Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 9 › Seite 69

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-12-08, Seite 69

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wir wüßten nicht, daß wir des Todes ſchuldig
ſnud, wenn es uns das Geſetz nicht ſagie (Röm.
3,20). Das Amt des Geiſtes iſt nun nichts
anderes als das Amt, das die Verſöhnung pre⸗
digt, weil die Predigt des h. Evangeliums oder
vom Glauben nach Gal. 3, 2. den Geiſt gibt,
d. h. den heiligen Geiſt, der uns neu gebiert und
unſere Herzen Gott unterthänig und gehorſam
macht; nicht jeder Geiſt iſt alſo hier gemeint, am
wenigſten der Schwarmgeiſt der Irrlehrer, die
dieſes Wort im Munde führen. Da nun aber

dies Amt ebenfalls predigt, ſo muß es ja auch
Vorte und Buchſtaben gebrauchen. Die Buch⸗
ſaben ſind alſo von dem Amt des Geiſtes nicht
ausgeſchloſſen, uur daß ſie als ſolche Buchſtaben,
bwelche uns das Gnadenwort mittheilen, nicht
„tödten“, ſondern lebendig machen. Dies Amit
des Geiſtes darf man alſo Lial außer dem väu⸗
ſüchen, wie die falſchen kehrer welche nanulcch
für ihre Lügen die Ohren ihrer Zuhörer nur dann
gewinnen können, wenn ſie dir Augen derſelben
zuvor von dem Buchſtaben des göttlichen Wortes
obgelenkt haben. Darin hat ihnen ihr Vater,
der-Teufel ein kräftiges Vorbild gegeben, als er
zuerſt der Eva das äußerliche Wort aus dem
Herzen riß, ehe er ihre Seele mit ſeinen Lügen

ſüllte (1 Moſ. 3, 1 ff.). Leſen Sie darüber, was
Luthet im Sten der Schmalkaldiſchen Ariikel
ſhreibt: „Das iſt alles der alte Teufel und alte
Schlange, der Adam und Eva auch zu Enthuſi⸗
aſten (d. h. Schwärmern) machte ꝛc. — denn ſie
waren heilig, ſpricht er, da der heil ige Geiſt
durch ſie redet“.

Damit Ihnen aller Zweifel ſchwinde, daß je⸗
ne Stelle 2 Cor. 3, 6. gemißbraucht werde, wenn
nan ſie zur Geringſchätzung des Buchſtabens
heil. Schrift verwendet, da ſie doch keinesweges
denſelben als unkräftig darſtellt, vielmehr ſelbſt

dem Buchſtaben des Geſetzes die große und für

uns Sünder hochnöthige Kraft zuſchreibt, daß
ertödtet, dem Buchſtaben des heil. Evangeli⸗
uns aber die ſelige Wirkung beimiſſet, daß er
uns lebendig macht und den heil. Geiſt mittheilt,
und ſie alſo mit Joh. 6, 63 im herrlichſten Ein⸗
lang ſtehe, wo der HErr von „den Worten, die
undet“, bei denen man doch von keinem Buch⸗
ſaben weichen darf (ogl. Matth. 5, 18. Offenb.
2, 18, 19.) und die ohne Buchſtaben weder ge⸗
ndet noch geſchrieben werden konnten, die herrli⸗
ö che Verſicherung gibt, daß ſie „Geiſt und Leben“
legung jener Stelle mittheilen.
SEo ſchreibt nämlich Luther von jener Stelle
2 Cor. 3. 6.: „Buchſtaben lehren, iſt das

Gottes Erkenntniß, dadurch wird alles verdammt,
und des Todes ſchuldig erkannt, was
der Menſch iſt und thut, denn er kann ohne Got⸗
us Gnade nichts Guts thun. — Geiſt lehren
it die Gnade „ohn Geſetz und Verdienſt lehren,
dadurch wird der Menſch lebendig und ſelig.“
Darnach erklärt ein bibliſches Wörterbuch das
Vort „tödten“ in jener Stelle 2 Cor. 3. 6.
lur ſo: „den geiſtlichen und ewigen Tod entde⸗

ſnd, ſo will ich Ihnen noch Luthers kurze Aus⸗

bloße Geſetz und Werk lehren, ohn der Gnade

den. Rach begangner S Sünde fühit der Sünder
aus dem Geſetz Fluch und Verdannnniß. 5
Somit hoffe ich. alie die X Vorurtheile durch des
HErrn Gnade zerſtreut zu haben, die Ihnen den
Inhalt meines vorigen Briefs verdächtigt hatten.
Es liegt nun wieder in Ihren Händen, ob Sie
mit den übrigen deutſchen Lutheranern in Ihrer
Umgegend eine bekenntnißtreue lutheriſche Gemei⸗
ne, geſondert von denen, welche Reformirte blei⸗
ben wollen, zu bilden geſonnen ſind. Denn da—
rauf kommt es nicht an, daß alle bisherigen Ge⸗
meindeglieder in N. N. ferner vereinigt bleiben,
ſondern nur darauf, ob etliche, ſeien es auch nur
wenige deutſche Lutheraner ſo viel Liebe zu ihrer
Kirche im Herzen haben, daß ſie auch ein wenig
Mühe, Koſten und Verdruß nicht achten, um
durch lautere Predigt und reinen Schulunterricht
das Kleinod der Wahrheit ſich zu erhalten und
auf ihre Kinder fortzupflanzen. Möchte darüber
auch die gemeinſchaftlich erbaute Kirche verloren
gehen. Es liegt nichts daran. Wo rechte Liebe
zum HErrn iſt, wird man auch ein Kirchhaus
uin ſeines Namens willen gern verlaſſen und ein,
wenn auch kleineres und unanſehnlicheres neu
bauen oder ſich einſtweilen auf andere Weiſe be—
helfen. Denn reines Wort und Sakrament macht
die Kirche, nicht das Haus, worin man Gottes⸗
dienſt hält.
Doch, wie geſagt, es ſteht jetzt bei Ihnen und

Ihren Freunden, was Sie thun wollen. Wollen.

Sie treuem Rath folgen, ſo beſprechen Sie Sich—

mit den Lutheranern in Ihrer Gegend und zie⸗
hen nur die herzu, welche Sinn für die Sache,
welche Liebe zu ihrer Kirche haben. So wenig
Ihrer ſein mögen, ſuchen Sie nur aufrichtig des
HErrn reines Wort, ſo wird er Ihr Gebet um
einen Arbeiter in Seine Arnte nicht unerhört laſ⸗
ſen. Wollen Sie aber, nur um den großen Hau⸗
fen nicht zu beleidigen, die Sache liegen laſſen
und ſich lieber einen Prediger aufladen, wonach
dexr Mehrzahl die Ohren jücken, ſo hüten Sie

Sich, daß Ste Ihre Seele nicht in Gefahr brin⸗

gen. Es möchte von Ihnen gefordert werden,
wenn Sie Sich und Viele Ihrer Nebenmenſchen
auf Kind und Kindeskind um den Segen des
reinen Wortes und unverfälſchten Bekenntniſſes
brächten!
Hiermit Gott befohlen! In Chriſto
ö N. N.

———————. —

— 7³3— 71217— (Eingeſandt,)
Emige Worte über einen Beſchluß der
Synode von Indianapolis bei ihrer
letzten Sitzung zu Cineinnati
vom 5. bis 7. September 1850.

So erfreulich einerſeits das ſichtliche Zuneh—
men der Indianapolisſynode in Anerkennung
des Zuſammenhanges zwiſchen dem kirchlichen
Bekenntniſſe und der demſelben gemäßen kirchli⸗
chen Praxis iſt: ſo bedauerlich iſt es doch andrer⸗
ſeits, daß immer wieder halbe unentſchiedene,
dem Geiſte des Bekenntniſſes widerſtrebende

—

Maaßrgeln vorkommen, die einen an der
Gründlichkeit ihres kirchlichen Standpunktes von
Neuem irre machen.

Aus dem Auszug ihrer letzten Synodal-Ver⸗
handlungen in Ne. 5. des Lutheraners iſt näm⸗
lich zu erſehen, daß die Mehrzahl der Synode
den Antrag des P. Wichmann verwarf, den P.
Wier deshalb von der Synode auszuſchließen,
weil er „ohne triftigen Grund“ ſeine luth. Zions⸗
gemeinde in Indiana verlaſſen und Miſſionar
der proteſtantiſchen Geſellſchaft ſo wie Agent
des „freien deutſchen Katholiken“ geworden ſei.

Dagegen wurde angenommen, daß der Präſes
erſt Erkundigung „über den eigentlichen wahren
Standpunkt des P. Wier und die Tendenz (die
Richtung und Geſinnung) jenes Blattes ein⸗
ziehe und bei der nächſten Sitzung der Synode
hierüber berichte“; denn man ſei „über dieſen ſei⸗
nen Standpunkt noch nicht im völlig klaren
Lichte und man halte es für unrecht, ihn bloß
deßwegen auszuſchließen, weil er von der prote⸗
ſtantiſchen Geſellſchaft unterhalten werde und
den „freien deutſchen Katholiken“ verbreite; denn
man kenne noch nicht gehörig den Charakter je⸗
nes Blattes; zudem ſei P. Wier im Begriffe, eine
Gemeinde auf das Bekenntniß der lutheriſchen
Kirche zu gründen und. den lutheriſchen Kate-
chismus zu gebrauchen“.

Fragen wir nun, ob dieſe Beſchlußnahme
eine geſunde bekenntnißmäßige Grund- und
Unterlage habe, ſo müſſen wir es leider vernei⸗
nen, und zwar aus folgenden Gründen.

Zum Erſten nämlich klingt es in der That
ſeltſam, daß die Synode (in der Mehrzahl) über
den eigentlichen Standpunkt des P. Wier noch
nicht im völlig klaren Lichte ſei.

Dieſer Mann nämlich verläßt zuerſt „ohne

triftigen Grund“ ſeine Gemeinde in Indiana.

Stände er auf dem rechten kirchlichen Stand—
punkte, ſo hätte er dieſes nicht gethan. Denn
von dieſem Standpunkte aus iſt das Verlaſſen
einer Gemeinde nur dann rechtmäßig, wenn
der P. einen als göttlich erkannten ordnungs⸗

mäßigen Beruf an eine andere Gemeinde ſeiner

Kirche erhält, da er mit den ihm vertrauten
Pfunde mehr zum gemeinen Nutzen wirken kann,
oder wenn ſeine Gemeinde Gottes Wort und die
demſelben gemäße Kirchenzucht nicht leiden will,
oder wenn ſie ihn böswillig aushungert. Und
auch zuläfſig iſt ſolches Verlaſſen nur dann,
wenn vielleicht durch gegenſeitige Schuld vom
Paſtor und Gemeinde nach und nach ein ſo bö—
ſes Mißverhältniß aufgekommen und ſo tief und
verderblich um ſich gegriffen hat, daß die Tren—
nung wirklich das kleinere Ulebel iſt; doch ſoll
natürlich auch dieſer traurige Nothſchritt nicht
ohne den Rath rechtglänbiger und mit Weisheit
und Erfahrung begabter Diener und Glieder der
Kirche geſchehen. Wo nun keiner jener Gründe
oder dieſer letzte Uebelſtand ſtattfindet, da iſt
ſicherlich das Verlaſſen einer Gemeinde ein leicht⸗
fertig böſes Ding, das wider Gottes Wort und
das kirchliche Bekenntniß anläuft; und wo hier
noch eine ſonderliche Dunkelheit über den Stand⸗
punkt eines ſolchen Wegläufers ſtecken ſoll, iſt
ſchwer einzuſehen.

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