, become ever more earnest in it, so that they too may one day be able to follow Christ in suffering — since indeed all who wish to live godly in Christ Jesus must suffer persecution, even though they are not, like Frau von R. and her children, persecuted by papists. Yet we do not know what persecution the papacy may yet stir up in times to come, especially if such great changes should take place in the kingdoms of the world, for the papacy has always been bloodthirsty. May this letter also serve to make religious freedom recognized as a great blessing, for which one ought to be heartily thankful to the Lord. And whoever reads with care the little book published at Frankfurt, "Test of Religion, and Report on the Elberfeld Disturbances," will likewise find cause to be heartily thankful to God for having let him be born and raised in the evangelical*) rather than in the papist church. For even if the papists had no other false doctrine than the erroneous and dreadful doctrine of purgatory, we would already have great reason to prize the blessed Reformation of Luther very highly, and could not thank the Lord enough for it; for one simply cannot comprehend how it is possible for a papist who believes this horrible doctrine to have even a single contented hour in his life, and this doctrine alone should and could well deter all Protestants from going over to the papacy. May the Lord preserve and confirm us in the truth of the Gospel, and let us all also walk worthily of the Gospel. Halle, in the year 1755. C. H. v. B.

*) At the time when Bogatzky wrote this, "evangelical" was not yet understood, as it is now, to mean the united church, mixed together out of several confessions, but rather the Evangelical-Lutheran Church. — D. H.

e) In the Principality of Jauer, several miles from the Saxon border, between Landeshut and Hirschberg.

The letter reads as follows:

In the year 1702 the persecution on account of my children began very harshly, in that the episcopal commissary had instructed the archpriest at Landshut to be watchful concerning my youngest daughter, so that I might not lead her astray as I had, in his view, the eldest. Thereupon, in March, this man came to us at Schreibendorf e) and demanded of my dear husband that he, as father, raise the children in his religion, since there was an imperial decree to that effect. Against this I set myself earnestly, through the grace of my God, objecting that my dear husband had promised me under oath to raise the girls in my religion — which my dear husband also acknowledged, declaring before the priest that he would not break it. To this the latter replied that my husband need not keep it for me, since he himself would soon absolve him of the oath he had given.

Now when the distress had grown so great, my God strengthened me, so that together with my children I cried out to him earnestly and fervently for deliverance, in heartfelt trust that, since we knew of no human help, he must help us; he could not leave us helpless, he must strengthen us, or else we would be lost. I also learned how this priest had appealed for help against me to the royal government office of the principalities of Schweidnitz and Jauer, and had immediately summoned my dear husband there as well; he, however, in order to keep his promise to me, at once declared himself at the office, and was for this reason greatly opposed by the priests. The royal office stood faithfully by my persecutors, and indeed summoned my husband four times in succession; the last time he was not released until he promised to see to it that all the daughters — except the eldest, who was already too hardened — would be brought over to his religion. But so as not to grieve me, he said nothing of this to me.

On the 20th of March 1703 I went to the office secretary, Herr von Creuzstein, who called himself my good friend. He showed me, in the office record, what my husband had been forced to promise, and also that the office could now do nothing else, should I continue to resist, than place the daughters in the Ursuline convent at Liegnitz until they became Catholic; to avert this, I should simply resign myself and willingly let the children be brought over to the papal religion. When I then said to him, through the strength of my God: "My trust is in God, for whom it would be easy to bring all such schemes to nothing and to save his own, however great the danger might seem," he retorted to me heatedly: "God would work no miracle on my account; it must and could not be otherwise." But I soon took this for a divine warning, and said: "God will not, and cannot, forsake me. His Word is true! He who dwells in heaven laughs at them, and the Lord holds them in derision. God will surely know some means by which he can help me; I am his — let him do with me as he will."*) He laughed at me and said: "I should think you would come to regret such presumption, and repent of such stubbornness." From my relatives and fellow believers I received little comfort, for they said: no one could help me; I would simply have to give up the children —

*) This is the right kind of faith: when one sees nothing before one's eyes and knows no means by which help could come, and yet holds fast to the Word alone, setting it against all distress and all enemies, and holding it up before God himself. Such a faith God cannot forsake, but must help, though heaven and earth should sooner fall.