Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 29 › Seite 124

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-05-10, Seite 124

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le, wenn der Rhythmus fehlt, ſei es nun im
Liede oder in der Rede. Man hat ganze Bü—
cher über den Rhorhmus für Redner geſchrieben.
Und wenn es dir einmal gelingt, wie mir ſchon
öfters, einen Mann mit höchberedter Zunge
alſo reden zu hören, daß es dir wie Mufik in den
Ohren klingt, ſo halte dich überzeugt, daß in
ſeiner Sprache das edle Geſchöpf Gottes ſei,
das man mit einem ſe fremden Namen Rhyth—
mus zu nennen pflegt. Ein Meiſter im Wohl⸗
klang der Sprache war Luther, der Meiſter
in vielen Dingen, deſſen Worte in den Herzen
aller Hörer wiederklingen und deſſen Bibelüber—
ſetzung ein unübertreffliches Werk voll alter
Schätze unſerer deutſchen Sprache und voll des
wohlklingendſten Rhythmus iſt.

Aber was für Bezug hat das auf die rhyth—
milchen Choräle? Einen näheren, lieber Leſer,
als du vielleicht im erſten Augenblick meineſt.

Der Geſaug und die Sprache haben miteinan⸗

der die innigſte Verwandſchaft, und ſo wenig
als dieſe kann auch jener ohne Rhythmus be—
ſiehen oder eine Vollkommenheit erreichen. Glau⸗
beſt du's nicht, ſo überzenge dich doch. Der
Rhothmus beſteht in einer ſchönen Abwechſe⸗
lung langer und kurzer Sylben oder Töne oder
Roten. Verſuch es einmal, ein Lied, gleichviel
welches, laut zu leſen, und ſprich genau eine
Sylbe ſo lange aus, wie die andere, gleich den
Kindern in der Schule, wenn ſie buchſtabiren
oder lautiren, und denke dir dann eine öffent—
liche Rede in dieſem Tone gehalten! Sie wäre
dann freilich alles Rhothmus bar, und ſo un—
ausſtehlich dies ohne Zweifel wäre, ſo unausſteh⸗
lich ſind die Choräle, welche gerade ſo unrhyth—
miſch gleichſam ſingend durchbuſtabirt, durch—
lautirt, durchgeheult werden.

Schreiber, damit ſchiltſt du uns auch. Wir
ſingen in unſern Kirchen, wie man vor Alters
geſungen, und wie wir's in unſrer Jugend ge⸗
lernt haben. Wir finden die alte, gewohnte
Weiſe ganz erbaulich und haben ein erſchreckli⸗
ches Grauen vor allem Neuen und Neumodi⸗
ſchen im Gottesdienſt. — Mein lieber Freund,
ich wollte dich am die Welt nicht gern böſe ma⸗
chen, ſonſt hörſt du mich vielleicht gar nicht bis

zu Ende an, und meine Mühe iſt dann nicht
Aber woher,

blos halb, ſondern ganz verloren.
glaubſt du wohl, kommt es denn, daß man ſo
blutwenig Menſchen findet, welche im Stande
ſind, allein für ſich ein geiſtliches Lied zu ſin—
gen, wenn ſie es auch hundertmal in der Kirche
mitgeſungen haben? Warum iſt der Geſang
aus den Häuſern gänzlich verſchwunden? Es
iſt nicht immer Lauigkeit im Chriſtenthum, Welt⸗
förmigkeit und Unglaube daran ſchuld, ſondern
dies, daß man keine, oder kaum eine Melodie
richtig weiß. Und was iſt davon wieder die
Urſache? weil in den Melodien alle Gliederung
und Rhothmus fehlt. So wenig als du im

Stande biſt, den Sinn einer Nede vollſtändig

zu faſſen, die in einem unvernünftigen Tone ab⸗
geleiert würde, ſo wenig vermag der uns in⸗
wohnende Sinn des Geſanges eine Melodie zu
überſchauen, aufzufaſſen und zu behalten, die
ſo ohne allen Rhythmns und gegliederten Bau

— 123—

unnatürlich geſungen wird. Man verſieht ſie
nicht und kann ſie nicht behalten; man verwech—
ſelt eine mit der andern, gerade wie die gleich—
förmig verlebten Tage, die man zu Schiffe auf
dem Oetan zugebracht hat. Der Rhathmus al⸗
lein gibt dem Ton das Leben und einer form⸗
loſen Maſſe von Tönen einen anmuthig geglie⸗
derten Leib, der zugleich ſchön geformt u. über—
ſihaulich, faßlich und leicht behältlich iſt. Und
man kann mit Recht ſagen: Zerſtöre den Rhyth—
ö mus und du haſt die Melodie zerſtört! — Man
wende hier nicht ein, daß doch ſelbſt unter den
ſogenannten rhythmiſchen Chorälen manche oh—
ne Rhythmus ſeien und wie die Melodie: „Es
iſt gewißlich an der Zeit,“ meiſt aus gleichen
Noten beſtehen; denn ſie ſind alle ohne Aus—
nahme wirklich rbythmiſch, nur daß der Rhoth—
mus bei den einen in der wechſelndeu Quan⸗
tität der Noten, bei den anderen mehr in dem
wechſelnden Aecente beſteht. Wovon man
ſich leicht überzeugen kann, wenn man einer
jambiſchen Melodie, wie: „Es iſt gewißlich an
der Zeit,“ einen trochäiſchen Tert unterſchiebt,
z. B. die erſten Zeilen von dem Liede: „Ringe
recht, wenn Gottes Gnaͤde dich nun ziehet und
bekehrt,“ wo die Sylbenzahl vollkommen die—
ſelbe bleibt und ſich doch die Melodie gänzlich
dagegen ſträubt.

Ich weiß wohl, wie der Kirchengeſang zu un—
ſrer Zeit meiſten Theils beſchaffen iſt, und auf
welch ſchleppende, alles Rhythmus entbehrende
Weiſe die ſchönen Lieder unſrer frommen Vor—
fahren geſungen werden, wie da gewöhnlich ſo
gar kein Unterſchied zwiſchen einem jauchzenden
Loblied und einem Beichtgeſang voller Buß—
ſchmerzen bemerkbar wird, indem man ein Lied
wie das andere in der gewohnten formloſen
Weiſe alle Sylben und Noten gleich lang ſingt
oder heult. Ich weiß auch, daß Manche dieſen
Geſang ſchön finden, und meinen, daß es die
Erhabenheit des Inhalts geiſtlicher Lieder und
die feierliche Stimmung der Gemeinde ſo erhei⸗
ſche, oder daß es unmöglich ſei, eine andere
Weiſe ausfindig zu machen, wie die Volksmaſſe
mit einander ſingen könne. Und freilich, wenn
wir nichts von den rhythmiſchen Chorälen er⸗
fahren hätten, würden wir alle noch derſelben
Meinung ſein. Wir würden, durch das Vor—
urtheil einer alten Gewohnheit geblendet, die
Wahrheit in dieſem Stücke nicht zu erkennen
vermögen. Der ſchleppende Gemeindegeſang
ſcheint der alte und eigentliche, der rhythmiſche
aber neu zu ſein; und wenn es wirklich ſo wä⸗
re, ſo müßte man freilich Alles, was uns unter
dem Namen vonſerhythmiſchen Chorälen geboten
wird, mit Argwohn und Mißtrauen betrachten.
Aber nun verhält es ſich gerade umgekehrt: die
ſchleppende Weiſe zu ſingen, wie ſie die unna⸗
türliche iſt, iſt auch die neumodiſche, die blos
durch Trägheit und Verſchlechterung aufgekom⸗
men, eine Ausgeburt jener unglückſeligen Zei⸗
ten, wo ſich der geiſtliche Tod über Deutſchlands
Gauen lagerte.

Die rhythmiſche Weiſe dagegen iſt die ur⸗
ſprüngliche, alte und eigentliche Weiſe, wie ſie
auch allein die natürliche iſt.

Den Beweis darf ich dir nicht ſchuldig blei—
ben, lieber Leſer. Darum will ich dir gerne mit—
theilen, was ich aus dem Buche eines Man⸗
nes,s) der die Sache verſteht, in dieſer Bezie—
hung gelernt habe. Die urälteſten Weiſen des
Kirchengeſangs, ſagt dieſes Buch, wie nämlich
die Chriſten der erſten Jahrhunderte bis auf
Gregor den Großen geſungen haben, ſind uns
verloren gegangen. Auch keine Tradition hat
ſie erhalten. Sie wurden in einer Zeit geſun⸗
gen, wo man noch kein Mittel beſaß, die Töne
durch ſchriftliche Zeichen gleichſam auf das Pa
pier zu heften. Sie verklangen mit den ſter⸗
benden Geſchlechtern, gleichwie auch unſre ur—
ſprünglichen Melodien lange Zeit vergeſſen wa⸗
ren und mit unſern ſchlummernden Vorfahren
im Todesſchlummer verſunken geblieben wären.
hätten wir nicht unter dem reichen Erbtheil un—
ſrer Väter zugleich eine Anzahl gedruckter No⸗
tenbücher aus Luther's Zeiten vorgefunden.
Als Luther kam, wußte man von keinem eigent⸗
lichen Gemeindegeſang, wie wir ihn jetzt ha⸗
ben. Der Prieſter ſang am Altar, die Schüler
auf dem Chor die gregorianiſchen Wei⸗
ſen, ohne Takt u. Rhythmus, ein Geſang, wie

er noch heute in der römiſchen Kirche gebräuch⸗

lich iſt. Luther mit ſeiner kindlichen Einfalt
und hohem Verſtande erkannte gar bald, daß
in dem Hauſe des HErrn nicht blos Prieſter u.
Levit, ſondern der ganze Haufe der Jünger Je—
ſu Hoſianna rufen, daß die ganze Gemeinde
dem HErrn ſingen ſolle. Aber zu einem Ge—
meindegeſang, der erſt neu geſchaffen werden
mußte, war nun jene alte taktloſe, gregoriani⸗
ſche Weiſe des Chorgeſangs, wovon mißbrauch⸗
lich der Name Choral herkommt, ganz und gar
nicht geeignet. Es mußten daher neue Melo⸗
dien entweder erfunden, oder, da dies ſo leicht
nicht war, anderswoher entlehnt werden. Wo⸗
her nahm nun Luther die nöthigen Melodien?
Hier kam ihm der friſche u. ſangliebende Sinn
ſeines Volks zu Statten, das ſo reich an ſchö⸗
nen Melodien war. Trotz aller Verbote näm⸗
lich von Seiten der Prieſterſchaft hatte ſich's das
deutſche Volk nicht nehmen laſſen, auf Wall⸗
fahrten, bei Prozeſſionen im Freien, ja ſogar
an Feſttagen in den Kirchen Lieder zu ſingen,
die in der römiſchen Liturgie keine eigentliche
Stelle hatten, ſondern nur, und zwar ungern,
geduldet wurden.

Da waren alſo allerdings Melodien vor—
handen, aus dem Herzen des Volkes entſprun⸗
gen, im eigentlichen Sinne geiſtliche Volkslieder,
rhythmiſch und klangreich, wie es die Natur der
Volkslieder iſt. Dieſe rhythmiſchen Melodien
nun, die theils im Volke ſelbſt entſtanden, theils
von klugen Meiſtern erfunden waren, wendete

N

Luther auf die geiſtlichen Lieder an, die er und
andere geiſtreiche und fromme Männer für das
Chriſtenvolk verfertigten, um bei den öffentli⸗
chen Gottesdienſten geſungen zu werden. So

en vdes evangeliſchen Kirchen⸗
geſangs im erſien Jabrhundert der Reformation, mü
den dazu vorhandenen Harmoniſirungen aus dit ſer Periode.
herauegegeben von G. Fr eiberrnvon Tucher⸗
Leipzig 1818.

*) Melodi

English translation

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