Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 29 › Seite 127

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-05-10, Seite 127

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vorſtande in Schwelm unangenehm geweſen ſein,
und dem, der die Predigt gehört oder geleſen

hat, kann das auch gerade ſo unglaublich nicht.

ſcheinen. Beſagter Kirchenvorſtand ſoll in je—
ner lichtvollen Aufklärung eine Anregung zum
Haſſe, zur Beleidigung und Verſpottung der
römiſch⸗katholiſchen Kirche entdeckt und bei der
hieſigen Königlichen Staatsanwaltſchaft die Un—
terſuchung gegen den Paſtor Heinrich und,
warum es wohl am meiſten zu thun geweſen
ſeyn wird, die Beſchlagnahme und Vernichtung
der gedruckten Eremplare beantragt haben. Das
Krrisgericht hatte in Folge deſſen die Anklage
beſchloſſen und den Verfaſſer ſammt dem Dru⸗
zker det Predigt auf Grund des Artikels 135
des Strafgeſetzbuches vor ſeine Schranken ge—
laden. Dieſer Artikel lautet: „Wer öffentlich
in Werien, Schriften oder andern Darſtellun⸗
gen Gott läſtert, oder eine dertchriſtlichen Kir—
chen oder eine andere mit Corporationsrechten
im Saate beſtehende Religionsgeſellſchaft oder
die Gegenſtände ihrer Verehrung, ihre Lehren,
Cinrichtungen oder Gebräuche verſpottet, oder in
einer Weiſe darſtellt, welche dieſelben dem Haſſe
oder der Verachtung ausſetzt, wird mit Gefäng—
niß bis zu drei Jahren geſtraft.“

Herr Paſtor Oeinrich erſchien perſönlich
vor Gericht, ohne einen andern Rechtsbeiſtand,
aufer ſeinem theuern Gottesworte. Die An⸗
klageſchriſt enthielt 14 incriminirte Stellen jener
Refermationspredigt, die alle jenem Paragra⸗
phen des Strafgeſetzbuches zuwider ſeyn ſollten,
alſo 14fache Beleidigung und Verſpottung au.
Auregung des Haſſes gegen die römiſch-katho—
liſche Kirche. Mit großer Ruhe trat der An⸗
geklagte vor ſeine Richter und entwickelte in
einer zweiſtündigen, durch und durch klaren, lo⸗
giſch ſcharfen und ſchlagenden Vertheidigung
ſeine vollſtändige Berechtigung als evangeliſcher
Prediger zu einer ſolchen Reformationspredigt

in ihrem Ganzen ſowohl, als in ihren ein—

zelnen Ausdrücken. Er wies darauf hin, wie
fern ihm die Abſicht gelegen habe und wie die
Predigt nicht geſchaffen ſey, Haß ꝛc. gegen die
römiſch-katholiſche Kirche, ſondern vielmehr
Mitleiden zu erregen, wie dieſelbe ja, nach den
ausdrücklichen Worten der Einleitung, Dank—
barkeit für den Segen der Reformation und
Liebe zu dem evangeliſchen Bekenntniſſe wirken
ſolle. Er machte auf den gewaltigen Unter—
ſchied zwiſchen der Bibelſprache und darum der
evangeliſchen Predigtſprache und zwiſchen der
Sprache des gewöhnlichen Lebens aufmerkſam.
Er wies Punkt für Punkt nach, wie ſeine Pre⸗
digt nicht von einem ſubjektiven, ſondern von
einem objektiven Standpunkte aus beurtheilt
werden müſſe, wie keine einzige von den An⸗
ſichten und Lehren, die er vorgetragen, ihm
eigenthümlich ſey, ſondern die Auffaſſungsweiſe
der heiligen Schrift und der heiligen Kirche,
die ihn zum Prediger berufen habe. Er wies
nach, daß nicht allein dieſe Lehren, ſondern auch
die ſcharfen, richtenden Ausdrücke ſich auf Got—
tes Wort, ſo wie auf die ſymboliſchen Bücher
gründeten, daß dieſer Rechtsboten der evangel.
Kirche keinem Prediger derſelben genommen

— 126—

oder verkümmert werden dürfe und daß er von
ſeiner vorgeſetzten Behörde gerade auf dieſen
Rechtsboden verpflichtet worden ſey. Zum
Schluſſe bemerkte er, daß ihm durchaus nicht
entgegengeſtellt werden könne, der Standpunkt
ſey jetzt ein anderer, als vor 300 Jahren, wo
die ſymboliſchen Bücher verfaßt wurden; der
Standpaunkt ſey vielmehr noch immer derſelbe,
von römiſch-katholiſcher Seite ein unaufhör—
liches Anfeinden, ein mit allen möglichen Mit—
teln geführter Bernichtungskampf, der ja gerade
in der jetzigen Zeit mit neuer Heftigkeit aufge—
nommen ſey und in dem der Jeſuitismus ſein
ſchweres Geſchütz gegen die evangtliſche Kirche
aufgefahren habe, — darum von evangeliſcher
Seite ein fortwährendes Proteſtieren gegen Alles,
was nicht in dem lebeudigen Worte Gottes ge—
gründet iſt. — Mit geſpannter Aufmerkſamkeit
und athemloſer Stille folgten die Anweſenden
dem ganzen Vortrage und ſichtbar mächtig war
der Eindruck auf ihr Herz. Die Königliche
Staatsanwaltſchaft gab zwar in der Beant⸗
wortung zu, daß darin dem Angeklagten nicht
die Abſicht, Haß ꝛc zu erregen, nachgewieſen
werden könne, fand dies auch durch die Her—
ausgabe der Predigt beſtätigt, und deßhalb in
dieſer Veröffentlichung einen Milderungsgrund;
allein ſie machte doch geltend, daß ein ſolches
Vergehen gegen den 9. 135 in der Wirklichkeit!
doch in der Predigt zu finden ſey und trug auf
Beſtrafung des Angeklagten an.

Nachdem der Gerichtshof die Publikation des

Urtheils einige Stunden ausgeſetzt hatte, wurde

um 5 Uhr Abends daſſelbe dahin publicirt,
daß der Pfarrer Heinrich, ſchuldig ſich gegen
§. 135. des Strafgeſetzes vergangen zu haben,
zu einer 14 tägigen und der Drucker zu einer
8 tägigen Gefängnißſtrafe verurtheilt und die
Vernichtung der gedruckten Ereuplare ſeiner
Predigt für Recht erkannt ſei. In ſeinen Grün⸗

den ſprach ſich das Erkenntniß hauptſächlich da⸗

hin aus, daß die in der Predigt gebrauchten
Ausdrücke allerdings geeignet wären, „Haß ꝛc.“
hervorzurufen, daß der objektive Standpunkt
der Kirche und Kirchenlehre bei der Beurthei—
lung über das einfache Geſetz nicht feſtgehalten
werden könnte, ſondern daß dem Geſetz gegen—
über der Angeklagte als Perſon ſich vergangen
habe, daß auch ſein Zurückweiſen auf die ſym—
boliſchen Bücher ihn nicht rechtfertigen könne,
indem zu der Zeit ihrer Entſtehung die jetzt vor
dem Geſetze beſtehende Parität beider Kirchen
noch nicht feſtgeſetzt geweſen ſei. Das iſt der
einfache Verlauf dieſes merkwürdigen Proceſſes
geweſen. durch den ſich die traurige Wahrheit
herausgeſtellt hat, daß ein evangeliſcher Predi⸗
ger, wenn er ſich ſtrenge auf dem Glaubensbo—
ven ſeiner Kirche hält, wenn er aus dem In—
halte ſeiner ſymboliſchen Bücher heraus, die ihm
heilig ſind und worauf er feierlich verpflichtet
iſt, lehrt und zeugt, durch dieſes Lehren und
Zeugen ein Vergehen gegen das Strafgeſetz.
buch vom 14. April 1851 ſich zu Schulden
kommen laſſen kann und dem bürgerlichen Ge⸗
ſetze verfällt.

Nach dem Urtheile des Gerichtshofes iſt kein

Geiſtlicher mehr im Stande, ſeinem Ordinan⸗
onsgelübde nachzukommen, ohne dem Gefänz⸗
niß ausgeſetzt zu ſein. Und wie es in Preußen3

geht, wird es auch in andern Staaten Deutſch—

lands gehen, wenn man nicht energiſch auftritt.

Ich fühle mich auch deßhalb zur Mittheilung
um ſo mehr verpflichtet, da die Verbreitung von
größeren und kleineren Schriften zur Vertheidi⸗
gung der reformatoriſchen Wahrheiten gegen⸗4
über der römiſchen Kirche nach ſolchen Vorgaͤn⸗
gen zur Unmöglichkrit in Preußen wird, ohne
ſich einer ſchweren Strafe auszuſetzen.

Mit Hochachtung
und chriſtlicher Ergebenheit
Dr. Marrſot.

Baſel, den 16. März 1853.
(Apologeit.)

(Eingeſandt.)
Klage und Troſt ·

Klage.

Meine Tage entfliehn,

Wie die Wolken hinziehn

Von den Stürmen des Himmels geſagt,

Wie ein Pfeil dahin ſauſt,

Wie ein Strom dahin brauſt,

Wie ein Traum, der vergeht, wenn es tagt.

So auch eile ich zu

Meinem Tode ohn' Ruh,

Und bald deckt mich das dunkele Grab.
Ach, die Menſchen vergehn,

Wie die Blumen verwehn:
Kaum erblühet ſo fall'n ſie ſchon ab.

Nichts als Sorge und Müh

Iſt das vVeben von früh,

Bis am Abend die Sonne ſich neigt;
Doch die bitterſle Noth

Iſt der ſchaurige Tod,

Der als König des Schreckens ſich zeigt.

Und ſo fahr ich umher

Auf dem wogenden Meer

Dieſes Lebens im ſchwankenden Kahn.
Rings von Stürmen bewegt

Und von Wellen erregt

Iſn müh ſelig und troſilos die Bahn.

Denn von Außen nur Streit

Und von Innen nur Leid;

Denn die Weltluſt vergeht wie ein Sturm.
Und im Inneren klagt

Das Gewiſſen, es nagt

Mich ver Sünde nie ſterbender Wurm.

Ich bin ſelbſt mir verhaßt,

Bin mir ſelbſt eine Laſt;

Ach, ich ſühle nur ewiges Graun.

Denn von Rene und Schmerz

Wird verzehret mein Herz,

Und kein Sternlein des Troſt's iſ zu ſchann.

Wo der Friede nur thront?

Ob auf Erden er wohut?

Ach, wie jagt ich ſo gerne ihm nach!

Hin durch Länder und Seen,

Ueber Berge und Höh'n

Wollt' ich tilen bei Nacht und bei Tag.
* *

Troſt.

Doch das Wort iſt dir nah,

Der OErr IEſus iſt da,

Der den Frieden vom Himmel gebracht.
Darum ſuch iln nicht fern,

Da ini Worte des HErrn

Dich dit Sonne der Licbe anlacht.

Was du ſchmerzlich enibehrt,
Was du ſehnlich begehrt, *

English translation

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