Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 3 › Seite 21
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-09-23, Seite 21
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Tanz 9
re Beſtürzung. Man fand, ſelbſt wenn die Ver⸗
brechen erwieſen wären, was nicht der Fall, die
Strafen zu hart. Die Geſandten von Rußland
und Preußen, auch des deutſchen Kaiſers legten
ſich ins Mittel, und die Stadt Danzig, welche
darin nichts als Religionshaß ſah, reichte ein
Fürbittſchreiben bei dem Könige ein. Sie flehte
ihn an, nach dem Exempel Gottes die Gerechtig—
keit auszuüben, aber auch die Barmherzigkeit
nicht zu vergeſſen, und erbittet ihm von Gott da⸗
für „das volle Maaß des Segens.“ Es half
nichts.
Schleunige Vollziehung des Bluturtheils
war jetzt der Blutmenſchen einziger Gedanke.
Sie erließen ſchon am 17. November von War—
ſchau aus ein Schreiben, in welchem ſie die drei
Ordnungen ſowie die Gemeinde Thorn auffor⸗
derten, ſich am 5. Dezember bei Vollſtreckung des
Unheils perſönlich einzufinden, oder, wenn ſie
ausblieben, zu gewärtigen, daß dennoch in allen
Stücken nach dem königlichen Befehl werde ver⸗
fahren werden. Das erregte große Beſtürzung
und Jammer, wie ſich denken läßt. Die Stadt
Thorn ſah ſich ganz den Würgern Preis gege⸗
ben. Weil dieſe befürchteten, der König und die
Großen des Reichs könnten noch auf mildere Ge⸗
danken kommen, oder fremde Mächte der Stadt
zu Hülfe eilen, ſo beſchleunigten ſie ihr Mordge⸗
ſchäft. Die Geſandten hatten ſich ſogleich ver⸗
wendet, und der König von Preußen, Friedrich
Wilhelm I., hatte ſchon unterm 28. Novem⸗
ber ein Schreiben an König Auguſt erlaſſen.
Wir müſſen Einiges daraus mittheilen. „Wir
können nicht umhin, Ew. Majeſtät zu er⸗
kennen zu geben, mit welch tiefem Schmerz
wir das Urtheil vernommen haben, welches
gegen die Bürger von Thorn wegen eines
daſelbſt entſtandenen Tumults gefällt wor⸗
den iſt. Und es konnte uns freilich jenes
Urtheil nur auf das empfindlichſte berühren,
durch welches unter dem Schein von Gottes⸗
furcht gegen unſere Glaubensgenoſſen verfah⸗
ren wird mit Feuer und Schwerd, ihre Schulen
zerſtört, endlich die Rechte der Stadt zum größ⸗
ten Nachtheile der evangeliſchen Bürger unter—
drückt werden. Hätten ſich die Bürger von
Thorn gegen Ew. Majeſtät und die Republik
(Polen) durch Empörung vergangen, oder wür⸗
den ſie wegen eines andern großen Verbrechens
vor Gericht gezogen, ſo könnte wahrlich kein här—
teres, kein grauſameres Urtheil gegen ſie gefällt
werden. Nun handelt es ſich aber um die Be—
ſtrafung wegen eines Tumultes, den der gemeine
Pöbel wider eine Hand voll miſerabler Jeſuiten
erregt, und den dieſe ſelbſt gewiſſermaßen ver⸗
mehrt und hinausgezogen haben. Daß die
Grauſamkeit der Strafe mit dem begangenen
Verbrechen durchaus nicht im Einklange ſtehe,
und nur wegen der Tollheit einiger Wenigen ſo
oiel Unſchuldige gemordet und die Stadt ſelber
zu Grunde gerichtet werden ſolle, das wird Ew.
Majeſtät leicht ermeſſen. Ja es werden alle
billig Denkenden einſehen, was auch aus ſehr
vielen Anzeichen klar iſt, daß jenes ſchreckliche
Urtheil wider die evangeliſchen Bürger nicht aus
Gerechtigkeitsliebe, ſondern vielmehr aus er
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Liſt und dem unverſöhnlichen Haſſe der Jeſui⸗
ten gegen unſere Religion hergefloſſen ſei, und
daß ſich ihnen nicht leicht eine paſſendere Gele⸗
genheit dargeboten habe, die evangeliſchen Bür—
ger von Thorn nicht bloß um ihre Privilegien zu
bringen, ſondern auch, wenn es möglich wäre
auszurotten.“ Er drang auf eine neue unpar—
theiiſche Unterſuchung. Die Pflicht, ſich ſeiner
Glaubensgenoſſen anzunehmen, und ſeine über—
nommene Verbindlichkeit, den Frieden von Oliva
aufrecht zu erhalten, verbinde ihn dazu. So
ſprach dieſer wackere Fürſt, aber die Mörder fuh⸗
ren fort, und König Au guſt ließ es geſchehen.
Der Fürſt Lubomirsky, welcher mit wah—
rer Luſt die Vollziehung des Bluturtheils be—
ſchleunigte, langte ſchon nach 26 Stunden mit
ſeinem Generaladjutanten zu Thorn an. Die
bedrohten Männer hätten ſich durch die Flucht
reiten können, aber im Vertrauen auf ihre Un⸗
ſchuld, und weil ſie gewiß glaubten, daß man
ihnen eine gerechte Vertheidigung nicht abſpre—
chen könne, der den Jeſuiten zugeſchobene Eid,
das Alles bewog ſie, zu bleiben. Als der Prä⸗
ſident Kenntniß don dem Bluturtheile von War—
ſchau erhalten hatte, kündigte er es ſelber den
verſammelten Ordnungen mit den Worten an:
„Ich muß als Präſident, aber zugleich als Un⸗
glücksbote euch das blutige Urtheil bekannt ma—
chen, welches bei dem königlichen Aſſeſſorialge⸗
richt zu Warſchau über uns gefällt worden iſt.
Ich ſelbſt ſoll es mit meinem Blute bezahlen.
Möge Gott durch meinen Tod die Kirche und
die Stadt befreien.“
konnte faſt nicht an die Möglichkeit der Vollzie⸗
hung des Urtheils glauben. Hatte er doch wäh—
rend der letzten Belagerung der Stadt Thorn
Treue gegen den Polenkönig bewieſen und nach
ihrer Einnahme durch König Karl XII. von
Schwedenwegen ſeiner Treue eine Geldbuße
von 16000 Gulden erlegen müſſen. Er hatte
darum auch den Dank des Königs Auguſt ver—
dient. Da die Ordnungen der Stadt bei eigner
Haftbarktit ihn ſtellen mußten, ſo wollte er der
Stadt noch größeres Unglück erſparen. Er
blieb alſo, und wohnte noch, ſowie der Vizeprä⸗
ſident Zernecke, am Sonntage, den 19. No⸗
vember, dem Gottesdienſt in der Marienkirche
bei. Die Stadt war bereits durch Lubomirski
mit 150 Dragonern und einiger polniſchen Rei⸗
terei beſetzt, und in den nächſten Dörfern lagen
3000 Mann Fußvolk. Eben kehrte Rösner aus
der Vesper heim, da faßten ihn acht Kronſolda⸗
ten ab und brachten ihn in ſtrengen Gewahrſam.
So erging es auch dem Vizepräſidenten. Am
25. November wurden auch die übrigen Verur⸗
theilten in das Gefängniß geworfen. Welche
Beſtürzung ſolches Verfahren in Thorn erregte,
läßt ſich nicht beſchreiben. Die Katholiken tri⸗
umphirten, während die lutheriſchen Prediger in
den Hrchen Gott um Schutz für die bedrängte
Stadt und die Gefangenen anriefen, und die
Bürger zur Buße, zum Gebet, zur Geduld und
zum Gottvertrauen ermahnten.
Die ſämmtlichen Kommiſſäre fanden ſich nach
einander in den erſten Tagen des Dezember in
Thorn ein, und wählten ſich die ſchönſten und
Dieſer chriſtliche Greis
beſten Bürgerhäuſer zu Wohnungen. Die arme
hartgeſchlagene Stadt ſtand ganz unter der
Macht ihrer Dränger. Der Rath hatte alsbald
eine Bitte um Aufſchub der Execution an den
König gebracht, aber die Jeſuiten trieben auf
Beſchleunigung derſelben, und daß der Termin
der Ausführung am 15. Dezember nicht erſtreckt,
ſondern vielmehr abgekürzt werden möchte. Bei⸗
de Theile fertigten ihre Schreiben nach War⸗
ſchau, und Fürſt Lubomirski begleitete ſie mit ei⸗
ner ſolchen Vorſtellung, daß der königliche Befehl,
der zurückkam, ſogar den Termin um 8 Tage
verkürzte. Die beiden Bürgermeiſter hatten ſich
im Bewußtſein ihrer Unſchuld um Milderung
der Strafe an die Kommiſſion gewendet, und
noch dazu jeder von ihnen in einem beſondern
Schreiben an den Fürſten. Es waren herzbe⸗
wegliche Schreiben, aber ſie trafen ein ſteinhar⸗
tes Herz. Darum waren ſie auch fruchtlos.
Karwis wendete ſich an den Woiwoden Ry⸗
binski, er brachte eine Reihe von Zeugen für
ſeine Unſchuld, erinnerte an ſeine arme 70 jähri⸗
ge Mutter, an ſein hochſchwangeres Weib,„die
faſt vor großem Herzleid vergeht“, an ſeine 4
noch unerzogenen Kinder. Die Ehefrau des
Schuhmachers Mertz, welche durch viele Zeu⸗
gen nachwies, daß ihr Mann nicht im geringſten
mitgeholfen zu dem Aufruhr, flehte denſelben
Woiwoden in einem Bittſchreiben an, „um Jeſu
Chriſti unſchuldigen Blutes willen“ das Blut
ihres Mannes nicht vergießen zu laſſen, und die
Zeugen anhören zu wollen. Sieben der verur⸗
theilten Thorniſchen Bürger wendeten ſich an
ihren König. Es iſt ein merkwürdiges Akten⸗
ſtück; ſie ſagen darin: „Gott läßt ſeiner ſtrengen
Gerechtigkeit Schwert von der Barmherzigkeit in
der Scheide halten und der armen Weiber und
Kinder Thränen, Seufzen und Winſeln ſind al⸗
lezeit kräftig geweſen, die Schärfe der Gerechtig⸗
keit in Etwas zu mildern. Ja die Erfahrung
bezeugt es, daß die Barmherzigkeit Gott und deſ⸗
ſen Statthalter um deßwillen zur Seite geſtellt
wird, weil ſie beider Herzen dadurch am nächſten
erfaſſen und ergreifen kann.“ Sie bitten um
deswillen, nach deutſchen Rechten und preußi⸗
ſchen Gewohnheiten verhört zu werden, und wei⸗
ſen auf die parteiiſche Vorunterſuchung hin.
Auch bringen ſie die Opfer in Erwähnung, wel⸗
che ſich die Stadt Thorn für ihren König habe
gefallen laſſen; und legen dem König an's Herz:
„unſere in Thränen und Blut wallenden Herzen
und Augen, nebſt dem Winſeln und Seufzen un⸗
ſerer armen Weiber und Kinder, welche nach un⸗
ſerm Tode den Bettelſtab ergreifen müſſen.“ Er
achtete nicht darauf; die Mörder waren ſo ver⸗
ſtockt, daß ſie das Blut der Unſchuldigen durch⸗
aus mitnehmen wollten auf den Tag der Ewig⸗
keit. ö
(Schluß folgt.)
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Anzeige.
Die Süd⸗Indiana Diſtrikts⸗Conferenz ver⸗
ſammelt ſich —ſo Gott willam 12. und 5
October d. J. beim Herrn Paſtor Fricke in In⸗
dianapolis. ö
Th. Wichmann, Secretär.
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