Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 2 › Seite 13
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-09-29, Seite 13
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erretten, welche die ganze Welt mit ibrem Exem⸗
pel beſtätigt und durch langwierige Gewohnheit
gleich als in die Natur verwandelt ſind. Ach,
wie wahr iſt's, das man in gemeinem Sprüch—
wort ſagt: Es iſt ſchwer, dasjenige zu verlaſſen,
deß man lange Zeit gewohnt iſt .. . Ich hatte
damals“ (1519) „die beilige Schrift nun in das
ſiebente Jahr mit großem Fleiß daheim ſelbſt ge—
leſen und öffentlich gelehret, alſo, daß ich faſt al⸗
les auswendig konnte, hatte auch über dies al—
les die Erſtlinge des Erkenntniß und Glau—
bens meines HErrn Chriſti, nehmlich, daß wir
nicht durch unſere Werke, ſondern durch den
Glauben an den HErrn Chriſtum gerecht und ſe—
lig werden; ja, ich vertheidigte auch dieſes öf—
fentlich, davon ich jetzund rede, daß der Pabſt
jure divino“ (nach göttlichem Recht) „nicht wäre
das Haupt der ſchriſtlichen Kirchen. Noch gleich—
wohl konnte ich noch nicht erſehen, was aus die—
ſem ferner folget, daß nehmlich nothwendig und
gewißlich der Pabſt aus dem Teufel ſein müßte;
denn was nicht aus Gott iſt, das iſt gewißlich
und nothwendig aus dem Teufel. Nun, alſo
war ich“ (im Jahre 1519), „wie geſagt, un—
ter dem Erempel und Titel der hei⸗
ligenſchriſtlichen Kirchen ganz und
gar verſchlungen, und zum Theil auch
durch langwierige Gewohnheit mein ſelbſt Ge—
fangener . . . Daher kommt's, daß ich mit de⸗
nen ſo hart nicht zürne, die noch am Papſtthum
ſo feſt halten und hangen, ſonderlich aber mit de—
nen, die weder heilige noch unheilige Schrift ge—
leſen haben, dieweil ich ſo feſt daran gehangen,
der ich doch viele Jahre die heilige Schrift mit
großem Fleiß geleſen hatte ... Solches erzähle
ich darum, auf daß, ſo du, allerliebſter Leſer,
meine Bücher durchlaufen wirſt, dich zu erinnern
wiſſeſt, daß ich auch einer von denen bin, wie St.
Auguſtinus von ſich ſchreibet, die mit Schreiben
und Lehren zugenommen haben.“ (XIV, 428.)
Hier ſieht der liebe Lutheraner-Leſer, in wel—
chem Sinne Luther ſeine früheren Schriften und
alſo auch ſeinen Sermon von der Kraft des Ban⸗
nes vom Jahre 1518 „bekräftiget“ habe, wie je—⸗
ner obſeure Editor von 1559 ſchreibt und unſer
Herr Gegner ihm irrthümlich nachſchreibt.
Mögen denn Paſt. Grabau und die Seinen
ſich dieſe Sache, in welcher ſie, von falſchen Sie—
gesgedankeu trunken, ſo gröblich gegen die Wahr—
heit und Liebe verſtoßen haben, zur Warnung
dienen laſſen, künftighin nicht ſo voreilig abzu—
ſprechen, und, wenn ſie ja meinen, ihren Gegner
eines Fehls überwieſen zu haben, nicht ſogleich
mit dem Vorwurf boshafter Lüge, ja, mit frevel—
haftem Bann, Fluch und Gerichtdrohen heraus
zu fahren; es möchte ſonſt öfter geſchehen, daß ſie
wie in dieſem Fall, ſich endlich ebenſo ihrer Un⸗
wiſſenheit, wie ihrerverrathenen Rachſucht ſchä—
men nrüſſen und in die Grube ſtürzen, die ſie ih⸗
ren vermeintlichen Feinden graben wollten; ja,
es möchte ſonſt der Bann, den ſie gegen andere
ſo vermeſſen und lüderlich ſchleudern, endlich auf
ſie ſelbſt und ihre armen Gemeinden zurückfallen,
die ſie verleiten, ſich an ihrem ungerechten Bann
durch Zuſtimmen zu betheiligen; denn alſo
ſchreibt auf Grund göttlichen Worteß Luther
12—
ſchon im Jahre 1521: „Der ungerechte Bann
bringt nicht ſowohl dem, der äußerlich in Bann
gelegt worden, als vielmehr allein dem, der ihn
in Bann gethan hat und denen, die es
mit ihm halten, Schaden;“ in welchem
Ausſpruch Luther ſchon damals klärlich behaup—
tet, daß man es mit den ungerechten Bannein
nicht halten dürfe, ſondern ſich von ihnen tren—
nen müſſe, wolle man nicht ihrer Sünde und ih—
rer gewiſſen Strafe theilhaftig werden. (XIX,
1121.) Merkwürdig iſt hierbei übrigens, daß
Luther jene Theſis auch aus dem kanoniſchen
(Päbſtlichen) Rechte beweiſen konnte; denn ſelbſt
in dieſem Recht heißt es: „Unerlaubter Bann
verletzt den damit Betroffenen nicht, ſon—
dern verdammt den Bannenden.“
(Vergl. conk. cath. Gerhardi, f. 715.) Mögen
ferner unſere Herren Gegner der Gnade Gottes
Raum geben und durch ein aufrichtiges Bekenut—
niß ihres Unrechtes das angerichtete Aergerniß,
ſo viel an ihnen iſt, tilgen und damit öffentlich
Zeugniß geben, daß ſie für ibre Sünde auch bei
Gott Gnade geſucht und gefunden haben. Mö—
gen ſie endlich erkennen, daß ihr Irrthum in Be—
treff des Bannes lediglich in ihrer falſchen Lehre
von der Kirche wurzelt; denn würden ſie mit un—
ſeren Symbolen feſthalten, daß die Kirche, wenn
man eigentlich' von ihr ͤreden will, die Ge—
meinde der Heiligen iſt, welche wahrlich nicht
Kinder Gottes ungerecht in den Bann thun
wird, ſo würden ſie nicht behaupten, daß man bei
den ungerecht Bannenden verbleiben, dies als
eine Schwachheit dulden und des Genuſſes der
Gnadenmittel beraubt bleiben müſſe. Ein leicht—
fertiger oder fanatiſcher Prediger mag wohl un—
gerecht bannen und ſeine Getreuen; von denen
muß man ſich aber dann, wenn ſie nicht Buße
thun, trennen; thut man das, ſo trennt man ſich
nicht etwa von der Kirche unter ſolchen Ty⸗
rannen, (da eben die Kirche nicht ungerecht
bannt,) ſondern allein von jenen Tyrannen und
ihren Conſorten, alſo von der falſchen Kirche,
die die heiligen Schlüſſel nur mißbraucht. Mit
der wahren Kirche unter denſelben bleibt man
dann doch im Geiſt und Glauben verbunden.
Doch hierüber gedenken wir etwa in nächſter
Nummer einen alten lutheriſchen Theologen an
unſerer ſtatt reden laſſen, der es ſchon vor bei—
nahe 200 Jahren den Jeſuiten bewieſen hat,
daß man ſich und in wiefern man ſich um unge—
rechten Bannes willen trennen könne und ſolle.
Schließlich bitten wir die lieben Leſer drin—
gend, ſie wollen doch über dieſe unerquicklichen
Auseinanderſetzungen nicht unwillig werden.
Wie werden dergleichen Sachen nicht leicht wie—
der ſo ausführlich behandeln, ſondern, nachdem
wir nun an einem Beiſpiele gezeigt haben, wie
unſere Herrn Gegner bei ihren Citaten verfah—
ren, es künftighin dabei bewenden laſſen, das
Falſche ſo kurz als möglich anzuzeigen und dann
die Herren ihrem Schickſal zu überlaſſen. Ein⸗
Paſtor Grabau hat freilich über unſere Unterſcheidung
der Kirche im eigentlichen und uneigentlichen Sinne öffentlich
in ſeiner Synode geſpottet, wahrſcheinlich weil es ihm nicht
gleich gegenwärtig war, daß dieſe Unterſcheidung ſymboliſch iſt
und ſchon in der Augsburger Conſeſſion angewendet wird.
mal war ein ſo ausfübrlicher Nachweis nöthig,
und derſelbe wird hoffentlich wenigſtens die
Frucht haben, daß unſere Gegner nicht mehr mit
Schein Luthers Lehre vom ungerechten Bann,
die ſo wichtig iſt, zu verkehren im Stande ſein
werden, ſei es nun aus Unwiſſenheit, oder aus
böſem Willen.
Es ſind übrigens noch eine Maſſe Beſchuldi⸗
gungen und Andichtungen in dem von Rohr-
ſchen Auffatze, (z. B. ſollen wir ein Koſſuth- und
Kinkel-Mann ſein, weil wir behauptet hatten, daß
die Prediger auch die Gottloſigkeiten der Fürſten
ſtrafen ſollten! ꝛc.), welche aber ſo albern ſind,
daß wir ſie unmöglich einer Antwort würdigen
können.
Ob die Miſſion (d. i. die Predigt
des Evangeliums unter den Heiden)
hent zu Tage noch nöthig iſt.
Fort ſetzung.
Als ich vor einiger Zeit in No. 1. des In⸗
formatoriums den Aufſatz, überſchrieben: „Die
ſogenannten heutigen Miſſionare oder Apoſtel,“
las, ſo gedachte ich alsbald eingehend darauf
zu antworten; denn obwohl Herr Pſt. Grabau.
in dieſem Artikel zugiebt, daß das die rechtt
chriſtliche Liebe nicht iſt, die da „Jüren, Hei—
den, Papiſten und andre Sectirer in ihren Irr⸗
thümern dahinlaufen läßt und ſie verabſcheute!
ſo iſt doch gar manches darin, das wenigſtens
einer näheren Erörterung bedarf, und nicht ſo
ohne Weiteres als Schriſtwahrheit hingenen- 4
men werden kann. Ich wurde indeſſen ven
Krankheit aufgehalten, und bekam inzwiſchen
den „Lutheraner“ No. 24. in die Hände, in
welchem die Miſſionspredigt des Paſt. Nagtl.
auf dem Miſſionsfeſt zu Leipzig gehalten, ab—
gedruckt iſt. Dieſe Predigt nun überhebt mich
einer eingehenden Antwort auf dieſen Artikel.
Nicht als ob dieſe Predigt den betreffenden Ar⸗
tikel berichtigte, das wäre nicht gut möglich.,
Dazu ſtreiten Gottesgelehrte in Deutſchland
nicht darüber, ob die Predigt des Evangeliums
unter den Heiden heutzu Tage noch nöthig ſei vder
nicht. Das iſt ihnen eben ſo ausgemacht 4
gewiß, wie daß die Predigt des Evangeliums
unter den Chriſten noch nöthig iſt. Die Pre⸗
digt des Evangeliums unter aller Creatur, folg⸗
lich unter Chriſten und Nichtchriſten, bleibt eben
nöthig bis auf den jüngſten Tag, und nur hier
im Land der Ertreme, kann darüber ein Streit
entſtehen. Aber dieſe Predigt ſpricht in einer
ſolchen Weiſe von der Miſſion, daß wer ſie mit
Aufmerkſamkeit geleſen hat, wohl nicht mehr fra⸗
gen wird, ob die Miſſion noch nöthig ſei. Auf
dieſe Predigt will ich ſomit einen jeden hinge⸗
wieſen haben, und mich damit begnügen nur
auf den Anfang und auf das Ende des Aufſatzes
kurz zu antworten.
Gleich der erſte Satz im genannten Artikel
lehrt, daß das „Miſſionsweſen aus dem Papft⸗
thum herrühre.“ Dieſer Satz nun iſt durchaus
abzuweiſen und zwar, wenn es keinen beſſem
Grund gäbe, ſchon auf Grund der Geſchichte.
Und ich ſollte meinen, Herr Pſt. Grabau wuͤrk
mit der Geſchichte der Ausbreitung der Kirche,
lange vor der Exiſtenz des Papſtthums zu gut
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