Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 14 › Seite 113
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-03-02, Seite 113
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des göttlichen Wortes, daß die Zahl der von
ihm Getauften wohl auf 100,000 ſtieg. Mit
unermüdeter Thätigkeit ſammelte er dieſe in Ge⸗
meinden, ſetzte ihnen Pfarrer, ſo gut er ſie haben
konnte, ließ Kirchen bauen, ſuchte Zucht und
Ordnung einzuführen, bewog zahlreiche Brüder
und Schweſtern, aus England herüberzukom⸗
men und ihm das übervolle Netz ziehen zu hel⸗
fen, ſtiftete Klöſter als Pflanzſchulen, nament⸗
lich das zu Ohrdruf, um aus den Landes⸗
eingeborenen Seelſorger und Pfarrer heranzu—
bilden. Von den Kirchen, die er erbauete, ſteht
wohl noch die eine oder die andere. Die erſte ſoll
die zum Altenberge im Thüringer Walde.
geweſen ſein, deren Stätte chriſtliche Dankbar⸗
keit im Jahre 1811 mit einem ſchönen Denkmale
geziert hat.
Wenn man dieſe außerordentlich großen und
raſchen Erfolge, welche Bonifaeius namentlich
in Thüringen erlangte, mit dem langſamen Vor⸗
ſchreiten der heutigen Heidenbekehrung vergleicht,
ſo kann man leicht dazu kommen, entweder die
Ungeſchicklichkeit und Kraftloſigkeit der letztern
anzuklagen oder jenen zu beſchuldigen, als habe
er ſich mit einer bloß äußerlichen Bekehrung be⸗
gnügt. Allein beides iſt unrecht. Die heutige
Miſſion ſteht noch in ihren Anfängen und hat
es mit viel geſunkenerem Heidenthum zu thun,
Bonifacius vollendete dagegen ein ſchoͤn Jahr—
hunderte lang vorbereitetes und getriebenesWerk,
und Männer, wie er war, bringt auch nicht je⸗
des Jahrhundert hervor. Jene Tauſende, die
er taufte, waren freilich eben ſo wenig, als heute,
lauter vollendete Chriſten, aber ſie beugten ſich
doch nun unter chriſtliche Wahrheittund Ord⸗
nung. Daß aber wirklich damals eine mächtige
Erweckung das Volk ergriffen haben muß, er⸗
hellet nicht blos aus den noch vorhandenen Zeug—
niſſen, ſondern auch aus dem Umſtande, daß in
Zeit von 50 Jahren Geiſt und Sitte des deut—
ſchen Volkes völlig vom chriſtlichen Weſen durch—
drungen erſcheint. Freilich konnte nicht Jeder
leſen lernen, weil es keine gedruckten Bücher gab,
und nur wenige Geiſtlichen mögen Etwas mit
der Predigt haben ausrichten können, deſto eifri⸗
ger hielten ſieh aber auf Einführung chriſtlicher
Sitten und auf Erlernen der Hauptſtücke des
chriſtlichen Glaubens und hatten dazu an der
Beichte ein wenigſtens eben ſo wirkſames Mit⸗
tel, wie wir an der Predigt. Ein herrlicher
Eifer ſürs Evangelium und fürs Reich Gottes
muß aber damals England erfüllt haben und
der Hauptherd desſelben ſcheinen die Klöſter ge—
weſen zu ſein. Mit rührendem Werteifer half
die engliſche Kirche mit Sendboten, Briefen,
Geldgeben, Büchern und Gebet an der Bekeh⸗
rung der deutſchen Stammesgenoſſen. In
rührenden, von evangeliſcher Schrifterkenntniß
durchdrungenen Briefen dankt und bittet Win⸗
frid. Man merkt ihm an jedem Worte an, wie
ihm die ihm anvertraueten Heiden auf dem Her⸗
zen liegen. Er geht freilich mehr darauf aus,
ſie von den todten Götzen zu dem lebendigen
Gott und zur Gemeinſchaft der katholiſchen Kir⸗
che zu bekehren, als ſie von ihren Sünden zu
erlöͤſen und im Blute des Lammes zu reinigen.
— 110—
Allein man würde ſehr irren, wenn man die
Verirrungen und die Erſtorbenheit der ſpätern
Kirche ſchon in der damaligen Zeit voraus—
ſetzen wollte. Die Anbetung der Heiligenbilder
wurde z. B. noch 50 Jahre ſpäter durch eine
Synode als Aberglaube öffentlich verworfen; der
engliſche Biſchof Daniel nennt ſich einen „Diener
des Volkes Gottes; in der ganzen deutſchen
Geiſtlichkeit erhielt ſi ſich noch über 190 Jahre lang
ein unabhängiger Sinn, der erſt ſchwand, als
in den zerrüttenden Stürmen des Reiches die
Kirche ſich mehr und mehr an den Papſt anſchloß,
um eine Zuflucht in der allgemeinen Unſicher—
heit zu haben. Als Zeugniß für den lebendigen
evangeliſchen Geiſt von damals möge hier ein
Auszug aus etlichen Briefen Winfrids an die
Aebtiſſinn Eadburga in England ſtehen.
„Der ehrwürdigſten und in Chriſto geliebte—
ſten Aebtiſſinn Eadburga wünſcht der unwürdige
und geringe Diener immerwährendes Heil in
dem Herrn.
Ich beſchwöre Deine Huld mit den henlichſen
Bitten, daß Du meiner gedenkeſt in Deinen hei⸗
ligen Gebeten, wie mir durch unſern zurückkeh⸗
renden Bruder N. Deine Güte freundlich ver—
ſprochen hat. Mit dringender Bitte flehe ich
Dich an, das Schiff meiner Gebrechlichkeit, wel⸗
ches täglich durch die Sturmwirbel dieſer Welt er—
ſchüttert wird, durch die Beihülfe Deiner Feſtigkeit
zu ſtützen, indem Du mich gegen die giftigen
Pfeile des alten Feindes ſchützeſt durch Deine
Fürbitten. Als Zeichen meiner Erkenntlichkeit
überſende ich Dir einen ſilbernen Schreibgriffel
und ein wenig Storar und Zimmt und wenn
Du mir durch den Überbringer dieſer Zeilen
Ceola Etwas befehlen willſt, ſo werde ich es nach
unſerer geiſtlichen Verbrüderung beſtens auszu—
richten ſuchen. Ich habe allenthalben Arbeit,
Trübſal, Kampf und Furcht, denn die Hinter—
liſt der falſchen Brüder übertrifft noch die Bos⸗
heit der Heiden. Möge daher die einzige Zu—
flucht der Mühſeligen, das Lamm Gottes,
welches der Welt Sünde trägt, mit
ſeiner Rechten unter den Wölfen mich unver—
letzt bewahren, damit nicht ſtatt der Leuchte des
evangeliſchen Friedens in unſern Händen die
finſtern Spuren irrender Abtrünnigen gefunden
werden. Wahrhaft getröſtet haſt Du mich in mei⸗
nen deutſchen Pathmos mit geiſtlichem Lichte
durch das Geſchenk an den heiligen Schriften.
Denn wer die finſtern Winkel der deutſchen
Stämme ohne Gottes Wort als Leuchte ſeines
Fußes durchforſchen will, der muß in Stricke des
Todes fallen. So bitte denn auch den Herrn
für die Bekehrung der Heiden, die mir der apo⸗
ſtoliſche Stuhl übergeben hat, und daß er mir
ſchenke ein freudiges Aufthun meines Mundes.
Endlich laß mir doch die Briefe Petri mit golde-
nen Buchſtaben abſchreiben, damit die heiligen
Schriften den fleiſchlichen Augen mehr Ehrfurcht
einflößen“.
(Schluß folgt.)
X m᷑
24075.
digen Gott;
Kirchweihe.
Mein Leib und Seele freuen ſich in dem leben⸗
denn der Vogel hat ein Haus ge⸗
funden und die Schwalbe ihr Neſt, — — näm⸗
lich deine Altäre Herr Zebaoth. — Pſ. 84, 3,4.
In dieſes Wort des Pſalmiſten ſtimmen auch
wir nun dankend und jubelnd mit ein; denn
obwohl wir durch Gottes lauteres Wort und die
unverfälſchten Sacramente, in dem geiſtlichen
Hauſe der Kirche Chriſti bereits ſichere Bergung
und Schutz gefunden, ſo fehlte es bisher uns
doch noch an einem Gotteshauſe aus Stein Ind
Holz gebaut, in welchem wir uns zur Darbrin⸗—
gung der Opfer unſerer Herzen, zum Loben und
Danken und zur Anhörung des theuren Gottes
Wortes hätten verſammeln können. Dieſem Be⸗
dürfniſſe iſt nun abgeholfen, — Gott hat uns
ein Haus gebauet. —
Im Vertrauen auf des Herrn Hülfe, legten
wir, obgleich arm und ſchwach, vor drei Jahren
den Grundſtein zur deutſch⸗evang,⸗lutheriſchen
Immanuels-Kirche U. A. C., bei welcher Feier
Herr Paſt. Baumgart die Feſtrede hielt. Imma⸗
nuel — der Herr hilft — nannten wir unſere zu
erbauende Kirche, darum, weil wir an unſerer
eigenen Kraft verzagten, aber von des Herrn
Hülfe Alles erwarteten, und in ſeinem Namen
muthig und getroſt ans Werk gingen. Anfangs
nun ſchien es als könnten wir nicht weiter, und
hätte uns Gott verlaſſen; denn nicht nur daß
es überall mangelte, — auch der Feind, dem
wir ſein Haus bauen halfen, der aber dann
wegen unſeres Feſthaltens an der Kirchenord⸗
nung und unſerer Bekenntnißtreue, hinauswarf,
auch er ſuchte durch Verfolgung und Verläum⸗
dung unſern Bau zu hindern.
So ging das fort, abwechſelnd wurde gebaut
am Hauſe des Herrn, bald ſtand das Werk wie⸗
der öde und verlaſſen. Die Schwachen unter
uns fingen an kleingläubig zu werden und zu
ſchreien: „wir verderben“, ohne doch rechtgläu⸗
big zu rufen: „Herr hilf.“
Vier Jahre hat ſo unſere Gemeinde heimath⸗
los und verfolgt umherziehen, ein Iſrael in der
Wüſte bald hier bald dort ihr Gezelt aufſchlagen
müſſen. Manches mußten wir unter ſolchen Um⸗
ſtänden, von den vollen, ſchönen lutheriſchen Got⸗
tesdienſten entbehren. Wie Ifrael in Babylon,
hingen auch wir die Harfen an die Weiden und
weinten. Ach! es waren für uns vier trübe, läu⸗
ternde Prüfungsjahre, manche Schlacke, die nicht
lauteres Gold war, ſonderte ſich ab, doch aber
war jene Prüfungszeit der Förderung in der
Erkenntniß und Bekenntnißtreue, dem Wachs⸗
thume des innern Lebens dienlich und heilſam.
Doch Gott Lob und Dank, jene dunkle, trübe
Nacht iſt vorbei, und es leuchtet uns wieder
freundlich das Antlitz deſſen, der unſers Ange⸗
ſichts Hülfe und unſer Gott iſt. Er hat uns
nicht zum Geſpötte unſerer Feinde, uns nicht zu
Schanden werden laſſen, ſondern unſer Gebet
um Hülfe gnäbdiglich erhört. Nicht uns Herr
nicht uns Herr, deinem Namen, o Herr, gieb
Ehre. Und er hat ihm Ehre gegeben — ſeinem
Namen: Immanuel, deß ſind wir Zeugen.
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