Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 14 › Seite 100
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-03-02, Seite 100
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Paſtor 5
Doch ich will dir die Sache von Anfang und
in Qrdnung erzählen, ſonſt wirſt du doch nicht
klug daraus; ſo hoͤre: Die Unirten in
Preußen, und in allen Ländern Deutſchlands
und in Amerika, haben die Ungeänderte
Augsburgiſche Confeſſion angenom⸗
men —Martin, Martin ſieh, das iſt nun einmal
eine Freude, nun ſäume auch nicht länger, rufe
deine Jungens zuſammen, laß ſie ihr Sonn⸗
tagshabit anziehen, deine Frau die beſte Haube
aufſetzen, lang die alten Reiterpiſtolen von der
Wand — voch das kommt nachher in's Feſipro⸗
gramm. Du ſiehſt, ich bin vor Freuden halb
närriſch worden, aber ich muß wieder in die Reihe,
und will dir's nun ordentlich auseinanderſetzen.
Der „Friedensbote,“ der mir mit der 12. Num⸗
mer zufällig unter die Hände gerathen, macht in
beſagter Rummer erſt einen Gang nach Bethle⸗
hem zu der Krippe des Herrn; d. h. in Gedan⸗
ken, die er denn auch in Verſen ſeinen Leuten
mittheilt, worüber ich nun eben nicht viel ſagen
kann. Denn die neuen Lieder leſen ſich alle ſo
natürlich, leicht und geſchwind, ſie ſind ſo glatt,
daß ſie mir bei'm Leſen, mir nichts dir nichts,
durch die Gedanken ſchlüpfen, ehe ich was her⸗
ausfangen kann, und da weiß ich nie recht, was
darinnen geſtanden, wenn ich zu Ende bin. Da
lobe ich mir doch unſere alten Lieder, die unſer
gelehrter Präzeptor nicht leiden konnte, weil ſie ſo
„holpericht“ ſein. Aber abgeſehen davon, daß
ich noch nie einen das Bein darüber habe bre⸗
chen ſehen, der ſie mit Luſt geſungen hat, ſo bleibt
bei'm Leſen und Singen alles ſo natürlich im
Herzen hängen, als wie eine Klette am Kleide.
Das muß doch daran liegen, daß ſie ſo „holpe⸗
richt“ ſind.Dann nachdem er ſich von der Krip⸗
pe—was nicht zu verachten —Muth geholt zu
ſeinem Botengange, fängt er nun an, aus ſeiner
Botentaſche auszuſchütten, was er, wie er ſagt,
aus Berichten von Deutſchland zuſammengetra⸗
gen. Du ſiehſt, Martin, das Botengeſchäft iſt
kein leichtes Geſchäft. Erſt muß man's müh⸗
ſam zuſammentragen, und nachher muß man's
wirder austragen, was man an den Mann brin⸗
gen will, und dann wird's einem oft nicht ein⸗
mal mit einem „Vergelt's Gott“ gelohnt. Aber
bringt der Friedensbote forthin lauter ſolche Bot⸗
ſchaften, ſo ſoll's an einem „Vergelt's Gott“
nicht fehlen.
Alſo vom 13—16. September ſind in Berlin
2000 Evangeliſche, d. h. Unirte Männer aus
aller Herrn Ländern beiſammen geweſen. Da
muß nun auch ein gewaltiger Bußprediger ſich
unter ihnen eingefunden haben, der es ihnen
derb eingerieben hat, welchen Teufelsſtank ſie bis
dahin mit ihrer Union in der Welt angerichtet,
wie das ganze Ding unter lauter Heuchelei,
Lug und Trug aufgebaut, und durch lauter Lug
und Trug- freilich die Dragoner, Gensd'armen
und Polizeibüttel, wie du weißt, haben auch nicht
wenig mithelfen müſſen —habe bisher müſſen
zu ſammen gehalten werden, zur Unehre Gottes,
zum Verderben unzählig vieler Seelen, und zur
Schmach und Schande aller dabei Betheiligten,
vom Konig von Preußen, und andern gekrönten
Potentaten dis zu den Biſchöfen, Profeſſoren,
NHETA 33„„
—998.—
er dem Cvangeliſchen, d. h. Unirten Herzen der
Verſammlung ſchon einen ziemlichen Ruͤck bei⸗
gebrächt haben, dahat er gewiß erſt veilegene
Geſichter, dann ein Seufzen und Stöhnen, wohl
gar hängende Häupter und feuchte Augen wahr⸗
genommen, — du wiißt, die Evangeliſchen ſind
libe Leute, rührig und leicht gerührt, und das
böſe Gewiſſen, Martin, iſt auch nicht ohne bei
ſolcher Gelegenheit. Ich kann mir's Alles ganz
lebhaft vorſtellen, denn der Bote ſagt nichts da⸗
von, aber man kann's wohl herausbringen aus
dem, was er am Ende berichtet. — Und da denki
nun der Gottesmann: Nun gilt's noch einen
Ruck, und wir kommen nicht allein über die
Union, ſondern auch über den ganzen Riß hin⸗
über, der ſeit 300 Jahren zwiſchen Lutheranern
und Reformirten beſtanden, und ſetzen die ganze
Geſellſchaft, und dabei ganz Preußen, Baden,
Naſſau, Amerika ꝛc. mit einem Male hin, wohin
ſie von Rechtswegen gehören, nämlich mitten in
die Lutheriſche Kirche. Da nimmt er mit Gott
von Neuem einen ordentlichen Anlauf, ſtemmt
beide Schultern unter, und ſiehe da, das Ding
geht vortrefflich, über alles Erwarien. Die Leute
kommen in Fluß, erkennen den traurigen Riß,
der von der Schweiz aus in die einige lutheri⸗
ſche Kirche eingeriſſen, und wollen nun von dem
ganzen Bettel nichts mehr wiſſen, ſondern gera⸗
then in einen ſolchen lobenswerthen Enthuſias⸗
mus, daß ſie ohne weiteres, wie der Bote berich⸗
tet, „den einſtimmigen Fahnenſchwur zum älte⸗
ſten, gültigſten (2) und bewährteſten Bekenntniß
unſerer Väter und Vorfahren ablegen.“ Und
daß das Alles aus dem rechten Ernſt herausge⸗
floſſen, ſieht man daraus, daß nach des Boten
Bericht die Leute viel geredet haben von „dem
lange in den Staub getretenen Banner,“ daß ſie
„ernſte Buße gethan, ſich tief gebeugt“ „die (na⸗
türlich durch das Reformirtenthum und die fal⸗
ſche Union) eingeriſſenen Schäden erkannt,“
„ernſtlich Hand angelegt haben zur Hülfe, und
„ernſtlich an's Aufſuchen gegangen ſind von den
Mitteln und Wegen, die Schäden wieder gut zu
machen“ ꝛc. Und da kannſt du dir leicht denken,
daß der liebe Gott die armen gebeugten und
bußfertig niedergeſchlagenen Leute nicht lange
und vergeblich hat ſuchen laſſen, ſondern hat ih⸗
nen das ganz einfache und natürliche Mittel an
die Hand gegeben, allen Irrthümern, Lügen und
Heuchelweſen ordentlich und ehrlich, offen und
rund heraus abzuſagen, und durch Annahme
der Augsb. Confeſſion zur rechtgläubigen Heerde
Chriſti umzulenken.
Aber ich ſeh' dir's an, du machſt wieder dein
ellenlanges bedenkliches Geſicht, als wollteſt du
ſagen: „wenn das man nicht wieder die alten
Flauſen ſind von der geänderten A. C, womit ſie
immer ihren Betrug geſpielt haben.“ Run ver⸗
denken kann ich dir's nicht, wer immer mit Lug
und Trug umgegangen, dem traut man nicht
leicht, und ich ſelbſt möchte einem eingefleiſchten
Unionsmann nicht auf Credit ein Paar Hoſen
ausbeſſern. Aber diesmal ſind's keine Flauſen,
ſondern lauter ehrlich Spiel, und du mußt doch
trotz deinen bedenklichen Mienen noch heute deine
Paſtoren und Polizeibütteln herab. Damit mußg Frau unter Ihre beſte Haube, und das bewußte
Wolſchhinket än den Bratſpieß bringen, um das
Sgesfen gebührend zu begehen, wie mein Feſt⸗
prohramm es dir 0 n der Reihe nach an die
Hand geben wird. Denn 0 hierz ſo ſteht's
im Boten ordentlich, deutlich und faßlich mit
Gänſefüßen geſchrieben: ö
„Das gute Bekenntniß aber, welches der Ev.
Kirchentag abgelegt hat, iſt enthalten in dem
Beſchluß: „„Die Mitglieder des deutſchen Es.
„„Kirchentages (das ſind eben die 2000 Dele⸗
gaten der Unirten Kirche) „bekunden hiemit, daß
„„ſie ſich zu der, im Jahre 1530auf dem
„„Reichstage zu Augsburg von den
„„Ev. Fürſten und Ständen Kaiſer
„„Karl V. überreichten Confeſſion mit Herz
„„und Mund halten und bekennen, und die
„„Uebereinſtimmung mit ihr, als der älteſten,
„„ einfachſten gemeinſamen Urkunde öffentlich
„„anerkannter Ev. Lehre in Deutſchland hie—
7i durch öffentlich bezeugen.“
Na was ſagſt du dazu? Das iſt klar und
deutlich, das kannſt du herumdrehen und an—
ſchauen von hinten und von vorne, da kann
nichts anders herauskommen, als die Ungeän—
derte Augsb. Confeſſion. Das heiße ich reſolut
Buße thun, und friſch von der Leber wegſpre⸗
chen; da merkt man nichts von Brei, der noch
irgendwo im Halſe ſtecken geblieben, ſondern al—
les rund und klar, wie ein Chriſt reden ſoll, und
nicht „Mum Mum.“ Denn nun natürlich iſt's
aus mit dem Heidelbergiſchen Catechismus, und
den andern reformirten Bekenntniſſen, auch mit
dem „Evangeliſchen“ hier in Amerika. Denn
das begreift ein Kind, daß wenn Unirte zur
Ung. Augsb. Confeſſion mit reumüthigem Her⸗
zen zu rück kehren, und von neuem den Fahnen⸗
eid leiſten vor der ganzen Welt, daß ſie auch von
dem Unſinn zurückkehren, daß ſchwarz auch weiß.
und weiß auch ſchwarz ſein könne, oder Lüge
Wahrheit, und Wahrheit Lüge. Ja auch die
närriſchen Kerle — und das iſt nicht ein Gerin⸗
ges für mein menſchlich mitlel dig Herz — ſind
zur Raiſon' gekommen, die bis dato hinter das
eingeſeifte Schwein der ſogenannten, aber noch
nie gefundenen „höhern Wahrheit“ die wilde
Jagd angeſtellt, worin die Lüge und Wahrheit
aufgehen follie, wie bei der Bruchrechnung zwei
ungleiche Nenner in ihren Generalnenner, und
die ganze Geſellſchaft ſitzt nun im rechten Frie⸗
den mit den Preußiſchen Altlutheranern, Paſtor
Eichhorn in Baden und andern rechtgläubigen
Kindern der Kirche um das ſaftige und kräftige
Mahl, welches uns der liebe Herr in unſerer lie⸗
ben Lutheriſchen Kirche ſo reichlich und täglich
auf den Tiſch ſtellt, und wobei Er's gern ſieht,
wenn wir ganz ungenirt und ohne alle Zierere
zulangen, der Teufel aber mag ſich's Maul wi
ſchen, und wieder einmal als ein dummer Teu-
fel abziehen. Und nun ſollſt du dich auch an⸗
ſchicken mit deinem ganzen Hauſe, das Sieges⸗
Friedens⸗ und Dankfeſt zu feiern, wie anbei
folgt:
Feſtprogramm.
Nein nun ſollte doch gleich —Herr Martin, ich
—
koͤnnte dir noch in meinem Alter das Fluchen
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