Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 3 › Seite 20
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-09-23, Seite 20
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Tanz 9
und wurde als reine Wahrheit angenommen.
Schon früher hätten, ſagt das Urtheil, die der
Augsburgiſchen unkatholiſchen Konfeſſion zuge—
thanen Bürger der Stadt Thorn, die vormals
ganz katholiſch geweſen, die Wohlthat der Dul⸗
dung mißbraucht, und mehrere Aufruhre erregt,
beſonders neulich zum Schimpf des römiſchen
Glaubens, zur Störung der allgemeinen Ruhe
und des Friedens, zur Unterdrückung der Ge—
ſetze und Reichsconſtitutionen. Einer, Namens
Heyder, hätte auf dem Kirchhofe St. Jakob
bei dem Feſte des allerheiligſten Skapuliers der
Mutter Gottes einem katholiſchen Studenten,
der ihm aus gottesfürchtigen Eifer den Hut vom
Kopfe geworfen, Ohrfeigen gegeben, auch ihn
mit Hülfe des Karwis und anderer ſeiner
Mitbürger gewaltthätiger Weiſe vom Kirchhofe
gezogen und der Stadtwache übergeben. We⸗
der Heyder, noch der Vicepräſident Rösner
hätten dieſen Studenten auf Bitten katholiſcher
Schüler freigelaſſen, im Gegentheil, des andern
Tages noch einen andern Jeſuitenſchüler feſtge⸗
nommen. Man hätte dadurch die katholiſchen
Studenten, die wiederholt um Freilaſſung ihrer
Mitſchüler gebeten, ſo gereizt, daß ſie einen unka⸗
tholiſchen Gymnaſiaſten in ihre Schule wegge⸗
führt. Die Unkatholiſchen hätten dies für Be⸗
leidigung gehalten und einen Auflauf erregt.
Der Präſident, der doch über Thorn zu gebieten
gehabt, hätte dieſem Tumult weder im Anfang
Einhalt gethan, noch bei Zunahme des Aufruhrs
mit den übrigen Rathsherrn zur Stillung Rath
gepflogen. Obwohl der unkatholiſche Gymna⸗
fiaſt losgelaſſen worden, ſo wäre das Volk doch
auf die Schule und dann auf das Kollegium
losgegangen, hätte die Thüren, Oefen, Fenſter,
Bänke zerbrochen, zwei Altäre der heil. Jung⸗
frau in Stücke zerhauen, die Bilder des gekreu⸗
zigten Heilandes, der Mutter Gottes und vieler
Heiligen zerriſſen, mit Säbeln durchſtochen und
zerhauen, auch einige Bilder nebſt der Statue
der Mutter Gottes, dieſes Königreichs Schutz⸗
heiligen, auf die Straße herausgetragen und in
ein vor des Vicepräſidenten Zernecke Haus
angezündetes Feuer geworfen und verbrannt;
hätte viele Gottesläſterungen ausgeſtoßen und den
Pater Rektor der Jeſuiten und zwei ſeiner Mit⸗
brüder verwundet. Der Präſident hätte die Bö⸗
ſewichter nach dem Tumult nicht geſtraft und ſo
große Verbrechen nicht in Unterſuchung genom⸗
men. Der Vizepräſident hätie ruhig dem Tu⸗
multe zugeſehen, ohne ſich zu befleißigen, den
Aufruhr zu ſtillen, ja ſogar befohlen, auf die
Studenten Feuer zu geben; das Feuer und die
Verbrennung der Bilder vor ſeinem Hauſe zu⸗
gegeben und das Feuer erſt nach dem Tumulte
auslöſchen laſſen.
Das war der vermeintliche Thatbeſtand, und
das Urtheil wirklich barbariſch. Da Rösner
am Aufruhr Schuld ſei und Zernecke ihn
nicht verhindert, ſo ſollten ihnen die Köpfe abge⸗
ſchlagen, und des erſteren Güter eingezogen wer⸗
den, wenn die Kläger Jakob Petrowitz und
Michael Schubert oder einer von ihnen
und ſechs Zeugen ihre Ausſage vor den Kom⸗
miſſarien eidlich erhärten würden. Der Betrag
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des Schadens ſolle von den lutheriſchen Bewoh⸗
nern Thorns vergütet und bis zur vollſtändigen
Berichtigung ſtädtiſches Eigenthum als Pfand
behalten werden. Die vornehmſten Urheber des
Auflaufs, als Heyder, Mohaupt, Her⸗
tel, der Maurergeſelle Hans Chriſtoph,
ein Zimmergeſelle, deſſen Name unbekannt, der
Knopfmachergeſelle Becker, ein Gelbgießer,
die Schuſter Mertz und Wunſch ſollten ent⸗
hauptet werden; Andern aber, die Gottesläſte⸗
rungen ausgeſtoßen und Bilder verbrannt, dem
Fleiſcher Karwis, dem Nadler Schultz, dem
Pfefferküchler Hafft, dem Zimmerer Gut—
brodt, ſollte vor der Hinrichtung, auf dem öf⸗
fentlichen Markte der Stadt Thorn, auf einem
dazu erbauten Gerüſte, die rechte Hand abgehau⸗
en werden, wenn ihnen von den Klägern eidlich
bewieſen ſei, daß ſie dieſer Schandthaten ſchuldig
wären. Der Leichnam des Karwis ſollte
überdieß geviertheilt und mit den Leibern der 3
andern Gottesläſterer auf einem Scheiterhaufen
außerhalb der Stadt verbrannt werden.
Der Burggraf Thomas und der Rathsherr
Zimmermann, weil ſie nichts gethan, um
den Tumult zu ſtillen, ſollten ihrer Aemter ent—
ſetzt, der erſtere drei Monate, und der leßtere 6
Monate im Stadtthurm gefangen ſitzen. Der
Rathsherr Meißner ſolle nur freigeſprochen wer⸗
den, wenn er eidlich darthue, daß er von dem
Auflaufe anfangs nichts gewußt, und daß ihm
keine Mtitel zu Gebote geſtanden hätten, denſelben
zu ſtillen; ebenſo der Sekretär Wedemeyer,
wenn er eidlich erhärte, daß er keinen Stein ge—
gen das Kollegium geworfen, noch das Volt zum
Steinwerfen gereizt und zu dieſem Tumult weder
durch Rath noch That Anlaß gegeben habe. Der
Offizier der Stadtmiliz, Graurock, und der
Apotheker Silber als Quartiermeiſter hätten
zwar den Tod verdient, weil ſie genug Mann⸗
ſchaft gehabt, den Aufruhr zu ſtillen, ja weil
ſie auf die katholiſchen Studenten, ſtatt auf
die Tumultuanten Feuer geben laſſen, und das
Kollegium nicht vor der Wuth des Volks ge—
ſchützt hätten; da ſie aber auf Befehl des Präſi⸗
denten, dem ſie freilich in dieſem Falle nicht hät⸗
ten gehorchen ſollen, gehandelt, ſo werde die
Strafe gemildert, ſie müßten unten im Thurm
1 Jahr und 6 Wochen ſitzen, und nach Verbü—
hung der Strafe Silber 100 und Grau⸗
rock 50 Dukaten den Klägern bezahlen.
Die übrigen Verbrecher, gegen vierzig, theils
Gymnaſiaſten, theils Bürger, Handwerksgeſellen,
Handlungsdiener, ſind zu Gefängniß und Geld—
ſtrafen von 25 bis 50 Dukaten zum Vortheil
der Nonnen und Jeſuiten verurtheilt. Die
Kaufleute, deren Lehrjungen bei dem Aufruhr
zugegen geweſen, mußten für die richtige Zah⸗
lung haften. Von dieſen Geldern ſollte eine
Marmorſäule der heil. Jungfrau Maria zu Eh—
ren an dem Platze, wo die Bilder verbrannt
worden, errichtet werden. Dieſe Schandſäule,
auf der ein Jeſuit, mit dem Staupbeſen dro⸗
hend, abgebildet war, ſtand auf dem Marktplatze
zu Thorn bis zum Jahre 1821. Noch andere
Handlungsdiener und Lehrburſchen ſollten mit
Peitſchenhieben gezüchtigt werden. Um den un⸗
katholiſcheu Pöbel beſſer im Zaume zu halten
ſollten fortan der Magiſtrat, das Schöppenge⸗
richt und die Sechzig-Männer zur Hälfte mit
Katholiken beſetzt werden. Dieſe ſollten auf die.
gewöhnliche Weiſe, jedoch zum erſten Male in
Gegenwart der königlichen Kommiſſäre, gewählt
werden und in die Stelle der jetzt hingerichteten
und abgeſetzten Rathsglieder einrücken; die Ka—
tholiken ohne alles Hinderniß zu dem Bürger⸗—
recht und zu den Handwerks-Innungen zugelaſ⸗
ſen werden, die Hälfte der Stadtſoldaten aus
Katholiken beſtehen, alles dieſes bei Strafe von
500 Dukaten; die St. Marienkirche in Anweſen⸗
heit der Kommiſſäre in Beſitz der Franziskaner
treten. Wenn Jemand die Prozeſſionen und
Leichenzüge der Katholiken ſtöre, ſo müſſe die
Stadt Thorn jedesmal eine Geldbuße von
fünf Hundert Dukaten, und jenach Umſtän⸗
den eine größere Summe erlegen. Alle ge⸗
gen die katholiſche Kirche Läſterungen enthal⸗
tende Druckſchriften, ingleichen die Hochzeits—
rede des Predigers Geret, ſollten durch den
Scharfrichter öffentlich verbrannt, die Prediger
Geret und Olof, die ſich auf Befehl der Kom—
miſſion nicht geſtellt, in die Acht des Königreichs
erklärt, und die übrigen lutheriſchen Religi⸗—
onslehrer verwarnt werden, ſich aller ſchrift⸗
lichen und mündlichen Aeußerungen gegen den
katholiſchen Glauben bei ſchwerer Strafe zu ent⸗
halten. Auch dürfe in Thorn nichts ohne Ge—
nehmigung des Biſchofs und des beſtellten Cen⸗
ſors gedruckt werden. Um Händeln zwiſchen
den katholiſchen und proteſtantiſchen Schülern
vorzubeugen, ſolle das lutheriſche Gymnaſium
auf ein Dorf verlegt werden. Die Kläger wer⸗
den erinnert, ihre Schüler zur Beſcheidenheit
und Zucht anzuhalten, daß ſie den lutheriſchen
keine Gewalt anthun. Der Bürger, welcher
den Sohn des zur katholiſchen Kirche übergetre⸗
tenen Heyder aus der Stadt in die Fremde
geſchickt, ſolle ihn bei Vermeidung von 1000
Thalern Geldbuße vor die Kommiſſäre ſtellen.
Das Urtheil ſchließt: „Den Kommiſſarien wird
zur Exekution des Dekrets feſtgeſetzt und ihnen
aufgetragen, ſelbiges ohne allen Anſtand und
Ausnahme, ſie mögen Namen haben, wie ſie
wollen, unter militäriſchem Beiſtand zu vollzie⸗
hen; hingegen dem Magiſtrat und den Ordnun⸗
gen der Stadt Thorn, ſich dagegen zu ſetzen,
auf's Schärfſte und gar bei Strafe des Hochver⸗
raths verboten.“
Als dieſes blutige Urtheil verleſen war, dank—
te der Kronkanzler den Beiſitzern für ihre gelei⸗
ſtete Hülfe, und ein Jeſuit trat noch mit einer
Rede auf, die den Kanzler, die ganze Verſamm⸗
lung und das Urtheil ſelber mit Lobſprüchen
überhäufte, von dem er ſagte, daß es „nicht
menſchlich, ſondern göttlich gefällt“ wäre.
Der zelende König Augu ſt von Polen, ein
Nachkomme der Heldenfürſten der Reformation,
beſtätigte das Urtheil, ſowie die ausgewählten
Kommiſſär und gab dem Kronfeldherrn die er— ö
forderlichen Truppen mit. Aber kaum war das
Urtheil wider die Stadt Thorn am 16. Novem⸗
ber in Warſchau bekannt geworden, ſo erfolgte
auch unter Fremden und Auswärtigen eine wah⸗
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