Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 26 › Seite 208
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-08-17, Seite 208
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ſitzen! Wohlan, ihr Zuhörer, laßt euch dieß
den HErrn aller Herren nicht vergeblich jetzt zu⸗
rufen, und ihr, geehrte Vertreter unſerer Ge—
meinden, nehmt dieſes Wort unſeres Gottes, das
hier an euch erging, als einen Schatz mit hin—
weg und theilt ihn denen mit, in deren Namen
ihr hier erſchienet.
Möge aber endlich Gott der HErr ſelbſt ſeine
mächtige Stimme aus dieſem Grabe weithin er⸗
ſchallen laſſen, über alle Prediger und Gemein⸗
den unſeres Verbandes, ja über dieſes ganze
Land; und möge dieſe Stimme allenthalben
niederbeugen und aufwecken, ſo aus dieſem Gra⸗
be Leden ausfließen in viele, viele Herzen und
alſo unſere Wunden geheilt werden. Es thue
dieß Gott der Vater durch Seinen werthen hei—
ligen Geiſt um JEſu Chriſti, Seines lieben
lieben Sohnes, unſeres HErrn und Heilandes
willen. Amen! Amen!
Der Abfall
der Gemeinde zu Shebahyonk. *)
Schon die Ueberſchrift dieſer Einſendung for⸗
dert den lieben Leſer auf, ſich auf einen trauri⸗
gen Bericht gefaßt zu machen, den wir nicht län⸗
ger verhehlen dürfen, weil die Herzen aller derer,
die das Traurige mit erlebt haben, zu voll des
Schmerzes ſind, als daß ſie nicht ihre Brüder
und Schweſtern auffordern ſollten, ihnen das
große Leid tragen zu helfen, das uns widerfah—
ren iſt.
Wenn Verbindungen der Welt eine Zeitlang
beſtanden haben, ſo wundert ſich vielleicht Dieſer
oder Jener, wenn ſie plötzlich gelöſt werden; doch
findet man ſich leicht darein, wenn der erſte
Schreck vorüber iſt; aber wenn Glieder vom
Leibe Chriſti ſich ablöſen, die er, der treue Hirte,
zu ſeiner Heerde geſammelt und zur ewigen Se—
ligkeit beſtimmt hatte, ohne daß ſie wiederkehren,
ja, wenn ſelbſt einẽ Janze Chriſtengemeinde dem
Teufel wieder zur Beute wird, ſo trauert der
Chriſt nicht blos Tage und Wochen, ſondern
Zeit ſeines Lebens ängſtet es ihn, daß ſo theuer
erkaufte Seelen verloren gehen konnten.
Es iſt dies der Fall mit den früheren Chriſten
zu Shebahyonk an der Saginaw-Bay. Die
lieben Leſer wiſſen, welch eine liebliche Pflan—
zung Gottes unter den Heiden daſelbſt noch vor
wenigen Monden war; ſie wiſſen, welch köſtliche
Bekenntniſſe von der chriſtl. Gemeinde der dorti⸗
gen Indianer gethan worden waren; ſie wiſſen,
wie willig ſie geweſen waren, um des Wortes
Gottes willen ſelbſt die Heimath zu verlaſſen,
und noch im verfloſſenen April zu ihren Brüdern
nach Bethanien aufzubrechen, ſobald das Zucker⸗
machen beendigt worden ſei. Ach, daß wir be—
richten könnten, daß Alles zum herrlichen Ziele
*) Wir machten von die ſem traurigen Vorfalle ſchon münd⸗
lich auf der letzten Synodalverſammlung zu St. Louis Mit⸗
theilung und ſchütteten unſern Kummer in die Herzen der
treuen Brüder aus. Doch war es der allgemeine Wunſch,
auch eine ſpecielle Erzählung davon in dieſe Blätter abdru-
dlen zu laſſen, damit alle Glieder un ſerer Gemein de ein leben⸗
diges Bild von dem Jammerſtande in Shebahyonk bekämen
und ſo zur treuen Fürbitte bei dem Vater aller Barmherzig⸗
krit ihre Zuflucht nähmen.
gekommen ſei! Aber dem iſt nicht ſo. Mit blu⸗
tendem Herzen ſchreiben wir Folgendes:
Ein engliſcher Indianerhändler hatte im März
dieſes Jahres Veranlaſſung, einen Abend und
die folgende Nacht bei einer Indianerfamilie in
Shebahyonk zuzubringen. Bei der Abendun—
terhaltung kam auch die Rede auf den großen
Umzug nach Bethanien, den die Indianer, wie
ſie ſagten, mit großer Ungeduld erwarteten. Da
ſäet der Fremde böſen Verdacht in die Herzen der
unbefangenen Seelen und macht ihnen Vor⸗
würfe, daß ſie ſich zu ſolchem Umzuge hätten
bereden laſſen. Der werde zu ihrem großen
Schaden ſein. Ihre Pfaffen wollten ſie ins Un⸗
glück führen. — Je leichtgläubiger die Indianer
von Natur ſind, deſto größer wird ihre Aufre—
gung; der Teufel iſt geſchäfrig und ſchürt die
böſen Gedanken. Die Indianer ergaben ſich
denſelben und fortan ſahen ſie ihren Miſſionar
Auch, dem ſie bisher wie Kinder ihrem Vater
vertraut hatten, mit mißtrauiſchen Augen an.
Zwei von ihnen begleiteten den rückkehrenden
Gaſt nach Lower-Saginaw und brachten von
dort eine förmliche Beſtätigung des eben einge⸗
ſogenen Verdachts mit. Einige engliſche Händ—
ler in dieſer Stadt, beſorgt über den Verluſt eini⸗
ger Handelsvortheile, die ihnen bisher durch die
nahe wohnenden Indianer zu Theil geworden
waren, ſahen ihrem Wegzuge mit großem Ver⸗
druß entgegen und hörten nicht auf, die beiden
Indianer mit folgenden Vorſtellungen zu beſtür—
men: „Mehr als die Hälfte aller Paſtoren ſeien
Betrüger, ſie predigten aus einem Lügenbuche
(der Bibel); dieſes Buch ſei zum Unglück der
Leute da; die Indianer ſollten aus ihren Wohn—
ſitzen in Sklaverei und Knechtſchaft vertrieben
werden. Sie ſollten Solches ja nicht dulden
und die Feſſeln abwerfen.“
Dieſe Einflüſterungen des Teufels wurden
von den einmal argwöhniſch gemachten India—
nern willig aufgenommen und von ihnen bei
ihrer Rückkehr den andern Stammesgenoſſen
mitgetheilt. Jetzt war das ganze Dorf wie um—
gewandelt. — Der Miſſionar Auch hatte, nach⸗
dem die beiden Indianer mit ihren loſen Be⸗
richten am Donnerſtage heimgekommen waren,
wie gewöhnlich, am Freitag Abend das Glöcklein
zur Andacht geläutet. Es fiel ihm auf, daß nur
6 Männer und eine Frau ſich dazu einfanden,
da ſolch geringer Beſuch der Gottesdienſte vor⸗
her nie erhört geweſen war. Nach dem Schluſſe
des Gottesdienſtes nähert ſich der Häuptling
Meganigiſchik dem Miſſionar und kündigt ihm
mit auffallender Gereiztheit an, daß er morgen
mit ihm und den übrigen Indianern ein „Coun—
cil“ abhalten wolle; aber, ſetzt er hinzu, nicht
in der Kirche, ſondern in ſeinem eignen Hauſe.
Dieſe letzte Bemerkung, ſowie die Bitterkeit, mit
welcher er ſprach, waren dem Miſſionar Beweis
genug, daß ein böſer Geiſt unter die Indianer
gefahren ſei, und bald ſollte ers beſtätigt finden.
Am andern Tage fand er ſich nämlich, wenn auch
mit ſchwerem Herzen, zu dem beſtimmten Countil
ein und erfuhr nun Alles, was der Teufel ihm
angerichtet hatte. Nachdem er ſich von ſeinem
erſten Schrecken erholt hatte, unterrichtete er die
Verderbens, an den ſie durch die Feinde des.
Anweſenden von dem ſchrecklichen Abgrunde des x
Reichs Gottes geführt ſeien und bat ſie nit
Thränen, den HErrn und Sein Wort nicht Iu.,
verwerfen; aber dies Alles war ohne jeglichnnz
Erfolg. Auch die Androhung des Zornes Got⸗
tes und der ewigen Verdammniß, falls ſie nicht
wieder nüchtern würden aus des Teufels Strichn
brachte nichts Anderes zu Wege, als eine freche
Herausforderung Gottes, der ſie nur ſtrafen
möge. Sie wollten ſich nicht mehr betrügen
laſſen, ſo ſagten ſie. — Der Miſſionar Auch bal.
ſie wiederholt, doch das Wort Gottes nicht ſo
gar zu verachten; da ſprachen ſie wiederum da·
von, als von einem Lügenbuche; ſie wolhu
Richts mehr davon wiſſen. Der Häuptling
Meganigiſchik äußerte, er werde forthin Nichts
von alle dem mehr halten, was ihm das Wort-
Gottes auferlegt habe; allenfalls wolle er ſic,
wie früher, ſo auch fernerhin am Sonntage der
Arbeit enthalten.
Bei allen dieſen Vorgängen hätte dem treuen
Seelenhirten das Herz brechen mögen; er wäre
lieber in den Tod geſunken, als daß er ſolchts
hätte erleben mögen. Eine ganze Gemeinde,
jahrelange mühſame Arbeit vor Menſchenaugen
verloren! Keiner ließ ſich wieder zurücklocken! —
Das war ein ſchweres Kreuz, ihm auferlegt, zu
tragen.
Ein Fünklein der Hoffnung lebte in ihm noch,
nämlich daß vielleicht die vorgefallenen Reden in
Aufregung geſchehen und bald bereut werden
möchten. Aber auch dieſe Hoffnung ſchlug fehl. —
Am folgenden Tage nämlich, einem Sonntage,
läutete der Miſſionar, wie ſonſt, ſein Miſſions⸗
glöcklein und ging zur Kirche, um Gottesdienſt
zu halten. Aber Niemand von den Indianern
erſchien. Statt deſſen gingen die jungen Bur⸗ ö
ſchen mit ihren Aexten an der Kirche vorbei, als
wollten ſie den Gottesdienſt verhöhnen. Trau
rig und unverrichteter Sache mußte der Miſſio⸗
nar nach Hauſe gehen.
Er wartete nun noch einige Wochen auf Um⸗
kehr, entbot auch noch einmal den Miſſionar
Mießler ſammt dem Dollmetſcher von Bethanien
zu ſich, um die Treuloſen abermals zu vermahnen,
konnte aber keine allgemeine Zuſammenkunft
mehr erlangen, ſondern man mußte die Leute
partienweiſe in ihren Häuſern aufſuchen.
Sie beharrten ſämmtlich in ihrer Feindſchaft
gegen Gottes Wort und verachteten die väterliche
Zuſprache ihrer rechtgläubigen Lehrer. Das
arme Volk! Hundertmal wirklich⸗betrogen durch ö
geiſtliche und weltliche Betrüger, läßt es ſich nun,
da ihm endlich durch Gottes Gnade die volle
lautre Wahrheit des Wortes Gottes aus treuer
Hirten Munde gepredigt wird, vom Teufel ver⸗
blenden, auch ſeine treuen Lehrer als Verführer
von ſich zu weiſen.
Der HErr hatte noch einmal in der Kürze
deuutlich zu ihnen geſprochen. Während nämlich
bisher in der etwa 4 Jahre alten Chriſtenge⸗
meinde noch kein einziger Todesfall aus den In⸗
dianern ſelbſt vorgekommen war, ſo wurden in
dieſen ſelbigen Tagen zwei Jünglinge in einem
Zuſtande gräßlicher Verzuckungen in einen plöß⸗
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