Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 2 › Seite 12

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-09-29, Seite 12

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einer

ſem Punkte geirrt, wäre es dann chriſtlich, des⸗
wegen ſo unbarmherzig über uns herzufallen?
Idas Chriſti Sinn?

Doch vielleicht geht Hr. v. Rohr in ſich und
läßt ſich dieſen ſeinen Eifer mit Unverſtand zu
heilſamen Beſchämung dienen, wenn
wir ihm nun einfach nachweiſen, daß nicht
wir, ſondern er ſelbſt im Irrthum iſt; denn
mag derſelbe immerhin in ſeinem blinden Fana⸗
tismus uns der Lüge und des Betrugs ohne
Scheu vor Gott beſchuldigen, wir wollen ſein
Verſeben gern für einen bloßen gerade ihm ſehr
verzeihlichen Irrthum annehmen.

Die Sache verhält ſich aber ſo. Vorerſt zeigt
ſchon der ganze Inhalt der Vorrede, daß die—
ſelbe nicht im Jahre 1545 geſchrieben ſein
könne. Denn, um nur Einiges anzuführen,
ſo erbietet ſich Luther darin erſtlich, wenn es
ſeinen Kirchenobern (majoribus ecclesiae) ſo
gefällig ſei, ſein Amt und ſeinen Lehrberuf zu
verlaſſen, da ſeine Worte ſo unangenehm und
verhaßt ſeien; und ſodann erklärt er, ſich gegen
ſeine Feinde wegen einer im Jahre 1518 ge⸗
haltenen Predigt über die Kraft des Bannes
vertheidigen und zu Abwehr übler Nachrede dem
Druck übergeben zu müſſen. Welche Verblen⸗
rung gehört nun dazu, zu glauben, dies habe
Luther 27 Jahre nach Haltung der kleinen Pre⸗
digt geſchrieben, nachdem er das Pabſtthum be—
teits geſtürzt, und in demſelben Jahre, in wel⸗

em er die Schrift geſchrieben hatte: „Das

Pabſtthum zu Rom, vom Teufel geſtiftet!“
Welche Verblendung gehört dazu, ſich zu über—
neden, die Papiſten hätten alles andere vergeſſen,
bätten ſich noch nach 27 Jahren mit jener im
höchſten Grade glimpflichen zu Wittenberg ge⸗
haltenen Predigt getragen und deshalb Luther'n
eine böſe Nachrede gemacht! Fürwahr, wer bei
ſolcher Beſchaffenheit der Sache noch darauf
kommen kann, daß das Jahr jener beſtätigenden
Vorrede das letzte Jahr vor Luther's Tode ge
weſen ſei, deſſen kritiſchem Genie wäre wohl die
Annahme zuzutrauen, der Grabauiſche Hirten—
krief ſei nichts anderes als die 95 Theſen, wel—
che Luther an die Schloßkirche zu Wittenberg
wider Tezel's Ablaßkram angeſchlagen habe.
Hr. v. Rohr wird freilich ſagen, er ſei als
guter Lutheraner ein Feind der neueren ſoge⸗
nannten inneren Kritik; er laſſe ſich daher mit
ſolcher gottloſen Wiſſenſchaft nichts abſtreiten,
damit möge man ihm ja vom Leibe bleiben.
Er beruhige ſich jedoch. Es liegen nehmlich
zufällig auch geſchichtliche Beweiſe vor, daß die
beſtätigende Vorrede nicht, wie Hr. von Rohr
behauptet, vom Jahre 1545, ſondern vom J.
1518 herrührt, die ſo handgreiflich ſind, daß ſie
auch ein Feind der inneren Kritik nicht beſtrei⸗
ten kann. Der alte Valentin Ernſt Löſcher
hat nehmlich, wie er in ſeinen „Reformations-
Akten“ S. 377. ſchreibt, ein Exemplar unſeres
lutherſchen Sermons von der Kraft des Ban⸗
nes, im Jahre 1518 zu Leipzig ge⸗

druckt, beſeſſen, in welchem die von Hrn v.

Rohr in das Jahr 1545 verſetzte beſtätigende
Vorrede bereits Wort für Wort ſich befand. Lö⸗
ſcher hat auch den Sermon ſammt der Vorredte

— 11—

in die Acten vollſtändig aufgenommen, darin
Hr. v. Rohr denſelben nachleſen und vergleichen
kann. Jeder Zweifel aber darüber, ob auch Lö⸗
ſcher, dieſer große Alterthumsforſcher und Lite—
raturkenner, recht geſehen, oder etwa die Jahr⸗
zahl verwechſelt habe, wird ſchwinden, wenn un⸗
ſer geehrter Herr Gegner nur die Ueberſchrift
der Vorrede geleſen haben wird, welche alſo lau⸗
tet: „F. Martinus Lutherus. Pio lectori sa-
lutem,“ d. i. „Bruder Martin Luther er⸗
bietet dem frommen Leſer Heil.“ Luther war
alſo, da er dieſe Vorrede ſchrieb, noch Mönch, da⸗
her er ſich krater Martinus, d. i. Bruder Martin
nennt. Ein Mönch war aber Luther bekannt⸗
lich ein Jahr vor ſeinem ſeligen Tode nicht mehr.
(Vide hist. Lutheranismi aut. Seckendorfio.)

Daß aber Luther laut der Vorrede zu dem
Sermon von 1518 denſelben um ſeiner Wider⸗
ſacher willen herausgab, kam daher: Als Luther
den Sermon ſeinen Wittenbergern Anfang Juli
des Jahres 1518 mündlich gehalten hatte, ent—
ſtand darüber ein großer Lärmen. Um Luthern
zu ſtürzen, ward davon nach Augsburg an die
Glieder des damals dort verſammelten Reichs—
tags geſchrieben, und der Inhalt gräulich ent⸗
ſtellt. So hielt es denn Luther für's beſte, die
Predigt, ſo viel er davon noch im Gedächtniß
hatte, durch den Druck zu veröffentlichen, und
damit man nicht nieine, er ihue dies aus Furcht,
ſein Amt zu verlieren, erklärte er ſich eben in der
Vorrede dazu bereit, ſein Amt nied erzulegen,
wenn es ſeine Kirchenobern für gut befänden.

Dies alles meldet nicht nur Löſcher in den an⸗
gezogenen Reformationsacten, ſondern iſt auch
aus Luther's Briefen, die er in jener Zeit ge⸗
ſchrieben, erſichtlich. Vergleiche Luther's Werke,
Hall. A. Tom. XXI, 598, wo Luther ohne allen
Arg bezeugt, daß der Sermon mit ſolcher Be⸗
ſcheidenheit abgefaßt ſei, daß er hoffe, derſelbe
werde „auch bei denen, die ſelbſt zur
Tyrannei Luſt haben, werth gehal⸗
ten werden. Denn, ſetzt er hinzu, es iſt
nichts darinnen von mir gelehret,
das ſie nicht ſelber gelehret und
noch lehren.“ Man vergleiche ferner Tom.
XV., Anhang, Seite 24, wo Luther ſelbſt die
ganze Geſchichte erzählt. Selbſt Löſcher ſagt,
Luther habe darum den Sermon ſo glimpflich
abgefaßt, „um des römiſchen Hofes noch etwas
zu ſchonen.—

Es bleibt nun noch übrig, zu erklären, was
wohl von dem Bericht zu halten ſei, darauf Hr.
v. Rohr unglücklicherweiſe gefallen und der ihn
verführt hat, ſeinen, wahrlich! wenig ehrenvol⸗
len, voreiligen und vergeblichen Siegesjubel zu
erheben. Damit hat es aber folgende Bewand⸗
niß. Im Jahre 1559 iſt unſer Sermon, ſo viel
wir haben erkunden können, das erſtemal in
deutſcher Sprache und zwar von einem ob⸗
ſcuren Autor herausgegeben worden; auf dem
Titelblatt dieſer Ausgabe aber heißt es: „Und
iſt ſolcher Sermon 1545 des Jahrs vor ſeinem
Abſterben zuvor bekräftigt, aus dem Lateiniſchen

Wenigſtens findet ſich der Sermon deut ſch weder in der
Jenaiſchen noch Wittenbergiſchen deutſchen Ausgabe der
Werle Luthers.

erſten Tomo ſeiner Bücher ins Deutſche ge⸗
bracht.“ Was nun der obſcure Ueberſetzer und

teln. Das Wahrſcheinlichſte iſt jedoch, der gute
Mann hat gemeint, weil der Sermon im Jahre
1545, im erſten Band der lateiniſchen Werke
Luther's mit deſſen Bewilligung aufgenommen
worden, ſo habe ihn Luther damit „beſtätigt.“
Der Mann mag nehmlich wohl ſeiner Zeit ein
Kritiker geweſen ſein, dergleichen es jetzt viele
gibt. Denn will man wiſſen, wie Luther ſeine
früheren, in jenen lateiniſchen erſten Band ſeiner
Werke aufgenommenen Schriften, alſo auch ſei⸗
nen Sermon „beſtätigt“ habe, ſo darf man
nur die Vorrede leſen, welche Luther —und das
iſt außer Zweifel gerade in dem vielgenannten

Darin heißt es unter anderm folgendermaßen:
„Ich bitte aber den chriſtlichen Leſer vor allen
Dingen, und bitte ihn um unſers Herrn Jeſu

und mit großem Mitleiden leſen wolle, und wiſ⸗

rechten unſinnigen, raſenden Papiſten einer ge⸗
weſen ſei, der in Anfang dieſer Sachen ſo voll
und trunken, ja ſo gar in des Pabſts Lehre er⸗
ſoffen, daß ich bereit wäre geweſen, zu ermorden,

zum wenigſten Gefallen daran gehabt und dazu
geholfen, daß ermordet wären worden, alle die⸗
jenigen, ſo dem Pabſt auch in den geringſten

Ein ſolcher eifriger Saulus war ich dazumal,
wie noch heutiges Tages viel ſind; und war
mit nichten ſo gar eiskalt und erfroren, das

gleichen geweſen, daß ich mich dünken ließ, daß
ſie miehr ihres Bauchs halben den Pabſt verfoch⸗
ten, denn daß ſie ihnen die Sache ſollten ernſt⸗
lich angelegen ſein laſſen. Ja, ich halte dafür,
daß ſie noch, als Epikurer, des Pabſts nur ſpot⸗

an, als der ich mich für dem jüngſten Tag äng⸗

wirſt du, chriſtlicher Leſer, in dieſen meinen
erſten Schriften finden, wie viel und

met habe, die ich hernacher und zu dieſer
Zeit für die höchſten Gottesläſterungen und
Gräuel gehalten und verdammet habe, und
alſo noch halte und verdamme. Wolleſt derhal⸗
ben dieſen meinen Irrthum oder (wie es meine
Widerſacher giftig deuten) ungleiche, widerwär⸗
tige Reden der Zeit und meiner Unwiſſenheit zu⸗
meſſen. Ich war anfänglich gar allein und,
die Wahrheit zu ſagen, ſolche ſchwere Sachen zu
handeln, allerdings ungeſchickt und viel zu unge⸗
lehrt; denn ich bin unverſehens und ohne alle
meine Gedanken und Willen in dieſen Zank und
Hader kommen, deß ich Gott ſelbſt zum Zeugen

ganrufe ... Nun ſiehe und lerne doch, chriſtli⸗

cher Lehrer, an meinem Fall, wie ſchwer es ſei,

aus ſolchen Irrthümern ſich zu wickeln oder zu!

großer Artikel ich dem Pabſt demü⸗
thiglich zugelaſſen und eingeräu⸗

Editor mit dieſer „Bekräftigung“ ſagen will, iſt
freilich mit völliger Gewißheit nicht zu ermit-

Jahre 1545 zu jenem Bande geſchrieben hat.

Chriſti willen, daß er dieſelben ganz bedächtiglich

ſen, daß ich vor dieſer Zeit ein Mönch und der

wo es in meiner Macht geſtanden, oder hätte

Syllaben nicht hätten Gehorſam leiſten wollen.

Pabſtthum zu vertheidigen, wie Eck und ſeines⸗

ten; ich aber nahm mich der Sachen mit Ernſt

ſtiglich furchte und entſatzte, und doch von Her⸗
zensgrund begehrte, ſelig zu werden. Daher,

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