Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 2 › Seite 16

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-09-29, Seite 16

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evangeliſchen Stadtgemeinde zu Stöben am lin—
ken Oderufer verſchaffte. Am Himmelfahrstag
1611 trat er dort ſein Predigtamt an. Eine
Woche ſpäter ſtarb der alte Pfarrer daſelbſt, und
er rückte alsbald in deſſen Stelle vor. Hier
ſiand er an einer wohlgeordneten Gemeinde un⸗
ter einem frommen, glaubenseifrigen Grund—
herrn, Herrn von Kottmitz, der als wahrhaft
chriſtliche Obrigkeit für Kirche u. Schule, Sonn—
tagsfeier und äußerliche Zucht in der Gemeinde
ſorgte. Daneben hatte er eifrige Prediger des
Wortes in der Nähe, mit denen er in lebendi⸗
gem Verkehre ſtand, beſonders ſeinen alten Va⸗—
lerius Herberger, den er als ſeinen geiſtlichen
Vater ehrte. Auch war ſein Predigen an vie—
len Herzen ſehr geſegnet und ſeine Kirche immer
voll von Fremden. Die Frau, die er ſich er—
wählt hatte, war ihm durch ihren frommen Sinn
zur treuen Verwaltung ſeines Amtes ſehr for—
derlich; es war Dorothea, die Tochter des Bür—
germeiſters Feige in Staudten. Er lebte mit ihr
ungemein glücklich, obwohl kinderlos, und liebte
ſie zärtlich. Bald jedoch nahm ihn ſein Meiſter
in die Schule des Kreuzes. Nach kurzer Krank—
heit ſtarb ihm ſeine Frau, am 12. September
1617; er beſaß ſie erſt fünf Jahre. Eine große
Traurigkeit kam damals über ihn; ſein Ausſehn
verfiel, ſein Angeſicht ward bleich, er glaubte
feſt, er werde dies große Leid nicht überſtehen
und bald an ſeiner frommen Frau Seite ruhen,
wie er ja bittet im Liede 281, V. 7: „dem
Leib ein Räumlein gönne bei frommer Chriſten
Grab, auf daß er ſeine Ruh an ihrer Seiten
hab.“ Der Herr aber hatte es anders beſchloſ—
ſen. Sein liebreicher, frommer Gott zog ihn
an das Herz ſeines Erlö ſers, wo allein der rechte
Balſam für ſolche Wunden zu finden iſt. Er
ſchrieb troſtreiche Paſſionspredigten, die ihn nicht
nur zuerſt in ſeiner Heimath, ſondern auch in
ganz Deutſchland bekannt machten. Zu ſeiner
immer gründlicheren Läuterung kam nun aber
noch Trübſal auf Trübſal über ſein Haupt.
Seine zweite Ehefrau, Anna geb. Teichmann,
mit der er ſich am 18. Juli 1618 verband,
hatte bald an ihm nichts als mühſame Kran⸗
kenpflege zu verrichten. Heermann hatte zwar
in ſeinem ganzen Leben noch nicht ſagen kön⸗
nen, daß er einen einzigen recht geſunden Tag
gehabt habe, vom Jahte 1623 an aber ward
dieſer leidende Zuſtand zu einer faſt ununter⸗
brochenen Krankheit. Er litt an der Luftröhre,
ſo daß er, wie er ſelbſt ſagt, „unter dem Predi-
gen je länger je mehr huſten mußte und zuletzt
keinen Satz mehr deutlich ausſprechen konnte,
wenu er auch hätte ſein Leben damit retten ſol⸗
len.“ Zu den vielen Kränkungen, welche er um
ſeiner Freimüthigkeit willen in Stöben zu er⸗
iragen hatte, kam bald die ſchwere Drangſal
des dreißigjährigen Krieges, welcher vom Jahre
1618 bis 1848 Deutſchland verwüſtete. Im
J. 1629 mußte Heermann aus Stöben flüch⸗
ten und an einem ſicheren Orte über 17 Wo⸗
chen lang als ein Verbannter leben. Kaum
war er zurück, da brach in Stöben die ſchreck⸗
liche Peſt aus und raffte im J. 1631 allein
550 Menſchen, darunter auch Heermann's Ca⸗

*71 *.

*.

— 15—

plan hinweg. Kaum war dieſe Noth vorüber,!
ſo zogen die wilden Wallenſteinſchen Horden
einher und plünderten Stöben vom September
1632 bis Oktober 1634 dreimal, wobei Heer—
mann jedesmal ſeine ganze Baarſchaft, ſein
Hausgeräthe, Vieh u. Getreide einbüßte. Ein—
mal ſchwebte ſchon der Säbel eines Kroaten
über ſeinem Haupte, ein anderes Mal bedrohte
ein ganzer Haufen Soldaten mit entblößtem De—
gen ſein Leben. Nur wenig fehlte auch, daß
er in der Oder ertrunken wäre; denn als er mit
vielen Flüchtlingen auf einem Kahne ſich an's
andere Ufer retten wollte, drohte das kleine
Fahrzeug vor der Menge Leute, die auf daſſelbe
ſich geflüchtet hatten, unterzuſinken, und kaum
waren ſie in der Mitte des Stromes, als die
verfolgenden Soldaten das linke Ufer erreichten
und auf Heermann ſchoſſen, ſo daß zwei Ku⸗
geln an ſeinem Haupte vorbeiſauſten. Der Herr
aber ſchenkte ihm Heldenmuth in ſolchen Fähr—
lichkeiten und rettete ihn und die Seinigen.
In dieſen elf ſchweren Leidensjahren, da er ein
Davidiſch geängſtet Herz hatte, von 1623 bis
1634 hat Heermann größtentheils ſeine liebli⸗
chen heil. Lieder verfaßt, obwohl ſie erſt, nach⸗
dem er aufgehört hatte zu predigen, im J. 1636
in ſeinem Werke: „Haus- und Herzensmuſik“
geſammelt erſchienen.

In dem genannten Jahre 1636 wurden end⸗
lich ſeine Leibesbeſchwerden ſo groß, daß er ſelbſt
nicht mehr predigen konnte und ſich vier Jahre
lang durch Kandidaten vertreten laſſen mußte.
Als aber immer noch keine Beſſerung eintreten
wollte, zog er ſich auf Anrathen des Arztes nach
Liſſa in Großpolen zurück, wo er ſich vor der
Stadt ein Häuslein bauen ließ. Im Oktober
1638 bezog er dies ſein Pathmos, „damit er,“
wie er ſagte, „bei ſeinem ſchweren Siechthum
ruhig wohnen, leiden, beten, und, wenn Gott
wolle, unverhindert ſein Leben ſchließen könnte.“
Er zog in höchſter Leibesſchwachheit ein und lag
die erſten neun Wochen Tag u. Nacht faſt im⸗
mer wie im Schlaf, ohne Gebrauch ſeiner Gei—
ſteskräfte. Sobald es beſſer mit ihm war, be⸗
nutzte er ſeine Ruhe zum Schreiben gottſeliger,
erbaulicher Schriften. Neun Jahre lang ließ
ihm der Herr noch dazu Zeit und Kraft, und er
ſchrieb eine Menge ſolcher Schriften in Liſſa.

Eine beſondere Prüfung war unſerem Heer—
mann auf die letzte Zeit ſeines Lebens aufge—
ſpart. Sein älteſtes und liebſtes Kind, ein
Sohn von frommem Gemüth und ungemeinen
Geiſtesgaben, Samuel, ward auf dem Gym⸗
naſium zu Breslau durch die Jeſuiten verführt,
ohne Wiſſen ſeines Vaters in die Jeſuitenſchule
zu treten und am 25. Februar 1640 den rö⸗
miſch-katholiſchen Glauben anzunehmen. Kaum
hatte Heermann hievon ſichere Kunde, als er
ſeinem Sohne am 2. März „eine treuherzige
Abmahnungsſchrift“ zuſandte. „Sobald Gott
meine Seele abfordert,“ ſagt er darin, „will ich
vor Gottes Stuhl niederfallen und die Verfüh⸗
rer innerhalb Jahresfriſt vor ſein Gericht for⸗
dern, und, ſollteſt du dich nicht umkehren, dich
zugleich mit; da ſollt ihr Gott und mir antwor⸗
ten. In deinen Briefen haſt du dich allezeit

unterſchrieben: „„des Herren Vaters gehorſam⸗
ſter Sohn bis in den Tod.““ Sollteſt du dieſe
Zuſage brechen, wollte ich deine Fauſt vor den
Richterſtuhl Gottes mitnehmen, ſie allda auf⸗
weiſen und um Rache bitten.“ Die Unterſchrift
lautete: „Johann Heermann, deſſen Seele be⸗
trübt iſt bis in den Tod.“ Dies wirkte ſo kräf⸗
tig, daß der Sohn am 6. März wieder zum
evangeliſchen Glanben zurückkehrte und den Va⸗
ter um Verzeihung bat, die ihm derſelbe auch
ertheilte mit den Worten: „Vaterherz bleibt
Vaterherz.“ Der Sohn kehrte hierauf in's Va⸗
terhaus zurück; bevor er jedoch wieder an's
Studiren gehen konnte, raffte ein ſchwindſüch⸗
tiges Fieber ihn hinweg am 6. Februar 1643.
Heermann ward dadurch ſo tief erſchüttert, daß
er den Sohn nicht zu ſeiner Ruheſtätte begleiten
konnte. Nach dem Tode dieſes Lieblings ſeiner
Seele lebte er nur noch vier Jahre. Er wurde
immer leidender, ſo daß er nicht mehr ſitzen
konnte, ſondern angelehnt ſtehen mußte und des
Nachts kaum zu liegen vermochte. Zuletzt nö—
thigte ihn große Schwäche, doch ſich auf's Bett
zu legen. Da ſchrieb er die Worte an ſein Bett
„Herr ſiehe, den du lieb haſt, der liegt krank.“
Er litt geduldig unter getroſtem Harren und
inbrünſtigem Flehen; ſein unabläſſiges Gebet
war: „Herr Jeſu, komm doch und ſpann aus,“
was auch B. Herberger, ſein väterlicher Freund,
Gott vorgetragen hatte. Am Morgen des
Sonntags Septuageſimä 1647, den 17. Fe⸗
bruar, verſiel er, nachdem in der Nacht ein
Steckfluß eingetreten war, in einen fanften
Schlaf, in welchem er hinüberſchlummerte zu
ſeines Herren Freude. Das Evangelium
dieſes Sonntags handelt von den Arbeitern
im Weinberg, die gerufen werden, ihren Lohn
zu empfangen. Zum Leichentext hatte er ſich
gewählt 1 Petr. 5, 2—4: Weidet die Heerde
Chriſti, ſo euch befohlen iſt, und ſehet wohl
zu, nicht gezwungen, ſondern williglich; nicht
um ſchändlichen Gewinnes willen, ſondern von
Herzensgrunde; nicht als die über das Volk
herrſchen, ſondern werdet Vorbilder der Heerde.
So werdet ihr, wenn erſcheinen wird der Erz⸗
hirte, die unverwelkliche Krone der Ehren em—
pfangen. Johann Heermann's Wahlſpruch
war: mihi omnia Jesus, das iſt: „Jeſus iſt
mir Alles!“

Aus: Koch's Geſchichte des Kirchenliedes und

Kirchengeſanges.

X

Merkwürdiges Zeugniß von dem
Einfluß der Deutſchen auf die hie⸗
ſigen Zuſtände.

Sqnrach vor kurzem der berüchtigte Atheiſt
Heinz n einer Rede, welche er in einer Ver⸗
ſammlung der hieſ. ſogenannten „freien Män⸗
ner“ gehalten und dem Druck übergeben hat:

„Ueberhaupt hat der deutſche Geiſt ſeit zwei
Jahren in den Vereinigten Staaten Dinge in
Umlauf gebracht, die man früher überall
für galgenwürdig gehalten hätte.“

Ein ſolches Lob müſſen den ungläubigen
Deutſchen jetzt ihre eigenen Propheten ſingen!

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