Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 2 › Seite 11

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-09-29, Seite 11

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gegen ſeine Leſer wieder ſo dienſifertig, die we⸗
nigen Wörtlein hinzuzuſetzen: „Verſtehe den
Bann der chriſtlichen Kirche, der nach Chriſti
Ordnung Matth. 18. rechtmäßig vollzogen, er
mag dich gerecht oder ungerecht drücken oder
treffen.“) Der liebe Mann mochte wohl ah—
nen, daß kein Menſch in der Welt die Worte
Luther's ſo verſtehen würde, wie er ſie verſtan—
den wiſſen will; darum ſetzte er zu beiden
Stellen ſein „Verſtehe“ hinzu; denn welcher
Menſch, wir wollen nicht ſagen, bei chriſtlicher
Erkenntniß, ſondern nur bei geſundem Verſtan⸗
de, wird ſagen, daß ein ungerechter Bann
rechtmäßiger Weiſe geſchehen und ergan—
gen“ ſein könue nach Chriſti Ordnung Matth.
18.? Wir wollen unſerem Gegner nicht Böſes
mit Böſem vergelten und dieſe Verkehrung ei—
nen böswilligen Betrug nennen, wie er uns
immer unterſchiebt; man ſieht aber hieraus ſo
viel offenbar, zu welchen Abſurditäten parthei⸗
iſcher rechthaberiſcher Kampf führt. In ſol—
chem Kampfe wird man ſo blind, daß man die
einfachſten Begriffe nicht mehr von einander un⸗
terſcheiden kann; denn was iſt allgemeiner be—
kannt, als der Unterſchied zwiſchen ordentlich
und rechtmäßig? Wer weiß nicht, daß
wohl etwas nach der Ordnung ergangen
ſein kann, ohne rechtmäßig vollzogen zu
ſein — wer weiß aber nicht, daß etwas eben
nicht rechtmäßig vollzogen iſt, wenn bei
aller äußerlicher Beobachtung der vorgeſchriebe⸗
nen Ordnung doch jemandem ſchreiendes Un—⸗
recht gethan, die Liebe des Nächſten verletzt
und wider Gottes heiligen Willen gehandelt
wird? Anſtatt ſeine Gloſſen und ſeine
„Verſtehe“ zu Luther's Worten hinzuzuſetzen,
hätte unſer Herr Gegner es ſich lieber leicht
machen und Luther's Auslegung hinzuſetzen
ſollen, wenn er ja meinte, der Leſer möchte ſonſt
Luther's klare Worte nicht recht verſtehen. Z.
B. zu dem erſten Zeugniſſe hätte unſer Gegner
die dort bald folgenden Worte Luther's zur Er⸗
klärung hinzuſetzen können: „Siehe, das heißt
die rechte catholica gemeine Chriſtliche Kirche,
die wird uns gewißlich nicht in Bann
thun, noch verfolgen, ſondern unſere Lehre
von Herzen gerne annehmen und beſtätigen, und
uns für ihre lieben Brüder halten. Ob uns
aber daneben der Pabſt verbannet und zur Höl⸗
len urtheilet, das können wir fröhlich tragen
und verachten; warten aber des Nichters vom
Himmel unſers Herrn und Heilandes, der uns
ſcheide, und uns zuſpreche und gebe den rech—
ten Namen der Kirche (welchen ſie jetzt uns
nehmen,) und ſie öffentlich darſtelle als des
Teufels Braut, aus ſeinem Reich ewiglich ab⸗
geſondert und verſtoßen.“ Auch zu dem ande—
ren Zeugniſſe Luther's wäre wohl eine Gloſſe
von Luther ſelbſt zu reicherem Verſtändniß zu
finden geweſen, wenn ſie nur unſer Herr Geg⸗
ner hätte zu ſuchen ſich die Mühe nehmen wol⸗
len. Er hätte z. B. dieſe auch dort einige Zei⸗
len weiter unten folgenden Worte Luther's noch
anführen können: „Darum iſt des Pabſts Ty⸗
rannei deſto mehr zu verfluchen, welcher des
Bannes gemißbraucht hat, auch wenn ein

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armer Mann auf einen gewiſſen und beſtimm⸗
ten Tag nicht alsbald hat können bezahlen,
ja, auch wenn man ſeine Satzungen nicht
gehalten, als, wenn einer nicht gefaſtet, nicht
gebeichtet ꝛc. hatte. Zum andern iſt es ge⸗
wiß, daß des Pabſtes Bann nicht des HErrn
Chriſti Bann iſt, weil er nicht nach Chriſti Ein⸗
ſetzung geſchieht, noch vorgenommen wird; da—
rum gilt er auch im Himmel nichts. Aber
gleichwohl bringet es dem, der dieſes Befehls
der Kirche mißbraucht, gewiſſen Schaden
und Untergang. Denn es iſt eine ſolche Sün—
de, damit Gottes Name geläſtert wird.“ (VI,
2407.) Es iſt freilich eine ſtarke Zumuthung,
daß unſer Herr Gegner dieſe Auslegungen der

Worte Luther's von Luther ſelbſt ſeinen eige—

nen hätte vorziehen ſollen, denn damit hätte er
ja ſeine Behauptungen ſelbſt umgeſtoßen; allein
die Wahrheit iſt mehr werth, als das Rechtbe—
halten! Der Leſer darf aber auch nicht denken,

vielleicht hätte unſer Gegner andere Ausſprüche

Luther's hinzuſetzen können, die ſich in den ſpä—
teren Schriften deſſelben vorfinden und die es
ausſprechen, daß der ungerechte Bann einer Ge—
meinde kein Recht gebe, ſich von ihr zu trennen.
Nein; denn erſtlich iſt's ja ſchon an ſich ein Wi—
derſpruch, zu ſagen, man dürfe ſich nicht von
einer Gemeinde trennen, welche einen ungerecht
in den Bann gethan, das heißt, aus ihrer Ge—
meinſchaft ausgeſchloſſen hat. Das heißt ja
nichts anderes, als, man müſſe in dem Hauſe
bleiben, aus welchem man ungerechter Weiſe
ſchon hinausgeworfen worden iſt! Solchen Un⸗
ſinn hat Luther natürlich nie gelehrt. So—
dann iſt aber auch unſer Luther nicht ſo ver—
geßlich oder zweizüngig, daß er auf der einen
Seite vom ungerechten Baun ſo geſchrieben ha—
ben ſollte, wie oben angezogen, und daß er auf
der nächſten Seite das Gegentheil zugegeben
haben ſollte. Endlich aber weiß der, welcher
Luther's Schriften etwas genauer kennt, daß in
den ſpäteren derſelben von dem, was unſer Herr
Gegner behauptet, auch nicht ein Buchſtäblein
zu finden iſt, und daß unſer Herr Gegner nur
dadurch ſeiner Behauptung, als ſtimme Luther
mit ihm, bei unberichteten Leſern einen Schein
gemacht, daß unſer Herr Gegner ſeine eigenen
Worte daran geflickt, ja, Seite 19. ſeine (un⸗
ſeres Gegners) Worte mit Redezeichen verſehen
hat, ſo daß der einfältige vder auch nur unauf—
merkſame Leſer glauben muß, dies ſeien Lu⸗
ther's Worte! Wir wollen nicht urtheilen,
wie dies anzuſehen iſt: wir laſſen hierüber das
Urtheil Gott, der allein das Herz ergründen und
die Nieren prüfen kann. Jer. 17, 9, 10. Hr.
Pſt. v. Rohr hat die Rede zwar künſtlich ſo ge—
ſtellt, daß einem ſcharfſichtigen Leſer die Annah—
me, er (Hr. Pſt. v. Rohr) habe die Worte für
ſein eigenes Summarium angeſehen wiſſen wol⸗
len, noch möglich bleibt; unſer Hr. Gegner hat
ſich daher zwar noch eine Hinterthür zu ſeiner
Vertheidigung gelaſſen, wenn die Sache aufge⸗
deckt werden ſollte; aber, wie geſagt, der HErr
ſelbſt, der Herzenskündiger, mag richten, warum
unſer Gegner ſeine Worte mit Zeichen einer
fremden Rede verſehen und dadurch, wie wir

bereits erfahren haben, ſelbſt theologiſch gebil⸗
dete Männer auf die Gedanken gebracht hat, coͤ
ſei dies wirklich ein Citat aus einer ſpäneren!
Schrift Luther's, nehmlich aus der Auslegung!
von Joh. 16. vom Jahre 1538. Dit Wotte 3
Hrn. v. Rohr's ſind folgende: „biſt du unge⸗
recht gebannt, ſo ſiehe zu, ob es von der rechten!
oder von der falſchen Kirche geſchehen iſt; den !
Bann der falſchen Kirche achte nichts, aber den
auch ungerechten Bann deiner Mutter, der
wahren Kirche, verachte bei Leibe nicht, ſondem
dulde ihn,“ ꝛc. Vor dieſe ſeine eignen Woiſe
ſetzt aber Herr Pſt. von Rohr die folgendent
„Luther) lehrt im Gegentheil über dieſe
Worte Chriſti Joh. 16, 2. 3. in ſeiner Ausle⸗
gung des ganzen 16. Capitel Th. 5. Alten⸗1
burg. A. S. 181.: „biſt du ungerecht gebann“
ꝛc., wie oben angegeben. Zwar ſchreibt hirrauf
nach einer Zwiſchenrede Herr Paſt. von Rohr:“
„So lauten Lutheri Worte,“ und nun läßt er
Luther's eigene Worte folgen. Aber wie wenigt!
Leſer wird es geben, die aus dieſen ſpätertn!
Worten den Verdacht ſchöpfen, daß die vorigen,1
mit den Zeichen fremder Rede ver⸗
ſehenen, Worte, nicht, wie angegeben, Lu⸗
ther's, ſondern Hrn. v. Rohr's eigene Worte!
ſeien!! — Wir würden dieſe Sache auch nicht!
einer Bemerkung gewürdigt haben, wenn eoͤ nicht
augenſcheinlich wäre, daß vielleicht die meiſen
Leſer dadurch verführt werden könnten, Luthern
eine Lehre unterzuſchieben, an die er ſpäter, als
er zur vollen Erkenniniß gekommen war, nie ge⸗
dacht hat, geſchweige daß er ſie öffentlich in!
Schriften gelehrt haben ſollte. — ö
Herr Pſt. von Rohr ſucht zwar zu beweiſen,
daß Luther ſeinen Sermon von der Kraft desa
Bannes vom Jahre 1518, in welchem Luther“
noch eine ähnliche Lehre von dem ungerechtens
Bann vorgetragen hat, wie die Grabauiſhe
Fraktion, noch im Jahre 1545, alſo 27 Jahm!
ſpäter, ein Jahr vor ſeinem Tode, mit einer
Vorrede herausgegeben und darin &
auf's neue beſtätiget habe. Worauf grün⸗
det aber unſer Hr. Gegner ſeine Behauptung?;
Darauf, daß es in dem Ergänzungstheile der.
Altenb. Ausgb. von Luther's Werken vom J.
1702, S. 116. von dem bezeichneten Sermen!
heiße: „Und iſt ſolcher Sermon 1545 des Jah⸗
res vor ſeinem Abſterben zuvor bekräftigt.“
Weil nun Hr. v. Rohr in ſeiner Unwiſſen⸗
heit wirklich im Ernſt meint, es ſei ſo, ſo beutel
auch natürlich dieſer Herr nach bekannter Gra!
bauiſcher Manier ſeine angebliche Entdeckung!
nach Herzens Luſt aus, fällt über den armn
Redakteur des „Lutheraner“ ſichtlich mit den
ſüßen Gefühle her, ſeinen heißen Racheduſt
einmal ſtillen u. ſich an der ſchändenden Schau⸗
ſtellung ſeines Opfers an dem Halseiſen ſeints!
Informatorium-Schandpfahls weiden zu kön⸗3
nen, und ruft nun mit triumphirender Miene 3
aus: „Sehen wir hier nicht Gottes Gerich!“
Wer wird hier nicht an das Davidiſche Gebei 1
erinnert: „Laß ſie nicht ſagen in ihrem Herzen:
Da, da! das wollten wir. Laß ſie nicht ſa⸗
gen: Wir haben ihn verſchlungen.“ Pſ. 35, 25.
Arme Menſchen! geſetzt wir hätten uns in dir⸗

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