Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 4 › Seite 27

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-10-13, Seite 27

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—

7

— 27.—

man die Antwort! Was man denn mit einem
ſolchen Buche ſolle, wo ſolche Dinge vorkommen?
Hinſichtlich der Lehre aber ſind ihnen grwiſſe

Ausdrücke und Artikel als von der Dreieinigkeit,
von der Erbſünde, von Buße und Bekehrung
und dergleichen dermaßen verdächtig gemacht wor⸗
den, daß ſie gar nichts davon wiſſen wollen, weil
ſie lauter Pfaffenbetrug, Unſinn und wer weiß,
was Alles darunter wittern. Iſt es nun anders
zu erwarten, als daß Gleichgültigkeit gegen Kirche
undKirchlichkeit, ja daß offenbare Feindſchaft da—
gegen die Früchte ſind, die auf dieſem Boden er⸗
wachſen? — Wenn man aber bedenkt, daß da⸗
durch Tauſende um alle heilſame Erkenntniß,
um Buße, um Glauben, um Gebet, um Verge—
bung der Sünden, um den Frieden Gottes, um

nechten chriſtlichen Wandel, um Troſt in Noth
und Tod, um die ewige Seligkeit gekommen ſind
— ſchreit es nicht zum Himmel, ſollten da nicht
die Trugbilder, als ob es doch nicht ſo ſchlimm
ſünde endlich zerriſſen, des Schadens Urſprung,
Art und Größe aufgedeckt und zum Aufſuchen
der rechten Heilmittel angeregt werden? — Da⸗
von ſoll nun in dem nächſten und letzten Abſchnitt
die Rede ſein.

— — —
(Eingeſandt.)

Die Kirchen⸗Geſangbücher.

(Fortſetzung.)
Lieber Andreas!
Da mein voriger Brief in Beziehung auf das
„neue lutheriſche penſylvaniſche Geſangbuch“
hin und wieder ziemliches Aufſehen und Wider—
willen erregte, kann ich nicht umhin, zu meiner
Rechtfertigung der Sache noch ein Siegel auf—
zudrücken; und zwar fürs erſte muß ich noch et—
was bemerken in Bezug auf Verfälſchung und
Abkürzung alter reiner Kirchenlieder, wie denn
im penſylvaniſchen Geſangbuche hin und wieder
der Fall iſt. Hierbei muß ich erinnern, daß das
von New-⸗Norker Buchhändlern herausgegebene
gemeinſchaftliche Geſangbuch, welches im zweiten
Anhang beinahe das ganze „neue penſylvaniſche
Geſaugbuch“ enthält, in der Aufnahme etlicher
Lieder — im Gegenſatz zu dem Penſylvaniſchen
chrlicher zu Werke ging, deun dort findet ſich das
Lied von Luther: „Chriſt unſer Herr zum Jor—
dan kam“ vollſtändig nach dem Original in al—
len ſieben Verſen; und das iſt ſehr zu loben,
daß die Herausgeber noch ſo viele Achtung vor
dem Lutherlied hatten; auch iſt daſelbſt das
„Freiheitslied“ unter der Rubrik „das Vater—
land“ umgearbeitet, verändert und verbeſſert zu
ſinden, welches mich in meiner vorigen Behaup—
tung, als ziele das Lied wie es im Penſylpani—
ſchen Geſangbuch ſteht, auf Washington, mäch⸗
tig beſtärkte, denn: wäre dem nicht alſo, ſo wür—
den die New-⸗YVorker Buchhändler dieſes Litd
nicht uimgearbeitet haben; aber nur Schade, daß
man bei dem Gebrauche des New-NYorker mit

Geſangbuchs nothgedrungen ſein würde, die
Brille zu benutzen; und übrigeus bliebe es bei
Einführung genannten Geſangbuchs in die Ge—
meinden doch nur Flickwerk. Daher iſt es doch
das Beſte, wenn man das vielfältige Flickwerk

zweitem Anhange vermehrten gemeinſchaftlichen

„ganz bei Seite thut, und ſich ein ſolches Geſang⸗

buch anſchafft. wie z. B. das St. Louis Geſang⸗
buch, wovon ſich jedermann überzeugen kann,
daß es vom echten alten Schrot und Korn iſt,
und würden die Leute nur einmal anfangen, die
Geſangbücher ſelbſt zu prüfen, und nicht gerade
immer — auch ohne zuvor geprüft zu haben —
die Anſichten ihrer Pfarrer zu billigen, ſo würden
ſie ohne Zweifel das „rein lutheriſche“ St. Louis
Geſangbuch allen übrigen Geſangbüchern mit
Freuden vorziehen.

Jedoch weiter. In einem deiner Briefe, lie—
ber Andreas, welche du an deinen Bruder Ja—
kob geſchrieben haſt, erſehe ich, daß nach deiner
Anſicht ein lutheriſches Geſangbuch auch nament⸗
lich in der Lehre vom Sacrament des Altars ent⸗
ſchieden ſein müſſe, und daß namentlich die alten
Kernlieder, als „Jeſus Chriſtus unſer Heiland,
der von uns den Gottes Zorn wandt:“ und
„Gott ſei gelobet und gebenedeiet, der uns ſelber
hat geſpeiſet mit ſeinem Fleiſche und mit ſeinem
Blute:“ nicht fehlen dürfen; und ich habe mich
überzeugt, daß dieſelben Lieder ſelbſt im baieri⸗
ſchen Geſangbuche, welches doch auch ſchon zur
neuern Sorte gehört, zu finden ſind. Und im
Lutheriſchen St. Louis Geſangbuch finde ich hier—
über die allervortrefflichſten und entſchiedenſten
Abendmahlslieder, als unter andern das unter
Nr. 197. In dieſem Lied iſt ſelbſt die irrige
reformirte Lehre, als könnte Chriſtus nach ſeiner
menſchlichen Natur nicht im Sacrament des Al-
tars wahrhaftig gegenwärtig ſein, ſondern als
wäre er nach ſeiner menſchlichen Natur nur im
Himmel an einem Ort gefangen, gewaltig wider⸗
legt. Derlei Lieder aber fehlen im „neuen pen—
ſylvaniſchen Geſangbuche“ ganz und gar, daher
wäre das „neue penſylvaniſche Geſangbuch“ nach
deiner Anſicht kein ächt Lutheriſches; und darin

haſt du auch ganz recht, denn, wenn man daſelbſt
die Abendmahlslieder durchgeht, ſo gewahrt man

unter denſelben maͤnche feine Abänderungen, als
3. B. in jenem Lied von Woltersdorf: „Komm
mein Herz in Jeſu Leiden:?“ da heißt es im 3.
Vers dieſes Liedes, unter anderem: Hier
darf Leib und Seel ihn eſſen:“ da
iſt die rein lutheriſche Lehre vom Sacramrnt des
Altars uach Inhalt der Concordienformel „daß
man Chriſti Leib und Blut mit
dem Munde genieße,“ — entſchieden
ausgedrückt. Aber im Peuſylvaniſchen heißt
es: „darf ich da mich ihm verbinden:“ — ein
großer Unterſchird. Dieſe Veränderung ſcheint
der Penſylvaniſchen Lyturgie nachgeahurt zu ſein,
denn daſelbſt heißt es auch: „Chriſtus will ſich
ſo geuau mit euch verbindeu:“ aber ſolche Re—
densarten ſind nicht ächt Lutheriſch, ſondern paſ⸗
ſen auch ebenſowohl für Unirte und Reformirte.
Solche ſcheinbar kleine Veränderungen haben
oft viel auf ſich, wie auch das Abkürzen langer
Lieder, das erſieht man ebenfalls hin und wie—
der im neuen penſylvaniſchen Geſangbuch. Suche
daſelbſt Paul Gerhards Weihnachtslied:“ Fröh—

lich ſoll mein Herze ſpringen: :“ Dieſes Lied hat!

im Original, wie auch im St, Louis Geſang⸗
buch 15 Verſe, im Penſylvaniſchen aber nur 11.
Da ſind die vier Hauptverſe herausge⸗

nommen, welche doch ſo gar herrlich von dem Ar⸗
tikel von der Rechtfertigung handeln, woran ſich
ſchon manches Chriſtenherz erquickte: ich will
nur zwei dieſer Verſe allhier einſchalten:

„Meine Schuld kann mich nicht drücken
Denn du haſt

Meine Laſt

All auf deinem Rücken;

Kein Fleck iſt an mir zu ſinden,

Ich bin gar

Rein und klar,

Aller meiner Sünden.

„Ich bin rein um deinelwillen, —

Du giebſt gnug,

Ehr und Schmuck,

Mich darein zu hüllen.

Ich will vich ins Herze ſchließen,

O mein Ruhm,

Edle Blum,

Laͤß dich recht genießen.“ — N

Dieſe, nebſt andern zwei Verſen ſind im Pen⸗
ſylvaniſchen, wie geſagt, ganz ausgelaſſen, und
warum? Scheint es nicht deswegen, als ob ge⸗
nannte Verſr zu entſchieden die Rechtfertigungs⸗
lehre enthielten? Welches wahrlich erſchrecklich
zu hören wäre, ſintemal die heilige Schrift nicht
ohne Urſach gerade dieſen Artikel uns ſo entſchie⸗
den vorhält, und am rechten Verſtand dieſes Ar⸗
tikels all unſer Heil in Zeit und Ewigkeit gele⸗
gen iſt. Darum meine ich ja, man ſollte auch
in Geſangbüchern, namentlich in ſolchen, die

ö
ö
ö

den Namen Lutheriſch an der Stirne tragen, der⸗

lei herrliche Lieder und Liederverſe dem Volke
darbieten, und nicht herauswerfen, und etwa an
deſſen Statt Lieder hineinſetzen, welche die Recht⸗
fertigung den Werken und Verdienſten der Men⸗
ſchen zuſchreiben, wie denn leider im „neuen
penſylvaniſchen Geſangbuche“ auch der Fall iſt,
welches jedermann, dem die Augen geöffnet ſind,
ſehen kann, gleichviel, er ſei Pfarrer oder Far—
mer. Beſiehe hievon das Lied im Penſylvani⸗
ſchen Geſangbuch, unter Nr. 622.

es im 3. Vers:

„Nur ein Herz, das Guies liebi,
Nur ein ruhiges Gewiſſen,

Das vor Gott dir Zeugniß gibt,
Wird dir deinen Tod verſüßen.“

Wer ſollte hier nicht ſehen, daß der Troſt des
Gewiſſens auf das Herz, das Gutes liebt, ge—
wieſen iſt? Iſt das Eutkerdche Rechtfertigungs⸗
lehre? Mit nichten. Die Kirche lehrt ausdrück⸗
lich, daß der Troſt des Gewiſſens gegen Gott
allein ſtehen ſoll auf dem vollgültigen Veryföbn⸗
opfer, Verdienſt und Genugthuung unſers Herrn
und Heilandes Jeſu Chriſti, und nicht auf un⸗
ſerm Gutes lieben, oder Gutes thun, wie dieſes
Lied ſagt; ſondern der Glaube ſoll ſich halten
aus Wort der Gnaden ſteif und feſt, und nicht
auf das ſüße Gefühl, wie auch Johannes ſagt,
„und ob uns unſer eigen Herz verdammete:?“ und
wie die Kirche ſingt: „Und ob dein Herz ſpräch
lauter Nein, ein Wort laß dir gewiſſer poin,
und laß dir nimmer grauen.“ Im 4. Venſe, in
obengenanntem Lirde, wird die im 3. Verſe ent⸗
haltene Werklehre beſtätigt, und dazu geſetzt:
„Dann erſchreckt dich kein Gericht:“ Iſt das

nicht erſchrecklich, daß man die armen Gewiſſen

—

Dort beißt

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