Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 14 › Seite 110

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-03-02, Seite 110

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gllſenen Worte Gottes genug habe, denn da
der Gebrauch des öffentlichen Predigtamtes der
dnn Gott ſelbſt vorgeſchriebene ordentliche
Peg ſei, auf welchem Gott die Menſchen befeh—
nn und im Glauben erhalten wolle, ſo werde
Irr freilich nicht bekehrt, ſondern nur immer
Autblendeter und verſtockter werden, welcher
nicts von dem Predigtamte wiſſen und Gottes
Pert nur ſelbſt leſen wolle; dieß komme ja
aber nicht daher, daß nicht auch das geleſene
Vort Gottes die Kraft, zu bekehren, habe,
ſndern daher: daß jene Leſer des Wor⸗
tes hochmüthige, geiſtlich ſtolze Verächter-einer
gittlichen Ordnung ſeien, daß ſie den Weg nicht
geben wollen, auf welchem Gott ordentlicher
Peiſe uns bekehren und ſelig machen wolle,
und daß ſie alſo dem heiligen Geiſte, der ein
uGtiſt der Ordnung, Zucht und Demuth iſt,.
nuthwillig widerſtreben Vergeblich war, wie⸗
geſagt, dieß unſer Zeugniß, einige unſerer Op⸗
ponenten blieben bei dem von ihnen ausgeſpro⸗
Iahenen Grundſatze; ja, einer der gegenwärtigen
Schullehrer meinte die Sache durch die Vorſtel⸗
lung zur Klarheit bringen zu können: Es ſei
mit dem gepredigten Wort wie mit den Sacra⸗
nenten; wie z. B. das Taufwort nichts helfe,
wenn das elementariſche Waſſer nicht hinzu—
bomme, ſo könne auch das geſchriebene Wort
nitwanden bekehren, wenn nicht — er wiſſe es
nicht beſſer auszudrücken — „das Seelen⸗
vpaſſer des Predigers hinzukom⸗
ne““ — Nach ſolchen und ähnlichen Aeußer⸗
ungen konnten wir nicht umhin, feierlichſt zu
erllären, daß, wenn ſolche Grundſätze bei den
liben Amtsbrüdern wirklich Wurzel gefaßt hät—
ten, wir offenbar nicht auf Einem Glaubens⸗
grunde mit ihnen ſtünden, ſondern von ihnen
durch eine ſo breite Kluft getrennt ſeien, über
welche man ſich die Bruderhand nicht mehr rei⸗
chen könne, denn welche Lehre könne nothwen⸗
riger zu dem Fundamente unſeres evangeli⸗
ſhen Glaubens gehören, als die Lehre von
ter Kraft des Wortes? Zwar nahm nun kei⸗
ner der gegenwärtigen Herren Paſtoren die von
dem erwähnten Herrn Schullehrer gebrauchten
Ansdrücke in Schutz, doch blieb noch immer
zviſchen uns und einem Theile der Conferenz
eine nicht unbeträchtliche Differenz übrig. Ge—
nnde aber der Schullehrer, ein eifriger, redlicher
und kenntnißreicher Mann, war unter denen,
von welchen wir hier nach dem Schluß der zwei⸗
tn Conferenz mit der Ueberzeugung herzlicher
brüderlicher Einigkeit ſchieden. Aus ſpäteren Be⸗
nichten haben wir erfahren, daß die lieben Brü—
der in Muldenthale über die beregten Punkte
mit großem Eifer fich klar zu werden ſuchen und

Röge Gott ſeinen Segen dazu geben, daß ſie
ale, die in dortiger Gegend einen ſo wichtigen
Beruf und Einfluß haben, einig werden in der
kvigen Wahrheit.

Da ich jetzt in der nächſten Nähe meines lie⸗
ben Geburtsortes, Langenchursdorf, war,
wo gegenwärtig eine meiner Schweſtern lebt,
o könnte ich nicht umhin, auch hier auf einige

zur wiederholten gemeinſamen Erörterung der⸗
lben neue Conferenzen abgehalten haben.“

ſtand ſelbſt haben unterdrücken helfen.

—107—

Stunden vorzuſprechen. So groß aber auf der
einen Seite meine Freude war, das liebliche
Thal mit ſeinen alten wohlbekannten Hütten
und Feldern und Gärten und Bächen und
Wegen, die theuren wenigen mir übriggebtie⸗
benen Verwandten und ſo manchen lieben alten
Jugendfreund wieder zu ſehen: die Freude woll⸗
te doch faſt ſich ganz in Wehmuth verkehren;
denn beide Eltern waren unterdeſſen heimge⸗
gangen (wohl auch nach Vergießung mancher
heißen Thräne über die fern, jenſeit des Meeres
gezogenen Kinder) und mir war daͤher bei mei⸗
ner Rückkehr in die Heimath nichts übrig geblie—
ben, als ihre Grabhügel zu beſuchen. Von hier
aus machte ich nun auch einen kurzen Beſuch
in dem Dörflein Breunsdorf, wo ich vor
funfzehn Jahren das Seelſorgeramt antrat, das
ich aber, nachdem ich es nur zwei Jahre ver⸗
waltet hatte, hierauf aus irrendem Gewiſſen
niederlegte.. Zwar wurde ich hier von allen,
die ich traf, mit der herzlichſten Freude, zum theil—
mit Thränen wieder begrüßt, daß aber auch hier
der Schmerz die Freude des Wiederſehens bei mir
überwog, bedarf wohl keiner Erwähnung. Be⸗
ſonders leid mußte es mir ſein, zu hören, daß
mein Nachfolger im Amte zu Breunsdorf kein
Glied der in dortiger Gegend beſtehenden Con⸗
ferenz der entſchiedenen lutheriſchen Prediger ſei.
Es fiel mir das um ſoſchwerer auf das Herz, da
ich ſürchten mußte, daß die böſen Früchte der bei
dem härteſten Pochen auf reines Lutherthum
falſchen römiſchen Grundſätze von Kirche und
Amt, welche wir, vor dreizehn Jahren ausge—
wanderten, ſächſiſchen Prediger damals hegten
und in Folge deren wir unſere Aemter nieder⸗
legten und Deutſchland als ein verlornes Land
verließen, um hier in der wahren ſichtbaren Kir—
che unſere Seelen retten zu können, wohl man⸗
chen an unſerer theuren evangeliſch-lutheriſchen
Kirche irre und auch den rechten Eifer für
dieſelbe verdächtig gemacht hat.“)

In hieſiger Gegend hatte ich auch Gelegen⸗
heit, zwei vormalige Glieder von Gemeinden,
die ich hier in Amerika mit Wort und Sacra⸗
ment bedient habe, welche wieder nach Deutſch⸗
land zurückgekehrt waren, zu ſehen und ſprechen.
Mit Freuden erſah ich, daß das eine Glied, Fr.
N., noch in dem alten Eifer des Glaubens und
derviebe ſtand und das andere, L. K., der lei⸗
der! die Welt wieder liebgewonnen hatte, eben
wieder in ſich geſchlagen war und nun mit
heißen Thränen ſeine tiefe Reue und herzliche
Umkehr bezeugte. Gott helfe beiden beharren
bis an's Ende! —

Am Freitag den 26. Septbr. verließen wir
das Muldenthal wieder. Da wir zunächſt eine
Nebenreiſe nach Dresden zu machen beabſich⸗

*) Möchten dieß manche bedenken, ſo würde es ſie nicht
befremden, daß wir hieſigen ſächſiſchen lutheriſchen Prediger
jetzt inſonderheit gegen dit hier auftauchenden hierarchiſchen
Grundſätze von Kirche und Amt unſeren Kampf richten.
Wir kennen, leider! aus cigener leidiger Erfahrung, wie ge⸗
fährlich und verderblich dergleichen Grundſätze ſind. —Wir
achten es übrigens für nichts anderes, als für eine Gnade,
daß uns Gott würdigt, jetzt Schmach zu leiden für die Ver⸗
ÿtheidigung der Wahrheit, die wir einſtmals in Unver⸗

tigten, ſo führte uns unſer Weg noch einmal
nach Leipzig, wo wir den Abend des genann⸗
ten Tages in einer zahlreichen Geſellſchaft gläu⸗
biger Lutheraner der Stadt, wobei außer den
ſchon oben Genannten noch die Herren Dr—
Schütz „ Diakonus Tempel, Schuldirek⸗
tor Mehlhcͤrn aus Merana u. A. zugegen
waren, unter gegenſeitigem Austauſch hinbrach⸗
ten. ö
Des anderen Tages reiſten wir hierauf nach
Dresden. Wir hofften an dem darauf fol⸗
genden Sonntag Oberhofprediger Dr. Har⸗
leß predigen hören zu können; derſelbe predigt
aber herkömmlich nur an jedem zweiten Sonn⸗
tage und wir hatten zu unſerem Leidweſen ge⸗

rade den Sonntag getroffen, wo die Canzel der

Hofkirche nichts weniger als ein Harleß ein⸗
nahm. Ja, in der ganzen großen Reſidenzſtadt
mit ihren zahlreichen und zum Theil großen
prachtvollen Kirchen war an dieſem Tage keine
Predigt des reinen göttlichen Wortes zu hören,
anßer in einem kleinen Krankeihausbetſaal;
gerade hiervon erhielten wir aber erſt, da es zu
ſpät war, Kunde. Wir mußten uns daher da⸗
mit begnügen, den Herrn Oberhofprediger, der
uns hiezu eine Einladung ſchoͤn nach Leipzig
hatte zugehen laſſen, privatim zu ſprechen. Wir
thaten dieß, und obgleich Herr Dr. Harleß
(als Oberbofprediger, als Vicepräſident des
Oberconſiſtoriums, als Beirath des Cultusmi⸗
niſteriums, als Eraminator und Kirchenviſi⸗
tator) mit den wichtigſten Geſchäften ſo über—
laden iſt, daß er dieſelben nur unter den größ⸗
ten Anſtrengungen auszuführen im Stande iſt,
ſo widmete derſelbe doch während der Zeit un⸗
ſeres Aufenthaltes in Dresden uns täglich ſo
viel Stunden, daß wir demſelben nicht nur ein
lebendiges Bild unſerer hieſigen Zuſtände ent⸗
werfen, ſondern mit demſelben uns auch über
das, was gerade jetzt uns bewegte, ausführli⸗
cher ausſprechen konnten. Mit dem größten In⸗
tereſſe vernahm derſelbe unſeren Bericht, ſprach
die freudigſten Hoffnungen von unſerer ameri⸗

kaniſch⸗lutheriſchen Kirche für die Kirche über⸗

haupt aus, verſicherte uns gerade in den jetzt
in Frage geſtellten und ſtreitiggewordenen Punk⸗
ten ſtiner Einſtimmung in die von uns vertre⸗
tene und feſtgehaltene Lehre und drückte den
Wunſch aus, daß von nun an ein lebendigerer
Verkehr zwiſchen der Kirche diesſeit und jenſeit
des Oceans hergeſtellt und unterhalten werden
möchte. Wir lernten an dem Herrn Oberhof⸗
prediger einen Mann kennen, deſſen ganze Er⸗
ſcheinung uns ebenſo mit der innigſten Ehrfurcht
wie mit dem vollſten rückhaltloſeſten Zutrauen
erfüllte. Wir fanden in ihm mit jener gründ⸗
lichen Gelehrſamkeit, wovon ein Zeugniß abzu⸗
legen uns natürlich nicht in den Sinn kommen
kann, wahre Chriſteneinfalt, mit einer zu ſeiner
hohen und eigenthümlichen Stellung ſo noth—
wendigen Gewandheit deutſche Geradheit und
wahren Biederſinn, mit großer Kraft und Ener⸗
gie eine bewunderungswürdige Milde und Ge⸗
duld, und, was uns mit ganz beſonderer Freude

1) Der, als Glied des Ausſchuſſes der „Lutherſtiftung“
zu Leiv geifrige Herausgeber kleiner Schriſten Luthers.

—— RF 4—

English translation

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