Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 29 › Seite 125

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-05-10, Seite 125

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entſtand der Gemeindegeſang in der lutheriſchen
Kirche und er iſt demnach in ſeiner Wurzel
rhythmiſch.

Damit aber Niemand auf den thörichten Ge—
danken verfalle, als habe Luther nur aus Noth
und in Ermangelung anderer feierlicher, durch⸗
aus langſamer Geſänge mit lauter gleichen No—
ten die rhythmifchen Melodien genommen, ſo
will ich nur daran erinnern, daß es zwar eine
hohe Kunſt iſt, ein ſchön gegliedertes Ganzes
zu ſchaffen, eine Melodie, die ſich wie eine Blu—
me mit ſchönen ſtufenweiſen natürlichen Blät—
tern darſtellt, aber gar nicht ſchwer, ſonderu ſehr
leicht, eine formloſe Maſſe von Tönen zuſam—
menzuſetzen. Es hätie dem weiſen Manne nur
wenige Federſtriche gekoſtet, um den ganzen
Rhythmus aller Cheräle ſo gründlich zu zerſtö—
ren, als er durch Unwiſſenheit und Mißbrauch
nun zerſtört iſt. Das hat Luther indeſſen nicht
nur nicht gethan, weil er den hohen Werth ei⸗
ner ſchönen natürlich fließenden Melodie gar
wohl erkannte, ſondern er hat auch einige Ge—
ſänge aus der alten taktloſen gregorianiſchen
Weiſe mitaufgenommen und fie in einen ord—
entlichen Rhythmus und Takt umgeſetzt, z. B.
die Melodie „Chriſtum wir ſollen leben ſchon“
und andere.

Wenn dir alſo, lieber Leſer, wieder jemand;

glaublich machen will, daß die eigentliche Weiſe
der Cheräle die jetzt übliche, langſame, in lauter
gleichen Noten beſtehende ſei, und daß dieſelbe
aus dem taktloſen und unrythmiſchen gregoria—
niſchen Geſang entſtanden, ſo halte ihm ſeine
Unwiſſenheit zu gute. Hier iſt der Thatbeſtand,
den alle Unwiſſenheit und aller Eigenſinn nicht
umſtoßen wird.

So hat man denn die rhythmiſchen Choräle
nicht für etwas Neuaufgebrachtes, ſondern für
etwas Uraltes zu halten, und es ſollte wohl im
Grunde weiter keiner Empfehlung derſelben be—
dürfen, als die Gewißheit, daß man darin die
unverfälſchten Weiſen des Reformationszeital⸗
ters beſitzt.

Allein man iſt mit dem hiſtoriſchen Nachweis
noch nicht zufrieden. Man hat mancherlei Be—
denken gegen die Wiedereinführung jeuer alten
und urſprünglichen Sangweiſen. „So laß mich
denn, lieber Leſer, einige der gewöhnlichſten Ein—
wendungen gegen die rhythmiſchen Choräle kürz⸗
lich beantwotten. ö

Man ſagt, der rhythmiſche Geſang ſei welt—
lich. Nun will ich nicht beſtreiten, daß die
rhythmiſchen Choräle vermöge ihres lebhafteren
Ganges möglicher Weiſe auf eine Art geſungen
werden könnten, die in das Helligthum Gottes
nicht paßt, auch die Erbanung nicht fördert,
ſendein hindert.n Und es iſt ohne Zweifel ge⸗
viß, daß diejenigen, welche im rhythmiſchen Ge—
ang Unterricht ertheilen, nicht unweiſe zu Wer—
e gehen dürfen. Werden die rhythmiſchen Lic⸗
der in einem welilichen Tone geſungen, ſo iſt
dieſes nicht die Schuld tes Rhythmus, ſondern
iweder Ungeſchick von Seiten der Lehrer, oder
die Welt in den Herzen der Sänger. Mißbrauch
vebt den rechten Gebrauch nicht auf; und das
ieht jeder ein, daß das Urſprüngliche allein das

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Aechte, und darum auch das Beſte ſein müſſe.
Dieſes bewährt auch die Erfahrung. Denn wo—

ſern auf die rechte Art geſungen wird, ſo tra⸗

gen die rhythmiſchen Choräle auch an den leb⸗
haften Stellen einen heiligen Ernſt, eine feier—
liche Würde an ſich, nicht das mindeſte von
Weltlichkeit oder leichtſertigem Weſen. Man
kann an dem Tone der Melodie und aus ihrer
Bewegung gar wohl abnehmen, ob es ein Lob⸗
lied, ein Sterbegeſang, ob Trauer oder Freude
deſſen Inhalt ſei, aber es iſt immer ein ehrer—
bietiges Lob der höchſten Majeſtät, eine Freude
die nie vergißt, daß der Seelenbräutigam auch
zugleich alles Fleiſches Richter ſei. — Was
oftmals nicht beachtet wird, u. was demerhyth⸗
miſchen Geſange nothwendigerweiſe einen Theil
ſeiner feierlichen Würde raubt, iſt die nicht ge—
nugſame Betonung der langen Noten, die ent⸗
weder in der Mitte oder am Ende einer Strophe
ſtehen. Viele meinen, eine Melodie ſei nur
dannerhythmiſch, wenn alle Noten mit der größ⸗
ten Schnelligkeit geſungen werden, als dürfe
gar nichts darin langſam ſein. Aber im Ge—
gentheil wird der Rhythmus nur dadurch ſo
ergreifend und eindringlich, daß, wie bei einem
gewaltigen, hinreißenden Redner, die ſchnellen
Stellen -durch die laͤngſamen und würdevollen
gleichſam im Zaume gehalten u. gemäßigt wer—
den. Alſo man gebe den langen Noten, wo ſie
vorkommen, ihren gebörigen Naͤchdruck, und eile
nicht darüber hin, als ob man dadurch etwas
verlöre; man ſinge die rhythmiſchen Choräle

überhaupt gutſund wie ſie geſungen ſein wollen,

und es wird Niemanden mehr beikommen, et⸗
was Weltliches daran zu finden. Unſre Väter,
die ſie zuerſt geſungen haben, waren geſchworne
Feinde alles weltlichen Weſens und ihren Cho—
rälen iſt's nicht eigen. —

Ein anderer Einwand iſt dieſer: der rbyih—
miſche Choral ſtamme aus der Union. Nun
wer freilich das ſagen kann, der fragt wenig
danach, ob aus ſeinem Munde Thorheit oder
Weisheit rede. Thörichter könnte kaum eine Be⸗
hauptung ſein, als dieſe. Gerade in der Zeit,
wo man ven dem Wege gönlicher, reiner Lehre
wich, wo die Union und ihre Wurzel, der Un⸗
glaube, herrſchend waͤrde, verfiel auch der Ge—
ſang und wurde aus den ſchönen alten edlen
Weiſen ein gleichtönendes, heulendes Unding,
das blos noch durch die Würde einer ſo großen
Berſammlung u. durch die Reſte von urſprüng⸗

licher Schönheit und Kraft, die En Chorälen!

lrotz der Zerſtörung des Rhythmus noch inne⸗
wohnte, einen Eindruck auf das Gemüth ma⸗
chen kann. Zum Beweis dafür dient ein altes
Choralbuch von 1792, worin Dretzel, Or⸗
ganiſt an St. Agpdien zu Nürnberg, manche

aufgezeichnet hat, nämlich zwei Weiſen, die zu
ſeiner Zeit geſungen wurden, und die dritte,

einerrhihmiſche, welche er die eigent⸗
lichſe Melodie nennt, wie ſie der Componiſt

gemacht hat, und wie ſie eigentlich geſungen
werden ſollte.

Eine unnöthige Aenderung guter alter Cere⸗

monien — iſt dies vielleicht die Einfübrung

„Choräle auf eine dreifach verſchiedene Weiſe

rhythmiſcher Choräle? Eine Aenderung iſt.
wo fie wieder eingeführt werden, das iſt wahr;
eine Aenderung alter Eeremonien überdirs; aber
— guler alter Ceremonien? Kann das denn
gut ſein, was aus einer ſchlimmen Quells
kommt? Wollen wir gutte alte Erremonien,
ſo müſſen wir dieſelben nicht aus der Zeit des
Verfalls des kirchlichen Lebens nehmen, ſondern
aus der beſten Zeit. Und wollen wir nicht dlos
Altes, ſondern das Urſprüngliche und Under⸗
fülſchte, wie im Text der Lieder, ſo auch in den
Weiſen, ſo werden wir uns ſchon zu einer Aen⸗
derung entſchließen müſſen. Eine Aenderung
vom Schlechteren zum Beſſeren, — dazu ſollre
Niemand je zu alt ſein: Es iſt ein Zeichen gei⸗
ſtiger Abgelebtheit, wenn man ſo ſehr aller Ver—
änderung feind iſt, daß man auch das Bſie

nicht mehr annehmen, das Verkehrteſte nicht

mehr ablegen will. Ein einfältiges, kindlich
friſches Gemüth kommt über ſolche kleine Be⸗
denklichkeiten leicht hinweg.

Die rhylhmifchen Choräle ſeien ſchwer zu er⸗
lernen, fagen Manche. Aber die Erfahrung be—
zeugt gerade das Gegentheil. Der große Bri⸗
fall, den der rhythmiſche Geſang hin und wie⸗
der in Deutſchland, namentlich in Bayern ge—
funden hat, die Begeiſterung, mit welcher man
überall, wo geiſtliches Leben erwachie, auch die
alten urſprünglichen Weiſen wieder lernte und
ſang, iſt Beweis, daß dieſelben ſehr leicht zu ler⸗
nen ſind. Alles Natürliche iſt leicht und lieb⸗
lich, nur das Unnatürliche iſt ſchwer und häß⸗
lich. Die Melodien, in ihrer urſprünglichen
Geſtalt, haben meiſtens eine leichtfaßliche, cha⸗
rakteriſtiſche, ſich dem Gehör augenblicktich ein⸗
prägende Form, ſo daß man ſie ſo leicht von
einander unterſcheidet wie Menſchen von ver⸗
ſchiedenen Geſtchtszügen. In manchen Städten

—

Deutſchland's, wo zum erſten Male rhythmiſch

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geſungen wurde, ſeimmte gleich beim zweiten,
dritten Verſe dir ganze Gemeinde mit kin und
ſang das Lied, wie ſie es nie zuvor gehört hatte,
rhytymiſch bis zu Ende mit herzlicher Freude.
Kinder ſangen wirder von freien Stücken geiſt⸗
liche Lieder, wie vor Alters.

Nichts deſto weniger glauben doch Manche, es
ſei unmöglich, die rhythmiſchen Choräle einzu
führen; die ganze Sache ſei neu und unſcher.
Nun, lieber Leſer, da iſt meine Meinung, gut
Ding will Weile haben. Laß es wachſen! die
Kraft u. Schönheit der alten Lieder in ihrem ur⸗
ſprünglichem Kleide wird ſich von ſetber Bahn
machen, wie ſie denn auch ſchon in vielen Ge⸗
meinden dieſes Landes ſich Bahn gemacht hat
wo man jetzt mit Herzensluſt und Andacht die
alten rbythmiſchen Ehoräle wieder ſingt und
neben dem ſeligen Beſitz der alten reinen und
unverfälſchten Lehre, der herzerquickenren alten
Lieder, ſich auch der ergreifenden und ſchönen
alten kirchlichen Weiſen erfreut! —

G. Sch.

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