Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 18 › Seite 145
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-04-27, Seite 145
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Gunſt und Abgunſt der Perſonen, im Auge be—
haltenden Leſer klar genug erſichtlich, daß der
Schreiber des „Koſſuth-Fiebers“ in Hinſicht auf
Hrn. P. Stohlmann keine böswillige Abſicht ge—
habt hat. Dr. W. Sihler, P.
Fort Wayne, 7. März 1852.
Blumenleſe aus dem „Herold.“
SEo heißt es in der 24. Nummer des lau⸗
fenden Jahrgangs: „Es läßt ſich auch aus an—
deren unzweideutigen Aeußerungen des Erlöſers
darthun, daß ihm die Idee ganz fremd war,
ſeine Kirche als eine Art Polizeiſtaat zu betrach—
tn, in welchem die Uebertretung der geſetzlichen
Ordnung gerügt und beſtraft werden und die
ltzte Strafe der bürgerliche Tod, die Aus⸗
1eung. aus der Gemeinde, ſein ſoll⸗
1.“ — Das iſt ein Evangelium, wie es die
Michlnge unter den Predigern und die Unbuß⸗
firigen unter den Laien gern hören. Ach,
daß Gott darein ſehen und anſtatt ſolcher Kiſ⸗
ſen-und Pfühle-Macher (Heſek. 13, 16—23.)
unſerer armen amerikaniſch-lutheriſchen Kirche,
in welcher die Kirchenzucht ſo gar im Argen und
vor allem der Bindeſchlüſſel ſo gar im Winkel
liegt, Männer geben möchte, die ihre Stimme
vie eine Poſaune erheben und dem Volke ſeine
SZünde verkündigen! Vergl. 1. Cor. 5, 13.
und das ganze Capitel.
Cbendaſelbſt heißt es: „So bin ich z. B. bei—
läufig mit den Obigen“ (den Lutheranern) „in
der Lehre vom heil. Abendmahle ganz einver—
ſanden; aber das kann ich nicht leiden, daß ſie
hei der Verwaltung an den gewaltigen Worten
des Erlöſers nicht genug haben,“ (2) „ſondern
nſeten wahre““ und es damit beſſer zu ma⸗
ben ſich vorklügeln.“ — Iſt's doch, als hörte
nan hier einen Cryptocalviniſten reden; denn
nur dieſen iſt es bisher anſtößig geweſen,
raß die Lutheraner veben um ihretwillen ſagen:
Das iſt der wahre Leib ꝛc. und ſich damit
tben nur zu den „gewaltigen Worten des Er—
lſers,“ als zu Worten, die ſie für wahr halten,
bekennen. Aber geſetzt, der Schreiber wäre auch
kin Cryptocalviniſt, ſo iſt es deſto betrübter,
daß er ſeine Glaubensbrüder wegen einer Praris
angreift, die die meiſten rechtgläubigen Kirchen
ſhon ſeit Jahrhunderten gehabt haben, und,
vit er wiſſen ſollte, nicht, um etwas zu Chriſti
Verten hinzu zuſetzen, ſondern um bei
Chriſti Worten zu bleiben. Ein Chriſt muß
ſch auch da des Bekenntniſſes zur reinen Lehre
licht ſchämen, wo es den Verfälſchern der Wahr—
heit leicht iſt, vor dem unwiſſenden Volke den
Lerdacht des Abgehens von Gottes Wort auf
ihn zu bringen; denn wie ſich der Irrthum auch
ſchmücken mag, endlich wird er doch entlarvt,
ind wie die Wahrheit und das redliche Bekennt—
uif zu ihr auch mit Schmutz beworfen und ent⸗—
ſlt werden mag, endlich wird und muß die
Vahrheit doch ſiegen.
Merkwürdig iſt es, daß der liebe „Herold“
auf den im „Lutheraner“ erſchienenen Artikelvom
goſſuthieber ſo grimmig über den Schreiber
— 143——
berfällt, als hätte der letztere nicht einen armen
Menſchen, ſondern unſren lieben HErrn Gott
ſelbſt angegriffen. Aber ſo geht es oft; wenn
unſer HErr Gott angegriffen wird, da kann man
„nach der Liebe“ durch die Finger ſehen; tritt
man aber einmal einem Menſchen auch nur aus
Verſehen oder, durch Verleumdungen Anderer
dazu verleitet, zu nahe, dann möchte man Him—
mel und Erde wider ſolchen unerhörten Frevel
in Bewegung ſetzen. Das Kläglichſte aber hier⸗
bei iſt dieſes, daß der „Herold“ mit faſt allen
„chriſtlichen“ hieſigen Zeitungsſchreibern früher
ſelbſt Koſſuth's gottloſes Treiben hochgefeiert
hat und nun, da Herr Paſtor Stohlmann eben
dieſer Huldigung auf einen öffentlichen gedruck—
ten Bericht hin irrthümlich bezüchtigt wird, gegen
den Schreiber dieſer Beſtrafung als gegen einen
„ſauberen“ Burſchen, ja, Böſewicht auftritt, der
ans verſtockter Bosheit einen ehrlichen Mann mit
dem Geifer beiſpielloſer Verleumdung beſudelt
habe. Hält der „Herold“ die im „Lutheraner“
(in jenem Aufſatze „das Koſſuthfieber“) von un⸗
ſerem theuren und treuen Bruder Sihler ver—
theidigte lutheriſche Lehre von der Obrigkeit für
wahr, ſo mußte er, wenn er chriſtlich handeln
wollte, ſagen: Lieber Bruder, du irrſt; freue
dich, Paſtor Stohlmann iſt weit entfernt, eine
gottloſe Sache als eine „heilige“ zu feiern und
ſich von dem Strome des Zeitgeiſtes mit fort—
reißen zu laſſen; die New Rorker Staatszeitung
hat gelogen; du wirſt daher gewiß mit Freuden
Paſtor Stohlmann öffentlich rechtfertigen und
das irrige Zeugniß über ihn, dazu dich jener
Lügenbericht verleitete, widerrufen. Hält der
„Herold“ hingegen ſeine frühere falſche Anſicht
von der Rechtmäßigkeit der Keſſuthſchen und
ähnlicher Agitationen zur Förderung der Revo—
lution für wahr, ſo mußte der „Herold“ als ehr—
licher Mann ſagen: Lieber Bruder, du irreſt;
Herr Paſtor Stohlmann iſt, leider! noch nicht
ſo aufgeklärt, um für Koſſuth's heilige Sache
zu beten. Doch genug und mehr als genug
hiervon! Helfe der barmherzige Gott, daß doch
endlich einmal Ehrlichkeit, Unpartheilichkeit und
jenes einfältige Auge, das allein auf die Wahr—
heit und Gottes Ehre ſieht, den Kampf leite und
daß inſonderheit chriſtliche Zeitungsſchreiber fort
und fort das Wort der Schrift vor Augen und
im Herzen haben: „Wollt ihr Gott vertheidigen
mit Unrecht, und vor ihm Liſt brauchen?“ Hiob
13, 7.
Ein Märtyrer der evangeliſchen Kirche
war Gilius von der Banner, ein rei⸗
cher, angeſehener und frommer Kaufmann zu
Antorff in den Niederlanden. Die evangeliſche
Gemeinde daſelbſt hatte ihn mit etlichen andern
abgeordnet, um erfahrne, eifrige Männer aus
Deutſchland zu berufen, welche die Reformation
in Antorff einführen ſollten. Als er nun wie⸗
der nach Hauſe gekommen war und die päbſtli—
chen Ketzermeiſter ſeine Rückkehr erfahren hatten,
ließen ſie ihn des Nachts-mit Gewalt aus ſei—
nem Hauſe holen und in das Gefängniß „Auf
em Stein“ ſetzen. Am Morgen kamen etliche
Mönche und befragten ihn, ob er die lutheriſche
Lehre verdammen und ſich wieder zur römiſchen
Kirche begeben wolle, wobei ſie ihn, um ſeine
Standhaftigkeit zu erſchüttern, im Falle der Wei⸗
gerung mit einem ſchrecklichen grauſamen Tode
bedroheten. Er'antwortete, Luthers Lehre halte
er in ſeinem Herzen für die ewige göttliche Wahr⸗
heit, darum könne und wolle er ſie nicht verdam⸗
men; ihre Abgötterei aber müſſe er nach Gottes
Wort verwerfen. Hierüber ward der Ketzermei⸗
ſter zornig und ließ ihm durch den Henker mit
einer hölzernen Keule beide Schenkel zerſchmet⸗
tern, in der Meinung, ihn durch ſol che Marter
von der erkannten und bekannten Wahrheit ab⸗
zuführenz er blieb aber durch Gottes Gnade
beſtändig und ſang mit lauter, fröhlicher Stimme
ſchöne herrliche Pſalmen, daß die Leute auf der
Gaſſe es hören konnten. Des anderen Tages
kamen die Peiniger wieder und fragten, ob er
ſich bekehren wolle. Er ſprach: „Ich danke Gott
von Herzen, daß er mich bekehret hat; wollet
ihr nicht ewig verloren ſein, ſo möget ihr euch
auch bekehren.“ Darauf mußte ihm der Henker
mit der Keule beide Arme entzweiſchlagen; der
Gemarterte aber hielt an am Lobe Gottes und
war fröhlich in all ſeiner Qual, welche noch durch
Entziehung von Speiſe und Trank vermehrt
wurde. Am dritten Tage ward er von neuem
zu Widerruf und Buße vermahnt, da er aber
blieb wie vorhin, wurde ihm der Rücken und die
Rippen im Leibe mit der Keule zerknirſcht und
zerſchlagen. Endlich am vierten Tag, weil er
wie ein Fels auf ſeinem Bekenntniß ganz unbe—
weglich ſtund, mußte ihm der Henker Haut und
Haare vom Kopf reißen und zuletzt heißes Blei
in den Hals ſchütten, darüber Gilius ſeinen
Geiſt ſelig aufgab.
Dieſe bewegliche Geſchichte erzählt Dr. Schlüſ⸗
ſelburg, Paſtor zu Antwerpen, in ſeiner Poſtille
über das Evangelium am Sonntag Cxaudi.
Fraget ihr, lieben Leſer, wie es möglich ſei,
daß ein Menſch ſolche Martern erdulden und
dennoch getrosſt und ſtark am Geiſte dabei blei—
ben könne, ſo möget ihr die Antwort in 2. Ko⸗
rinth. 12, 9. 1. Joh. 4, 4 u. 5, 4 ſelbſt aufſu⸗
chen. Wollet aber ftatt einer unfruchtbaren
Verwunderung über ſolche und ähnliche Erwei—
ſungen der göttlichen Kraft und Gnade in armen
und ſchwachen Menſchenkindern oder einem zür—
nenden Eifer gegen ihre Peiniger euch hinzuge⸗
ben, lieber bedenken, daß von Märiyrern ge⸗
ſchrieben ſteht: „Folget ihrem Glauben nach.“
Sehet doch, wir genießen die Früchte ihrer Blut—
und Thränenſaaten. Denn wären die Chriſten
der erſten Jahrhunderte in den Bedrängniſſen,
die ſie um ihres Glaubens willen zu erdulden
hatten, ſchwach und muthlos geworden, was
würde aus dertchriſtlichen Kirche geworden ſein?
Und hätten die theuern Bekenner, welche Gott
zur Zeit der Kirchenreformation erweckte, ſich
durch die Wuth der Feinde und die Qual der
Martern ſchrecken laſſen, ſo wäre die reine Lehre
bald wieder unterdrückt worden. Uns hat Gott
das Bekenntniß der Waheheit ſo leicht gemacht;
wir haben weder Trüdſal, noch Angſt, noch Ver⸗
folgung, noch Hunger, noch Blöße, noch Fähr⸗
ö
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