Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 14 › Seite 88

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-02-15, Seite 88

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trirte antichriſtiſche Macht innerhalb der Kirche
Chriſti erkannt und nachgewieſen; und die ge⸗
lehrten Herrn von der modiſchen ſelbſtgemachten
Union unſrer Zeit thäten beſſer, dieſen Nach⸗
weis, ſo ſie es vermögen, gründlich zu entkräf⸗
ten, als mit ſpöttiſchem Mitleid und hoffärti⸗
gem Achſelzucken als lutheriſche Beſchränktheit
zu belächeln und vornehm darüber abzuſprechen.

Wie friedſam aber der Unionismus gegen
das Papſtthum geſinnt ſei, das beweiſt Herr
Schaff in folgendem Satze: „Selbſt das Papſt⸗
thum wird von den größten neueren Kirchen—
hiſtorikern und ebenſo von Profanhiſtorikern wie
Johann von Müller, Leo, Ranke, Macauley
als ein für jene Zeit durchaus unentbehrliches
und im Ganzen höchſt woblthätiges Inſtitut
zur Erziehung der germaniſchen Nationen, zur
Erhaltung der Einheit und zur Sicherung der
Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche von der
weltlichen Gewalt angeſehen. Was man auch,
ſagt der proteſtantiſche Hiſtoriker Ranke, von
den Päpſten früherer Zeiten urtheilen mag, ſo
batten ſie immer große Intereſſen vor Augen:
die Pflege einer unterdrückten Religion, den
Kampf mit dem Heidenthum, die Ausbreitung
des Chriſtenthums über die nordiſchen Natio—
nen, die Gründung einer unabhängigen hier—
archiſchen Gewalt; zu der Würde des menſchli⸗
chen Daſeins gehört es, daß man etwas Großes
wolle, vollführe: dieſe ihre Tendenzen erhielten
die Päpſte in einem höheren Schwunge.“

Möge es nämlich auch ſein, daß allerdings

ein gewiſſer Unterſchied in der perſönlichen Geſin—
nung der Päpſte war, und daß von dieſen und je⸗
nen manches Gute geſchah wider die Uebergriffe
der weltlichen Obrigkeit in die Gerechtſame der
Kirche und für die chriſtliche Zucht und Sitti⸗
gung der ſich bekehrenden germaniſchen Stämme
ac., ſo iſt und bleibt es doch das ſtehende Zeug⸗
niß der heiligen Schrift und die fortlaufende
Beſtätigung der Geſchichte, daß der weſentliche
Grundcharakter und die herrſchende Geſinnung
des Papſtthums im Laufe der Jahrhunderte die⸗
ſelbe geblieben iſt, und daß es ebenſo unwiſſen⸗
ſchaftlich und ungeſchichtlich, als ſchriftwidrig
iſt, den antichriſtiſchen Grundcharakier des
Papftthums ſo ganz und gar aus dem Auge zu
verlieren, daß man wider alles evangeliſche Licht
bebauptet, das Papſtthum ſei ein für jene Zeit
(des Mittelalters) durchaus unentbehr⸗
liches und im Ganzen höchſt wohlthäti⸗
ges Inſtitut“ ꝛc. geweſen.
Menn ein blinder fanatiſcher Papiſt alſo redete,
ſo konnte man es ihm wohl zu gute halten; aber
wenn ſogenannte Evangeliſche alſo reden, die zu⸗
dem ſich einbilden, auf der Höhe der Zeitbildung
zu ſtehen, und wo moͤglich rückſchauende Ge⸗
ſchichtsforſcher und vorſchauende Propheten zu
ſein, ſo iſt das eben ein unwiderſprechlicher Be⸗
weis, wie das Blendwerk und Gaukelſpiel der
falſchen Union den ſcharfen und geſunden Sinn
zur Unterſcheidung der Wahrheit und der Lüge
ſo kläglich abgeſtumpft hat.

Oder, ich frage Herrn Schaff, den Lehrer der
toangeliſchen Kirche, auf ſein evangeliſches Ge⸗
wiſſen, ob nicht das Papſtthum, wie in ſeiner

* —
* —

—5.—

Wurzel, ſo in ſeinem ganzen Auftreten und Be⸗
zeigen durch den Lauf der Jahrhunderte ein
ſchnurſtracks antievangeliſches Gemächte ſei.
Denn der gelehrte Herr Profeſſor weiß ja beſ⸗
ſer, als ich, aus den unzweifelhaften Urkunden
der Geſchichte, daß der Papſt ſich aufgeworfen
hat als den Statthalter Chriſti und das ſichtbare
Oberhaupt der Kirche Gottes auf Erden, der aus
göttlichem Rechte mittelſt des von ihm beſtell⸗
ten Prieſterſtandes dieſelbe regiere; dem kraft
dieſes ſeines Amtes allein zuſtehe, den Schrift—
verſtand zu beſtimmen, da in ſeines Herzens
Schrein, er möge perſönlich ſo gottlos ſein als
er wolle, kraft ſeiner amtl. Machtvollkommenheit
der h. Geiſt ſeinen Sitz u. Wohnung habe; der
deshalb auch der unfehlbare Ausleger des gott—
lichen Wortes und der ſogenannten apoſtoliſchen
Traditionen und der oberſte unfehlbar entſchei⸗
dende Richter in allen Glaubens- und Lehrſtrei—
tigkeiten und über allen Kirchenverſammlungen
ſei, und der die Macht habe, der Chriſtenheit
neue das Gewiſſen bindende und zum Gehor—
ſam verpflichtende Geſetze, Ordnungen und Ce⸗
remonien zu befehlen, ja die Einſetzungen des
HErrn Chriſti ſelbſt zu ͤändern und z. B. den ſoge⸗
nannten Laien den Kelch zu entziehen, dem
geiſtlichen Stand die Eheloſigkeit anzubefehlen,
für alle Sünden aber, geſchehene und zukünftige,
aus dem erdichteten Gemeinſchatze Chriſti und
der Heiligen Ablaß zu ertheilen?

Ich frage Herrn Profeſſor Schaff auf ſein
evangeliſches Gewiſſen — ſind dieſe und
andere Stücke des Papſtthums nicht ſchändliche
antievangeliſche und demnach auch antichriſtiſche
Greuel, da ſie ja doch weſentlich und wahrhaf—
tig wider die Stimme Chriſti im Evangelium
ſind, den Zten Artikel des chriſtlichen Glaubens
auf das Verderblichſte fälſchen, Selbſtgerechtig—
keit und Werkheiligkeit kirchlich ſanktioniren, da—
gegen Chriſti allein-und vollgültiges Verdienſt
und den dasſelbe ſich aneignenden rechtfertigen⸗
den Glauben untertreten und erſticken, Geſetz
und Evangelium auf heilloſe Weiſe durch einan—
der wirren und ſich ohne ſonderliche Dazwiſchen—
kunft der göttlichen Gnade und des heiligen Gei⸗
ſtes als durchaus ſeelenverderblich, ja ſeelenmör⸗
deriſch erzeigen?

Sollte ſolch Teufelsgemächte, zu irgend wel⸗
cher Zeit, ſei es das Mittelalter oder uufre Zeit,
„ein unentbehrliches und im ganzen höchſt
wohlthätiges Inſtitut“ ꝛc. geweſen oder etwa
noch ſein, alſo nach Gottes gutem und gnädigem
Willen ſolche Gewalt in der Kirche erlangt haben?
Dann fürwahr war Judas Verrath auch eine
unentbehrliche und für die Kirche durchaus wohl⸗
thätige Handlung; und faſt ſcheint es, der HErr
Chriſtus — Er verzeihe meinem gerechten Eifer
um ſeine Ehre dieſe Scheinläſterung — habe
ungerecht geurtheilt, da Er ſagt „es wäre dem
Judas beſſer, daß er nie geboren wäre,“ weil ja
doch durch ſeinen Verrath und Chriſti Kreuzes⸗
tod der Welt das Heil erwachſen iſt. Ja es läßt
ſich faſt an, als wollten die weitherzigen Herrn
Unioniſten den Teufel ſelber fromm machen; denn
da durch ſeinen Widerſtand wider Chriſtum und
ſein Reich nach Lehre und Leben doch nur Gutes

heraus kommt und er das Reich Gottes nur
bauen hilft — warum ſollte er ſo übel gerichtet
werden und auch für ihn nicht noch Raum zur
Bekehrung ſein?

Auf ſolche treffliche Schlußfolgerungen muß
aber Herr Profeſſor Schaff und ſeine gelehrten
Gewährsmänner, jene berühmten deutſchen Ge—
ſchichtsſchreiber, nothwendig gerathen, wenn ſie
bei Beurtheilung des Papſtthums nicht, ſowohl
Gottes Wort als der Moral der natürlichen
Vernunft gemäß, ſorgfältig aus einander hal⸗
ten, was das Papſtthum an ſich ſei, ſeinem
Weſen und ſeiner herrſchenden Geſinnung und
Handlungsweiſe nach, durch den Lauf der Jahr
hunderte, und was es hin und her zufallens
und beziehweiſe Gutes gewirkt habe d. i. was l
einzelne römiſche Biſchöfe, ſo weit ſie Chriſten
waren, (den ſofern ſie Päpſte waren, konnten ſie
ſchwerlich wahre Chriſten ſein) zur Förderung
des Reiches Gottes gethan, wit ſie die Gerecht⸗
ſame der Kirche gegen die Uebergriffe des welt⸗
lichen Armes vertheidigt haben und dergl.

Aber auch in dieſer letzteren Hinficht wird es
erſt der jüngſte Tag offenbaren, ob und wit weit
in ſolchen, dem Anſchein nach, guten und wohl⸗
thätigen Handlungen einzelner Päpſte, der Glau⸗
be und die Liebe wirklich enthalten waren, und
ob nicht viel mehr, ſofern ſie als Päpſte für
die Ausbreitung der Kirche ſorgten, heuchleriſcht
Werkheiligkeit, und ſofern ſie die Kirche wider
die Kaiſer und andre weltliche Fürſten verthei—
digten, geiſtlicher Hochmuth und Herrſchſucht
die treibend en Beweggründe waren?

übrigens wird hoffentlich Herr Schaff nicht
der Meinung ſein, daß z. B. zur Evangeliſirung
der germaniſchen Völker im Mittelalter das
Papſtthum die wirkende Urſache war, ſondern
mit uns gerne bezeugen, daß es lediglich der
heil. Geiſt war, der jenen Mönchen der Klöſter
Irlands die Liebe CEhriſti, und den unwider⸗
ſtehlichen Trieb und den heiligen Eifer für die
Bekehrung unſerer Väter ins Herz gab. Und
wenn auch hin u. her dafür die Päpſte Vorſchub
geleiſtet haben, ſo iſt dieſes ſicherlich nicht „durch⸗
aus unentbehrlich“ geweſen. Vielmehr hätte
ſich das Chriſtenthum auch ohne Vermittlung
der handlangeriſchen Päpſte, eben ſo gut zu jener
Zeit unter den deutſchen Stämmen ausbreiten
können, als zur Zeit der Apoſtel und der apoſto⸗
liſchen Bäter in andern Theilen der Erde. Und
ſicherlich hatten z. B. die durch Bonifacius ge—
gründeien frieſiſchen und heffiſchen Gemeinden
nicht des Papſtthums, ſondern nur der heiligen
Schrift bedurft, um zunächſt unter ſich und ſo⸗
dann mit andern rechtgläubigen Gemeinden
theils in Glaubensgemeinſchaft, theils aber auch
in eine ihnen entſprechende Kirchenverfaſſung
zuſammenzutreten. Im Gegentheil iſt gerade
das Papſtthum auch hier das Hinderniß u. der
Hemmſchuh geweſen, daß dieſe wie andere Ge⸗
meinden zu keiner evangeliſchen Geſtalt und Ver⸗
faſſung gelangen konnten und gerade durch An⸗
erkennung der Päpſte in geſetzlicher Knechtſchaft
und geiſtlicher Unmünvigkeit darniedergedalten
wurden.

Zu der freundlichen Geſinnung des Unionis⸗

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