Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 14 › Seite 112

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-03-02, Seite 112

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Winfrid oder Bonifacius, Apoſtel der
Deutſchen.
Eine miſſionsgeſchichtliche Darſtellung,
von Karl Graul.

(Fortſetzung.)

Doch kehren wir zu Winfrids Lebensgeſchichte
zurück. Er begab ſich nach ſeiner Rückkehr aus
Italien zuerſt zum Frankenherzoge Karl Mar—
tell mit einem Empfehlungsſchreiben vom Papſte,
um ſich von ihm kräftigern Schutz, als bisher,
auszuwirken. In einem zweiten Schreiben er—
mahnte der Papſt alle Fürſten, Biſchöfe und An⸗
geſehene, den Bonifacius wohl aufzunehmen
und mit allem Nöthigen zu verſorgen, eingedenk
der Verheißung: Wer euch aufnimmt, der nimmt
mich auf! wie er ihn denn auch mit allem zur
Reiſe Erforderlichen verſehen habe. Mit erneu—
ter Kraft ging denn Winfrid an ſein Werk und
entwickelte nun immer mehr alle Eigenſchaften

eines großen Mannes. Ruhige berechnende
Unſſcht, herzgewinnende Liebe und glühend eif⸗
tige Thatkraft waren in ihm auf ſeltene Weiſe
vereinigt und dabei durch ſelbſtverleugnende,
dem Dienſte ſeines Herrn ganz hingegebene De—
muth verklärt. Er wandte ſich zunächſt wieder
zu ſeinen Heſſen. Hier fand er die meiſten von
ihm Bekehrten zwar wieder ins Heidenthum zu—
rückgeſunken, doch wirkte ſeine Predigt bald ſo
viel, daß er mit Hülfe der Treugebliebenen Hand
an die alten heidniſchen Heiligthümer legen
konnte. Namentlich fällte er bei Geismar
tine ungeheure, dem Donnergotte geweihte Eiche
vor den Augen der verſammelten Heiden. Weit
und breit wurde ſie von dem abgöttiſchen Volke
mit heiliger Scheu betrachtet und ſchaurige Sa—
gen liefen über ſie um. Bonifacius hielt zuerſt

in ihrem Schatten eine eindringliche Predigt
über die Nichtigkeit des Götzendienſtes und that
dann ſelbſt den erſten Hieb in den Stamm.
Bald ſtürzte der uralte Baum krachend zuſam⸗
nen und vergebens erwartete die entſetzte Men⸗
ge, daß Strafe vom Himmel den Frevler treffen
werde. Nun wurde das Holz zerſägt und ge⸗
ſpalten und eine kleine chriſtliche Kapelle daraus
errichte, als ein Denkmal des Sieges Chriſti
über die falſchen Götter. Man würde aber ſehr
inen, wenn man daraus ſchließen wollte, daß
ſeine ganze Bekehrungskunſt in einer ge walt⸗
ſamen Ausrottung des Heidenthums beſtan⸗
den habe. Zu ſolcher äußern Gewalt konnte er
ja doch nicht eher ſchreiten, als bis die Wurzeln
des Heidenthums in den Herzen loſe geworden
waren, ſonſt hätte ihm der Schutzbrief Herzog
Karls wohl nichts helfen mögen gegen die Er⸗
bitterung der Heiden. Aus einigen Briefen
erſehen wir, mit welcher Umſicht er verfuhr, wel⸗
chen Mühſalen, Arbeiten und Geiſteskämpfen
tr ſich aber auch unterzog in dem Werke der Hei⸗
denbekehrung. In einem Briefe an den Biſchof
Daniel in England ſchüttet er ſein ermattetes
Herz vor dieſem väterlichen Freund aus und
ſucht bei ihm Troſt und Rath. Ich habe
Kämpfe nach innen und nach außen, ſchreibt er,
und letztere nicht blos gegen Heiden, ſondern
tuch gegen falſche Brüder, die da rufen: Friede,

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Friede! wo kein Friede iſt, und Unkraut zwiſchen
den reinen Samen ſtreuen, indem ſie Irrthümer
pflanzen, ſich erlaubter Speiſen enthalten, von
Milch und Honig leben, Brot und Anderes ver⸗
werfen oder auch behaupten, daß ſelbſt beharr⸗
liche Mörder und Ehebrecher Prieſter ſein kön⸗
nen, und das Volk ladet ſich gern Lehrer auf,
nach denen ihm die Ohren jücken. Ich kann
mich des Umgangs mit ſolchen nicht ganz ent—
halten, doch meide ich ihren Rath und den Ge⸗
nuß des heiligen Abendmahls mit ihnen. So
habe ich mit ſolchen und mit Heiden und
mit einer gemiſchten Menge meine Arbeit; mein
größter Jammer aber iſt, wenn ein Geiſtlicher
vom Glauben der Wahrheit abfällt und mit den
Heiden in Schmähungen gegen die getreuen
Söhne der Kirche ausbricht und dem Evange—
lium ein greuliches Hinderniß wird. Bittet
Gott, daß er in ſolchen Strudeln ſeinen Arbei⸗
ter rein und feſt erhalte und ſteht mir mit eurem
Rathe bei, denn ohne des Herzogs Beiſtand
kann ich die Diener des Herrn nicht ſchützen,
dem Götzendienſte und heidniſchen Gebräuchen
nicht wehren; wende ich mich aber an ihn, ſo
kann ich die leibliche Gemeinſchaft mit ſolchen
Irrlehrern nicht meiden. Schließlich erbittet er
ſich ein großſchriftiges Buch der Propheten, weil
er ein ſolches in Deutſchland nicht bekommen
könne und doch ſeinen Augen kleine Schrift
nicht mehr genüge. Daniel gibt ihm darauf
in 2 Briefen größtentheils wahrhaft evange—
liſche Troſtgründe und Rathſchläge des Inhal—
tes: Haltet aus in euren ſchweren Kämpfen,
blickt auf die himmliſche Siegerkrone. Zum
Umgange mit unbußfertigen verbrecheriſchen
Geiſtlichen darf nur die Nothwendigkeit, nicht
der Wille dich treiben, wie ja auch unſer Herr
mit Sündern zuſammen wohnte und ſpeiſete,

um Gelegenheit zum Lehren zu haben. Seid
unterthan aller menſchlichen Ordnung. Nach

dem Gleichniſſe ſoll Unkraut und Weizen mit
einander. wachſen und in die Arche gingen ja
reine und unreine Thiere durch Eine Thür.
Das Alles aber iſt geſchrieben, nicht um zur
Schlaffheit, ſondern um zur tragenden Geduld
zu leiten. Für die Behandlung der Heiden gab
er ihm treffliche Nathſchläge: Er ſolle nicht da—
mit anfangen, ihnen ihre Götter abzuſtreiten,
ſondern ſie durch ihre eigenen Erzählungen von
der Zeugung der Götter auf einen Anfang der—
ſelben führen und fragen, ob die oder die Welt
eher geweſen, und ſie dadurch auf die Nothwen⸗
digkeit eines ewigen allmächtigen Gottes füh—
ren und das mit Ruhe und großer Geduld, fer⸗
ner gelegentlich ihre und die chriſtlichen Lehren
und Gebräuche vergleichen zu ihrer Beſchämung,
endlich ſie belehren, wie das Chriſtenthum in
ſo vielen Ländern die Abgötterei überwunden,
nirgends umgekehrt.

Nach den erſten günſtigen Erfolgen ſeiner Ar⸗
beiten in Niederheſſen zog er weiter oſtwärts
das Heſſenland durch bis zur Werra und zum
Eichsfelde und Harze predigend, Kapellen er⸗
richtend, Götzenbilder zerſtörend, um ſo über
dieſen ganzen Smich hin dem Heidenthume in

den Herzen den Todesſtreich zu verſetzen und dem

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Evangelio den Sieg zu bereiten. Zu noch ge⸗
ſegneterer Thätigkeit ging er im folgenden Jahre
(724) nach Thüringen, wo das ſchefrü⸗
her mitten in der Finſterniß gepflanzte Chriſten⸗
thum durch Mangel kirchlicher Ordnung und er⸗
leuchteter Geiſtlichen und durch verheerende Ein⸗
fälle der heidniſchen Sachſen in den traurigſten
Verfall gerathen und Aberglaube und Abgötterei
wieder emporgekommen war. Er ſuchte zuerſt
einen Anhalt bei denen, die noch Liebe zum Chri⸗
ſtenthum im Herzen hatten, zu gewinnen, und
zwar durch Briefe des Papſtes an Adel und
Volk der Thüringer des Inhaltes: Unſer Herr
Jeſus Chriſtus, Gottes Sohn und ſelbſt wah⸗
rer Gott, der vom Himmel gekommen, Menſch
geworden, für uns gelitten und gekreuzigt, und
am dritten Tage auferſtanden und gen Himmel
gefahren iſt, ſpricht zu ſeinen Jüngern: Gehet
hin und lehret alle Völker und taufet ſie im
Namen des Vaters, des Sohnes und des hei⸗
ligen Geiſtes! und verſpricht denen, ſo an ihn
glaͤuben, das ewige Leben. Da wir nun wün⸗
ſchen, daß ihr euch ewiglich mit uns freuet, wo
kein Ende iſt, noch Drangſal, noch irgend eine
Bitterkeit, ſondern ewige Herrlichkeit, ſo haben
wir deshalb unſern Bruder, den heiligſten Bo⸗
nifacius, zu euch abgeordnet, damit er euch
taufe und den Glauben Chriſti lehre und vom
Irrthume zum Wege des Heils leite, damit ihr
Heil habet und ewiges Leben. Ihr aber gehor⸗
chet ihm in allen Stücken und ehret ihn wie
euren Vater und neiget eure Herzen zu ſeiner
Unterweiſung, weil wir ihn nicht um zeitlichen
Gewinnes willen zu euch abgeordnet haben, ſon⸗
dern um eure unſterblichen Seelen zu gewinnen.
Liebet daher Gott und nehmet in ſeinem Namen
die Taufe an, weil der Herr unſer Gott, was
des Menſchen Auge nie geſehen, noch in eines
Menſchen Herz gekommen iſt, bereitet hat denen,
ſo ihn lieben. Tretet ab von böſen Werken und
handelt gut. Verehret keine Götzen, noch opfert
Fleiſch, weil Gott das nicht annimmt, ſondern
Alles, was unſer Bruder Bonifacius euch leh⸗
ren wird, das beobachtet und thut und ihr
werdet ſelig ſein und eure Kinder in Ewigkeit.
Bauet daher auch ein Haus, in welchem euer
Vater wohnen könne, und Kirchen, darin ihr
beten könnet, daß Gott euch eure Sünden
vergebe und euch ewiges Leben ſchenke. ö
Mit der Vollmacht dieſes päpſtlichen Schrei⸗
bens ausgerüſtet und mit der Kraft des evange⸗
liſchen Wortes, mat er unter die Bewohner
Thüringens, wozu damals auch ein Theil von
Franken gehörte. Er bewog die Fürſten und
Herren des Landes, das heidniſche Weſen abzu⸗

thun und ſich dem Chriſtenthume mit Ernſt wie⸗

der zuzuwenden; er ermahnte und ſtrafte die ver⸗
ſunkenen Geiſtlichen und ermuthigte die beſſern,
er durchzog lehrend und taufend das Land und
wußte in ſolcher Kraft einen beſſern Geiſt zu
wecken und den ſchlechten niederzudrücken, daß
Niemand dem gewaltigen Fremdlinge widerſte⸗
ſtehen durfte. Mächtig erwachte in den Gemü⸗
thern das Vertrauen auf den gekreuzigten Hei⸗
land. Schaarenweis ſtrömte das Volk herbei
und ließ ſich taufen, überwältigt von der Macht

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