# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 03 02_S100 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Doch ich will dir die Sache von Anfang und in Qrdnung erzählen, ſonſt wirſt du doch nicht klug daraus; ſo hoͤre: Die Unirten in Preußen, und in allen Ländern Deutſchlands und in Amerika, haben die Ungeänderte Augsburgiſche Confeſſion angenom⸗ men —Martin, Martin ſieh, das iſt nun einmal eine Freude, nun ſäume auch nicht länger, rufe deine Jungens zuſammen, laß ſie ihr Sonn⸗ tagshabit anziehen, deine Frau die beſte Haube aufſetzen, lang die alten Reiterpiſtolen von der Wand — voch das kommt nachher in's Feſipro⸗ gramm. Du ſiehſt, ich bin vor Freuden halb närriſch worden, aber ich muß wieder in die Reihe, und will dir's nun ordentlich auseinanderſetzen. Der „Friedensbote,“ der mir mit der 12. Num⸗ mer zufällig unter die Hände gerathen, macht in beſagter Rummer erſt einen Gang nach Bethle⸗ hem zu der Krippe des Herrn; d. h. in Gedan⸗ ken, die er denn auch in Verſen ſeinen Leuten mittheilt, worüber ich nun eben nicht viel ſagen kann. Denn die neuen Lieder leſen ſich alle ſo natürlich, leicht und geſchwind, ſie ſind ſo glatt, daß ſie mir bei'm Leſen, mir nichts dir nichts, durch die Gedanken ſchlüpfen, ehe ich was her⸗ ausfangen kann, und da weiß ich nie recht, was darinnen geſtanden, wenn ich zu Ende bin. Da lobe ich mir doch unſere alten Lieder, die unſer gelehrter Präzeptor nicht leiden konnte, weil ſie ſo „holpericht“ ſein. Aber abgeſehen davon, daß ich noch nie einen das Bein darüber habe bre⸗ chen ſehen, der ſie mit Luſt geſungen hat, ſo bleibt bei'm Leſen und Singen alles ſo natürlich im Herzen hängen, als wie eine Klette am Kleide. Das muß doch daran liegen, daß ſie ſo „holpe⸗ richt“ ſind.Dann nachdem er ſich von der Krip⸗ pe—was nicht zu verachten —Muth geholt zu ſeinem Botengange, fängt er nun an, aus ſeiner Botentaſche auszuſchütten, was er, wie er ſagt, aus Berichten von Deutſchland zuſammengetra⸗ gen. Du ſiehſt, Martin, das Botengeſchäft iſt kein leichtes Geſchäft. Erſt muß man's müh⸗ ſam zuſammentragen, und nachher muß man's wirder austragen, was man an den Mann brin⸗ gen will, und dann wird's einem oft nicht ein⸗ mal mit einem „Vergelt's Gott“ gelohnt. Aber bringt der Friedensbote forthin lauter ſolche Bot⸗ ſchaften, ſo ſoll's an einem „Vergelt's Gott“ nicht fehlen. Alſo vom 13—16. September ſind in Berlin 2000 Evangeliſche, d. h. Unirte Männer aus aller Herrn Ländern beiſammen geweſen. Da muß nun auch ein gewaltiger Bußprediger ſich unter ihnen eingefunden haben, der es ihnen derb eingerieben hat, welchen Teufelsſtank ſie bis dahin mit ihrer Union in der Welt angerichtet, wie das ganze Ding unter lauter Heuchelei, Lug und Trug aufgebaut, und durch lauter Lug und Trug- freilich die Dragoner, Gensd'armen und Polizeibüttel, wie du weißt, haben auch nicht wenig mithelfen müſſen —habe bisher müſſen zu ſammen gehalten werden, zur Unehre Gottes, zum Verderben unzählig vieler Seelen, und zur Schmach und Schande aller dabei Betheiligten, vom Konig von Preußen, und andern gekrönten Potentaten dis zu den Biſchöfen, Profeſſoren, NHETA 33„„ —998.— er dem Cvangeliſchen, d. h. Unirten Herzen der Verſammlung ſchon einen ziemlichen Ruͤck bei⸗ gebrächt haben, dahat er gewiß erſt veilegene Geſichter, dann ein Seufzen und Stöhnen, wohl gar hängende Häupter und feuchte Augen wahr⸗ genommen, — du wiißt, die Evangeliſchen ſind libe Leute, rührig und leicht gerührt, und das böſe Gewiſſen, Martin, iſt auch nicht ohne bei ſolcher Gelegenheit. Ich kann mir's Alles ganz lebhaft vorſtellen, denn der Bote ſagt nichts da⸗ von, aber man kann's wohl herausbringen aus dem, was er am Ende berichtet. — Und da denki nun der Gottesmann: Nun gilt's noch einen Ruck, und wir kommen nicht allein über die Union, ſondern auch über den ganzen Riß hin⸗ über, der ſeit 300 Jahren zwiſchen Lutheranern und Reformirten beſtanden, und ſetzen die ganze Geſellſchaft, und dabei ganz Preußen, Baden, Naſſau, Amerika ꝛc. mit einem Male hin, wohin ſie von Rechtswegen gehören, nämlich mitten in die Lutheriſche Kirche. Da nimmt er mit Gott von Neuem einen ordentlichen Anlauf, ſtemmt beide Schultern unter, und ſiehe da, das Ding geht vortrefflich, über alles Erwarien. Die Leute kommen in Fluß, erkennen den traurigen Riß, der von der Schweiz aus in die einige lutheri⸗ ſche Kirche eingeriſſen, und wollen nun von dem ganzen Bettel nichts mehr wiſſen, ſondern gera⸗ then in einen ſolchen lobenswerthen Enthuſias⸗ mus, daß ſie ohne weiteres, wie der Bote berich⸗ tet, „den einſtimmigen Fahnenſchwur zum älte⸗ ſten, gültigſten (2) und bewährteſten Bekenntniß unſerer Väter und Vorfahren ablegen.“ Und daß das Alles aus dem rechten Ernſt herausge⸗ floſſen, ſieht man daraus, daß nach des Boten Bericht die Leute viel geredet haben von „dem lange in den Staub getretenen Banner,“ daß ſie „ernſte Buße gethan, ſich tief gebeugt“ „die (na⸗ türlich durch das Reformirtenthum und die fal⸗ ſche Union) eingeriſſenen Schäden erkannt,“ „ernſtlich Hand angelegt haben zur Hülfe, und „ernſtlich an's Aufſuchen gegangen ſind von den Mitteln und Wegen, die Schäden wieder gut zu machen“ ꝛc. Und da kannſt du dir leicht denken, daß der liebe Gott die armen gebeugten und bußfertig niedergeſchlagenen Leute nicht lange und vergeblich hat ſuchen laſſen, ſondern hat ih⸗ nen das ganz einfache und natürliche Mittel an die Hand gegeben, allen Irrthümern, Lügen und Heuchelweſen ordentlich und ehrlich, offen und rund heraus abzuſagen, und durch Annahme der Augsb. Confeſſion zur rechtgläubigen Heerde Chriſti umzulenken. Aber ich ſeh' dir's an, du machſt wieder dein ellenlanges bedenkliches Geſicht, als wollteſt du ſagen: „wenn das man nicht wieder die alten Flauſen ſind von der geänderten A. C, womit ſie immer ihren Betrug geſpielt haben.“ Run ver⸗ denken kann ich dir's nicht, wer immer mit Lug und Trug umgegangen, dem traut man nicht leicht, und ich ſelbſt möchte einem eingefleiſchten Unionsmann nicht auf Credit ein Paar Hoſen ausbeſſern. Aber diesmal ſind's keine Flauſen, ſondern lauter ehrlich Spiel, und du mußt doch trotz deinen bedenklichen Mienen noch heute deine Paſtoren und Polizeibütteln herab. Damit mußg Frau unter Ihre beſte Haube, und das bewußte Wolſchhinket än den Bratſpieß bringen, um das Sgesfen gebührend zu begehen, wie mein Feſt⸗ prohramm es dir 0 n der Reihe nach an die Hand geben wird. Denn 0 hierz ſo ſteht's im Boten ordentlich, deutlich und faßlich mit Gänſefüßen geſchrieben: ö „Das gute Bekenntniß aber, welches der Ev. Kirchentag abgelegt hat, iſt enthalten in dem Beſchluß: „„Die Mitglieder des deutſchen Es. „„Kirchentages (das ſind eben die 2000 Dele⸗ gaten der Unirten Kirche) „bekunden hiemit, daß „„ſie ſich zu der, im Jahre 1530auf dem „„Reichstage zu Augsburg von den „„Ev. Fürſten und Ständen Kaiſer „„Karl V. überreichten Confeſſion mit Herz „„und Mund halten und bekennen, und die „„Uebereinſtimmung mit ihr, als der älteſten, „„ einfachſten gemeinſamen Urkunde öffentlich „„anerkannter Ev. Lehre in Deutſchland hie— 7i durch öffentlich bezeugen.“ Na was ſagſt du dazu? Das iſt klar und deutlich, das kannſt du herumdrehen und an— ſchauen von hinten und von vorne, da kann nichts anders herauskommen, als die Ungeän— derte Augsb. Confeſſion. Das heiße ich reſolut Buße thun, und friſch von der Leber wegſpre⸗ chen; da merkt man nichts von Brei, der noch irgendwo im Halſe ſtecken geblieben, ſondern al— les rund und klar, wie ein Chriſt reden ſoll, und nicht „Mum Mum.“ Denn nun natürlich iſt's aus mit dem Heidelbergiſchen Catechismus, und den andern reformirten Bekenntniſſen, auch mit dem „Evangeliſchen“ hier in Amerika. Denn das begreift ein Kind, daß wenn Unirte zur Ung. Augsb. Confeſſion mit reumüthigem Her⸗ zen zu rück kehren, und von neuem den Fahnen⸗ eid leiſten vor der ganzen Welt, daß ſie auch von dem Unſinn zurückkehren, daß ſchwarz auch weiß. und weiß auch ſchwarz ſein könne, oder Lüge Wahrheit, und Wahrheit Lüge. Ja auch die närriſchen Kerle — und das iſt nicht ein Gerin⸗ ges für mein menſchlich mitlel dig Herz — ſind zur Raiſon' gekommen, die bis dato hinter das eingeſeifte Schwein der ſogenannten, aber noch nie gefundenen „höhern Wahrheit“ die wilde Jagd angeſtellt, worin die Lüge und Wahrheit aufgehen follie, wie bei der Bruchrechnung zwei ungleiche Nenner in ihren Generalnenner, und die ganze Geſellſchaft ſitzt nun im rechten Frie⸗ den mit den Preußiſchen Altlutheranern, Paſtor Eichhorn in Baden und andern rechtgläubigen Kindern der Kirche um das ſaftige und kräftige Mahl, welches uns der liebe Herr in unſerer lie⸗ ben Lutheriſchen Kirche ſo reichlich und täglich auf den Tiſch ſtellt, und wobei Er's gern ſieht, wenn wir ganz ungenirt und ohne alle Zierere zulangen, der Teufel aber mag ſich's Maul wi ſchen, und wieder einmal als ein dummer Teu- fel abziehen. Und nun ſollſt du dich auch an⸗ ſchicken mit deinem ganzen Hauſe, das Sieges⸗ Friedens⸗ und Dankfeſt zu feiern, wie anbei folgt: Feſtprogramm. Nein nun ſollte doch gleich —Herr Martin, ich — koͤnnte dir noch in meinem Alter das Fluchen