Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 9 › Seite 70

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-12-08, Seite 70

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Dazu kommt aber noch, daß, wie es ſcheint,
der Herr Wier dieſe bösliche Verlaſſung ganz al⸗
leing auf ſeine Fauſt gethan, dem Präſes ſeinen
Handel gar nicht angezeigt, etwa Nath begehrt
und deß etwas, wodurch er auch keine geringe
Verachtung der Synode an den Tag legt und
nachweiſet, in wie loſem Verbande er bis dah er
zu ihr geſtanden habe und ſich eigentlich thatſäch⸗
lich ſchon hiemit von ihr trennt.

Sodann aber iſt auch darin ein genugſames

Licht über den unkirchlichen Standpunkt des
Herrn Wier vorhanden, daß er ſich thatſächlich
und durchaus bekenntnißwidrig ſelbſt von der
luth. Kirche darin trennt, daß er in den Dienſt
der proteſtantiſchen Geſellſchaft tritt.
Denn ſo viel iſt doch gewiß der Indianapo⸗
lisſynode bekannt, daß dieſe Geſellſchaft entwe⸗
der eine unioniſtiſche, alſo antilutheriſche Geſin⸗
nung und Richtung hat, oder am Ende gar un⸗
ter dem Aushängeſchild des Proteſtantismus die
Säugamme und Pflegerin des „freien deutſchen
Katholiken“ iſt, und jene gottloſe ungläubige
ſchriftwidrige Secte der Rongianer ausbreiten
hilft, die allen Grund des Heils umſtürzen und
ſchändliche Seelenmörder und Kinder des Teu⸗
fels ſind.

Herr Wier alſo iſt Agent des „freien deutſchen
Katholiken,“ eines Blattes, das ſelbſt in ſeinen
leidlichſten Aufſätzen unlutheriſch ſein muß, da
es ſelbſt hier „frei“ ſein will vom römiſchen
Aberglauben ohne den lutheriſchen Schriftglau⸗
ben und „deutſch-katholiſch“ d. i. nicht
„römiſch“ papiſtiſch, ohne doch unter Chriſti
Stimme allein ſich zu beugen d. i. unter Gottes
Wort, wie es lautet, wie ausſchließlich nur die
lutheriſche Kirche thut.

Es iſt fürwahr nichts widerlutheriſcher, ohn⸗
mächtiger und eckelhafter, als jenes klopffechte⸗
riſche Herausfordern und Angreifen der römi⸗
ſchen Kirche, da dieſe Maulhelden meiſt keine an⸗
dere Waffen haben, als das bleierne Schwerdt
des geſunden Menſchenverſtandes und die blind
geladene Muskete der fleiſchlichen Vernunft; denn
mit ſolchen Hieben und Schüſſen, mögen ſie da⸗
bei auch Gottes Wort fälſchlich anziehen, thun
ſie dem Papſtthum etwa ebenſo viel Schaden, als
Knaben einer Feſtungsmauer, an die ſie mit
Wergbutzen Bällen werfen oder als thörichte
Jäger einem Krokodil, das ſie mit Erbſen be⸗
ſchießen.

Treue Lutheraner ſollen daher alles Ernſtes

wider dieſe Afterproteſtanten proteſtiren und auf
das Aeußerſte den böſen Schein meiden, etwa
mit ihnen zuſammen wider die Papiſten zu ſtrei⸗
ten. Dieſe edle Bundesgenoſſenſchaft überlaſſen
ſie gerne den Afterlutheranern der ſog. General⸗
ſonode, die, indeß ſie mit allen Sekten herumhu⸗
ren, ſich doch für ebenbürtige Söhne Luthers hal⸗
ten, weil ſie mit jenen ſelbigen Waffen des com-
mon sense. und der bürgerlichen Demokratie,
dieſen fleiſchlichen Waffen ihrer unlutheriſchen
Ritterſchaft die ſataniſchen Bollwerke des Papſt⸗
thums berennen und dem Teufel nur ein Lachen
errichten. Nein! das Papſtthum, dieſes Unge⸗
beuer der Tiefe, hat durch Luthers und der luthe⸗
riſchen Kirche Zeugniß ſeine Harpune bereits im

Leibe, an der es ſich zu ſeiner Zeit völlig ver⸗

bluten wird, und dieſe Harpune iſt nichts ande⸗
res, als das gegen die beſondern Lügen und Irr⸗
thümer des Papſtthums richtig angewendete
Wort Gottes in heil. Schrift.

Hätte nun H. P. Wier einigen lutheriſchen Ver⸗
ſtand, ja auch nur kirchliches Ehrgefühl, ſo hätte
er ſich ſchwerlich mit jener ſog. proteſtantiſchen
Geſellſchaft und jener unkirchlichen Zeitſchrift ir⸗
gendwir in Verbindung geſetzt; ſondern, hatte er
etwa äußern Anlaß und innern Beruf, wider das
Papſtthum zu ſtreiten, ſo hätte er ſolchen Streit
nur vom Standpunkte der lutheriſchen Kirche
aus geführt. Daß er aber das Gegentheil thut
und von jener unlutheriſchen Geſellſchaft für un⸗
lutheriſche Zwecke ſich beſolden läßt, nämlich durch
Verbreitung jenes Blattes ſog. „freie deutſch⸗
katholiſche Gemeinden“ errichten zu helfen, die im
Durchſchnitt nur aus deut ſch demagogiſch ge⸗
ſinnten, ungläubigen, antikirchlichen Bibelfein⸗
den, einem aus allerlei Kirchengemeinſchaften
zu ſammengelaufenen loſen Geſindel beſtehen und
mit bekenntnißtreuen lutheriſchen Gemeinden
etwa ſo viel Aehnlichkeit haben, als die Raben
mit den Tauben: — das beweiſet doch zur Ge⸗
nüge, daß er den Standpunkt der lutheriſchen
Kirche entweder nie von Herzen gehabt hat, was
wohl das Wahrſcheinlichſte iſt, vder gröblich und
ſchändlich von demſelben abgefallen iſt.

Gleichwohl umſchwebt für die Augen der In⸗
dianapolisſynode „den eigentlichen wah⸗
ren Standpunkt“ des Herrn Wier noch ein ge⸗
heimnißvolles Dunkel, das erſt nähere Erkundi⸗
gungen des Herrn Präſes zerſtreuen ſollen. Wäre
es aber nicht vielmehr deſſen Pflicht längſt ge⸗
weſen, ſobald er von der bekenntnißwidrigen und
wo nicht bewußt-treuloſen, ſo doch höchſt loſen
und leichtfertigen That des Herrn Wier Nach⸗
richt erhielt, einen ernſten liebreichen, väterlich⸗
und brüderlich-ſtrafenden Brief an denſelben abzu⸗
ſenden und ihm darin das große Unrecht ſeines
Thuns vorzuhalten, ſeine praktiſche Verleugnung
des luth. Bekenntniſſes und ſeinen thatſächlichen
Austritt aus ihrer Synode nachzuweiſen und
ihn zu ermahnen, alsbald reumüthig zurückzu⸗
kehren? So er dies aber nicht thue, ſo habe er
natürlich auch zu gewärtigen, daß er nicht nur
nicht könne mehr ein Glied ihres Synodalver⸗
bandes bleiben, ſondern daß alle rechtſchaffenen
Lutheraner dieſes Landes ein gerechtes Aerger—
niß an ihm nehmen und ihn für einen Schand⸗
fleck ihrer Kirche halten würden ꝛc.

Auf dieſe und ähnliche Weiſe wäre wenigſtens
gewiſſenhaft und chriſtlich an dem armen verblen⸗
deten Manne gehandelt worden, um, ob Gott
wollte, ſein Gewiſſen heilſam zu wecken und
ihn aus ſeiner Verirrung wieder zu bringen.
Daß aber ſolche brüderliche Strafe und Vermah⸗
nung dem Herrn Wier nicht widerfahren ſei,
ſcheint ſo ziemlich gewiß aus dem Berichte des
Herrn Präſidenten und dem Auszuge aus den u
weitern Verhandlungen über dieſe betruͤbte Sache
hervorzugehen, da weder einer ſolchen Zurechtwei⸗
ſung, noch einer etwaigen Antwort des Herrn
Wier darauf irgendwo Erwähnung geſchieht, in⸗
deß doch ſolche Anwort ſicherlich ein genugſames

Licht über den „eigentlichen Standpunkt“ des
Vermahnten verbreitet hätte.

Statt deſſen hat es nun den Anſchein, daß
man den armen Menſchen — und die Synode
ſcheint dies für Liebe zu halten — vielleicht noch
ein Jahr länger ſeiner Thorheit und Leichtfer⸗
tigkeit überläßt; denn es ſcheint ihr doch der
Schaden nicht ſo ſchlimm zu ſein, „da er eben
im Begriffe ſei, eine Gemeinde auf das Bekennt⸗
niß der lutheriſchen Kirche zu gründen und den
lutheriſchen Katechismus gebrauche.“

Dieſe Nachricht nämlich ſcheint der Synode
keine geringe Beruhigung darzubieten, indeß ſie
doch, der That und Wahrheit nach, ſehr beun⸗
ruhigend iſt; denn da nun einmal „freie deutſch⸗
katholiſche“ und lutheriſche Gemeinden weſent⸗
lich verſchieden, ja entgegengeſetzt ſind, ſo heu⸗
chelt nun jedenfalls Herr Wier in ſeinem ſo eben
erwähnten Vornehmen entweder den einen oder
den andern, hinkt auf beiden Seiten und kann
ſchwerlich des Wohlgefallens und Segens Got⸗
res darin gewarten. Denn geſetzt auch, es wäre
nicht gegen die Abſicht der proteſtantiſchen Ge⸗
ſellſchaft, daß ihre Miſſionarien und die Agenten
des „freien deutſchen Katholiken“ lutheriſche
Gemeinden auf dem Grunde des kirchlichen Be⸗
kenntniſſes ſammeln, ſo will und kann doch die
lutheriſche Kirche keine Diener haben, die unter
Verleugnung ihres Namens oder doch als Die⸗
ner einer un⸗ ja widerlutheriſchen Geſellſchaft
die lutheriſche Kirche fördern wollen. —

Zum Schluſſe ſei es dem Einſender geſtattet,
noch eine Bemerkung hinzuzufügen. Es iſt dies
die aufrichtige Verſicherung, daß der obige Ta⸗
del des Verfahrens der Indianapolisſynode ge⸗
gen Herrn Wier gerade aus brüderlicher Liebe
gefloſſen iſt; denn hätte dieſe Synode nicht ſon⸗
ſtig ſo entſchiedene und erfreuliche Fortſchritte in
kirchlicher Geſinnung und Richtung und ſonder⸗
lich in Bethätigung und praktiſcher Durchfüh⸗
rung des Bekenntniſſes gethan; — wollte ſie im
Gegentheil, wie leider andere und ältere ſog.
lutheriſche Synoden, hinter dem Aushängeſchild
des kirchlichen Bekenntniſſes nach wie vor in ih⸗
rer kirchlichen Praris aus Menſchenfurcht
und Bauchſorge die beliebte und gewohnte:
Glaubens⸗ und Kirchenmengerei forttreiben und
auch ſonſtig in allerlei ſchädlichem Sauerteige
ſtecken bleiben: — ſo hätte der Schreiber dieſes
nicht die Feder angeſetzt, um jenes Verfahren zu
rügen; denn in ſolchen faulen und erſtorbenen.

Sonoden, in denen ein todtes mechaniſches Ge⸗
ſchäftsweſen und der Schlendrian regirt, und in
denen die Gemeinden je länger je mehr kirchlich.
verkommen, da hätte freilich jenes Verfahren
nicht anders ſein können, und da wäre es eine
vergebliche Arbeit und Zeitverſchwendung, ſie
des Halben und Ungenügenden zuüberweiſen.)
Aber gerade weil die Indianapolisſynode, wie⸗
es den fröhlichen Anſchein hat, immer mehr mitz

uns von demſelben Standpunkte des kirchlichen
Bekenntniſſes aus, auf dieſelbe, dieſem Bekennt⸗
niß gemäße Weiſe, nach demſelben Ziele hin⸗
ſtrebt, die lutheriſche d. i. rechtgläubige Kirche
auf⸗ und fortzubauen d. i. unter Gottes Gnade
und Segen läubige, verſtändige, thatkräf⸗

English translation

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